„Fox and the city“

12.11.2015
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Der Befall mit Echinococcus multilocularis (Fuchsbandwurm), Erreger der alveolären Echinokokkose, oder Echinococcus granulosus (Hundebandwurm), Erreger der zystischen Echinokokkose wurde früher hauptsächlich bei Landwirten oder Jägern diagnostiziert. In der Region Ulm (Baden-Württemberg) sind auch Städter betroffen: Der Fuchs passt sich zunehmend dem Stadtleben an.

Kot der Tiere mit Bandwurmeiern findet sich dort auch häufiger in Sandkästen oder auf Gemüsebeeten und bleibt monatelang ansteckend. Deshalb ist die Großregion Ulm auch so eine Art „Epizentrum“ für Echinococcus-Untersuchung, -Diagnose und –Therapie an der dortigen Universitätsklinik: http://www.uniklinik-ulm.de/struktur/zentren/comprehensive-infectious-diseases-center/home/fuer-patienten-und-angehoerige/behandlung-spezifischer-infektionen/echinococcus.html


Werden die Eier aufgenommen, gelangen sie vermutlich über den Zwölffingerdarm in die Leber. Nicht jeder Mensch erkrankt, das Risiko hierfür scheint, genetisch bedingt zu variieren.

Noch vor kurzer Zeit habe ich meine Patientin A. H., 65 Jahre, als christlich-alevitische Kurdin aus Ostanatolien stammend, mit einer Hundebandwurm Echinococcus-granulosus-Infektion [zystische Echinokokkose] der Leber (ICD-10-GM B67.0+G) in meiner Sprechstunde gesehen. Nach Basistherapie und zweimaliger Eskazole® (Albendazol) Erhaltungs-Therapie besteht ein stabiles Befundbild mit abgegrenzter Zystenwand ohne Beschwerden.

Der Radiologe war damals bei seinem multi-slice-CT des gesamten Abdomen im Mai 2005 sehr überrascht über die riesengroße Leberzyste mit den wandständigen Tochterbläschen. Eine operative Sanierung erschien unseren Chirurgen zu risikoreich.

Infektionen mit Echinococcus multilocularis (Fuchsbandwurm), dem Erreger der alveolären Echinokokkose, werden wie der Name nahelegen könnte, nicht nur durch Füchse, sondern auch durch (Jagd)-Hunde, die mit Füchsen in direkten Kontakt kommen und den Zweikampf suchen, übertragen. Keineswegs sind Füchse Vegetarier, die mit ihren Lefzen in Wald und Flur Heidelbeeren, Preiselbeeren, Waldhimbeeren und -Erdbeeren bzw. Pilze bespeicheln oder bekoten. Diese Wald-Früchte können bedenkenlos gegessen werden. 

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Die bei uns (bis auf den Großraum Ulm) extrem seltenen Echinococcus-multilocularis-Infektionen werden fast ausschließlich durch wald- und fuchsnahe Hundehaltung, ungenügende veterinärmedizinische Entwurmungen/Impfungen und nicht durch die im gleichen Wohnumfeld gegessenen, rohen Waldbeeren oder Pilze übertragen. Sonst müssten in den Weiten der beeren- und bärenreichen Tundra Alaskas – wo ich am malerischen „Blueberry Lake Campground“ nördlich von Valdez kampierte – sämtliche Bewohner irgendwann über den dort sehr verbreiteten nordischen Fuchs infiziert worden sein.

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Dort werden übrigens auch im großen Stil „Cranberries“ als die „großfrüchtige Moosbeere“ geerntet und exportiert. Und auch diese Beeren kann man bedenklosen verzehren.

Die beiden Arten der Echinokkosen, also die alveolären Echinokokkose (Fuchsbandwurm) und die zystischen Echinokokkose (Hundebandwurm), sind einer der wesentlichen Gründe, warum Hunde und Katzen auch als Haustiere nicht auf Kinderspielplätze dürfen. Zahlreiche Haustierhalter verstoßen dagegen aus Unwissenheit oder Ignoranz. 


Alle Abb. im Text © Praxis Dr. Schätzler Alaska/USA 2014

Bildquelle: Clive Varley, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 19.11.2015.

