‚Haxe des Bösen‘ 3.0

05.11.2015
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‚Carcinogenicity of consumption of red and processed meat‘ war der plakative Titel einer vorläufigen Publikation, die 22 internationale Experten aus 10 Ländern gemeinsam mit der International Agency for Research on Cancer (IARC) in Lyon/F im Lancet veröffentlicht haben. Verarbeitetes, gepökeltes oder geräuchertes Fleisch (‚processed meat‘),

insbesondere gebraten, gegrillt und nitrosamin-/acrylamid-haltig wurde mit unbehandeltem Schlachtfleisch (rotem Fleisch) in einen Topf geworfen.

Peinlich für WHO-IARC-Experten! Sie müssen mit ihren voreiligen Schlussfolgerungen und Warnungen (Lancet Oncol 2015, online seit dem 26. Oktober und siehe hier) zurückrudern.

Verarbeitetes, gepökeltes oder geräuchertes Fleisch erhöht beim Menschen geringfügig das allgegenwärtig altersabhängige Krebsrisiko. Das wissen wir schon lange. Die Gattung Mensch is(s)t allerdings mit ihrem Gebiss, ihrer Beißmuskulatur, ihren Darm-, Verdauungs- und Ausscheidungs-Tätigkeiten „Allesfresser“ (Omnivore): Vergleichbar mit hochentwickelten Primaten ist der Homo sapiens auf eine obst- und vegetabil betonte Mischkost mit Fleisch, Fisch, Geflügel, Getreide und Milch-(Produkten) angewiesen.

Sein Energiebedarf über Protein, Kohlenhydrat, Fett, Mineralstoffe und Spurenelemente ist wegen der Gehirnentwicklung viel höher als bei anderen Primaten. Der global immer weniger Energie-verbrauchende Lebensstil, mangelnde Anstrengungs- und Aufwands-Kultur bzw. Bewegungsarmut post-industrieller Gesellschaften bei exzessivem Nahrungsmittelüberfluss führt gegenüber Armutsländern zu metabolischer Entgleisung, Diabetes mellitus und wachsendem kardio-pulmonalem bzw. nephro-vaskulären Risiko mit sekundärer Tumorinduktion: Dennoch steigt die Lebenserwartung und deren Abstand selbst gegenüber Armuts- und Schwellenländern immer weiter an.

Das ist der wesentliche Grund für die völlig naiv-empiristisch-heuristische, vorlaute Ableitung eines erhöhten Sterberisikos bei Konsum von rotem Fleisch, wenn man nicht zwischen „processed meat“ und „non-processed meat“ differenzieren will. Wir sterben nicht weil, sondern während wir zu viel rotes Fleisch essen und weil uns der allgemeine Überfluss zu dick macht! Das sogenannte „rote Fleisch“ sieht  in Wahrheit blass-grau-braun-rosé aus, wird aber vom Metzger auf Wunsch der  Verbraucher extra rot eingefärbt. Es macht statistisch bei normalen Mengen keine Erhöhung des Krebsrisikos.

Die 22 WHO/IARC-Experten beschreiben selbst, dass sie unverarbeitetes rotes Fleisch klammheimlich nur als „wahrscheinlich krebserregend“ klassifizieren können. Denn eine Evidenz, dass der Verzehr von rotem Fleisch karzinogen sei, können die Experten nicht mal belegen: Nur 7 von 15 informativen Fall-Kontrollstudien berichten von einer positiven Assoziation („Of the 15 informative case-control studies considered, seven reported positive associations of colorectal cancer with high versus low consumption of red meat”). „Case-control studies“ haben im Übrigen die schwächste Signifikanz und Aussagekraft wegen fehlender Ausgangshypothese und keinem prospektiven oder kontrollierten Studiendesign, wie bei sogenannten RCT-Studien.

