ASS, Paracetamol, PSE, Phenylephrin

19.03.2016
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'Blockierte Nase, blockierte Prostata! Ein seltenes Beschwerdebild und eine seltene Nebenwirkung' - das Journal of Clinical Urology berichtete von einem jungen, ansonsten gesunden Mann mit akutem Harnverhalt: Der 34-Jährige Patient kam in die Notaufnahme, weil er seit fünf Tagen Unterleibsschmerzen und massive Probleme beim Wasserlassen hatte.

„Blocked nose; blocked prostate! A rare presenting complaint and a rare side effect“ heißt es im Titel des J Clin Urol 2015, online 30. Dezember.

Was war das Problem? Der Patient hatte einen Tag vor Symptombeginn wegen einer einfachen Erkältung ein freiverkäufliches Medikament gekauft, das er entsprechend der Dosierungsanweisung eingenommen hatte. Das Mittel enthielt, wie viele Kombinationspräparate gegen Erkältungen oder Rhinitis allergica, das Sympathomimetikum Pseudoephedrin. Pseudoephedrin verengt die Blutgefäße, und die Nasenschleimhaut schwillt ab. „Aspirin® Complex, Aspirin® Complex Heißgetränk enthalten als Wirkstoffe: Acetylsalicylsäure und Pseudoephedrin-Hydrochlorid“ (PSE). http://www.aspirin.de/de/produkte/aspirin-complex/

Pseudoephedrin ist ein Phenylethylamin-Alkaloid und wirkt als indirektes Sympathomimetikum sympathomimetischgefässverengend und abschwellend

Eine auch zum Thema Nebenwirkungen und Verträglichkeit publizierte, eher „hauseigene“ Studie mit dem Titel „Acetylsalicylsäure und Pseudoephedrin - Wirksamkeit der Kombination bei Infektionen der Atemwege“ von Ron Eccles (1), Uwe Gessner (2) und Michael Völker (3) vom Common Cold Centre, Universität Cardiff, Großbritannien (1), Bayer HealthCare AG, Leverkusen (2+3), beschäftigt sich vorsichtshalber gar nicht erst differenziert mit Harnabflussstörungen als urologische Komplikationen.

In der Publikation Pharmazeutische Zeitung online 10/2014 unter Seiten-ID: http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=51169 heißt es: 

„Verträglichkeit - Alle unerwünschten Ereignisse, die in der Studie dokumentiert wurden, entsprachen den bekannten Nebenwirkungsprofilen der Wirkstoffe. Insgesamt wurden bei 37 (15,7 Prozent) Patienten, die mit ASS plus PSE behandelt worden waren, unerwünschte Ereignisse festgestellt. Die Häufigkeiten in den anderen Studiengruppen betrugen 11,3 Prozent (27 Patienten) unter ASS, 11,8 Prozent (28 Patienten) unter PSE und 11,6 Prozent (14 Patienten) unter Placebo. Keiner der 833 Patienten musste die Studie aufgrund eines unerwünschten Ereignisses abbrechen. Am häufigsten wurden unerwünschte Ereignisse im gastrointestinalen Organsystem dokumentiert, gefolgt von Beschwerden des Nervensystems. Unerwünschte Ereignisse, die auf die Medikation zurückgeführt wurden, traten grundsätzlich seltener auf mit Häufigkeiten von 6,4 Prozent (ASS plus PSE), 5,4 Prozent (ASS), 3,4 Prozent (PSE) beziehungsweise 3,3 Prozent (Placebo).“

Unerwünschte Ereignisse in einer Häufigkeit von 15,7 Prozent erscheinen mir bei einem frei verkäuflichen OTC-Präparat bedenklich, insbesondere wenn die Bayer-AG alle Aufwendungen von notwendigen Patienten-Rückfragen, -Beratungen und Behandlungen kostenfrei auf die Ärzte abwälzen kann: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt ...“. Die Apotheker haben wenigsten Umsatz mit dem Verkauf gemacht!