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Sorry, @ Gast 8 und 9! "Fox and the City" ist eine Anspielung auf die äußerst bekannte und beliebte US-TV-Serie "Sex and the City", die überwiegend in New York spielt, und in deutscher Synchronisation viel gesehen wurde. Die Uniklinik in Ulm spricht davon, dass in ihrem Großraum sich der Fuchs an den urbanen Lebensraum anpasst. Ich danke übrigens allen (kritischen) Kommentatoren für ihre wertvollen Hinweise und Richtigstellungen. Meinen Beitrag habe ich während eines vollen Praxisbetriebs ohne tiefergehende Recherchen geschrieben, und ich stehe zu meinen Fehlern bzw. Ungenauigkeiten. In einem muss ich allerdings widersprechen: Bei Inuits und indigene Völkern Alaskas (Inupiaq, Yupik, Aleut, Eyak, Tlingit, Haida, Tsimshian und Athabaskan) , die mit ihren Schlittenhunden von der Art des "Siberian Husky" auf engstem Raum und unter primitiven Bedingungen zusammenleben, sind a l l e Zooonosen grundsätzlich infektionsepidemiologisch häufiger. Mf+kG
#11 am 19.11.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
Wenn ich mich richtig an die Römersteinstudie erinnere, stellt das Halten von Hunden oder Katzen kein erhöhtes Risiko für Fuchsbandwurmbefall dar. Auch Landwirte und Forstarbeiter haben kein erhöhtes Risiko. Sind diese Daten mittlerweile überholt?
#10 am 18.11.2015 von Gast
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Gast
Teil 2: - „Die bei uns (bis auf den Großraum Ulm) extrem seltenen Echinococcus-multilocularis-Infektionen werden fast ausschließlich durch wald- und fuchsnahe Hundehaltung, ungenügende veterinärmedizinische Entwurmungen/Impfungen und nicht durch die im gleichen Wohnumfeld gegessenen, rohen Waldbeeren oder Pilze übertragen“ – Auch wenn der Verzehr von Waldbeeren etc. für Menschen wenig, wenn überhaupt, bedeutsam ist, ist alles Andere in diesem Satz eine Hypothese des Schreibers. - „..beeren- und bärenreichen (= ???) Tundra Alaskas… sämtliche Bewohner irgendwann über den dort sehr verbreiteten nordischen Fuchs infiziert worden sein“ (die alveoläre Echinokokkose wurde durchaus überzufällig häufig bei Inuits diagnostiziert…) Im Übrigen verstehe ich nicht, was dieser Beitrag mit „Fox in the city“ zu tun hat. R. Neiger
#9 am 18.11.2015 von Gast
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Gast
Nach Rücksprache mit unseren Parasitologen an der Veterinär-Parasitologie der Universität Giessen hier sein Kommentar: Teil 1: im Beitrag sind viele Fakten ziemlich komprimiert und damit zumindest missverständlich, manchmal sogar falsch dargestellt, hier nur eine paar Beispiele: - „Der Befall mit..…wurde früher hauptsächlich bei Landwirten oder Jägern diagnostiziert“ - „Werden die Eier aufgenommen, gelangen sie (sic!) vermutlich über den Zwölffingerdarm in die Leber“ - „…Jagd)-Hunde, die mit Füchsen in direkten Kontakt kommen und den Zweikampf suchen, übertragen“ (pardon: reiner Blödsinn! Als Endwirte infizieren sich Füchse wie Hunde doch durch Verzehr finnenhaltiger Kleinsäuger und nicht am Kot…) R. Neiger
#8 am 18.11.2015 von Gast
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@ Tom: Christlich-alevitisch bedeutet eine äußerst kleine religiöse Minderheit gegenüber der Hauptreligion des Islam als einer Art Staatsreligion in der Türkei. Kurdin bedeutet eine verfolgte politische Minderheit mit einem anerkannten Asyl-Anspruch in Deutschland. Und Ostanatolien bedeutet einfachste Bedingungen, unter denen Ackerbau und Viezucht mit Menschen und Tieren unter einem Dach betrieben werden. Von daher auch die hohe infektiologische Gefährdung durch Zoonosen. MfG
#7 am 17.11.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Tom
Interessanter Artikel! Allerdings rätsele ich noch, was der Punkt „A. H., 65 Jahre, als christlich-alevitische Kurdin aus Ostanatolien stammend“ an Zusatzinformationen versteckt. Wäre die Sachlage bei „H.B, 56 Jahre, buddhistische Bäuerin aus Ostfriesland“ eine andere?