Von einer nachvollziehbaren Publikation kann keine Rede sein. Diese ist noch in Vorbereitung: „International Agency for Research on Cancer. Volume 114: Consumption of red meat and processed meat. IARC Working Group. Lyon; 6–13 September, 2015. IARC Monogr Eval Carcinog Risks Hum (in press).“

Stattdessen flüchten sich die Experten in untaugliche Beispiele: Wenn tägliche 50-Gramm-Portionen von Produkten aus verarbeitetem Fleisch („processed meat“) das Risiko für Darmkrebs laut IARC um 18 Prozent steigern, erhöhen 278-Gramm täglich das Darmkrebsrisiko dann um einhundert Prozent? Und ist der Konsum einer 10-Gramm-Portion tgl. dann mit 3,6 Prozent erhöhtem Darmkrebsrisiko nicht mehr signifikant? 

Durch eine große Zahl von Rückfragen, besorgte Kommentare und Bitte um Konkretisierung sahen sich WHO und IARC zur Klarstellung genötigt und ruderten in einer erneuten Mitteilung vom Donnerstag, den 29.Oktober 2015, zurück.

Die WHO kündigt an, dass Anfang des kommenden Jahres ein Expertenkomitee der WHO die neuen Erkenntnisse und deren Auswirkungen auf die allgemeinen Ernährungsempfehlungen bewerten wird. Dieses soll dann auch den genauen Stellenwert von verarbeitetem bzw. rotem Muskelfleisch im Kontext einer gesunden Ernährung definieren.

Lauert da etwa wider besseres Wissen ein weiteres Mal die „Haxe des Bösen“?

Bildquelle (Außenseite): Lisovskaya, thinkstock

Bildquelle: Paris 2015 Boucherie Musulmane Copyright Praxis Dr. Schätzler

Artikel letztmalig aktualisiert am 18.06.2016.

