Was darf ein Medikament kosten?

17.11.2015
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Diese Frage habe ich auf meinem Blog Pharmama.ch letzte Woche gestellt. Und zwar anhand eines konkreten Beispiels:
 Ich möchte gerne, dass sich jeder von Euch dieses Medikament hier ansieht und sich überlegt, was es ihm wert ist. Praktisch so, wie auf einem afrikanischen Basar: Was bist Du bereit dafür zu zahlen?

Vielleicht noch ein paar Informationen dazu: Das ist ein Sirup, aromatisiert, 90 ml Inhalt in einer Glasflasche, es enthält den Wirkstoff Paracetamol, den man gegen Schmerzen und Fieber einsetzt. Zur korrekten und einfachen Dosierung gibt es dazu ein Messlöffel aus Plastik. Die Dosierung riechtet sich nach dem Körpergewicht des Kindes. Packungsbeilage (wie bei uns in der Schweiz üblich) in drei Sprachen (Deutsch, Französisch, Italienisch) gibt es dazu, sowie eine farbige Umverpackung.

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Ein vierjähriges Kind lässt sich damit bei Ausnutzen der Maximaldosierung drei Tage lang behandeln, wenn man weniger benötigt, entsprechend länger. Eine Erkältung, eine schwierige Zahnungsphase bei Jüngerne oder Kopfschmerzen bei Älteren sind damit abgedeckt.

Ohne zu googeln – wieviel wäre Euch so ein Mittel wert? Angaben in Euro oder Franken, ist momentan ja eh fast dasselbe.

Auswertung: Nach den Angaben (Stand bis Mittwoch 9 Uhr) haben wir die folgende Verteilung (bei Reichweitenangaben wurde der Mittelwert genommen und Angaben jeweils von X,0 bis Y,9):

Zur Auflösung: der Sirup kostet im Verkauf CHF 2,25 (das wären momentan in 2,50 Euro). Das kann verschrieben werden und wird dann von der Krankenkasse bezahlt, man bekommt es aber (zum gleichen Preis) auch ohne Rezept. 2 Franken, 25 Rappen.

Ich finde das wahnsinnig wenig. Ich finde das so wenig, dass ich mich frage, wie die Firma sich noch leisten kann das herzustellen. Die Antwort darauf ist wahrscheinlich die: kann sie sich nicht. Jedenfalls nicht in Europa. Ganz sicher nicht in der Schweiz oder Deutschland. Das kommt also wohl aus Asien (China oder Indien). Mich persönlich beunruhigt das, wenn ich von den Arbeitsbedingungen dort lese und wie die Firmen es mit dem Umweltschutz halten (was ist das?) und auch, wie es teilweise um die Qualität der Produkte dort steht.

Bei diesem Beispiel Paracetamol-Sirup höre ich natürlich: der Wirkstoff ist supergünstig! Klar. Aber es geht nicht nur um den Wirkstoff (der ganz sicher aus Asien importiert wird), es geht auch um die Galenik: den Wirkstoff in eine gut einnehmbare und haltbare flüssige Form zu bringen.

Natürlich gibt es Paracetamol günstig in Tabletten und in Zäpfchen. Die sind einfacher herzustellen. Wobei ich hier anmerken möchte, dass die Wirkung davon abhängen kann, wie die Tabletten hergestellt sind. In dem Film, den ich vor ein paar Tagen hochgeladen habe, habe ich sowohl Dafalgan-Tabletten als auch Panadol-Tabletten zerfallen lassen. Die Dafalgan haben ewig gebraucht.

Bei Schmerzmitteln kann sowas relevant sein – ob man jetzt 20 Minuten auf die Wirkung wartet oder 1 Stunde. Man “muss” natürlich keine Schmerzmittel nehmen … aber ich bin froh, dass es sie gibt. Junior wohl auch, der leidet gelegentlich auch unter Kopfschmerzen … und Zäpfchen mag er gar nicht mehr. Wer schon einmal eine Panadol Tablette einfach in Wasser suspendiert hat, weiß auch, dass die nicht gut schmeckt. Scheusslich eigentlich. Und wenn einem schon fast schlecht vor Kopfschmerzen ist, ist das auch ungeschickt. Also Sirup.