#6 am 17.11.2015 von Tom (Gast)
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"ungenügende veterinärmedizinische Entwurmungen/Impfungen" Es stehen keine Impfungen gegen Echinokokkose zur Verfügung. Zur Entwurmung: Veterinärmediziner können Tierhalter nur immer wieder versuchen aufzuklären, aber nicht zwingen, ihre Tiere häufig genug mit wirksamen Mitteln zu entwurmen. "... Katzen auch als Haustiere nicht auf Kinderspielplätze dürfen. Zahlreiche Haustierhalter verstoßen dagegen aus Unwissenheit oder Ignoranz." Freigängerkatzen kann man leider kaum von Spielplätzen/Sandkästen fern halten, abgesehen davon, dass die Katze wie u.g. eine untergeordnetet epidemiologische Rolle spielt (für den Fuchsbandwurm, selbstverständlich gibt es hier noch andere Zoonosen). Somit kann hier schlecht mit dem Finger auf den Katzenbesitzer gezeigt werden. Jeder Hundebesitzer sollte wegen der enormen potentiellen Erregerausscheidung jeden Hundehaufen entfernen, leider ist dies vielen wohl zu viel Arbeit.
#5 am 16.11.2015 von Tierärztin Karolin Hoffmann (Tierärztin)
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Gast
Es dürfte inzwischen nichts Neues sein das die Hunde sich NICHT DURCH DEN DIREKTEKONTAKT mit dem Fuchs infizieren sondern durch die Aufnahme ( Fressen ) von Mäusen und bodenständige Nagetiere infizieren. Das Problem heute ist nicht die Infektionsquelle für den Parasiten , sondern die Resistensproblematik .
#4 am 16.11.2015 von Gast
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Die Echinokokkus-Geschichte ist komplizierter, als ich dachte: Das Robert-Koch-Institut beschreibt unter 'Zystische Echinokokkose': http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Echinokokkose.html "Reservoir - Hauptendwirt von E. granulosus ist der Hund, selten die Katze. Nach Fressen von rohen larvenhaltigen Innereien entwickeln sich beim Hund die adulten Bandwürmer. Wiederkäuer (v.a. Schafe, Rinder) dienen als Zwischenwirt. Sie nehmen die Eier beim Grasen auf kontaminierten Weiden auf. In Polen ist der Zwischenwirt für E. granulosus das Schwein (besonderer Stamm). Der Mensch kann als Fehlwirt mit dem Larvenstadium befallen werden." ...
#3 am 16.11.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Und unter 'Alveoläre Echinokokkose': Reservoir - Hauptendwirt für E. multilocularis ist der Fuchs. Die epidemiologische Rolle der vor allem in Ostdeutschland neu etablierten, für den Erreger empfänglichen Marderhundpopulation ist noch offen. Infektionen bei Hunden sind möglich, Katzen scheinen als Wirt eine untergeordnete Bedeutung zu haben, da der Parasit sich in ihrem Darm nur langsam entwickelt und nur wenige Eier produziert. Das Larvenstadium (Metazestode) befällt Nagetiere als Zwischenwirt (z.B. Feld-, Wühlmäuse, Bisamratten) oder auch den Menschen als Fehlwirt. Die Infektion der Endwirte erfolgt durch den Verzehr infizierter Nagetiere. Eine Infektion des Menschen durch Kontakt mit infizierten Nagetieren ist jedoch nicht möglich." http://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Echinokokkose.html
#2 am 16.11.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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so ein Unsinn. Die Jagd-Hunde infizieren sich nicht durch Direktkontakt mit dem Fuchs, sondern weil sie den Zwischenwirt "Maus" fressen. Dadurch sind Hundebesitzer generell gefährdet, weil auch normale Hunde infizierte Mäuse fressen. Die Infektion des Menschen geschieht durch Eier, die ausschliesslich aus dem Kot des Fuchses und nicht aus dessen Lefzen stammen. Daher können Früchte und Gemüse durch Windübertragung, Regentropfen und direkten Kot-Kontakt mit Eiern behaftet sein. Immer wenn wir in Kot reintreten, können wir uns infizieren, solange die Eier infektiös bleiben. Gibt es dazu Untersuchungen?
#1 am 16.11.2015 von Dipl.-Biol. Peter Heubüschl (Nichtmedizinische Berufe)
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