Welttag für Seelische Gesundheit am 10.10.2015?

29.10.2015
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Der 10. Oktober eines jeden Jahres soll der „Welttag für Seelische Gesundheit“ [World Mental Health Day] sein. Dies fordert die World Federation for Mental Health in Zusammenarbeit mit der WHO. Warum sich unsere seelisch kranken Patientinnen und Patienten an diesem „Gesundheitstag“ vielleicht trotzdem allein gelassen fühlen, bleibt das Geheimnis der Veranstalter.

Kontraproduktiv ist jedoch, dass es andernorts heißt, der 10. Oktober sei der „Internationale Tag der Optimisten“. Oder schlimmer noch: Der 10.10. sei der „Internationale Welt-Hunde-Tag“ bzw. zugleich auch noch der „Welt-Tag gegen die Todesstrafe“.

Eine der häufigsten krankhaften Beeinträchtigung seelischer Gesundheit sind die Depression, speziell die Depressionen im Alter. Diese Erkenntnis sollte nicht durch beliebig-inflationäre „Welt-Tage“ verwässert werden. Denn in der Tat sind die Altersdepression, die senile Involutionsdepression, die Melancholie, der „Trübsinn“, die Trauer, die negative Lebensbilanz, der Alterssuizid und die allgemeine Lebensperspektive der Älteren in der geriatrisch-hausärztlichen Sprechstunde oder bei Heim- und Hausbesuchen ein eminent wichtiges Thema.


Die Experten-Schätzung, jeder Zehnte über 70 Jahren sei von einer klinisch manifesten Depression betroffen, scheint für den hausärztlichen Alltag viel zu optimistisch. Nicht nur sozialer Rückzug, fehlende Lebensfreude, dysphorische Verstimmung mit Traurigkeit oder Antriebslosigkeit sind kennzeichnend. Sondern auch die soziale Lage mit oft geringer Rente, ungünstigem Wohn- und Umweltmilieu, häusliche bzw. „Heim“-liche Deprivation, falsche oder eintönige Ernährungs-, Bewegungs- und Sozial-Verhaltensmuster. Auch die Unfähigkeit, etwas zu genießen oder sich etwas zu gönnen, sind mit entscheidend für das eher niederdrückende subjektive und objektive Lebensgefühl. 

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Verlust der familiär-sozialen Beziehungs- und Bezugsgruppe, Wegsterben der Altersgenossen, Teilhabeminderung durch Krankheit, Schmerzen, Handicaps, und allgemeine Bewegungs- und Belastbarkeitseinschränkungen kommen noch hinzu. Hilfsmittel, die den Aktions- und Erlebnisradius erweitern könnten (zum Beispiel E-Fahrrad, Personenaufzug, Treppenlift, Rollstuhl ohne medizinische Verordnungsmöglichkeit, Senioren-Taxi etc.) sind nicht immer verfügbar.

Für meinen Praxisalltag ist die „gender“-spezifische emotional-kommunikative Kompetenz bei Männern und Frauen äußerst wichtig. Im Alter und mit zunehmendem Starrsinn spitzen sich sozialpsychologisch bekannte, intra- und interpersonelle Bewältigungsstrategien [Coping Strategies] zu. Diese sind kulturell geprägt und im Gegensatz zum Tierreich durch stammes- bzw. landsmannschaftliches, geschichtlich entwickeltes Denken, Fühlen, Wollen und Handeln bzw. basale Kulturtechniken gekennzeichnet.

Und damit scheitern die Männer in zunehmendem Alter leider oft auf der ganzen Linie. Weibliches „Social Coping“ versus männliches „Physical Coping“ stellt den Zusammenhang zwischen schwierigeren Lebensentwürfen und deren Realisationen im höheren Lebensalter bzw. dem Abgleiten in eine ärztlich-psychotherapeutisch behandlungsbedürftige Altersdepression her.

Bildquelle (Außenseite):

Bildquelle: Dave Herholz, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 31.10.2015.