Jemand fand, wenn das ein “No-Name-Produkt” ist und kein “Brand”, dann wäre er nicht bereit, so viel dafür zu zahlen. Dazu möchte ich sagen: Das wäre mir egal. Generika und Original sind, oder sollten es zumindest sein, gleichwertig. Und Paracetamol-Sirup gibt es in der Schweiz gar nicht mehr als Orignalprodukt (das wäre wohl Panadol oder Tylenol)

Tatsächlich gibt es das nur von Brystol-Meyers-Squibb (das Dafalgan) oder von Nutrimed (das BenURon – das 200mg/5ml enthält, also anders dosiert ist und für 100ml CHF 5,10 kostet). 2 Sorten. Das wars.

Das ist auch so etwas, das mir Angst macht: Wenn es sich für die Firma nicht mehr lohnt, ein Medikament herzustellen, dann kann es gut sein, dass sie es auch nicht mehr machen. Gut, beim Paracetamol kann man noch ein bisschen etwas über die Riesenmenge, die verkauft wird, auffangen und Ihr denkt jetzt sicher auch: “Ach was, kann nicht sein: etwas so Grundsätzliches wie ein Paracetamol-Sirup kann man doch nicht einfach nicht mehr anbieten.”

Was denkt ihr bei zum Beispiel bei einem Antibiotikum-Sirup? Auch wichtig und auch grundsätzlich? Da würde man die Produktion doch auch nicht einfach einstelllen? Aber genau das hatten wir schon. Beim Nopil-Sirup.

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Ja, ich habe in einem Blogpost am Rande davon berichtet (hier: "By Proxy"). Erst wurde der Bactrim Sirup aus dem Handel genommen (das “Original”), dann mit Nopil von Mepha auch noch das letzte Generikum in flüssiger Form mit demselben Wirkstoff. Damals geschah das kommentarlos, nun ist mir klar warum. Offenbar hatte das BAG ein Einsehen und der Preis dafür wurde wieder angehoben (auf wahnsinnig hohe 9,- Schweizer Franken, exklusive Checks, die da noch draufkommen, da rezeptpflichtig und kassenpflichtig). Das Antibiotikum ist als Wirkstoff noch wichtig, wird aber nicht sehr häufig gebraucht, dann Preissenkung ... Und weg war es. :-(

Im Spital haben sie das Problem übrigens schon länger. Wenn die für ihre Patienten auf der Station nach Antibiotika suchen, die noch wirken, müssen diese heute häufiger aus dem Ausland importiert werden, weil es in der Schweiz einfach nicht mehr alle Wirkstoffe im Handel gibt! Und momentan importieren wir also sogar Nopil-Sirup, aus Deutschland, hergestellt in keine Ahnung wo ...

Ein paar von Euch fanden, sie würden sowieso keinen Paracetamol-Sirup nehmen/kaufen, da der Ibuprofen-Sirup so viel besser sei. Das war auch nur ein Beispiel, das ich hier bringe. Ich widerspreche nicht, ich empfehle den Ibuprofen-Sirup auch ab dem Alter von sechs Monaten (vorher gibt’s halt nur Paracetamol), er wirkt entzündungshemmend, hat (etwas) weniger Nebenwirkungen, schmeckt besser. Und in der Schweiz gibt es genau eine (Eine!) Marke: Algifor Sirup (Bitte lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie ihre Apothekerin). Der kostet frei verkäuflich etwa 12 Franken für 200ml, was ich ebenfalls sehr günstig finde.

Es geht im Grunde immer darum, was etwas einem Wert ist. Mir ist ein Mittel, das mich von meiner Migräneattacke befreit sehr viel mehr wert als ein Kaffee. Und dabei brauche ich das Schmerzmittel noch weniger. Wenn ich den Preis (kumuliert) von einer Tasse Kaffee pro Tag vergleiche mit den vielleicht drei Packungen Schmerzmitteln pro Jahr ... aber so weit denken die meisten Leute nicht.

