Digitaloide

15.03.2016
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Neben den Digitalis- und Strophanthusglykosiden sind auch die verwandten Wirkstoffe Cymarin und Convallatoxin zur Behandlung von Herzinsuffizienz eingesetzt worden. Ähnlich wie Strophanthuspräparate verfügen sie über ein von den Digitaliswirkstoffen verschiedenes Wirkspektrum und einen deutlich höheren therapeutischen Index.

Herzglykoside gehören zu den ältesten auch heute noch eingesetzten Medikamenten zur Behandlung von Herzinsuffizienz. Angewandt werden die Digitalisglykoside Digitoxin und Digoxin. Von historischer Bedeutung sind die Strophanthusglykoside k-Strophanthin und g-Strophanthin (englisches Synonym: Ouabain). Das k-Strophanthin ist überwiegend intravenös angewandt worden (Handelspräparat: Kombetin der Firma Boehringer-Mannheim). G-Strophanthin Präparate sind intravenös und oral appliziert worden. Die orale Anwendung war über Jahrzehnte Gegenstand heftiger Diskussion zwischen praktischen Ärzten und Hochschulklinikern [1].

In der Diskussion um die Strophanthin-Präparate sind die strukturell verwandten Glykoside Cymarin und Convallatoxin wenig beachtet worden.m_1458053603.jpg

Beide Glykoside enthalten das Steroidgerüst des k-Strophanthin. Durch Abspaltung von zwei Einheiten Glukose entsteht aus dem k-Strophanthin das Cymarin, auch bezeichnet als k-Strophantin-alpha. Cymarin kommt neben anderen Glykosiden in Hundsgiftgewächsen (Apocynaceae) und Adonisröschen (Adonis vernalis) vor. Unter dem Handelsnamen Alvonal MR ist es als oral zu verabreichendes Medikament zur Behandlung von Herzinsuffizienz eingesetzt worden. Ein wesentlicher Vorteil von Cymarin gegenüber g-Strophanthin ist eine deutlich bessere Bioverfügbarkeit nach oraler Applikation [2].

Das Convallatoxin kommt vor in Maiglöckchen (Convallaria majalis) und im Upasbaum (Antiaris toxicaria), einem in den Tropen Asiens weit verbreitetem immergrünen Baum mit Wuchshöhen von bis zu 40 Meter. Es ist identisch mit dem im Upasbaum vorkommenden beta-Antiarin. Neben Convallatoxin enthält der Upasbaum weitere strukturell verwandte Steroidglykoside. Ähnlich wie bei den in Afrika verbreitet vorkommenden Strophanthus-Arten sind Extrakte des Upasbaumes zur Zubereitung von Giftpfeilen eingesetzt worden. Maiglöckchen Extrakte mit Convallatoxin als Hauptbestandteil sind unter dem Handelsnamen Convacard von der Firma Madaus, Köln, vermarktet worden. Auch das Convallatoxin weist gegenüber g-Strophanthin eine deutlich bessere Bioverfügbarkeit nach oraler Applikation auf [3].

Die therapeutischen Wirkungen von Cymarin und Convallatoxin entsprechen weitgehend denen des g-Strophanthin. Hauptindikationen sind ischämische Erkrankungen des Herzens (Angina pectoris, Arteriosklerose). Roland Niedner hat 1961 in seinem „Taschenbuch der Digitalis-Therapie“ die praktischen Erfahrungen der Ärzte mit oral verabreichten Digitaloiden (g-Strophanthin, Cymarin und Convallatoxin) beschrieben [3]. Die oral gegebenen Digitaloide sind in der Anwendung völlig gefahrlos. Sie sind bequem zu dosieren und damit besonders gut für die ambulante Behandlung geeignet. Ihre Dosierung bewegt sich in weiten Grenzen, ohne dass toxische Symptome als Folge von Überdosierung auftreten. Die von den Digitalisglykosiden bekannten Überdosierungssymptome wie Bradycardie, Extrasystolen, Blockbildungen u. a. treten bei Digitaloiden nicht auf. Niedner betont, dass bei Digitalisbehandlungen öfters Blutdrucksteigerungen beobachtet werden. Im Gegensatz hierzu führen Digitaloide häufig zu Blutdrucksenkungen. Besonders ausgeprägt ist die Blutdruck senkende Wirkung beim Convallatoxin.

Die therapeutischen Erfahrungen mit Cymarin, Convallatoxin und g-Strophanthin zeigen, dass diese Substanzen ein von den Digitalisglykosiden deutlich verschiedenes Wirkspektrum haben. Ein entscheidender Vorteil gegenüber Digitalis ist der deutlich höhere therapeutische Index, der Vergiftungen bei sachgemäßer Dosierung ausschließt.

Ebenso wie g-Strophanthinpräparate sind Cymarin und Convallatoxin enthaltene Medikamente heute nur noch als homöopathische Mittel und als Defekturarzneimittel verfügbar.

 

Literatur

[1] Fürstenwerth H, Strophanthin – die wahre Geschichte. Books on Demand, Norderstedt, ISBN-10: 3739213523, 2016

[2] Strobach H, Wirth KE, Rojsathaporn K. Absorption, metabolism and elimination of strophanthus glycosides in man. Naunyn Schmiedebergs Arch Pharmacol. 1986 Dec;334(4):496-500.

[3] Niedner R, Taschenbuch der Digitalis-Therapie, Georg Thieme Verlag, Stuttgart, 1961

Artikel letztmalig aktualisiert am 24.03.2016.

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