Wie ein Sechser im Lotto

20.10.2015
Teilen

Wahrscheinlichkeiten sind ja so eine Sache, gerade in der Medizin. Es gibt Statistiken, Wahrscheinlichkeisberechnungen, wie groß die Gefahr ist, als Patient an einer bestimmten Krankheit zu erkranken und dann auch, wie groß die Chance ist, von bestimmten Krankheiten wieder geheilt zu werden.

Leider nützen alle Zahlen, Statistiken und Wahrscheinlichkeiten dem einzelnen Patienten recht wenig, wenn er oder sie eben nicht der Statistik entspricht.

Es gibt ja Zahlen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, im Laufe seines Lebens an einer bestimmten Krankheiten zu erkranken – die sogenannte Lebenszeitprävalenz. Für viele sehr seltene Krankheiten ist diese Zahl sehr gering.

Nichtsdestotrotz gibt es natürlich Erkrankte, die dann „das schlechte Los“ gezogen haben. Als wäre das nicht schon schlimm genug, kommt es manchmal vor, das ein Patient zwei sehr seltene Erkrankungen erleidet.

So haben wir einen Patienten, der neben einem Mesotheliom, einem sehr seltenen und sehr aggressiven Tumor – zumal bei einem völligen Nichtraucher mit keinerlei Asbest-Hintergrund – noch einen anderen, eher seltenen Darmtumor hat.

Heute habe ich den Arztbrief einer jungen Patientin bekommen, bei der neben einer seit Jahren bestehenden chronischen seltenen Lungenerkrankung nun auch noch ein seltenes Lymphom diagnostiziert wurde.

Ein anderer Patient hatte zunächst vor einigen Jahren Brustkrebs überlebt – was bei Männern auch eher selten ist – und nun eine nicht so häufige Erkrankung aus dem rheumatischen Formenkreis.

Die Wahrscheinlichkeit bei allen Patienten, beide Erkrankungen im Leben zu erleiden, ist sehr sehr gering. Und trotzdem hat es sie getroffen. Ein bisschen wie ein „schlechter“ Sechser im Lotto.

Es gibt aber auch die andere Seite. Patienten, die der Wahrscheinlichkeit nach schon längst tot oder schwerst krank sein sollten und sich doch immer noch guter Lebensqualität erfreuen.

Ein recht junger Patient mit einem sehr aggressiven, unheilbaren Darmtumor hält sich seit acht Jahren bei gutem Allgemeinzustand und nur geringer Lebensqualitäteinschränkung.

Ein anderer Patient weigert sich seit Jahren, sein Bronchialkarzinom auch nur ansatzweise behandeln zu lassen und erfreut sich auch recht guter Gesundheit. Das sind die Patienten, die auch aller Zahlen und Wahrscheinlichkeiten trotzen.

Meistens sind die Wahrscheinlichkeiten schon korrekt, aber eben nicht immer. Das ist das Spannende an der Medizin: Einerseits arbeitet sie sehr mit rein wissenschaftlichen Methoden, mit Zahlen, Studienergebnissen und harten Fakten, andererseits gibt es immer wieder dieses menschliche Überraschungsmoment. Der Mensch ist eben nicht vollständig berechenbar.

Bildquelle: fotobent, thinkstock

Artikel letztmalig aktualisiert am 21.10.2015.

90 Wertungen (3.63 ø)
10323 Aufrufe
Medizin, Allgemeinmedizin
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Gast
#4: ja, wir (1991 42 J.; 44 J) haben uns damals auch gegen die angebotene amniozentese entschieden. als zusätzliche marker haben wir den triple-test sowie die ultraschalluntersuchung hinzugenommen. beide vermitteln keine absolute sicherheit, das war uns bewusst, aber die zusammenschau der werte mit dem bild, das uns einen putzmunteren fötus zeigte, unterstützte unsere entscheidung - und wir freuen uns über unser katrinchen, mittlerweile eine studierende katrin. das risiko der amniozentese mit etwa 1,5 % war uns zu hoch - unser mut wurde und wird reich belohnt
#17 am 09.11.2015 von Gast
  0
D. Stoll (Gast)
@15 finde ich gut. Das untersucht man gerade. Individuelles Genom + Umweltfaktoren sind für jede Person verschieden, können aber Krankheitsrisiko ggf. gleich für mehrere Krankheiten drastisch erhöhen. Pharma nutzt dieses Know-How in Einzelfällen schon für Stratifizierung von Patienten = Diagnostischer Test liefert Patientengruppe für bestimmte Therapie (siehe z.B. Melanom - ZELBORAF). Die Forschung versucht bessere & individuellere Diagnose & Therapie via Biomarker zu finden.
#16 am 23.10.2015 von D. Stoll (Gast) (Gast)
  0
Gast
Mein erster Gedanke bei den Beispielen war ein ganz anderer: Das könnten genau die Fälle sein, die darunterliegende Mechanismen aufzeigen. Alternativ können das natürlich auch Nebenwirkungen aus den vorhergegangen Behandlungen sein, gerade bei seltenen Erkrankungen ist die Patientzahl klein und die Nebenwirkungsmeldungen vielleicht noch wenig aussagekräftig. Guckt man denn in dieser Richtung weiter oder behandelt man einfach eine (seltene) Erkrankung nach der anderen und hofft, dass es keinen Zusammenhang gibt?
#15 am 23.10.2015 von Gast
  0
D. Stoll (Chemiker)
@11 finde ich gut. Statistik ist ein Werkzeug, das uns hilft die Welt zu beschreiben. Die Betrachtung vieler Ereignisse (= Patienten) führt automatisch zur Beobachtung seltener Ereignisse. Eine Gewinnwahrscheinlichkeit von 1: 139.838.160 im Lotto (6 richtige + SZ) ergibt statistisch immerhin 57 glückliche Gewinner, wenn 8 Mrd Menschen auf unsere Erde mitspielen. = seltene Ereignisse sind gar nicht selten, wenn viele mitspielen. Dem einzelnen Patienten garantiert die Statistik nichts, wie Jeanne Calment als 122 jährige Raucherin bzw. ein Patient mit Mesotheliom und seltenem Darmtumor zeigen. Sie nützt ihm aber, weil er als Nichtraucher, mäßiger Sportler, Gemüse- und Obstesser sein statistisches Risiko für bestimmte Erkrankungen reduzieren kann – mit dem trotzdem unvermeidbaren persönlichen Risiko eines individuellen, unwahrscheinlichen Ereignisses (= persönliches Schicksal). = Statistik nützt, wird aber oft falsch interpretiert. = die Welt ist grundsätzlich nicht berechenbar!
#14 am 22.10.2015 von D. Stoll (Chemiker) (Gast)
  0
Gast
#10 und #12 Physik und Chemie sind einfache Wissenschaften, die auch nicht jeder versteht, Medizin ist eine komplizierte Wissenschaft, die auch Physiker und Chemiker natürlich nicht verstehen können. Statistik ist Mathematik, keine Naturwissenschaft. Eine sog. Formalwissenschaft, als Sonderform der Logik, eher noch unbeliebter bei Laien.
#13 am 22.10.2015 von Gast
  2
zu @10 und @9. Medizin ist eine Wissenschaft. Ja - aber: im Gegensatz zur Physik und Chemie ist sie auf der Ebene der Atome(Bestrahlung) und vor allem der Moleküle (chem. synthetische Arzneimittel) hängengeblieben. Damit bewegt sie sich immer noch auf der Zeit von vor mehr als 100 Jahren und hat nichts dazugelernt. Nur in der Mathematik (Statistik) ist sie besser geworden, um ihre Unzuverlässigkeit (siehe Antiarrhytmika bis Ende der 90er) ) und scheinbare Überlegenheit zu vertuschen bzw. zu beweisen (Churchill: Ich glaube nur der Statistik, die ich selber gefälscht habe!). Ich beglückwünsche jeden "Ausreisser" aus dem System und vor allem persönlich gesundheitlich!
#12 am 21.10.2015 von Hans-Georg Bock (Gesundheitsökonom)
  5
Patient
@#10 Doch Medizin ist eine Wissenschaft. und @7,8,9: Es ist durchaus kein Widerspruch Statistiken heranzuziehen, um Chancen und Risiken zu beurteilen und gleichzeitig den individuellen Fall im Auge zu behalten: Das nämlich ist ärztliche Kunst. Niemand bestreitet, dass es auch an den Enden einer Verteilung noch von Null verschiedene Wahrscheinlichkeiten gibt. Den großen(!) Rest sollte man aber trotzdem kennen und berücksichtigen, was bei Impfgegnern, und Anhängern der Alternativmedizin (die keine Alternative, allenfalls Ergänzung ist) aber gern unter den Tisch fällt. Da wird dann eher auf der Basis ideologischer Überzeugungen behandelt. Ich fühle mich als Patient im Zweifel bei Medizinern besser aufgehoben, die Statistiken lesen und erklären können, UND sich bewusst sind, dass ich ein Individuum mit individueller Geschichte bin. Dass dabei Hoffnungen nicht zerstört und Risiken nicht verschwiegen werden sollten, müsste sich eigentlich von selbst verstehen. Leider ist es nicht immer so.
