Die homöopathiefreie Apotheke

02.10.2015
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Häufig in Kommentaren gelesen, Aussagen wie: Dann würden ich Apotheken auch wieder ernster nehmen können…: „Globuli? Nein so etwas führen wir nicht, wir führen nur medizinische Produkte.“

Die Abgabe von und Werbung für Homöopathie widerspricht leider der Grundidee, dass Apotheken dafür da sind, ihre Kunden – auf gegenwärtigem wissenschaftlichem Stand – über die Sicherheit und Anwendung von Medikamenten zu beraten. Das geht irgendwie nicht richtig zusammen.

Wenn man den ganzen Homöopathieklimbim in Ihren Schaufenstern sieht, dann ist doch die wirtschaftliche Absicht nicht zu leugnen.

Homöopathika sind keine Medizin, sondern werden nur als solche beworben. Daher hat solches Voodoo nichts in der Apotheke verloren.

Wenn ich so etwas lese (hier oder anderswo), dann nervt mich das immer etwas. Weshalb? Nicht weil ich Homöopathie-Verfechter bin, als Apothekerin bin ich mir der fehlenden wissenschaftlichen Studienlage sehr wohl bewusst und meine Eigenerfahrung hat mir gezeigt, dass das bei mir nicht (genug) wirkt, als dass ich das aktiv weiterempfehlen könnte. Aber so Aussagen und Forderungen, die Homöopathie komplett aus der Apotheke zu verbannen, gehen einfach an der Realität vorbei. An der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und der Gesetzes-mäßigen.

So sieht die Realität aus. Seit 2013 gibt es eine Website, die die Adressen von homöopathiefreien Apotheken in Deutschland sammelt. Das ist sie:

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Was fällt dem geneigten (oder auch unwilligen) Betrachter auf? Genau: Da steht bisher EINE Apotheke drauf. Die ist in der Schweiz und … genau genommen ist auch sie nicht homöopathiefrei. Thomas Kappeler von der Apotheke Schaffhauserplatz schreibt: „Nur in Spezialfällen empfehlen wir Homöopathie-Arzneimittel – dann aber als „Pseudoplacebos“. Es ist erwiesen, dass Placebos wirken können, z. B. durch Zuwendung und Liebe. In diesem Sinn kann Homöopathie gerade bei Kindern mit banalen Erkrankungen durchaus nützlich und sinnvoll sein.“

Also: Nicht gerade das, was ich jetzt als homöopathiefrei bezeichnen würde. Aber ich denke DIESE Aussage können die meisten anderen Apotheker unterstreichen und dazu stehen. Mich inbegriffen. Das ist auch die Meinung, die ich von den anderen Apothekern meist höre, wenn ich es wage, über das Thema zu diskutieren. Mit Apothekern kann man das nämlich. Problematischer wird es mit manchen wirklich aggressiven Skeptikern. Das soll nicht abwertend sein gegen alle Skeptiker und Verfechter von Vernunft und Wissenschaft. Gar nicht. Aber auch diese müssen die aktuellen Realitäten von Gesellschaft, Gesundheitswesen und Gesetz anerkennen.

Und die sind im Moment so: Homöopathie wird verlangt, wird verschrieben (ja, von Ärzten, auf Rezepten) und wird von den Krankenkassen übernommen. In der Schweiz wird sie mit anderen sogenannten alternativen Heilverfahren sogar von der Grundversicherung übernommen.

Das finde ich ja persönlich auch alles andere als gut – meiner Meinung nach gehört das in die Zusatzversicherung, aber das wäre ein Thema für einen anderen Blogpost. Die Homöopathie ist in der Grundversicherung gelandet nach einer Volksabstimmung 2009, wo alle Ständeräte und 67 % der Bevölkerung den Artikel „Zukunft mit Komplementärmedizin“ angenommen haben. Das ist (leider) eine deutliche Mehrheit.

Dann etwas, das so verlangt und nachgefragt ist, nicht auf Lager zu halten – und womöglich auch nicht zu bestellen (nur), um der „Grundidee“ und „wissenschaftlichen Ansehen“ in den Augen einer (offensichtlichen Minderheit) zu entsprechen, kann man sich einfach nicht leisten. Das ist die Realität.

Und um beim Wirtschaftlichen zu bleiben: Bei dem Zerfall der Medikamentenpreise kann eine Apotheke nur mit den Medikamenten auf Rezept nicht überleben. Dazu braucht es den OTC-Verkauf. Und auch dazu gehören die homöopathischen Sachen. Die Preise bei denen sind (für das, was man bekommt) eher im oberen Bereich angelegt, das gilt aber auch für die Einkaufspreise dieser Mittel, das sollte man nicht vergessen. Ich denke nicht, dass die sehr nach unten gingen, wenn die Mittel woanders verfügbar wären.

Und damit wären wir beim nächsten Punkt, weshalb die Homöopathie in die Apotheke „gehört“:unpopuläre Meinung von mir und ich bin sicher, es gibt auch unter den Apothekern schwarze Schafe, aber: Homöopathie sind Heilmittel – für medizinische Anwendungen gedacht. Wir haben mit unserem medizinischen Hintergrundwissen die Möglichkeit einzugreifen. Zum Beispiel, wenn etwas behandelt werden soll, das unter ärztliche Aufsicht gehört, weil es halt nicht mehr „banal“ ist. Malaria, HIV, Herzinfarkt … Im Beratungsgespräch kann der Apotheker herausfinden, ob das noch mit einem – um Thomas Kappeler zu zitieren – Pseudoplacebo behandelbar ist, oder ob es da wirksame Medikamente gibt oder ob es zum Arzt gehört. Das lernen wir im Studium. Das ist Wissen, das wir gerne weitergeben.

