Kinderlosigkeit senkt Prostatakrebsrisiko - ein Kommentar

28.01.2016
Teilen

Kinderlose Männer haben ein geringeres Risiko, am Prostatakarzinom zu erkranken, so das Ergebnis einer aktuellen Studie im Wissenschaftsmagazin Nature. Zum Glück wusste das in der Steinzeit noch niemand. Wer weiß, ob es die Menschheit bis hierher geschafft hätte?

Sterben wir nun aus, weil kein Mann mehr Kinder haben möchte? Wohl kaum. Und auch, wenn die vorliegende Studie sicher sehr interessant ist, so bleiben noch eine Menge Fragen unbeantwortet.


Ich muss schon zugeben, als ich vor Kurzem morgens im Newsletter diese Schlagzeile fand, fühlte ich mich doch gleich wieder in den Statistikkurs aus meiner Studentenzeit zurückversetzt. Dort wiesen wir gemeinsam mit den Dozenten mit von Stolz geschwellter Brust einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Störche und der Geburtenzahl in einer deutschen Stadt X nach.


Doch: Selbst wenn es einen Zusammenhang zwischen Kinderlosigkeit und  Prostatakarzinom gibt, so sind es vielmehr Alter, ethnische Zugehörigkeit sowie die liebe alte Genetik, die noch immer als Hauptursachen für die bis zu 1,2 Millionen weltweit auftretenden Neuerkrankungsfälle pro Jahr verantwortlich sind. Auch Lebensstil und Umwelfaktoren (wie z. B. Gonokokken-Infektionen) fordern dabei ihren Tribut.



Die Fakten aus der erwähnten Studie von Mao und Kollegen


Die Forscher analysierten in ihrer Metastudie 11 Arbeiten mit insgesamt 182.012 Prostatakarzinom-Fällen. Dabei stellten sie fest, dass kinderlose Männer ein um circa 9 % geringeres Risiko hatten, an einem Prostatakarzinom zu erkranken, als Väter. Bei infertilen, zumeist hypogonadalen Männern sorgt sehr wahrscheinlich der Testosteronmangel dafür, dass sie weniger oft an Prostatakrebs erkranken. Dennoch vermag dieser vermeintliche Risikovorteil gegenüber den Vätern nicht recht dazu verleiten, sich ein hypogonadales und kinderloses Leben zu wünschen. Denn Hypogonadismus steigert unbehandelt das Risiko für das metabolische Syndrom, psychische Veränderungen sowie Osteoporose beim Mann. Darauf jedoch gehen Mao und Kollegen in ihrer Studie nicht weiter ein.


Und obgleich Kinder und Familie ganz sicher für Männer einen Stressfaktor darstellen, der das Herzinfarktrisiko ansteigen lässt, wie Studien belegen, bietet einem die gleiche Familie sehr viel Rückhalt und Freude, was lebensverlängernd wirkt, wie wieder andere Studien statistisch signifikant zeigten.



Fazit


Der Untergang der Menschheit aufgrund eines aufkeimenden Gesundheitsbewusstseins in Bezug auf das Für und Wider einer Vaterschaft ist wohl vorerst abgesagt. Doch eine echte Lösung, wie man dem Prostatakarzinom als häufige Todesursache des Mannes vorbeugen kann, bietet die Studie ebensowenig an.

Quelle: Mao et al., Nature 2016; 6:19210

Artikel letztmalig aktualisiert am 02.02.2016.

52 Wertungen (4.15 ø)
5304 Aufrufe
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Hat es zwar noch nicht, tut es aber, wenn wir nur alt genug werden, außer wir lassen uns alle frühprostaektomieren, dann ist das Thema aus der Welt. Eine Pneumektomie ist im Gegensatz dazu nicht mit dem Leben vereinbar.
#8 am 01.02.2016 von Dr. med. Gerhard Middelberg (Arzt)
  3
Gast
... seit wann ist denn das Prostatakarzinom die häufigste Todesursache bei Männern und hätte damit den Lungenkrebs "überholt"?
#7 am 01.02.2016 von Gast
  0
Leider ist die Evolution dafür ziemlich blind, da die Männer früher, also außer vieleicht in den letzten 2-3 Generation, die anderen 1000 Generationen davor die Kinder immer sehr früh bekommen haben, also eine entsprechende Spermaverbesserung günstig war, und Prostatakarzinome treten erst in einem Lebensalter auf, in dem sich früher kein Mann mehr vermehrt hat und auch nicht mehr für das Überleben der Nachkommenschaft wichtig war.
#6 am 01.02.2016 von Dr. med. Gerhard Middelberg (Arzt)
  1
Man bekommt keinen Prostatakrebs, weil man viele Kinder gezeugt hat, sondern man bekommt viele Kinder, weil man - natürlich neben gesunden Hoden und anderen Notwendigkeiten - in jungen Jahren eine aktive und fitte Prostata hat, die mit ihren Sekreten das Sperma aufpimpt und so zu einer verbesserten Fertilität führt. Leider ist so eine Prostata möglicherweise auch später aktiver, aber in unerwünschter Weise, und macht dann leider gefährlichen Unsinn.
#5 am 01.02.2016 von Dr. med. Gerhard Middelberg (Arzt)
  4
Gast
Die Frage ist doch, weiß jeder Mann, ob er Vater ist oder nicht? Steigt die Zahl mit Anzahl der Kinder? Wie verhält sich die Erkrankung im Vergleich zur Zeugung?
#4 am 01.02.2016 von Gast
  2
Gast
Eine "echte Lösung", wie man dem Prostatakarzinom als häufigste Todesursache des Mannes vorbeugen kann, scheint mir die rechtzeitige Entscheidung für eine andere Todesursache zu sein. Ein bisschen Spaß muss sein, oder?
#3 am 01.02.2016 von Gast
  0
Danke für Ihr kritisches Fazit, das mich zu meinem "scharf gewürzten" Kommentar anregte, an Dr. rer. nat. Marcus Mau, Medizinjournalist.
#2 am 01.02.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  0
Eine völlig naiv-empiristische Studie: http://www.nature.com/articles/srep19210 - Eine reine Literatur-Metaanalyse und umfasst nach entsprechender Studien-Destillation 182.012 Fälle von Prostatakarzinom ["A total of 182,012 prostate cancer cases were included in this meta-analysis"]. Völlig vernachlässigt, undiskutiert und unbereinigt bleiben die bei kinderlosen Männern statistisch signifikant höheren Suizidraten, die höhere Rate an kardiovaskulärer bzw. alkoholbedingter Morbidität und Mortalität und die höhere Rate an Komplikationen bzw. Sterblichkeit nach kardiovaskulären Interventionen, Operationen oder Organtransplantationen. Damit werden Prostata-Neoplasien klinisch seltener mortalitäts-relevant als in der Population von Männern mit Vaterschaft. Quelle: Reduced risk of prostate cancer in childless men as compared to fathers: a systematic review and meta-analysis von Y. Mao et al. - Scientific Reports 6, Article number: 19210 (2016) doi:10.1038/srep19210
#1 am 01.02.2016 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  0
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Die Forscher nutzten die Daten von mehr als 150.000 Menschen älter als 20 Jahre aus der National Health Insurance mehr...
Die Vorstandsvorsitzende der Weltärztebund (WMA), Dr. Ardis Hoven, plädiert dafür, diese Übergiffe ernst zu mehr...
Fast 90 % aller Menschen in Deutschland sind von Herpesviren befallen. Die Gruppe der Herpesviren umfasst viele mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: