Für den Patienten gibt es keine Routineaufnahme ins Krankenhaus

22.11.2015
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Wenn man etwas immer und immer wieder macht, stellt sich mit der Zeit eine Routine ein. Und das ist auch gut so. Es erhöht die Effizienz und Qualität der Abläufe, wenn sich bestimmte Dinge in gut durchdachten, erprobten und geprüften Abläufen wiederholen.

Auch die Aufnahme eines Patienten im Krankenhaus ist im Prinzip etwas, was in einem Krankenhaus mehrere tausend mal pro Jahr stattfindet; es gibt Ablaufbeschreibungen, ein erprobtes gewöhnliches Vorgehen und Routinen auch bei der Aufnahme ins Krankenhaus.

Andererseits stellt die Aufnahme ins Krankenhaus praktisch in jedem Fall für den Patienten eine absolute Ausnahmesituation dar. Ihn trifft ein Unfall, eine akute Erkrankung, ein bedrohliches Symptom. Und das reißt ihn komplett aus seinem Leben heraus. Nichts von dem, was sonst so wichtig scheint, spielt im Moment der Krankenhausaufnahme noch eine große Rolle. In diesem Moment weiß man, dass die Gesundheit das Wichtigste und Grundlegendste von allem ist.

Wenn ein Kranker sich ins Krankenhaus begibt, unabhängig davon, ob er dies im Rahmen eines Notfalles oder mit einem vorher vereinbarten Termin tut, dann ist er in aller Regel voll von Sorgen, Ängsten, Nöten, oft auch Schmerzen und Beschwerden. Es fühlt sich so an, als sei er den Mitarbeitern des Krankenhauses auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Aber sagen wir besser: Er begibt sich in deren Hände.

Wenn die Mitarbeiter des Krankenhauses sich bei jedem einzelnen Menschen, der sich in ihre Hände begibt, klarmachen, dass dieser eine Mensch in einer für ihn extremen Ausnahmesituation ist, voller Angst, Ungewißheit und vielleicht von Schmerzen und Nöten geplagt ist, dann können sie ihm eben genau so begegnen, wie man einem Menschen in Not begegnet: Sie können sich in Ruhe und ganz konzentriert auf ihn einlassen, ihm erklären, was los ist und was geschehen sollte, ihm von Mensch zu Mensch begegnen und ihm, soweit das möglich ist, seine Sorgen und Ängste nehmen. Und ihn dann ins Krankenhaus aufnehmen und die gemeinsam vereinbarte Therapie durchführen.


Dabei ist es natürlich erforderlich, intern eine gewisse Routine zu verfolgen: Bei bestimmten Aufnahmeanlässen gibt es festgelegte Untersuchungen, die immer durchgeführt werden, es gibt Informationsflüsse, die regelmäßig eingehalten werden, und es gibt notwendige Handlungsschritte, die in bestimmten Situationen zuverlässig erfolgen müssen.

Aber eines gibt es nicht: Eine Routine für diesen einen aufgenommenen Menschen. Für ihn und für seine Angehörigen bleibt die Aufnahme ins Krankenhaus immer eine extreme Ausnahmesituation. Für ihn ist es keine Routine, aufgenommen zu werden.
Ich selbst war vor einigen Tagen in der Situation, einen geliebten Angehörigen notfallmäßig ins Krankenhaus begleiten zu müssen. Die Mitarbeiter haben sich intern unzweifelhaft an eine gut erprobte Routine gehalten.

Aber gegenüber uns Angehörigen und gegenüber dem Patienten haben sie sich gerade nicht verhalten, als sei das alles Routine. Sie haben sich so verhalten, wie es sich für uns dargestellt hat: Als eine Ausnahmesituation, geprägt von Angst, Ungewissheit und Schmerz. Und darauf sind sie eingegangen. Sie wussten, haben uns gezeigt und zugelassen, dass es für uns keine Routine war.

Die Aufnahme ins Krankenhaus ist nur intern Routine, für den Patienten und seine Angehörigen ist und bleibt sie eine extreme Ausnahmesituation. Die Kunst ist, beides zugleich zuzulassen.

Die Behandlung unseres Angehörigen dauerte nicht lange, und sie ist inzwischen Gott sei Dank erfolgreich abgeschlossen. Für uns war es alles andere als Routine.
 

Bildquelle (Außenseite):Praveen, flickr

 

Bildquelle: Ken and Nyetta, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 03.12.2015.

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Frau im Gesundheitssektor
Die eingelieferten/einbestellten Pat. an Schulter oder Arm zu berühren und ein paar ernstgemeint empathische Worte wie "Wir schauen uns das mal an" oder "Ich weiß, dass Sie Angst haben, aber das brauchen Sie gar nicht" sind sehr hilfreich, werden nur leider nie oder sehr selten genutzt. Die Kranken bestehen nämlich nicht nur aus dem Körper und sind nicht nur "die Gastro von Zimmer 4" oder "die Tonsillen von der 8" sondern Menschen mit Ängsten vor dem nächsten Schritt. "Was passiert jetzt mit mir? Wird das wehtun? Wann ist es endlich zu ende?" Begleitende Erklärungen wie: "Wir nehmen jetzt Blut ab, Achtung: jetzt kommt mal ein kleiner Pieks, so das wars schon", sind beruhigend. Das med. Personal weiß, was der nächste Schritt ist, aber die Kranken nicht. Darum meine Bitte als erfahrende Patientin: Kurze Berührungen an Arm, Schulter oder Händen wirken beruhigend. Pat. ist weniger ängstlich und daher leichter zu händeln. Das hat mit der Seele zu tun, und nicht so sehr mit dem Körper.
#4 am 17.12.2015 von Frau im Gesundheitssektor (Gast)
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Gast
Wunderbarer Artikel. Das dürfen wir nie vergessen.
#3 am 26.11.2015 von Gast
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Vielen Dank für diesen tollen und wichtigen Artikel. ... und ein dickes Dankeschön an alle Ärzte, Pfleger, Schwestern, ..., die empatisch sind.
#2 am 25.11.2015 von Anette Wagner (Heilpraktikerin)
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Die Aufnahme ins Krankenhaus ist nur intern Routine, für den Patienten und seine Angehörigen ist und bleibt sie eine extreme Ausnahmesituation. Die Kunst ist, beides zugleich zuzulassen. Diesen fast-Schlusssatz des obigen Artikels kann ich aus eigener Erfahrung nur unterstreichen und unterschreiben!
#1 am 24.11.2015 von Anke Niggenaber (Weitere medizinische Berufe)
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