Kann es Wirtschaftsberatern tatsächlich um ‚DIE ALTEN‘ gehen?

04.12.2015
Teilen

Am 1.12.2015 brachte die Deutschen Presse-Agentur (dpa) die analytisch eher magere Mitteilung, dass es in eine Studie der internationalen Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) mit dem Titel: "Das Gesundheitssystem geht an den Bedürfnissen alter Menschen vorbei" um die Interessenlage der Senioren ginge.

Vgl. die PwC-Pressemitteilung vom 1. 12.2015. Verfasser der Studie ist Michael Burkhart, PwC-Partner in Frankfurt am Main. Der PwC-Autor leitet deutschlandweit den Geschäftsbereich Gesundheitswesen & Pharma bzw. ist Ansprechpartner für Bilanzierungsfragen im Gesundheitswesen und damit eher Wirtschaftsprüfer und -experte.

Inhaltlich wird ein Paradigmenwechsel im Gesundheitswesen bei der Versorgung älterer Menschen reklamiert. Dieser beginnt allerdings mit einer primär durch den Blickwinkel der Kliniken- und Krankenkassen getrübten Analyse: Der vorgeblich klinische Fokus auf das Kurieren von Krankheiten ginge in der Tat an den Bedürfnissen vieler Senioren vorbei.

Die versorgungs-medizinische, pflegerische und teilhabe-fördernde Realität sieht aber völlig anders aus, weil hier überwiegend Hausärzte, ambulante und stationäre Pflegedienste bzw. Familienverbünde diese Herkulesaufgabe stemmen. Fachärzte, Fach- und Rehakliniken sind daran biografisch gesehen nur zu einem Bruchteil beteiligt.


Ökonomisch und juristisch vorbelastete, fachliche Expertisen verkennen in der Regel die exponierte Bedeutung einer lebenslangen hausärztlichen Allgemein- und Familienmedizin ("von der Wiege bis zur Bahre"): Da dies im universitären, wissenschaftlich geprägten Medizinbetrieb der Krankenhäuser von der Uniklinik bis zum Kreiskrankenhaus gar nicht adäquat abgebildet bzw. wirtschaftlich und soziokulturell nicht reflektiert wird. Dies ist ein krasser Gegensatz zur etablierten „Family Medicine“ der englischsprachigen und von dort beeinflussten Länder Großbritanien, Frankreich, USA, Südafrika bzw. Beneluxstaaten und Skandinavien.

Dort ist die ärztliche Inanspruchnahme gerade bei Älteren quantitativ und qualitativ erheblich geringer. Viel seltener sind Facharzt- und Klinikbesuche bzw. stationäre Aufenthalte. Denn es gibt ein abgestuftes, bedarfsadaptiertes Netzwerk bio-psycho-sozialer Hilfen, gemeindenaher Psychiatrie-, Geriatrie und Pflegeeinrichtungen und damit sind die ärztliche Interventionsnotwendigkeiten begrenzt.

Die Analyse von Michael Burkhart (PwC) ist übrigens so neu nicht: Bereits im Oktober 2015 hat PwC International eine fast gleichlautende Publikation mit dem Titel "We are entering a new era of health – New Health" kreiert.

Da sind die Schlagzeilen bei PwC-Deutschland wohl nur übersetzt worden:

Als Realitätsverkennung kann allerdings folgende zentrale PwC-Forderung gelten: „Um das Gesundheitssystem angesichts des demografischen Wandels dauerhaft zu finanzieren, empfehlen die PwC-Experten alternative Vergütungssysteme wie beispielsweise pauschale Vorauszahlungen pro Versichertem (Capitation)“. Das bedeutet im Klartext für unsere deutschen Kranken- und Pflegeversicherungssysteme – egal, ob gesetzlich einkommensabhängig oder privat pauschal, GKV oder PKV bzw. pflegeversichert: Was die Versicherten als Vertrauensvorschuss bisher lebenslang vorfinanziert und eingezahlt haben und wo Rücklagen gebildet wurden, soll völlig auf den Kopf gestellt werden?

O-Ton PwC: „Um das Gesundheitssystem angesichts des demografischen Wandels dauerhaft zu finanzieren, empfehlen die PwC-Experten alternative Vergütungssysteme wie beispielsweise pauschale Vorauszahlungen pro Versichertem (Capitation)“. Das wäre nichts anderes als die völlig unsinnige und unlogische „Kopfpauschale“, die in der Renten-, Kranken- und Sozialversicherung schon mehrfach krachend gescheitert ist. Unter anderem, weil ein Azubi, ein Mindestlöhner, ein Frührentner oder eine Rentnerin, die auch noch putzen gehen muss, in die Sozialversicherungssysteme nicht so viel einzahlen können, wie ein Bankdirektor oder Firmen-Vorstand.

Bildquelle (Außenseite): astonishme, flickr

Bildquelle: Skulptur Bode-Museum Berlin © Praxis Dr. Schätzler

Artikel letztmalig aktualisiert am 13.12.2015.

22 Wertungen (4.14 ø)
2850 Aufrufe
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Internationale Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften wie PricewaterhouseCoopers (PwC) haben selbst ein vitales Interesse an Wachstumsmärkten. Das "Gesundheits"-Wesen ist mit Krankenhausketten, Aktiengesellschaften, Klinik-Privatisierungen, MVZ, pharmazeutisch-chemischer und medizinisch-technischer Industrie ein Milliarden-Wachstumsmarkt. Öffentlich-rechtlichen Kliniken geben Effizienzprüfungen ab ("outsourcing"). Zukunftstechnologien im Krankheitswesen mit digitaler Vernetzung, e-Health-Card, Online-Angeboten, Apps, Telemedizin bzw. Forschung und Entwicklung wecken Begehrlichkeiten. Vgl. dazu meinen DocCheck®Blog „Open Your Eis“: http://news.doccheck.com/de/blog/post/2883-tk-und-deloitte-streben-meinungsfuehrerschaft-im-e-health-geschaeft-an/ „The big Four“ sind Deloitte, Ernst & Young, PricewaterhouseCoopers (PwC) und KPMG. Mit eigenen Studien machen sie sich selbst einen Namen in Politik, Gesellschaft und Kapital. MfG
#3 am 08.12.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  0
Gast
Ist bekannt, wer die Studie beaufragt bzw. finanziert hat? PWC ist bekanntlich keine wohltätige Institution, sondern profit-orientiert. Daher ist zu vermuten, dass andere Interessen dahinter stecken. Ist hier was bekannt?
#2 am 07.12.2015 von Gast
  0
Einige fragten nach Herkunft und Bedeutung meiner Abbildung: Es handelt sich um eine durch Bombenhagel und Großbrand im 2. Weltkrieg teilweise abgeschmolzene Marmor-Büste eines ehemals jungen Mannes, die ich im Rahmen einer Sonderausstellung aus dem Magazin des Berliner Bode Museums fotografieren konnte. An der Kontur der Nasenspitze erkennt man die alterungs-ähnlich, runzlig aufgeworfene Marmor-Brandschicht des übrigen Gesichtes - für mich eine Allegorie des Älter-Werdens, das auch unseren Kindern und Kindeskindern droht. Das kollektive Problem des demografischen Faktors wird eine aktuell zusätzliche Vorauszahlungs-Forderung von PwC nicht lösen können. http://www.tagesspiegel.de/kultur/bode-museum-ausstellung-das-verschwundene-museum-als-die-kunst-verloren-ging/11539984.html
#1 am 05.12.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  0
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Die Felix-Burda-Stiftung zeichnet seit 2001 für die Kommunikation der mehr...
Das Londoner Parlament genehmigte die künstliche Erzeugung von Babys mit drei Elternteilen bereits 2015. Jetzt gab mehr...
Sucht-Arbeitsgruppe der Bundesärztekammer? Aber wenn schon der Chef der "Sucht-Arbeitsgruppe der mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: