Unter Freunden

07.12.2015
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Privates und Berufliches zu vermischen, ist selten eine gute Idee. Das gilt einmal für Interaktionen mit Patienten, aber auch unter ärztlichen Kollegen ist die Vermischung von privat und beruflich oft eine Gratwanderung.

Heute kam eine Bekannte von mir in die Sprechstunde. Ich schätze sie sehr – als einen vernünftigen, gebildeten Menschen. Sie hat es nicht immer leicht im Leben gehabt und kürzliche Schicksalsschläge haben sie dazu bewogen, eine Psychotherapie zu beginnen.


Sie kam zwar wegen eines anderen Problems, beklagte sich aber nebenbei fürchterlich über ihren Therapeuten und wie er sie in den ersten zehn Stunden behandelt habe. Laut ihren Aussagen sei kein Therapiekonzept zu erkennen gewesen, außer immer wiederkehrender Mitleidsbekundungen wie „Ach Mensch, das ist ja wirklich schlimm“ und „Oh Gott, oh Gott!“. Außerdem erschien er wohl immer unvorbereitet zur Therapiestunde und stellte ihr wiederholt die gleichen Fragen: „Haben Sie eigentlich Kinder?“ oder „Als was arbeiten Sie momentan?“. Aufgrund dieser Erfahrungen, hat sie die Psychotherapie bei ihm abgebrochen und sucht nun einen neuen Therapeuten.


Um ihr ein paar Kollegen zu nennen, an die sie sich noch wenden könnte, fragte ich nach dem Namen ihres jetzigen Therapeuten. Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass sie bei einem guten Bekannten von mir war. Da ich auch meine Patientin gut kenne, jahrelang mit ihr zusammengearbeitet habe und weiß, dass sie eigentlich niemand ist, der Probleme übertrieben darstellt, muss ich davon ausgehen, dass die Situation doch so ähnlich stattgefunden hat, wie sie es beschrieben hat.


Dabei wollte ich ihr eben jenen guten Bekannten eigentlich als Therapeuten vorschlagen. So wie ich ihn kennengelernt habe – allerdings nur privat – deckt sich das so gar nicht mit ihren Erzählungen. Ich bin allerdings froh, dass ich zunächst nicht nach dem Namen des Therapeuten gefragt habe, sonst hätte sie mir das gar nicht erzählt. Ich habe auch nicht erwähnt, dass ich ihn ziemlich gut kenne.


Es ist nicht das erste Mal, dass sich Patienten über Kollegen beschweren, die ich zu meinen Freunden zähle, beziehungsweise persönlich ganz anders kennengelernt habe. Bei manchen Patienten, die sich beschweren, kann ich mir gut vorstellen, dass für sie das alte Sprichwort gilt: „Wie man in den Wald hereinruft, so schallt es heraus.“ Ich möchte gar nicht wissen, was Patienten über mich erzählen, wenn sie bei einem anderen Arzt sind.


Andere Patienten kenne ich schon länger und kann mir weniger vorstellen, dass die Vorwürfe gegenüber meinen bekannten Kollegen nicht ein bisschen berechtigt sind. Richtig schwierig wird es dann, wenn objektiv Fehler passiert sind, wie fehlende Blutkontrollen, falsche Therapieempfehlungen usw.


Gerade vor ein paar Tagen war ein Patient bei mir, der am Wochenende bereits im Krankenhaus war, weil er solche Schmerzen im Großzehengrundgelenk hatte. Behandelt hatte ihn ein Freund von mir. Der Patient erzählte mir empört, dass ihm weder Blut abgenommen wurde, noch sein Fuß wirklich untersucht worden wäre. Medikamente hätte er auch keine bekommen. Ich konnte das gar nicht glauben, aber da er noch den Rettungsstellenzettel hatte, konnte er es beweisen. Bis heute überlege ich, ob ich meinen Freund darauf anspreche oder nicht.


