Von den Traumatisierten lernen: Wir brauchen ein neues Traumakonzept

16.11.2015
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Passt unser altes Traumakonzept zur Lebensrealität der syrischen Flüchtlinge? Passt es zum Empfinden der Augenzeugen des jüngsten Terrors in Paris? Funktionieren unsere Trauma-Behandlungskonzepte für auch in Zukunft von körperlicher Gewalt bedrohten Afrikanerinnen?

Ich habe schon etwas länger überlegt, wie ich dieses Thema gut formulieren kann, aber eben gerade ist ein Zeit-Artikel veröffentlicht worden, der die Sache auf den Punkt bringt. Die Autorin Annika Reich beschreibt in diesem Artikel sehr differenziert, warum der in der amerikanischen Gesellschaft geprägte Begriff der Posttraumatischen Belastungsstörung, der aktuell häufig im Zusammenhang mit Flüchtlingen aus Syrien und anderen Krisengebieten verwendet wird, nicht passend sein muss.

Der Begriff des Traumas und der Posttraumatischen Belastungsstörung wurde nach dem Vietnamkrieg für amerikanische Soldaten geprägt, die aus einer heilen Welt kamen, dann in eine traumatische Kriegssituation geschickt worden sind, und danach in eine heile und komplett sichere Welt zurückkehrten.

Dieses Konzept ist aber nicht unmodifiziert übertragbar auf viele der Flüchtlinge, Vertriebene und Menschen, die fortgesetzt Gefahren und Verfolgungen ausgesetzt sind.

Die Ausgangssituation ist eine komplett andere für einen Menschen, der noch kein bestätigtes Aufenthaltsrecht, keinen dauerhaften Wohnraum, keine Aussicht auf Arbeit und Lebensunterhalt hat. Und noch einmal ganz anders für Menschen, die damit rechnen müssen, dass ihre körperliche und psychische Unversehrtheit auch in Zukunft noch gefährdet sein wird.

Daher sind auch die Behandlungskonzepte, die für die amerikanischen Soldaten entwickelt worden sind und hier auch wirksam waren, nicht 1:1 übertragbar. Die Psychotherapiemethode der Imagination eines „Sicheren Ortes“ mit dem Ziel der Distanzierung von traumatisierenden Erlebnissen ist für einen Menschen ohne geklärtes Aufenthaltsrecht kaum hilfreich.

Auch haben andere Kulturen oft ein anderes Verständnis von Trauma. Reich beschreibt, dass in der afrikanischen Kultur traumatisierte Frauen weniger als Opfer und mehr als Überlebende konzeptualisiert werden, was eine andere Qualität heilsamer Ressourcen in den Vordergrund rückt. Auch spielt es in anderen Kulturen eine größere Rolle, Teil einer funktionierenden und schützenden Gemeinschaft zu sein, als dies im Westen der Fall ist.

Der Artikel ist mehr als lesenswert, ihr findet ihn hier.

Auch Menschen, die von den Terroranschlägen in Paris traumatisiert worden sind, sind in einer anderen Lage, als die amerikanischen Soldaten nach dem Vietnamkrieg. Sie sind in einer Hinsicht in einer schlechteren Lage. Denn ihr Sicherheitsgefühl ist ja zu Recht erschüttert. Es kann tatsächlich niemand garantieren, dass der nächste Anschlag nicht schon geplant ist und kommen wird.

Das heißt natürlich nicht, dass man für Flüchtlinge, Verfolgte oder jetzt in Paris, Frankreich und der gesamten westlichen Welt erschütterte Menschen keine wirksame Psychotherapie anbieten kann.

Aber man muss anerkennen, dass die bisherigen Modelle nicht unverändert passen und nicht einfach übertragen werden können. Dies könnte in manchen Fällen sogar schaden. Stattdessen ist in jedem Einzelfall zu prüfen, welche Ressourcen dem jeweils Betroffenen Menschen wirklich helfen können.

Ich denke, dass wir hier, in diesem Teil der Welt, viel von anderen Ländern und Kulturen lernen können. Wir müssen lernen, ein gewisses Gefühl der Unsicherheit zu akzeptieren und damit umzugehen. Und wir tun gut daran, neu zu überdenken, welche Behandlung zu welcher Zeit einem traumatisierten Menschen wirklich helfen kann.

Also: Lernen wir von den traumatisierten Flüchtlingen, welcher Umgang ihnen hilft, sich wieder zu stabiliseren. Lernen wir von feministischen Aktivistinnen, die Qualität der Überlebenden hervorzuheben. Lernen wir von Afrikanern, den Wert einer Gemeinschaft, die zusammen hält, zu schätzen.

Wenn wir das von den Betroffenen gelernt haben, und wenn wir den Traumatisierten durch vernünftige Politik sichere Rahmenbedingungen geschaffen haben, dann können wir anfangen, mit einer neuen Psychotherapie zu helfen.

Hier geht es zum Blog.

Bildquelle: torbakhopper, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 18.11.2015.

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Medizin, Psychiatrie
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Gast
Die Situation mit dem Vietnam-Krieg ist nicht mit der heutigen Situation zu vergleichen. Die Soldaten damals waren oft Opfer und Täter zugleich und durch die damaligen Taten traumatisiert. Die Asylsuchenden von heute sind überwiegend Opfer die mit den Kenntnissen der achtziger Jahre nicht therapiert werden können. Im Grunde ist das Trauma für viele dieser Menschen noch nicht beendet und sie leben weiter in der Angst, wie es mit ihnen weiter gehen soll. Viele Menschen sind stärker als wir glauben und wollen vielleicht nicht therapiert werden. Sie möchten vielleicht nur in Europa sicher leben, hier Arbeit finden und mit ihren Familien vereint sein. Für die Therapiebedürftigen darf eine neue Strategie entwickelt werden.
#6 am 28.11.2015 von Gast
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Der Teil mit dem als Überlebende gesehe zu werden statt als Opfer gefällt mir sehr!! Weg nur vom Opfer-Denken täte uns "im Westen" auch gut.
#5 am 19.11.2015 von Schwester Annette Latka (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Gast
#3 Sie haben natürlich vollkommen recht, man sollte sich nicht an irgendwelchen Manualen und Leitlienien abarbeiten. Ich bin in erster Linie somatisch tätig und nur mit Zusatzbezeichnung Psychotherapie. Ich habe den Eindruck, der Nachwuchs betreibt die Medizin aber insgesamt so, bevor man denkt, tut man was in den Leitlinien steht. Ich halte das für einen gesundheitsschädlichen Trend,befürchte jedoch, dass er auch die Psychotherapie erfassen wird.
#4 am 19.11.2015 von Gast
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Gast
Wie ist denn "Traumatherapie" definiert? Es gibt doch keine einheitliche Vorgehensweise. Informationen über (mögliche) Traumafolgen sind für den Betroffenen meistens hilfreich, um Schuldgefühle zu verringern. Und jeder erfahrene Therapeut wird sich doch am Gegenüber orientieren und nicht stur ein PTBS-Traumamanual abarbeiten. Und hoffentlich einschätzen können, welche Maßnahmen zur Stabilisierung notwendig sind, und ob, im individuellen Fall, konfrontative Vorgehensweisen nötig und sinnvoll sind.
#3 am 19.11.2015 von Gast
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Gast
Vielleicht sollten wir versuchen, uns aus unserer westlichen Denkart ein wenig zu befreien. Wir sind nicht die großen "Erlöser" der Leiden anderer Völker. Das ist ein fataler Irrtum und immenser Hochmut. Der Stellenwert des Glaubens und der Familie ist in den letzten Jahrzehnten in unserer Gesellschaft rapide gesunken. Damit haben wir uns gleichsam von einer seelischen Kraftquelle abgeschnitten - was wir nun mit psychologischer Hilfe zu kompensieren versuchen. Unsere eigene innere Verlassenheit therapieren wir durch pseudohilfsbereiten Aktionismus. Vielleicht sind diese traumatisierten Menschen innerlich reicher und stärker, als wir vermuten. Es ist sogar anzunehmen, dass wir emotional kränker und seelisch ärmer sind als jene, denen wir zu helfen versuchen. Der Glaube an einen Gott der Liebe, der durch alles Leid hindurch hilft und durch sein eigenes Vorbild dem Leid Sinn gegeben hat, kann traumatisierten Menschen vermutlich mehr helfen, als eine noch so gut gemeinte Psychotherapie.
#2 am 19.11.2015 von Gast
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Gast
Traumatherapie ist eh kontraindiziert, solange die belastende Situation fortbesteht. Erst müssen die Menschen in Sicherheit sein, dann kann evt., falls noch nötig eine Therapie sinnvoll sein. Das ist aber kein "muß". Wer Schreckliches erlebt hat muß keine Traumafolgestörung entwickeln. Wichtige Faktoren dabei: Wie hilflos fühlte sich die Person in der Situation wirklich? Wie schnell kam sie wieder in sinnvolle, selbstbestimmte Handlung? Und wie gut ist die soziale Einbindungen? Was Menschen direkt nach einem potentiell traumatisierenden Ereignis hilft ist psychologische erste Hilfe, die die Menschen unterstützt, ihr schon bestehenden Bewältigungsstrategien zu aktivieren. Nicht Therapie!
#1 am 18.11.2015 von Gast
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