Er hat *was* gesagt??

08.02.2016
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„Ich hatte ihn nicht mal selber am Telefon, nur die Praxisassistentin. Aber er hat ausrichten lassen, dass wir ihr geben könnten, was wir wollten oder soviel sie wolle – er, also der Arzt – habe keine Möglichkeit, da einzuschränken.“

Das gibt’s ja nicht.

Anlass des kurzen Gespräch zwischen meiner Apothekerkollegin und mir war ein Problem, das wir mit einer Patientin haben. Die Patientin ist bekannt abhängig. Sie hat auf Dauerrezept Benzodiazepine verordnet (Temesta ihrem Fall). Und wie es sich so bei manchen Daueranwendern zuträgt, hat sie dann irgendwann einmal angefangen, mehr zu nehmen. Bis wir ein erstes Mal eingegriffen und nachgefragt haben, ob eine Limitation möglich wäre. Der Arzt war damit einverstanden und so hat die Patientin, Frau Zzz „nur“ noch drei Packungen Temesta à 50 Stück pro Monat bekommen.

Über ein Jahr ging das mal besser, mal schlechter, dann fing sie an, erst uns und dann den Arzt zu drangsalsieren, weil ihr die drei Packungen nicht mehr reichten. Also hat sie sich „Extrapackungen“ aufschreiben lassen – das musste gemäß unserer Abmachung über den Arzt laufen, da wir in einem solchen Fall sonst keine Ausnahmen erlauben. Der Arzt schrieb die Packungen aber meistens auf. Ich bin sicher, er hat von der Patientin ziemlich Druck bekommen. Das Problem ist einfach, dass derartig häufige Ausnahmen (etwa 1 x im Monat) die Abmachung untergraben.


Das nächste Problem tauchte auf, als der selbe Arzt zusätzlich zu den Temesta auch noch Seresta (ebenfalls ein Benzodiazepin) aufschrieb. Auch das als Dauerrezept. Ohne Angabe der Dosierung, es hieß nur „bei Bedarf“.

Man kann sich vorstellen, dass die Patientin die zusätzlichen Medikamente auch prompt nutzte – ich sollte eher schreiben ausnutzte. Aber nach der zweiten Packung (50 Stück), die zusätzlich zu den 3×50 Temesta im ersten Monat hinzukam, haben wir dann wieder bei dem Arzt angerufen, um das abzuklären.

Es macht wenig Sinn zwei Benzodiazepine gleichzeitig zu verordnen. Tatsächlich war mir das nicht ganz geheuer aber eine Internet- und Literaturrecherche brachte auch nur das Ergebnis, dass das keine empfehlenswerte Praxis ist und die Gefahr der Nebenwirkungen erheblich erhöhe, ohne eine optimierte Wirkung zu zeigen.

Wir haben also in der Praxis angefragt, ob es nicht Sinn mache würden – wenn das Seresta denn tatsächlich nötig ist – da nicht auch eine Limitation einzuführen. Daraufhin kam die oben aufgeführte Antwort. Nicht einmal vom Arzt selber. Von der Praxisassistentin. Offenbar war es nicht wichtig genug, direkt mit der Apothekerin zu sprechen.

Das kann ich so nicht stehen lassen.

Was die Patientin da macht ist nicht nur Missbrauch: Sie gefährdet akut ihre Gesundheit und das Suchverhalten kann nur schlimmer werden. Damit will ich nichts zu tun haben und es hat nichts mit der Arbeit zu tun, die ich machen möchte. Es widerspricht meinem Verantwortungsgefühl gegenüber der Gesundheit meiner Patienten und meinem Berufsverständnis. Ich bin nicht nur einfach der Tablettendispenser.

Ärzte und Apotheker müssen zusammen arbeiten

Im Übrigen finde ich das Verhalten vom Arzt unverantwortlich. Wirklich. Ich vermute, er hat bei dieser Patientin etwas resigniert. Sie setzt ihn – wie uns ja auch – mit Forderungen ziemlich unter Druck: „Ich brauche mehr Packungen. Ich habe eine akute Krise. Mir geht’s gar nicht gut.“ Den Forderungen folgen Drohungen wie „Ich wechsel den Arzt. Und die Apotheke." Und überhaupt ruft sie andauernd an, denn in der Praxis selber war sie schon eine Zeitlang nicht mehr.

Also habe ich mich hingesetzt und einen Brief geschrieben. An den Arzt. Einerseits, weil ich mich schriftlich sowieso besser ausdrücken kann als am Telefon, andererseits, um die Situation zu dokumentieren. Wenn etwas passiert, will ich meine Position auf Papier festgehalten haben.

In dem Brief schrieb ich dem Arzt von meinen Bedenken bezüglich der Kombination von zwei Benzodiazepinen. Dass Frau Zzzz das als Anlass genommen habe, ihre Einnahme wieder unkontrolliert zu steigern. Dass die Verordnung „Nach Bedarf“ unsere Vorgaben, mit denen wir die Patientin doch schon einmal soweit kontrollieren konnten, dass sie regelmäßig Tabletten hat, aber die Dosis nicht ständig steigert, unterwandert. Und dass die Limitation schon einmal funktioniert hat und auch wieder funktionieren kann – aber eben nur, wenn wir zusammenarbeiten. Dass seine Antwort (via Praxisassistentin) am Telefon gegenüber meiner Apothekerin so nicht annehmbar ist. Und dass ich von ihm klare Vorgaben erwarte, wie er das mit den Benzodiazepinen handhaben will – und dass ich andernfalls die Patientin bei uns in der Apotheke ablehnen würde, weil ich eine Weiterbehandlung unter den bestehenden Voraussetzungen nicht verantworten könne.