Mittlerweile versuche ich, die Patienten schon gar nicht mehr nach den Namen der Ärzte zu fragen, über die sie sich beschweren. Auf der anderen Seite erwähne ich nicht mehr, wenn ich einen Kollegen privat näher kenne, damit die Patienten sich nicht gehemmt fühlen, Dinge auszusprechen. Trotzdem bin ich immer unsicher, ob ich befreundete Kollegen auf Beschwerden von gemeinsamen Patienten anspreche oder nicht. Niemand hört Kritik gern und wir alle machen Fehler, aber vielleicht gibt es auch logische Gründe für das vermeintliche Fehlverhalten der Kollegen, die sich nur dem Patienten nicht erschlossen haben. In jedem Fall ein sensibles Thema.


Artikel letztmalig aktualisiert am 09.12.2015.

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Gast
Wenn ein Patient mit einem Therapeut (das kann Dir doch auch passieren) nicht klarkommt, weil die Chemie nicht stimmt, soll es nicht Dein, sondern nur sein problem sein. Jeder findet seinen Therapeuten. Belaste dich nicht damit, ob er etwas übersehen hat (auch dafür kann es Gründe geben). Solltest Du mit einem befreundeten Kollegen über einen Patienten sprechen wollen, dann tue es, aber als Gedankenaustausch- ohne Anklagen, denn Du kennst die Hintergründe nicht. nebenbeigesagt: ich behandle ungern Freunde und Familie.
#8 am 07.03.2016 von Gast
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Gast
Das ist eigentlich das tägliche Brot. Warum ist das so? Weil Ärzte und Patienten nicht immer gut zusammenpassen. Genauso formuliere ich es auch gegenüber meinen Patientinnen, die oft auch meine Freundinnen oder gute Bekannte im Privatleben sind. Ich sehe da weder eine Diskriminierung des Kollegen, denn morgen kommt jemand der ihn oder sie über alles lobt, noch glaube ich, dass meine Patientin nicht die Wahrheit gesagt hat oder es zumindest genau so empfunden hat. Ich weiß auch, dass sich Patientinnen bei Kollegen über mich ggf. beschweren und andere mich über den grünen Klee loben. Das ist unser Alltag, Hauptsache wir können das was wir tun gut vor uns selber vertreten. Ansonsten ist unser Job ja bei weitem nicht nur Medizin sondern ein sehr weites, kompliziertes Kommunikationsfeld.
#7 am 09.12.2015 von Gast
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Gast
Eine unangenehme Situation - als Kollegin wäre es mir persönlich jedoch viel lieber, zu erfahren, was über mich erzählt wird, auch um Missverständnisse oder tatsächliche Fehler in Zukunft zu vermeiden. Und das würde ich lieber möglichst rasch von einer Freundin oder einem Freund erfahren, als über fünf Ecken oder durch irgendwelche Kommentare im Internet. Vorbildlich wäre natürlich, der Patient würde seine Unzufriedenheit direkt mit dem Arzt oder Therapeuten besprechen, aber gerade bei Facharzt- oder Notfallbehandlungen ist ein Wiedersehen nicht immer so einfach umzusetzen. Und: Auch Ärzten und Therapeuten fällt es nicht immer leicht, Kritik professionell anzunehmen. Ich kann Patienten gut verstehen, die sich eine persönliche Rückmeldung nicht zutrauen, weil eine menschliche Begegnung auf Augenhöhe nicht immer von beiden Seiten gewünscht wird.
#6 am 09.12.2015 von Gast
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Gast
...ach Du meine Güte. Ihr habt vielleicht Probleme.....nein.....ihr macht Eich welche. Wenn ich schon lese:"zu meinem ENTSETZEN musste ich feststellen...." Was denn ??? Sehe ich da einen Funken Schadenfreude ???
#5 am 09.12.2015 von Gast
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Gast