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Gast
# 13 : Danke, Herr Dr. Schätzler. Hätten Sie zum Rest # 12 noch etwas zu ergänzen ( die medikamentöse Kontraindikation und somit reduzierte Therapieoption hatte ich augfenommen ) ?
#14 am 05.11.2015 von Gast
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http://www.hardtwaldklinik2.de/involutionsdepression.html "Was ist eine Involutionsdepression? Von einer Involutionsdepression spricht man, wenn ein Mensch nach dem 60. Lebensjahr erstmals depressiv erkrankt (ICD-10-GM Version 2015: 32.8 sonstige, atypische Depression). Die verschiedenen Formen depressiver Erkrankungen stellen die häufigsten psychischen Störungen überhaupt dar. Die Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) gibt in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) eine Übersicht über die Häufigkeit von Depressionen. Demnach leiden mehr als 10 % der Gesamtbevölkerung an depressiven Störungen. Die Zahl schwerer und damit unbedingt behandlungsbedürftiger depressiver Erkrankungen wird mit 2 - 7 % angegeben. Die Lebenszeitprävalenz, d. h., dass Risiko eines Menschen im Laufe seiner Lebensspanne, zumindest einmal an einer Depression zu erkranken, wird mit 7 - 18 % beziffert."
#13 am 04.11.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
Weiterer Kommentar hat sich erübrigt, weil recht ausführlich über Involutionsdepression auf Seiten der Hardtwaldklinik II zu lesen ist. M. E. ist es aber ein gravierender, im Alter hinzukommender Unterschied, daß die Lebensperspektive immer mehr gegen 0 geht. Nimmt man den Anteil der Sensiblen oder gar Hochsensiblen ( erst in letzten Jahren verstärkt Thema ) hinzu, stelle ich mir diese Lebensphase geradezu dramatisch vor und ist bereits jetzt stark angstbesetzt. Dies gilt insbesondere, wenn kein Glauben, zum. Agnostik trägt und hilfreich sein kann.
#12 am 03.11.2015 von Gast
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Gast
Test, ob Kommentar noch möglich
#11 am 03.11.2015 von Gast
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@ Gast #7 und #8 Eines vorweg: Ein "Welttag für Seelische Gesundheit“ [World Mental Health Day] suggeriert, wer nicht seelische "Gesundheit" erreicht, ist eben "anders". Das ist zwar von der "World Federation for Mental Health" gut gemeint, fühlt sich aber auch ausgrenzend und stigmatisierend an. Dass ich in Ihren Augen eine veraltete Begrifflichkeit verwende, liegt an meiner Herkunfts- und Zielgruppe der Hausärzte/-innen. Wer die menschliche Evolution "von der Wiege bis zur Bahre" medizinisch begleitet, erkennt auch die physiologische, somatische, ökonomische und psychosoziale "Involution" des Alters - ein fundamentaler Unterschied gegenüber Jüngeren. Ihr Irrtum, "dass Depressionen alter Menschen sich qualitativ von denen jüngerer Menschen" nicht unterscheiden ist folgenschwer: Zahlreiche Medikamente sind bei Senioren kontraindiziert. Die Jüngeren vorbehaltene Lithium-Therapie, derzeit auch bei Kindern erforscht, nur als Beispiel. MfG
#10 am 01.11.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
Vielleicht sollte mal endlich verstanden werden, dass Einsamkeit u. Armut der alten Menschen nicht mit Pillen zu beheben ist, sondern mit Zuwendung. Auch der Einsatz von § 87 Kräften in den Heimen, kann dies nicht groß ändern.! Dazu bedarf es eben etwas mehr fachliche Kompetenz!
#9 am 01.11.2015 von Gast
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Gast
(Teil2) Das ist aber alles nun schon weit länger als 20 Jahre bekannt. Die Studien dazu sind ebenso lange da. und es ist traurig (und vor allem unprofessionell), dass sich das anscheinend nach wie vor kaum in Heimen herumgesprochen hat und scheinbar auch zu wenig in Allgemeinarzt-Praxen. Allg.Med. & PK sind Berufsgruppen, die vor allen anderen eine Chance haben, Depressionen alter Menschen ggf. wahrzunehmen, mit den Betroffenen zu thematisieren und adäquate Hilfe anzustoßen.Wer denn sonst? Auf der anderen Seite muss längst nicht jeder Rückzug, jede Auseinandersetzung mit eigener Endlichkeit, selbst ein Herbeisehnen des eigenen Sterbens Ausdruck von "Depressionen" sein. Ich wünschte mir, dass wir wesentlich sensibler mit Älteren umgehen würden - als aufmerksame Begleiter und Zuhörer, die einerseits das Altern nicht pathologisieren ("Altersdepression", um nochmal darauf zurückzukommen) aber dass andererseits pathologische Entwicklungen, die man lindern könnte,wahrgenommen werden.
#8 am 31.10.2015 von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
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Gast
(Teil 1) Ich würde es mit meinem damaligen Geronto-Prof. halten: Begriffe wie "Involutions-Depression", "Altersdepression" usw. sind veraltet. Denn sie unterstellen, dass dem Altern an sich etwas genuin pathologisches innewohnt. Sie unterstellen, dass Depressionen alter Menschen sich qualitativ von denen jüngerer Menschen unterscheiden. Das ist falsch. Es sind "Depressionen im Alter". Richtig ist, dass bestimmte Lebensumstände, die im Alter häufiger (oder auch häufiger zum ersten Male) auftreten, sich negativ auswirken können (Isolation, fehlende Gratifikationen, Häufung kritischer Lebensereignisse usw. usf.). Richtig ist auch, dass Depressionen im Alter oft verwechselt werden mit beginnender Demenz oder mit Symptomen körperlicher Erkrankungen (Schmerzen, usw.) oder dass sie aus Fahrlässigkeit verkannt werden als "normales Altern" (Alte klagen eben oder nörgeln oder sind unzufrieden . . . man "gesteht" den Älteren "zu", so zu sein und schon wird die Depression nicht erkannt.)
#7 am 31.10.2015 von Gast (Nichtmedizinische Berufe)
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Der Artikel beschreibt ziemlich genau meine Erfahrungen in der Altenpflege, sowohl stationär, als auch ambulant. Insbesondere die Altersdeppression wird auch oft vom Pflegepersonal nicht erkannt. Die Senioren werden dann als nicht kooperativ bezeichnet oder schnell mal alles auf die Demenz geschoben. Aus meiner Sicht sollten Pflegekräfte in diesem Bereich besser geschult und sensibilisiert werden. Zumal auch oft Sätze fallen wie "Warum kann ich nicht endlich sterben?" Oft steht das Personal dem hilflos gegenüber, und ich selbst musste miterleben, wie ein Senior aus dem Fenster springen wollte. Ich denke, die Altersdeppression und damit verbundene Suizidgedanken ist ein nicht zu unterschätzendes Problem und sollte immer ernst genommen werden. Damit meine ich nicht eine sofortige Einweisung in die Psychiatrie. Manchmal reicht auch schon zuhören und Empathie zeigen.
#6 am 31.10.2015 von Yvonne Schubert (Altenpflegerin)
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Gast
Der Artikel zeugt von langer Praxis- und Lebenserfahrung und erfasst genau die Probleme der älteren Menschen, die den so gewünschten (oder auch manchmal nicht so sehr gewünschten) verdienten Lebensabend vergällen und sogar unerträglich machen können. Wer nicht sensibel genug ist, diese ganz großen Probleme unserer immer älter werdenden Gesellschaft zu erkennen, der sollte sich zumindest jeglicher Häme enthalten und überlegen, wie er die Jahre seines Lebens verbringen möchte, in denen nicht mehr alles machbar und selbstbestimmbar ist!
#5 am 31.10.2015 von Gast
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Als jahrzehntelang klinisch, ambulant, psychosozial und familienorientiert tätiger Facharzt für Allgemeinmedizin habe ich hier nur meine persönlichen Erfahrungen und Eindrücke reflektieren wollen. Auf biografische, geschlechtsspezifische, depressive Entwicklungs-Tendenzen und deren Bewältigungs-Strategien eingehen wollen, die ein "World Mental Health Day"-Jahrestag gar nicht adäquat erfassen kann. Und dann wird in den drei ersten Kommentaren #1, #2 und #3 von "Pillen", "SSRI" und angeblich "überzeichneter Fröhlichkeit" konfabuliert, was in meinem Blog-Beitrag nun wirklich an keiner einzigen Stelle Thema war??? Es wäre schon schön, wenn meine DocCheckBlog/News Beiträge erst gelesen, dann evtl. verstanden bzw. intellektuell nachvollziehbar kommentiert werden würden. Denn auch ich habe Anspruch auf Respekt und Achtsamkeit. MfG
#4 am 31.10.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
Was für ein Bild des Alterns wird hier gezeichnet? Fröhlich, mit tausend Freunden, jeden Tag ein Event, neue Herausforderungen suchend und immer ein Lied auf den Lippen, wöchentlicher Besuch der Kinder bzw. all dieser netten Kontakte, die man im Laufe seines glücklichen Lebens gemacht hat. Mit hoher kommunikativer Kompetenz, entwickelt im Berufsleben beim Aktensortieren oder an der Werkbank, wende ich mich in gegenseitiger emotionalen Unterstützung dem Partner zu. Und wenn es mal nicht so läuft, dann schwing ich mich jauchzend auf mein E-Bike und fahr zufrieden in die Berge oder genieße meinen Treppenlift rauf und runter. Schließlich, da mich meine Altersweisheit langsam heimsucht, geb ich alle meine Dominanzstrategien, die mich ein Leben lang vor lästiger Hausarbeit geschützt haben, auf und koch mir mein Süppchen. Mir scheint, hier wird nach dem Motto argumentiert, wer schon nicht mehr arbeitet sollte wenigstens noch als Patient taugen.
#3 am 31.10.2015 von Gast
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Gast
Hier wird mal wieder Einsamkeit mit Krankheit verwechselt. Da helfen auch keine SSRI die sowieso nicht helfen.
#2 am 31.10.2015 von Gast
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Gast
Lieber Herr Doktor, die Frage heißt doch: Was kann man/frau dagegen tun - wenn ihnen +/- plötzlich mit Einsetzen der "Verrentung" der Boden unter den Füßen weggezogen wird, keine Enkel da sind, die eine liebenswerte Aufgabe sind, die Kinder (soweit vorhanden) weit weg und statt mit den Eltern mit schaffe, schaffe, schaffe ... befaßt sind? Ich vermute, daß wir leider den Verlust der Familie als Folge der sog. westlichen Zivilisation mehr und mehr mit Pillen kompensieren müssen.
#1 am 30.10.2015 von Gast
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