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Gast
Übergewichtige Nudelvegetarier sterben früher.
#16 am 13.11.2015 von Gast
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Wenn ich diese Diskussion hier lese: woran sterben wir eher? An Depression, daß wir nun mal essen müssen, um nicht zu verhungern und essen nur noch Mist oder an den Folgen des Spaßes, den es macht, was Leckeres zu essen? Ich entschiede mich für das Letztere. Der Mensch ist Omnivore, wie gesagt wurde. Dann soll er auch alles essen. Es gibt immer wieder mal Wellen von spaßlosen Individuen, dem Menschen die Lust am Essen zu nehmen. Solche Menschen können keine Lust am Leben haben. Sie werden nicht älter, es kommt ihnen nur länger vor.
#15 am 08.11.2015 von Dr. med. Martin Lorenz (Arzt)
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Gast
Niemand stellt die Frage, wer hinter diesen "wissenschaftlichen" Veröffentlichungen steht, deren Inhalte schon ewig bekannt sind. Man weiss, dass die WHO von Interessengruppen beherrscht wird. Mal setzen die Umweltgruppen, mal die Industrie-orientierten Gruppen ihre als Wissenschaft verbrämten Ansichten durch. Gibt es auch bei der OECD: die stuft Deutschland regelmässig als ein Land mit schlechtem Gesundheitssystem und sogar mit einem bedenklichen Bildungssystem ein. Übrigens: Nitrit soll garnicht so schädlich sein, wie man dachte. Im Gegenteil stimuliert es bestimmte Zellen 8möglicherweise über NO),
#14 am 08.11.2015 von Gast
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Gast
Interessant, wie Studienergebnisse oft im Sinne der eigenen Ernährungsvorlieben interpretiert werden, ganz unwissenschaftlich...
#13 am 08.11.2015 von Gast
  0
@ #11 Dr. Christoph Molz: Zu großer und ausschließlicher Schlachtfleisch-Konsum ist für uns Menschen allerdings nicht bekömmlich. Wir haben im Gegensatz zu vielen Spezies keine Urikase, um Harnsäure abzubauen und provozieren bei übermäßigem, purinhaltigem Fleischkonsum Hyperurikämie und Gichtanfälle (Podagra). Dass wir Cellulose nicht enzymatisch spalten und verdauen können, hat auch Vorteile: So nehmen wir mit Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Salat auch Ballaststoffe auf, um unseren Verdauungsapparat zu harmonisieren. Obst wäre den IARC/WHO-Experten übrigens auch nicht immer recht: Wenn sie Wurst und Schinken mit gesundheitsschädlichen Stoffen wie Formaldehyd (IUPAC-Name Methanal) u. a. zusammenbringen, müssten sie vor Äpfeln oder Weintrauben warnen, die natürlicherweise Formaldehyd enthalten. Formaldehyd kommt auch im Holz vor und diffundiert in geringen Mengen in die Außenwelt.
#12 am 08.11.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Der Mensch ist, was das Verdauungssystem angeht, eher Fleischfresser als Allesfresser. Die Pflanzenfresser haben Gärkammern, um die Zellulose zu verdauen. Selbst das Schwein, das gemeinhin als Allesfresser bezeichnet wird, hat eine Solche (Blinddarm). Der Mensch nicht! Das Verdauungssystem des Menschen ähnelt eher dem von Hund und Katze. Man kann auch einen Hund vegetarisch ernähren. Trotzdem würde niemand den Hund als Pflanzenfresser bezeichnen. Bei weiter verarbeitetem Fleisch mag die Sache allerdings anders aussehen.
#11 am 07.11.2015 von Dr Christoph Molz (Tierarzt)
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Gast
#8: ja und ? Zudem gibt es dann halt die 2. Linie usw.
#10 am 07.11.2015 von Gast
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Gast
Es ist doch gut,dass sich da mal jemand traut,sowas überhaupt zu veröffentlichen. Eine Darmkrebsrate von konstant 5 % ist hoch.Und diese erhöht sich und nicht,dass 50g Wurst zu einem höheren Risiko von 18 %führen.Das war doch sofort klar.Es ist schon lange bekannt,dass Wurst nicht unbedingt gesunde Ernährung bedeutet,keiner weiss letztendlich noch,was da alles hineingematscht wird.Gerne isst man sie,aber wir haben doch oft danach Bauchweh,ich zumindest.Es hatte ja Gründe,warum der Nitratgehalt im Pökelsalz vor vielen Jahren von 8 Gramm auf 4 Gramm reduziert werden musste.Pro Doppelzentner Pökelsalz.Danach gabs dann Wurst auf welcher in der Zusammensetzung Rötemittel angegeben wurde.Phosphate und soviele andere Stoffe sind da drin.Ein gutes Stück Weiderind gekocht und in maßen genossen ist wohl wesentlich besser als ein Mettwürstchen,ein gebratenes Steak oder ein mariniertes vorgefertigtes Grillstück vom Mastschwein,Kasseler oder stark Nitritpökelsalz haltige Wurst.
#9 am 07.11.2015 von Gast
  0
"Kannitverstan"? BfR steht für Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Isoflavone wie Daidzein und Genistein werden in einer Reihe von Pflanzen gefunden, jedoch in erster Linie in Sojabohnen und Sojaprodukten wie Tofu und Sojafleisch...
#8 am 07.11.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
# 6 : Ja, die Dosis. Abgesehen von den übrigen Faktoren wird aber, die Dosis-Höhe betreffend, üblicherweise von Schädlichkeit bei ( zu ) hoher Dosis ausgegangen. Lt. BfR ist es aber so, daß etwa bei Genistein u. Dadzein gerade eine niedrige Konzentration im Verdacht steht, Tumorwachstum zu fördern. Offen erscheint, ob es sich lediglich auf Nahrungsergänzungs- oder auch Nahrungsmittel bezieht...
#7 am 07.11.2015 von Gast
  2
Gast
Diese ganzen Äußerungen sind einfach nur lächerlich und entsprechen der seit längerer Zeit laufenden Verblödung. Dazu braucht es auch keine teuren wissenschaftlichen Untersuchungen. Schon Hippokrates wusste und äußerte, dass jedes Ding Gift sein kann und das durch die Dosis bestimmt wird. Genau diese Dosis ist aber für jeden Menschen unterschiedlich je nach Gewicht , Lebensweise, Ernährung und sonstiger Gewohnheiten und Ausgangs-Voraussetzungen ( auch Altlasten spielen da eine Rolle!). Die WHO, die ja aus vielen intelligenten Köpfen bestehen sollte, hat mit dieser Aussage sehr wohl ihre Unglaubwürdigkeit offengelegt, die für interessierte Bürger auch vorher schon an vielen Beispielen sichtbar war. Auch beim Thema Impfungen ist ganz offensichtlich eine Beeinflussung durch andere Interessenten/Profiteure erkennbar. Heute scheint es nur Akzeptabel zu sein, wenn der Mensch nach unglaublich vielen medizinischen Eingriffen stirbt, Dann lassen sich diese vom Laien auch kaum noch als Ursache entlarven.
#6 am 07.11.2015 von Gast
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@ Gast #4 Dr. Georg Müller: "Ne laissez pas échauffer la bile, mon amie" - lassen Sie nicht die Galle über laufen, mein Freund! Niemand hatte die Absicht, Sie mit einer "Haxe des Bösen" zu beleidigen. Aber wenn 22 IARC-WHO-Experten am 26.10.2015 ein vorläufiges Statement veröffentlichen, das auf eine Publikation "in press" verweist, die auch Ernährungs-Forscher nicht finden können, und am 30.10.2015 ihre Verlautbarungen auf internationalen Druck hin relativieren müssen, kann man schon von Zurückrudern sprechen. Und keine Angst, ich habe "den tatsächlichen Wortlaut der WHO-Zusammenfassung altbekannter Studien" genau gelesen. MfG
#5 am 06.11.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  9
Dr. Georg Müller
Da echauffieren sich ein paar Menschen, die wieder einmal nur die reißerischen Überschriften in den Medien gelesen, und nicht den tatsächlichen Wortlaut der WHO-Zusammenfassung altbekannter Studien, was die WHO dazu bewegt, erneut den Inhalt ihrer Veröffentlichung darzustellen. Dies als "Zurückrudern" zu bezeichnen ist selbsverständlich vollkommener Humbug. Der hier auf Doccheck volkommen überflüssige und unsinnige, weil nichtssagende Beitrag reiht sich mit einer unterirdisch üblen Headline in die typisch unseriöse Berichterstattung zum Thema "Fleischkonsum" ein. Schade!
#4 am 06.11.2015 von Dr. Georg Müller (Gast)
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Gast
Die Monsanto verseuchte WHO will nur für seine Förderer von den Glyphosat vergifteten Nahrungsmitteln ablenken, für die es eindeutige Korrelationen zu den Häufigkeiten von mindestens 20 Krebsarten und anderen Krankheiten seit Markteinführung der Herbizide gibt. Zu den Wischi-waschi's der WHO kann man nur sagen, dass es eine Selbstdisqualifikation ist
#3 am 06.11.2015 von Gast
  2
Gast
Siehe auch http://www.rwi-essen.de/unstatistik/48/ mit einem interessanten Blick auf die Statistik.
#2 am 06.11.2015 von Gast
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Also Haxe ist ja nicht so meins, aber ich esse gerade mit Genuss hauchfein geschnittenen Serrano Schinken und amüsiere mich köstlich - besonders über den Titel Ihres Beitrags. Der Rotwein dazu ist auch extrem lecker - auch ungesund... Wie heißt es so schön: Sola dosis facit venenum
#1 am 05.11.2015 von Barbara Buschow (Selbstst. Apothekerin)
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