Vergleichbare Probleme und Beratungsanlässe können grundsätzlich auch beim OTC-Präparat Geloprosed® auftreten. Es enthält 1.000 mg Paracetamol und 12,2 mg Phenylephrinhydrochlorid. Phenylephrin gehört ebenfalls zu den direkt wirkenden Sympathomimetika mit teilweise indirekter Wirkung. Dazu gab es eine Anwendungsbeobachtung mit dem Titel „GeloProsed Pulver im Alltag“. http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=49769

„Das Ergebnis: GeloProsed reduzierte alle indikationsbezogenen Symptome (Glie­der­schmer­zen, Kopfschmerzen, Halsschmerzen und behinderte Nasenatmung) in ihrer Intensität um mindestens 58 Prozent. Die Reduzierung dieser Beschwerden betrug im Mittel 71 Prozent. Am stärksten reduzierten sich Gliederschmerzen (78 Prozent) und Kopfschmerzen (77 Prozent). Gut Dreiviertel der Befragten konnten nach der Anwendung des untersuchten Kom­binationspräparats ihren Alltag trotz Erkältung gut bewältigen und gaben an, dass ihre Erkältungssymptome nach der Einnahme nicht mehr vorhanden waren. Über 80 Prozent der Anwender würden das Präparat weiterempfehlen, knapp 90 Prozent waren mit dessen Wirkung sehr zufrieden.“

Das überzeugt auch nicht wirklich, denn Nebenwirkungen und Risiken frei verkäuflicher Medikamente müssen i. d. R. wir Hausärztinnen und Hausärzte gemeinsam mit den Apotheken ausbaden.

Bildquelle: Apotheke in Berlin-Neukölln Copyright Praxis Dr. Schätzler

Artikel letztmalig aktualisiert am 22.03.2016.

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Vielen Dank, @4! Also @1, die Nase ist nicht gleich Prostata, das ist "popeliger" Unfug: "Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren HNO-Arzt oder Urologen"! #3 bei meinem Zitat wollte ich ganz bewusst nichts manipulativ weglassen. Aber alle Arten von Neben- und Wechselwirkungen provozieren einen Beratungsbedarf, auch die zu Placebo-Auswirkungen. Darum ging es mir im Wesentlichen. Die Pharmaindustrie und die Apotheken verdienen an frei verkäuflichen OTC-Präparaten, welche fragwürdige Nebenwirkungen provozieren. Und wir Ärztinnen und Ärzte sollen, wieder einmal völlig kostenlos, umfassend beraten?
#5 am 28.03.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
zu #1 "Die Prostata ist praktisch das gleiche wie die Nase, das müßte sich eigentlich herumgesprochen haben." Haben Sie sich dann gefragt, warum die Nase ab- und die Prostata anschwillt?
#4 am 28.03.2016 von Gast
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Gast
"Unerwünschte Ereignisse in einer Häufigkeit von 15,7 Prozent erscheinen mir bei einem frei verkäuflichen OTC-Präparat bedenklich" (Schätzler), dem gegenüber aus dem selben Artikel:"Insgesamt wurden [...] unerwünschte Ereignisse festgestellt. Die Häufigkeiten in den anderen Studiengruppen betrugen [...] und 11,6 Prozent (14 Patienten) unter Placebo." Da stellt sich nun die Frage des Rechenwegs: Muss der Hausarzt ohne Einnahme der Kombipräparate 11,6% eingebildete unerwünschte Ereignisse therapieren, 4,1% weniger als mit dem Erkältungsmittel, oder aber 84,4% weniger Wehwehchen, als wenn der allwinterlich rüsselpestgeplagte Patient gleich in der hausärztlichen Praxis aufschlägt...
#3 am 24.03.2016 von Gast
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Wirklich ausbaden muß es zwar am Ende der Patient, wenn es zu solchen Problemen kommt, aber unvergütete Leistungen erbringen tatsächlich die betroffenen Ärzte. Aber wen wundert diese Nebenwirkung, wenn man weiß, daß Alpha-Blocker (Medikamente gegen Alpha-adrenerge Wirkungen) gegen die Symptome der Prostatahyperplasie und auch allgemein gegen Blasenentleerungsstörungen eingesetzt werden und andererseis die eingesetzten aderenergen Medikamente nicht wirklich selektiv auf die Nasen- oder Atemwegsschleimhaüte wirken. Man fragt sich allerdings, wie solche Studienpopulationen ausgewählt werden, damit solche Nebenwirkungen nicht oder zumindest nicht in nennenswertem Umfang auftreten.
#2 am 23.03.2016 von Dr. med. Gerhard Middelberg (Arzt)
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Gast
Die Prostata ist praktisch das gleiche wie die Nase, das müßte sich eigentlich herumgesprochen haben.
#1 am 23.03.2016 von Gast
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