Die Leute schreien immer wegen der Medikamentenpreise (ja, auch hier in den Kommentaren), hauptsächlich mit Argumenten wie: in XY ist es viel günstiger, da bekomme ich 20 Tabletten für unter einem Euro. Dabei vergessen sie oft, was da dahintersteckt. Der Wirkstoff, die Herstellung, die Verpackung, Transport, Lagerung Verkauf durch Fachpersonal (mit Paracetamol kann man sich wunderbar umbringen, auch unbeabsichtigt, das geht schneller als man denkt. Sollte das wirklich im Discounter im Regal stehen?). Da kann man nicht mit dem Preis immer nach unten, irgendwann bringt selbst das Einkaufen des Wirkstoffes beim billigsten Anbieter in Asien und das Auslagern aller Arbeitsschritte in den fernen Osten nicht mehr die nötige Ersparnisse, sodass sich der Vertrieb noch lohnen würde.

Und dann?

Bestellen wir dann alles im Internet oder kaufen es in den Ferien ein und hoffen, dass es keine Fälschung ist?

Artikel letztmalig aktualisiert am 24.11.2015.

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Gast
Ein trauriger Trend: Arzneimittel und Medizinprodukte sind keine Bonbons, nicht beliebig. Es geht immer um unsere Gesundheit. Es müssen regulatorische Vorgaben eingehalten werden, das Personal sollte nach Qualifikation entlohnt werden. Preise in Relation zu Lebenshaltungskosten des Landes sind sinnvoll und angemessen.
#4 am 27.11.2015 von Gast
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Gast
Das Arzneimittel kann manchen Leuten nicht billig genug sein, aber bei einem , zugegeben nicht unproblematischen Arzneimittel wie Paracetamol für zum Teil unter einem Euro eine ausführliche Beratung, eine Tüte und möglichst noch ein paar Taschentücher verlangen. Wo lassen wir bitte denken?
#3 am 24.11.2015 von Gast
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Gast
Genau aus diesen Gründen macht es uns dies quasi unmöglich, ein Generikum zu Paracetamol Sirup anzubieten. Es wird immer nur über die Medikamentenpreise hergezogen, obwohl diese nur ein paar wenige Prozent (!!) der gesamten Gesundheitskosten ausmachen. Vernachlässigt wird oft der wesentlich kleinere Schweizer Markt, also zB. die höheren Beschaffungskosten (kleinere Mengen = höherer Preis). http://intergenerika.ch/wp-content/uploads/2014/09/Medienmitteilung_140228.pdf Grundsätzlich sind jedoch alle Hersteller an die selben Guidelines gebunden (GMP) und es gab auch schon Fälle wo Europäische Hersteller von den Behörden geschlossen worden sind.
#2 am 24.11.2015 von Gast
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Gast aus D
Die Konzentrierung auf einen oder wenige Hersteller führt auch in Deutschland zu immer mehr nicht-lieferfähigen Arzneimitteln. Fällt der eine Hersteller oder Rohstofflieferent in Indien oder China aus, dann ist das Arzneimittel in Deutschland eben nicht mehr verfügbar. Gerade kleinere Fachgruppen wie Augen- oder HNO-Ärzte sind davon betroffen. Beispiele hierfür im letzten Jahr Thilorbin und Cyclopentolat 0,5% (beides Diagnostika beim Augenarzt) oder aktuell Provokit (Methacholinchlorid für den bronchialen Provokationstest). Beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gibt es schon eine eigene Veröffentlichung über aktuelle Lieferengpässe (http://www.bfarm.de/DE/Arzneimittel/Pharmakovigilanz/Risikoinformationen/Lieferengpaesse/_node.html). Und es ist zu befürchten, dass alles in Zukunft wohl noch schlimmer werden wird.
#1 am 18.11.2015 von Gast aus D (Gast)
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Die Patientin ruft in einer sehr hektischen Zeit an und der Computer neben dem Telefon ist von meiner Kollegin mehr...
Angenommen, Dir oder einem Angehörigen geht es so schlecht, dass er oder sie ins Spital muss. Dort wird man dann mehr...
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