Ich habe am Anfang meiner Selbstständigkeit die "Geschichten" der Patienten relativ unreflektiert übernommen. Nicht zuletzt weil oft auch das Behandlungsergebnis einfach mangelhaft war. Und darüber kann man sich in der Zahnmedizin nicht streiten. Allerdings spielt die Compliance eine große Rolle und langfristig kann die Prognose entscheidend davon abhängen. Einem Freund würde ich auf jeden Fall bei mehrfacher Wiederholung Hinweise geben, das Prozedere zu überdenken. Einen Kollegen zu schelten steht mir nicht zu und wäre auch nach "staatlich gepr. Abschluss" aller durchlaufenen Ausbildungsphasen des Berufsbildes sinnlos.
#4 am 09.12.2015 von Gast
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Gast
Ein Merkmal einer wahren Freundschaft ist ja gerade Ehrlichkeit, nicht wahr?! Deshalb muss es möglich sein, einen Freund auf eine Kritik anzusprechen, da nur so auch eine konstruktive Reaktion möglich ist, schließlich sind Fehler normale Bestandteile des Lernprozesses. Leider kennt wohl jeder solche Erfahrungen und man muss sich eingestehen, dass es schlussendlich wohl zum Einen auf die beidseitige Compliance bzw. gegenseitige Sympathie ankommt, sowie auf die jeweilige Situation. In der Psychoanalyse ist bei der Supervision die regelrechte Analyse der Gegenübertragung (der persönliche Aspekt, weshalb ein Arzt wie auf einen bestimmten Fall oder Patient reagiert) Standard. Hier konnten in den 70/80er die Balint-Gruppen hervorragende Arbeit leisten. Immer weniger Zeit pro Patient, ökonomische Aspekte, nicht zuletzt u.U. auch die Art des Patienten (PKV) tragen leider dazu bei, dass ein an sich guter Arzt immer weniger Spielraum hat, sein Talent unter Beweis zu stellen...
#3 am 09.12.2015 von Gast
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Gast
Ich habe als eine Konsequenz aus solchen eigenen Erfahrungen mit diesen unangenehmen Situationen und dieser schwierigen Rolle gezogen, dass ich den "Klagenden" frage, ob er die Kritikpunkte direkt bei dem "Beklagten" angesprochen hat. Oft stellt sich heraus, dass das nicht der Fall ist, dass also z.B. gar keine Klärung oder Auseinandersetzung stattgefunden hat, die ja immer auch die Chance für eine gewünschte Veränderung beinhaltet. Dann frage ich, was sich denn der Klagende wünschen würde, wenn es jemandem mit ihm selber so ginge und er nichts davon erfahren würde, höchstens über Dritte. Das bringt die meisten doch zum Nachdenken und ich selber fühle mich dann nicht mehr so in einer inneren Zwickmühle beiden Betroffenen gegenüber. Es ist ja letzten Endes ein ungeklärtes Problem oder ein Vertrauensverlust zwischen ihnen. Vieles lässt sich doch auf diese Weise entweder ändern oder doch zumindest klären oder vielleicht auch auf Augenhöhe konstruktiv abschließen.
#2 am 09.12.2015 von Gast
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Andreas M.
Meine Meinung: Natürlich sollte ein Kollege auf einen möglichen Fehler hingewiesen werden! Da ist ja gar keine Wertung enthalten. Es geht dabei nicht um Schuldzuweisungen oder Kritik. Ziel dieses Hinweises ist es alleine, eine Reflektion über das Geschehene zu ermöglichen und eine Weiterentwicklung und Verbesserung für die Zukunft anzuregen. Vermutlich wäre es mir auch unangenehm, so eine Rückmeldung zu bekommen, aber es ist nunmal niemand perfekt und das Erlernen des Umgangs mit solchen negativen Rückmeldungen gehört meines Erachtens zum Job. Ob von einem Kollegen oder direkt vom Patienten.
#1 am 09.12.2015 von Andreas M. (Gast)
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