Das richtige Medikament am richtigen Ort

08.01.2016
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Im Bestelleingang ein Rezept für Isotretinoin Kapseln. Es ist für einen Mann, der bei uns auch sonst Medikamente bezieht, bei ihm habe ich auch halb im Kopf welcher Art, deshalb gehen bei mir die Alarmglocken an.

Ich geb’s zu – bei Isotretinoin bin ich  (über?)vorsichtig. Es ist ein Mittel gegen Akne, das nicht nur Einschränkungen hat für die Abgabe bei Frauen (die dabei auf keinen Fall schwanger werden dürfen, da sonst Missbildungen beim Baby zu erwarten sind), es soll auch nicht bei Personen mit einer Vorgeschichte mit Depressionen oder psychischen Problemen verordnet werden, da es selber Depressionen bis hin zu Selbstmordgedanken machen kann.

Dass das nicht nur theoretisch so ist, musste ein Freund von mir am eigenen Leib erfahren. Dessen damalige Freundin bestand darauf, dass er sich das Mittel vom Hautarzt verschreiben liess, weil es ihr ja „so gut geholfen hat und er etwas für sich machen sollte“. Anscheinend hat ihn der Arzt nicht wirklich nach seiner Vorgeschichte gefragt und er ist dann während der Behandlung mit dem Medikament in eine üble Depression gefallen. Anfangs konnte er es sich noch nicht einmal erklären, woher diese schwarzen Gedanken, dieses Nicht-mehr-wollen-und-können (wieder) kommen. Ich hätte es ihm sagen können. Und wenn er es bei mir eingelöst hätte, hätte ich ihm davon strickt abgeraten, da ich seine Vorgeschichte kannte, aber … er hat es nicht bei mir eingelöst (verstehe ich auch).
Erst als er die Packungsbeilage gelesen hat und es gegen den Widerstand der Freundin wieder abgesetzt hat ist das besser geworden. Damit hatte er hatte noch Glück, denn (Fachinformation):

„ein Abbruch der Isotretinoin-Behandlung reicht manchmal nicht aus, um die Symptome zum Verschwinden zu bringen …“

Jedenfalls bin ich bei der Kontrolle der bestellten Medikamente und bei diesem Patienten weiss ich, dass er diverse Medikamente gegen psychische Störungen nimmt. Zur Sicherheit schaue ich nochmals nach im Computerdossier. Ja, Risperdal und Temesta und weitere. Der Computer reklamiert bei so etwas übrigens nicht und zeigt für das keine Wechselwirkung an (!) – es geht da auch wieder um ein Problem der Indikation, da gibt es verschiedene für diese Medikamente und es muss nicht zwingend gegen Depressionen sein.
Es ist Aufgabe des Arztes vor der Verschreibung hier sehr gut die Vorgeschichte abklären, damit das nicht zu Problemen führt. Das Medikament wurde verschrieben vom Hausarzt, der auch die Temesta und Risperdal verschrieben hat und nicht von einem Hautarzt, also müsste er es eigentlich wissen.

Ich versuche den Arzt zu erreichen, bevor der Patient kommt und habe Glück. Leider … versteht der überhaupt nicht, was denn mein Problem ist – respektive, weshalb ich mich hier einmische.
Ja, er weiss, dass Herr … diese anderen Medikamente bekommt. Er denke aber nicht, dass da ein Problem besteht, da er das gegen etwas anderes nimmt und nicht gegen Depressionen. Er habe auch keine Vorgeschichte in Depressionen … wenn man von dem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik absieht, wo er sich selber einmal eingeliefert hat und die ihm auf dem Entlasszettel auch eine Depression bescheinigt haben …. seiner professionellen Meinung nach eine klassische Fehldiagnose. Deshalb solle ich das ihm geben und er soll das nehmen.

Ich habe dem Arzt dann gesagt, ich mache das, aber ich halte unser Gespräch im Computer fest und ich werde den Patienten darauf hinweisen, dass er beim Auftreten von Problemen das absetzt und ihn kontaktiert. Wirklich wohl fühle ich mich dabei nicht.
Eben weil der Patient diese anderen Medikamente nimmt, muss ich ihm die Nachricht wirklich einfühlsam rüberbringen, sonst nimmt er womöglich auf einmal etwas nicht mehr, das er wirklich nehmen sollte. Das Isotretinoin selber ist nicht so wichtig, im Grunde ist es auch „nur“ ein …Lifestile Medikament. An Akne selber ist, (so unangenehm das sein kann) noch niemand gestorben.

Wenige Minuten später steht der Patient selber, übrigens ein Mann um die 35, mit dem Abholzettel vor mir und ich erkläre ihm die Sache.
Dabei bin ich bin ein bisschen überrascht, denn er ist nicht wirklich stark betroffen, in meinen Augen sind die Rötungen noch nicht Grund genug derartiges zu verschreiben … aber ich erkläre ihm, dass ich wegen Bedenken mit dem Mittel den Arzt kontaktiert habe und dass der überzeugt ist, dass das bei ihm geht.
Darauf will er es sich noch einmal überlegen mit der Einnahme. Ich soll das im Moment zurückstellen. Darüber … bin ich nicht unglücklich.

Nachtrag 1: Er hat seine Psychologin kontaktiert und die ist auch der Meinung, dass er das besser nicht nimmt. Ich darf das zurückschicken.

Nachtrag 2: Er ging dann zu einem Hautarzt und hat seine Rötungen anschauen lassen. Der hat ihm dann ein Rezept ausgestellt nicht für Aknemedikamente sondern gegen Rosazea …

Ich denke, das ist für den Patienten ganz gut gelaufen und zeigt, wie wichtig es ist, dass da mehrere “Player” im Gesundheitssystem zusammenspielen und auch miteinander reden. Das hätte (muss nicht, aber hätte) ziemlich übel ausgehen können.

Artikel letztmalig aktualisiert am 08.01.2016.

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Pharmazie
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