#11 am 21.10.2015 von Patient (Gast)
  1
Gast
Medizin ist eben keine Wissenschaft.
#10 am 21.10.2015 von Gast
  9
Jeder Mensch/jedes Wesen ist ein "Ausreisser" aus der Masse. Das Gesundheitsmarketing diverser Interessengruppen versuchen mit Studien/Statistiken ihre Interessen zu belegen(zu verkaufen). Ob es die Pharma-,Impf-, Ärzte- oder sonstige -Lobby ist. Mit passender Statistik kann man alles belegen. Nur wo sind die Statistken über medizinische Irrtümer, iatrogene Impfschäden usw. Es gibt keinen Ausreisser, es gibt nur den einzelnen Menschen.
#9 am 21.10.2015 von Hans-Georg Bock (Gesundheitsökonom)
  4
Drehbock50
Solange man nur einen Parameter in einer Studie/Statistik betrachtet kann man eine Menge von Individuen definieren, die dem Maximum der "Gausschen Verteilungskurve" entsprechen. Schon bei 2 und/oder mehr Parametern muss kein Individuum in der Summe der Werte dem Maximalwert zugeordnet werden können. Trotzdem existiert er.
#8 am 21.10.2015 von Drehbock50 (Gast)
  1
Drehbock50
Jede Studie und Statistik hat ein Manko: Sie kann weder die individuelle Ananmnese, Konstitution noch Situation eines einzelnen Menschen wiedergeben. Darum gibt es auch immer wieder "Ausreisser" - und es sind nicht wenige, bei denen die Schulmedizin mit ihren Erklärungen "am Ende" ist. Solange man den Menschen/das Individuum in seiner Einzigartigkeit nicht ganzheitlich betrachtet, diagnostiziert und therapiert, wird jede Statistik immer in der Menge der vielen Einzelfällen ad absurdum geführt. Das "Gaussche Mittelmass" entsteht aus den Mengen jenseits des Maximums der Kurve!
#7 am 21.10.2015 von Drehbock50 (Gast)
  1
Gast
Hm, was sind Wahrscheinlichkeiten, wenn sie nicht "korrekt" sind? Vielleicht ... "Ausreißer"?
#6 am 21.10.2015 von Gast
  1
Patient
@#2 Rein theoretisch mögen Sie recht haben, aber erklären Sie das mal einem Patienten, der das große schlechte Los gezogen hat, oder einem der bei mieser Prognose mit dem Beispiel einer Spontanheilung kommt. Jain, es ist eine Artikel wert, aber er könnte eben genau das herausstellen was #2 bemängelt. Nur muss man sich eben darüberhinaus auch bewusst sein, dass es diese Fälle nun mal gibt. Was schwere Erkrankungen mit schlechter Prognose angeht, ist Hoffnung ein ganz entscheidender Faktor für Lebensqualität (und m.E. auch Überlebensdauer), das zeigt mir die Erfahrung aus der Selbsthilfe. Betroffenen Statistik zu erklären ist das eine, und das muss man tun, auch wenn es um Therapien geht. Dabei die Hoffnung auf den unwahrscheinlichen aber eben doch nicht unmöglichen Fall nicht zu zerstören, ist das andere, mindestens ebenso wichtige.
#5 am 21.10.2015 von Patient (Gast)
  1
Gast
Als ich mit 37 schwanger war, wollte ich eine Fruchtwasseruntersuchung machen lassen. Ich habe es mit dem Gynäkologen besprochen und zu ihm gesagt, dass das Fehlgeburtsrisiko durch diesen Eingriff ja gering sei. Er meinte dann nur, dass mir das ja auch nichts nütze, wenn ich denn zu dem 1 Prozent gehören würde, denn selbst wenn das Risiko gering sei, könne es trotzdem passieren. Daraufhin habe ich mich gegen die Fruchtwasseruntersuchung entschieden. Und so ist es ja mit allem: Selbst bei geringstem Risiko trifft es immer irgendwen.
#4 am 21.10.2015 von Gast
  0
Ja, ich denke das ist definitiv einen Artikel wert, da es bei dem vielen Statistikunterricht im Studium doch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema oft fehlt. Viele sind sich der trügerischen "Ausreißer" eben nicht bewusst, obwohl jeder Mediziner mindestens die Gaußsche Glockenverteilung im Kopf hat und diese das ja schon bildlich zeigt.
#3 am 21.10.2015 von Henning Tauscher (Student der Humanmedizin)
  6
Gast2
Der Artikel ist fachlich komplett daneben. Statistik beschreibt Gesamtheiten und keine individuellen Absolutwerte. Eine Anwendung auf ein Individuum mit Annahme einer strengen Gültigkeit ist unsinnig.
#2 am 21.10.2015 von Gast2 (Gast)
  15
Gast
Die Erkenntnisse dieses Artikels über Statistik hat der Normalmensch schon als Kleinkind beim Würfelspiel gewonnen. Der Normalmensch nennt das Phänomen "Ausreißer". Ist das einen Artikel an dieser Stelle wert?
#1 am 21.10.2015 von Gast
  13
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Heute kam eine Bekannte von mir in die Sprechstunde. Ich schätze sie sehr – als einen vernünftigen, gebildeten mehr...
Bei den ganz Kleinen im Kindergarten habe ich vor allem darüber gesprochen, was ein Arzt so bei der Untersuchung der mehr...
Wenn ich heute auf meine Famulaturen, das PJ, mein Studium und den Start ins Berufsleben zurückblicke, kann ich mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: