Beschaffungsprobleme - Krankenhausvariante

13.12.2015
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Heute mal was anderes, ein Gastbeitrag einer deutschen Krankenhaus-Apothekerin. Besten Dank an Biene dafür: „Es ist Mittwoch und ich habe seit heute Bereitschaftsdienst. Da ich in einer Krankenhausapotheke arbeite, muss ich nicht vor Ort sein, sondern bin über ein Handy erreichbar...“

„Mit dem Bereitschaftsdienst wechseln sich die Apotheker ab, sodass jeder mal für mehrere Tage am Stück dran ist. Die meisten „Notfälle“ passieren irgendwie immer am Wochenende. Ich bin also eigentlich entspannt, bis es um halb sieben am Abend vor mir auf dem Tisch  piepst.


Eine Ärztin von der Inneren Station ist dran: „Hallo, sind sie die Kollegin, mit der ich heute schon mal wegen der Dialyse-Lösung telefoniert habe?“ Nein, daran könnt ich mich erinnern. Sie erzählt mir, dass sie einen Patienten aus der Gegend mit einer Bauchfelldialyse (Peritoneal-Dialyse = PD) auf der Station haben. Seine Familie habe ihm leider keinen einzigen Beutel seiner speziellen PD-Lösung mitgebracht.
Wenn die Nieren nicht mehr richtig arbeiten, muss man die Abfallstoffe anders aus dem Blut bekommen, heute geht das meist mittels Blutwäsche: Entweder eine Maschine filtert das Blut 2-3 mal pro Woche in der Klinik oder die Dialyse findet mit diesen Beuteln zu Hause statt. Die enthalten eine konzentrierte Lösung, die man täglich in den Bauchraum appliziert und nach ein paar Stunden wieder entfernt.

Die Ärztin erklärt, dass sie sich schon zwei der Beutel in der Dialyse-Praxis im Haus borgen konnten und dachten, das würde bis zum nächsten Tag reichen. Jetzt haben sie aber festgestellt, dass der Patient nicht nur einen dieser Beutel pro Tag braucht, sondern vier. Für den nächsten Morgen hatten sie also keine Beutel mehr. Parallel zu ihrer Erklärung, hatte ich schon mal online gesucht und die PD-Lösung beim Hersteller gefunden. Leider ohne Angabe der tollen Pharmazentralnummer (PZN), mit der ich schneller suchen und bestellen könnte.

Die große Suche

„Ich geh mal auf die Suche, ich rufe Sie gleich zurück!“ vertröste ich sie. Kurzer Check bei unseren Großhändlern, zum Glück geht das online. Nix zu finden, egal wonach ich suche. Also rein in die Apotheke und ran an den Computer. Auch unser Taxx-Programm spuckt nichts aus. Also telefoniere ich mit den Großhändlern. Herrlich, dass die netten Damen so lange da sind. Die finden irgendwann zwar die PD-Lösung, die ich brauche, haben sie aber nicht vorrätig.

Bei der Firma ist natürlich abends um sieben keiner mehr erreichbar. Ich telefoniere noch mal kurz mit der Ärztin und bringe sie auf den neusten Stand. Um mir diese ominösen Beutel selber mal anzuschauen und nach Informationen zu suchen, flitze ich rüber auf die Station. Die Schwester dort ist schon etwas verzweifelt, aber noch ruhig und humorvoll. Es gab wohl etwas Ärger mit der Familie, weil die keine Beutel abgeben wollen oder können. Wir würden die geliehenen Beutel natürlich ersetzen, brauchen dafür nur etwas mehr Zeit als zwölf Stunden über Nacht. Auch ein kurzes Gespräch mit dem Patienten bringt mich nicht wirklich weiter.


Nur um sicher zu gehen, durchforste ich noch unser Lager mit den Infusions- und Dialyselösungen, finde aber natürlich nichts Passendes. Inzwischen ist es 19:30 Uhr und mir gehen die Optionen aus. Die diensthabende Ärztin hat gewechselt, weiß aber zum Glück Bescheid. Ich erkläre die verfahrene Situation und verspreche, morgen früh weiterzusuchen, wenn ich auch wieder jemanden bei der Firma und der Dialyse-Praxis erreiche. Das  findet sie in Ordnung, zumal sowieso unklar ist, ob der Patient bleiben kann. Huch.

Sie erklärt mir, dass seine Probleme möglicherweise zu schwerwiegend sind, als dass wir sie behandeln können. Vielleicht wird er in ein größeres Krankenhaus verlegt. Das wird morgen entschieden. Außerdem sind seine Nierenwerte so schlecht, dass fraglich ist, ob diese Dialyseart geeignet ist. Oha.

Hilfe aus der Nachbarschaft

Ich fahre also wieder nach Hause und telefoniere noch kurz mit der Station, um auch die Schwester auf morgen zu vertrösten. Nach einer unruhigen Nacht sitze ich früh wieder in der Apotheke und suche weiter. Ich erreiche die Dialyseklinik in einem benachbarten Krankenhaus. Die haben glücklicherweise diese Dialyselösung da und sind auch bereit uns welche zu borgen. Endlich.

Die Ärztin freut sich und verspricht sich zu melden, sobald sie in der Dienstübergabe beschlossen haben, ob der Patient bleibt. Eine Stunde später ruft ihr Kollege an und meint, sie bräuchten da diese Desinfektionskappen für die Peritonealdialyse. „Ähm… bleibt denn der Patient? Ich muss die erst organisieren, wir haben die nicht vorrätig. Ihre Kollegin wollte mir Bescheid geben.“ Herr Doktor: „Deswegen rufe ich ja an. Er bleibt. Wir brauchen die Kappen und auch die Lösung.“

„Wie lange bleibt er denn? Wie viel brauchen wir?“ frage ich ihn. Herr Doktor: „Bis morgen auf jeden Fall, länger weiß ich nicht. Vier Beutel pro Tag.“ Gut, ich rufe also bei der Dialyseklinik an und schicke ein Taxi, das uns die Beutel und die Kappen abholt. Danach telefoniere ich mit der Firma und bestelle die PD-Lösung und diese Desinfektionskappen zum nächsten Morgen. Etwas später trage ich die geborgten Sachen rüber zur Station. Dort steht schon die Schwester vom Vorabend, strahlt mich an und freut sich über die Ware. Ich erfahre auch, dass gerade Visite ist und geklärt wird, ob der Patient übers Wochenende bleibt. Wir werden wohl wieder telefonieren.

Tatsächlich ruft sie gegen Mittag an. Der Patient bleibt bis Montag, dann wird wieder entschieden. Zwei Beutel mussten sie an unsere Dialysepraxis zurückgeben, es wird also wieder knapp. Ich telefoniere also wieder mit der Firma und ordere noch mal vier Kartons. Das sollte bis Dienstag reichen, sofern die Ware pünktlich da ist. Es klappt. Alles ist rechtzeitig da und geht fix auf die Station.

Kein Glück am Sonntag

Am Sonntag ruft dann die Intensivstation an. Sie brauchen da diese Dialyselösung. Was? Welche? Hilfe! Natürlich brauchen sie eine andere Lösung als die Innere Station und natürlich haben wir nichts mehr auf Lager. Alles was wir da haben, bringt ihr nichts. Ich erkläre ihr, dass ich nicht weiß, wo ich jetzt noch was herholen soll. Die Firma ist nicht erreichbar, der Großhandel hat so etwas nicht, die Dialyseklinik ist zu und ich kenn keine externe Station, die so was nutzt. Die Intensivschwester ist nicht glücklich, nimmt es aber so hin. Kurz danach ruft sie wieder an.

Wir könnten uns in der nächsten Uniklinik was borgen, sie hat das dort mit der Station geklärt. Hm, nicht der übliche Weg, aber ok. Ich organisiere also wieder ein Taxi, warte auf selbiges und bringe alles zur Intensivstation. Am Montag telefoniere ich wieder mit der Inneren Station, auf der unser PD-Patient liegt. Ich bekomme zu hören, dass er noch bleibt, dass aber noch vier volle Kartons da sind. Ich wundere mich kurz und hoffe einfach, dass die Familie etwas mitgebracht hat und deswegen noch so viel übrig ist.

Mit der Uniklinik will ich noch die „Rückgabe“ der geborgten Dialyselösung für die Intensivstation klären. Die ist natürlich nicht mehr lieferbar. Also versuche ich dort gefühlten 20 Personen in verschiedenen Abteilungen zu erklären, dass sie uns eine Rechnung stellen. Am Ende lande ich dann in der dortigen Apotheke, die das Verfahren doch sehr seltsam findet. „Ja, ich auch, aber anders ging es nicht.“ Die Beutel die noch lieferbar sind, sind kleiner und nun muss ein Techniker die Dialysemaschinen auf unserer Intensivstation darauf neu einstellen. Was für ein Aufwand.

Unerwartete Wendung

Donnerstag rufe ich wieder auf der Inneren Station an, denn wenn wir noch PD-Lösung fürs Wochenende brauchen, sollte ich heute bestellen. Leider ist der Patient verstorben und jetzt stehen noch vier Kartons auf der Station rum.

Das ist die unerfreulichste Variante des Chaos bei uns. Meist organisieren wir mühselig irgendwelche Arzneimittel, die schwer zu bekommen sind und wenn das Medikament dann da ist, wurde der Patient entlassen oder verlegt. Nicht immer bekommen wir das auch mit. Oft erst, wenn das Arzneimittel als „Retoure“ wieder bei uns in der Apotheke landet. Natürlich zu spät, um es noch zurück an die Firma bzw. den Großhändler geben zu können.

In diesem Fall, hat uns die Dialyse-Klinik die Lösungen abgenommen. Die können sie ja zum Glück gebrauchen.

Ach ja: Solche Sonderfälle passieren zu gefühlten 99 Prozent natürlich am Wochenende oder zwei Minuten vor Dienstschluss.“
 

Artikel letztmalig aktualisiert am 05.01.2016.

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Pharmazie
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Eine sehr schöne Fallbeschreibung welche den Tatsachen entspricht. So oder so ähnlich läuft das dann ab. Wenn´s gut läuft bekommt man sogar ein Dankeschön, muss sich aber bei passender Gelegenheit wieder anhören dass man eigentlich nur Schubladen zieht und natürlich auch keinen Medikationsplan erstellen kann. Ohne ein gewisses Berufsethos macht unser Job leider keinen Spass mehr und ich erinnere mich wohl deshalb sehr gerne an dankbare Patienten im Notdienst, anerkennende Ärzte oder auf Station oder Eltern welche des Lobes voll waren (weil es Ihrem Kind endlich besser geht). Leider kommen diese "warmen und schönen" Momente viel zu selten vor ... Chapeau vor all unseren Kollegen, welche sich jetzt, in der Vergangenheit und auch in der Zukunft "den Ar..." aufreisen um Menschen zu helfen und dafür leider selten verdiente Anerkennung erfahren!
#1 am 06.01.2016 von Dr. Christian Beck (Apotheker)
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