Ja, nicht so nett, ich weiß. Aber ich war der Meinung, die Angelegenheit bedurfte deutlicher Worte. Nur einen Tag später habe ich in meinem Postfach in der Apotheke die Mitteilung, dass der Arzt angerufen habe und ausdrücklich mit mir reden wolle, er würde später nochmals anrufen.

Das hat er auch. Und er hat seinen Fehler eingesehen: „Ich muss mich entschuldigen für mein Verhalten. Das war wirklich nicht professionell.“

Langer Rede, kurzer Sinn – wir haben wieder eine feste Abmachung und feste Vorgaben, an die wir uns beide (Arzt und Apotheker) halten werden. Das wird Diskussionen mit der Patientin geben, aber solange wir beide am selben Strang ziehen, können wir uns durchsetzen.

Find ich toll! Ich bin nicht gerne die unangenehme Apothekerin und ich verstehe auch die Ärzte. Die haben’s mit solchen Patienten definitiv nicht leicht. Trotzdem möchte ich nicht, dass das Problem bei mir abgelanden wird.

Artikel letztmalig aktualisiert am 12.02.2016.

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Pharmazie
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Gast
Liebe Kollegin/lieber Kollege, über Ihren Beitrag habe ich mich gefreut. Sie haben sehr patientenorientiert und verantwortlich gehandelt! Und ich widerspreche den Kommentatoren: Eine Benzodiazepinabhängigkeit (inkl. Z-Substanzen) unterscheidet sich deutlich von einer Morphinabhängigkeit, der Wunsch nach Schmerzfreiheit ist nicht mit Sucht gleichzusetzen. Es geht auch gar nicht primär um die Frage nach Sucht sondern um die schweren Nachteile, die vor allem alte Menschen durch die Langzeiteinnahme von Benzos und verwandten Substanzen haben. Neben kognitiven Einbußen verweise ich besonders auf die Sturzgefahr! Pharmazeutische Beratung in Absprache mit dem behandelnden Arzt kann hier hervorragend eingebracht werden, wie das von mir geleitete ABDA-Modellprojekt eindeutig belegt. Wenn Sie nähere Infos dazu wünschen, kontaktieren Sie mich gerne über meine Internetseite http://www.die-stille-sucht.de/ Kollegiale Grüße, ep
#5 am 12.03.2016 von Gast
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Gast
Teil2: Hier wird zu kurz gedacht. Eine Entwöhnung/Entzug wäre wohl angebrachter. Arzt und Apotheker sind sich einig und der Leidtragende ist der Patient? Der letzte Satz im Artikel stört mich sehr! Hier möchte jemand offensichtlich nur "seine" Ruhe und keine Verantwortung. Ich kannte eine Patientin(60, Lungenkrebs und immer noch + 40Zig./Tag rauchend), die bekam >500mg Morphin Tag für Tag (Selbstdosierung), sie verstarb letztendlich auch daran. Aber sie verstarb ohne Schmerzen. Sie war klar bis zum Schluß. Sie auf kalten Entzug zu setzen wäre grausam gewesen und auch für die Angehörigen unerträglich!
#4 am 14.02.2016 von Gast
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Gast
Teil 1: Sicher meint man als Arzt und/oder Apotheker Verantwortung zu haben...aber ist das wirklich so? Mit Sicherheit für die ordnungsgemäße Verschreibung und Herausgabe der Medis und auch für die Verträglichkeit der Medis untereinander. Aber man hat nicht für Alles die Verantwortung. Es gibt auch den Punkt Eigenverantwortung und wenn einer den Untergräbt, ist er/sie kein Fachpersonal mehr, sondern ein Diktator. Ein Mensch hat Recht auf sein Leben, seine Krankheit, seine Schmerzen, sein Sterben und seinen Tod. Auch wenn viele das nicht verstehen. Wenn diese besagte Patientin abhängig ist, dann stellt eine Begrenzung der Medis eine starke Schmerzquelle dar. Eine Begrenzung der Medis lässt die Patientin also mehr leiden, sie hat mehr Schmerzen und geht durch die Hölle (es stellt einen kalten Entzug da). Einen Menschen Leiden zu lassen und ihn Schmerzen zu bereiten, stellt eine Körperverletzung da. Ist das besser als die Sucht?
#3 am 14.02.2016 von Gast
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cb
moin moin, bei deratritgen patienten sollte man die vorgegebenen richtlinien, zwar nie ausser aucht lassen-, aber dennoch mit einer gewissen freiheit betrachten! bekommt sie ihre mittel ned vonn der einen praxis zieht sie zu der naechsten usw. usf.... wichtig ist, dass die patientin/der patient im normalem leben funktioniert, und ob des 3mal 50er oxazepin am tag sind oder 5 sollte dann auch egal sein! solange es ihr gut geht damit? wir in deutschland versuchen leider allzuoft therapien in vorgefertigte schemata zu legen,was leider oft falsch sein kann! wo bei dem einen 10mg reichen sind bei dem andren 100mg nix..... tolernzschwellen entwicklen sich usw.! was wollen sie machen, den patienten vor die tuer jagen, mehr als auf die gefahren , wie z.b. atemstillstand, dessorientierundg usw hinweisen koennen sie eh ned.....ist leider so! aber herr werden werden sie dieser problematik sicher ned! gruesse aus niederbayern, C.B.
#2 am 13.02.2016 von cb (Gast)
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Gast
Gut, kannst du mit dem Arzt kommunizieren. Bei uns im SD-Gebiet holens die Patienten einfach in der Arztpraxis, wenn wir Bedenken bei der Dosis äussern.
#1 am 13.02.2016 von Gast
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