Bekenntnisse einer familien-orientierten Allgemeinmedizin

06.10.2015
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Hausärztliche Allgemeinmedizin bedeutet für mich persönlich ökologisch wie ökonomisch optimale Ausnutzung vorhandener Ressourcen. Bis zu 80 Prozent aller Beratungsanlässe werden innerhalb dieses Fachgebietes gelöst, stellen die Lotsen- und Steuerungsfunktion für ambulante/klinische, fach- und spezialärztliche Weiterbehandlung bzw. planvoll risiko-adaptierte Stufen-Diagnostik und -Therapie dar.

In der biografischen Lebenswirklichkeit unserer Patientinnen und Patienten "von der Wiege bis zur Bahre" bzw. im ärztlichen Behandlungsalltag zwischen lapidarer Befindlichkeitsstörung und hochdramatischer Krankheit sind die fach-/spezialärztlichen Behandlungen und klinischen Krankenhausbehandlungen grundsätzlich Ausnahmesituationen. Die lebenslange, generationenübergreifende, bio-psycho-soziale Begleitung ist das Metier der hausärztlichen Profession.

Abgestufte, vernetzte Strukturen durch primärmedizinische Hausärzte/-innen auf der Basis von geschultem medizinischen Laienwissen, allgemeinärztlich-internistisch-pädiatrischer Grundversorgung, fachärztlicher-, spezialmedizinischer-, ambulanter bis stationärer Stufendiagnostik, Therapie und Versorgung vom Kreiskrankenhaus bis zur Universitätsklinik sind realisierbar.

Das Paradoxon von Versorgungsungleichheit im ländlichen und städtischen Raum, in Ballungszentren, sozialen Brennpunkten und Randbezirken, aber auch Massenabfertigung, Fließbandmedizin in Einzelpraxis und MVZ, Arbeitsverdichtung führt zu Aufmerksamkeitsfallen: Dadurch werden abwendbar gefährliche Verläufe provoziert oder Komplikationen, ultimative Warnzeichen („red flags“) und Lebensbedrohungen übersehen.

Gesetzliche (GKV) und Private Krankenversicherung (PKV) benötigen ein ausbalanciertes Spannungsverhältnis zwischen Solidarität und Selbstverantwortung. Derzeit können Krankenversicherte in „flatrate“ oder „all-you-can-eat“-Manier personelle und technische Medizinbetriebsressourcen abgreifen – ohne Steuerung durch Gesundheitserziehung, Prävention, medizinische Fachberufe, Ärztinnen und Ärzte im primärmedizinischen Bereich. Dabei bewahren gesunder Menschenverstand bzw. bewährte Haus- und Naturheilmittel bei Bagatellerkrankungen Autonomie, Selbstbestimmung und Selbstbehauptung.

Medizinalisierung und Medikalisierung greifen an: Bei Bronchitis Thorax-Röntgen und evtl. der (vorschnelle) Griff zum Antibiotikum. Bei Rückenschmerzen sofort NSAR und orthopädische Kortison-Mischspritze? Bei Schnupfen und Sinusitis sofort Pharmakotherapie. Bei jedem Kopfschmerz komplexe Migränediagnostik, Schädel-MRT, Neurologe oder Neurochirurg. Jede Prellung zum Radiologen, jede Verletzung zum Chirurgen, jede Arthrose zum Rheumatologen, jede Schilddrüse zum Szintigramm.

Gegensätze zwischen universitärer/klinischer Hochleistungs- und Intensivmedizin und der „Feld-, Wald- und Wiesenmedizin“ hausärztlicher Provenienz führt zu Verständnislosigkeit, Konflikten und Schuldzuweisungen. Widersprüche zwischen Herz-Lungen-Transplantationen (HX, LX und HLX) im Westdeutschen Herzzentrum Essen, interventioneller Kardiologie einschließlich TAVI im Hybrid-OP, ACVB-OPs, PTCA-BMS- oder DES-Koronarstents, Pulmonalvenen-Ablation, Onkologie, differenzierte Chemotherapie, maximale abdominale Wipple-OP, Nephrologie, Dialyse, Neurochirurgie, bariatrische Adipositas-Chirurgie, kosmetische Chirurgie, Reanimation, minimal-invasive Intervention usw. und den pharmakologisch mit „Antibiotika-ähnlichen“ Pflanzenextrakten bzw. sinnlosen Lutschpastillen anbehandelten subfebrilen Atemwegserkrankungen mit Husten, Schnupfen, Bronchialkatarrh, typischen Magen-Darm-Infekten, funktionellen Störungen, „Herzkasper“, Raucherhusten, metabolisches Syndrom, Polyarthrosen, nutritiv-toxischen Hepatopathien und nicht zuletzt Hausbesuche aus gerontopsychiatrischer oder einfach sozialpsychologischer Indikation in der allgemeinmedizinisch-pädiatrisch-internistisch hausärztlichen Praxis könnten größer nicht sein. 

Bildquelle (Außenseite): Anthony Perez, flickr

Bildquelle: Selfie mit Patenkind © Praxis Dr. Schätzler

Artikel letztmalig aktualisiert am 14.10.2015.

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@ Gast #1 und Alle, die das vielleicht auch noch gut finden! Das ist ja das Schöne an meinem Beruf! Wenn man den Fachkollegen in der direkten Umgebung zuhört (Pädiatrie, Onkologie, Chirurgie, Innere, Gastroenterologie, Dermatologie, HNO, Anästhesiologie, Radiologie, Endokrinologie, Pulmologie, Kardiologie, Humangenetik, Neurologie, Psychiatrie, Phonaudiologie, plastische Chirurgie u. v. m.), mit ihnen spricht, sie versteht, von ihnen lernt und mit sehr vielen befreundet oder gut vernetzt ist, lernt man immer wieder Neues für den Praxisalltag. Die Überweisungen sind dann qualifizierter, gezielter und nicht so redundant…
#3 am 08.10.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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@ Gast #1 und Alle, die das vielleicht auch noch gut finden! (Forts.) …wie "z. B. Herz", "z. B. Lunge", "z. B. Tumor", was viele Hausärzte bedauerlicherweise immer noch formulieren, wenn überhaupt etwas draufsteht. Als der mich 2000 und 2007 behandelnde, hochverdiente Onkologie-Chefarzt (1. Palliativstation- und -Netzaufbau in DO) verabschiedet wurde, saß d e r operative Spezialist für Aortenaneurysmen aus der UK Essen zufällig an unserem Tisch, während ich den Kollegen/-innen gerade von einem meiner Problem-Patienten berichtete. Wir haben dann den ganzen Abend gemeinsam diskutiert. Ich schreibe immer authentisch über das, was ich s e l b s t erlebt und empfunden habe, deshalb: Einen Kropf machen sich da die Anderen, nicht ich!
#2 am 08.10.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
Ja, schön. Und was ist daran nun neu? Was sind die Bekenntnisse? Sind die Fachärzte nun flüssiger als flüssig, nämlich überflüssig? Der Text bzw. "die Bekenntnisse" habe doch schon sehr kropfartigen Charakter... (Nichts ist überflüssiger als ein Kropf lernten wir früher...)
#1 am 08.10.2015 von Gast
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