Stirnrunzeln unter Strom statt Gewichtsreduktion?

25.11.2015
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Abnehmen, ohne etwas dafür tun zu müssen und ohne Reue – auch nach dieser Pilotstudie an nur neun Übergewichtigen bleibt das ein Wunschtraum. Wer die Fettaufnahme blockiert, isst dafür vermehrt Kohlenhydrate bzw. Proteine. Und wer nicht fdH ("friss die Hälfte") einhält, bei dem führt die bekannte Energie-Un-Gleichung: "Input größer als Output" unweigerlich zur Gewichtszunahme.

Kalorien-Defizite zu ertragen, fällt in einer Welt voll Nahrungsmittel-Überfluss und leicht zugänglichen Spezereien besonders schwer. Dem sollte eine klinische Versuchsanordnung mit neun adipösen, rechts-händigen, übergewichtigen Versuchspersonen (3 männlich, 6 weiblich; durchschnittlich 42 Jahre alt; +/-8 Jahre) bei einem mittleren Körpergewicht von 94 kg; +/- 15 kg mittlere Standardabweichung ["mean standard deviation" (MSD)] bzw. einem durchschnittlichen Body-Mass-Index (BMI) von 34 mit einer sogenannten transkraniellen Gleichstromstimulation [tDCS: "transcanial direct current stimulation"] entgegengewirken: Abstract in Obesity 2015; 23: 2149-2156 . Studienautorin Dr. Marci Gluck vom National Institute of Health (NIH) in Phoenix et al. versuchten eine anodale Stimulation am linken dorsolateralen präfrontalen Kortex ["left dorsolateral prefrontal cortex" LDLPFC], um dessen Aktivität zu  erhöhen und um die Nahrungsaufnahme reduzieren zu können bzw. Stopp-Signale beim Essen zu signalisieren.

Der Studienbeginn war äußerst skurril. Vier der Probanden erhielten eine Scheinstimulation [„shem stimulation“]. Doch in einem ersten Durchgang waren, bedingt durch einen Fehler im Protokoll, die Elektroden vertauscht worden. Die Versuchspersonen bekamen in der Verum-Gruppe kathodale statt anodale Stimulationen [„study 1“]. In der Wiederholung der Studie wurde mit der richtigen Elektrodenplatzierung gearbeitet [„study 2“]. In der ersten, falsch platzierten Versuchsanordnung gab es dann auch kaum Unterschiede zwischen Schein- und Verumgruppe.

Bei korrekter Elektrodenplatzierung und anodaler Stimulation kam man auf eine niedrigere Kalorienaufnahme, erreichte allerdings mit p = 0,07 kein Signifikanzniveau. Bei isolierter Betrachtung von Fettgehalt der Nahrungsaufnahme bzw. Limonadengenuss wurde mit p = 0,02 das Signifikanzniveau erreicht. Probanden mit der irrtümlich falschen kathodalern Stimulation nahmen mit plus 0,6 Prozent in drei Tagen leicht zu, die mit anodaler tDCS nahmen dagegen mit minus 0,3 Prozent etwas ab. Die Wissenschaftler fanden mit p = 0,009 eine fast einen Kilogramm betragende Differenz unter der 3-tägigen korrekt-anodalen  gegenüber der inkorrekt-kathodalen Stimulation heraus.

Nebenwirkungen waren in der Verum-Gruppe Hautrötungen. Leichtes Brennen und Ziehen trat in beiden Gruppen auf.

Doch bei insgesamt nur 9 Versuchspersonen gleich z w e i parallele ["sham"]-Scheinbehandlungs-Gruppen im ["double-blind, randomized, placebo-controlled crossover experiment"] Studiendesign unterzubringen, bleibt in der Tat logistisch eher unglaubwürdig bis selbstüberschätzend. Zumal  Prozent-Zahlen bei unter 10 Studienteilnehmern  fragwürdig bleiben: Deshalb hat diese Studie nach intensivem Lesen der Original-Langfassung unter 

http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/oby.21313/full

bei mir persönlich Nebenwirkungen ausgelöst - stundenlanges Stirnrunzeln!

Aber selbst die Autoren von "Neuromodulation targeted to the prefrontal cortex induces changes in energy intake and weight loss in obesity", M. E. Gluck et al., geben zu, dass es sich nur um den Nachweis eines Wirkprinzips handeln soll ["proof of principle clinical trial"].

Ihre oben beschriebene Studie scheint mit einem ersten Irrtum im Elektroden-Protokoll eher der Chaos-Forschung entlehnt. Denn die Elektroden wurden zunächst vertauscht, und die Untersuchungen mussten mit der richtigen Elektrodenplatzierung nochmal wiederholt werden.

Weshalb aber dann im Originaltext plötzlich von 36 Teilnehmern die Rede ist, obwohl in der gesamten Publikation immer nur von neun Probanden ["Nine (3m, 6f) healthy volunteers with obesity (94 +/- 15 kg [M +/- SD]; 42 +/- 8 y)"] die Rede bleibt, wird ein ewiges Geheimnis bleiben. Es sei denn, man geht von 4 mal 9 Durchgängen bei den neun Versuchspersonen aus. ["However, after randomizing 36 participants (34 completers; 2 in progress), we discovered that positive and negative stimulation leads had been reversed since the beginning of the study, resulting in placement of an active cathode over the DLPFC. The study (study 1) was halted and the data analyzed. We found no adverse events or effects on weight or food intake."]

Eine weitere, angeblich bahnbrechende Erkenntnis: "Relativer Gewichtsverlust minus 1 kg in drei Tagen" entlarvt sich als Chimäre: Bei 100 kg übergewichtigem Ausgangswert macht eine 1 kg Differenz im BMI ausgedrückt gerade mal eine Differenz von 1 Prozent aus. Diese Studie macht tatsächlich eher

Stirnrunzeln unter Strom statt Gewichtsreduktion!

Details zur Methodik: “Transcranial direct current stimulation (tDCS) modifies cortical excitability and may facilitate improved control of eating. The energy intake (EI) and body weight in subjects who received cathodal versus sham (study 1) and subsequent anodal versus sham (study 2) tDCS aimed at the left dorsolateral prefrontal cortex (LDLPFC) were measured.”

Bildquelle (Außenseite): Quinn Dombrowski, flickr

 

Bildquelle: Wechselstrom-Steckdose Design um 1950 Wartburg-Hotel/Eisenach © Praxis Dr. Schätzler

Artikel letztmalig aktualisiert am 03.12.2015.

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Soll das eine "wissenschaftliche Studie" sein?
#2 am 08.12.2015 von marina geyer (Heilpraktikerin)
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Scheint mir noch nicht mal ein Stirnrunzeln wert, eher ein mitleidiges Kopfschütteln!
#1 am 28.11.2015 von Anke Niggenaber (Weitere medizinische Berufe)
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