Zum Punkt „Pseudoplacebo“ wäre noch einiges zu schreiben. Inzwischen weiß man, dass Placebos praktisch eine Eigenwirkung haben. Das ist besonders gut ersichtlich bei der Wirkung gegen Schmerzen oder gegen Depressionen. Viel hängt davon ab, wie das Medikament gegeben wird (wie empfohlen, wie verabreicht, welche Nebenwirkungen zeigt es, wie teuer ist es) Wahrscheinlich fallen noch eine Menge Medikamente in dem Sinn unter Pseudoplacebos …

Im Studium lernt man inzwischen standardmäßig auch einen Teil Alternativmedizin – und die Homöopathie gehört dazu. In der Schweiz kann man sich auch speziell weiterbilden und den „FPH klassische Homöopathie“ machen – was ziemlich aufwändig und auch teuer ist. Man verzeihe es also den motivierten Apothekern, die nach dieser Indoktrinierung wirklich zur homöopathischen Apotheke stehen. Für mich ist das okay – solange sie nicht anfangen, die wissenschaftlich belegten Methoden zu diskreditieren, so wie die Impfungen zum Beispiel.

Manchmal hat man auch einfach nichts (anderes), dass man geben kann. Es ist vielleicht gegen jede Krankheit ein Kraut gewachsen, aber Medikamente gibt es noch nicht gegen alles und für jeden. Speziell bei Kindern gibt es da große Defizite und auch bei Schwangeren, wo man wirklich vorsichtig ist – Homöopathie kann man eigentlich immer geben (vorausgesetzt, es gehört nicht zum Arzt).

Das ist etwas, was man ausprobieren muss. Ich weise die Patienten und Kunden darauf hin, dass das etwas homöopathisches (oder anthroposophisches, spagyrisches etc.) ist, wenn ich ihnen etwas empfehle. Ich empfehle etwas dann, wenn ich kein Medikament sonst dagegen habe, oder vielleicht ergänzend als Zusatzverkauf (Don’t kill the messenger, please). Ich weise die Leute nicht extra darauf hin, wenn sie so ein Mittel direkt bei mir verlangen – dann frage ich höchstens nach, für was sie es brauchen – denn ich denke, dass das ihnen schon bewusst sein sollte. Genauso wenig empfehle ich es Leuten, die schon mit der Aussage: „Aber geben Sie mir etwas, das wirkt und nichts so pseudomedizinisches!“ in die Apotheke kommen.

Aber darauf verzichten, nur um einem Ruf gerecht zu werden, nein, das kann ich auch nicht.

Und jetzt hoffe ich, dass ich nicht grad gesteinigt werde von den Homöopathie-Gegnern und dass eventuelle Diskussionen (auch von Seiten der Befürworter wo es genauso heftige Verfechter gibt) sich in anständigem Rahmen bewegen.

Artikel letztmalig aktualisiert am 13.10.2015.

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Pharmazie
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Gast
Guter Gast #4, danke für Ihre freundliche Empfehlung. Sie erlauben aber, dass ich mir das spare. Denn ich arbeite in einer Apotheke unter einem Apotheker, der eben nicht weiß, wo die Grenzen sind! Weltfremd? Apotheker haben von Medizin keine Ahnung, denn sie sind ja Pharmazeuten und keine Mediziner! Nur eine medizinisch ausgebildete Person kann zwischen einem akuten Abdomen und Bauch - Aua unterscheiden. Mein Chef würde Buscopan verkaufen, vielleicht noch Iberogast. Gewinnmaximierung, Sie verstehen... Als PTA mit langjähriger Erfahrung kann ich dem Gast 2 nur zustimmen. Die Apotheker sollen im Labor oder im Büro bleiben, wo sie hingehören. Viele kennen ihre Grenzen einfach nicht und sind zu arrogant, sich das selber einzugestehen. Und es stimmt tatsächlich: Der Apotheker ist ausschleießlich zur AusFÜHRUNG, nicht aber zur AusÜBUNG der Heilkunde berechtigt. Genau deswegen. Analysen kochen und chemische Formeln aufmalen können die meisten. Alles andere: Bitte den Heilkundigen überlassen.
#6 am 15.10.2015 von Gast
  6
Gast
Sogar die Bundesärztekammer forderte unlängst, dass Ärzte sich mehr mit der Placeboforschung auseinandersetzen sollten und stets bedenken sollten, dass der Placeboeffekt bei jeder Behandlung eine Rolle spielt. Da ist es ziemlich weltfremd, hier den Apothekern mangelndes medizinisches Wissen vorzuwerfen.
#5 am 13.10.2015 von Gast
  2
Gast
@Gast2: Woher nehmen Sie Ihr "Wissen" über den Kenntnisstand von Apothekern? 1. Die Trennung von Arzt- und Apotheker-Beruf ist gesetzlich ( aus gutem Grund wie ich finde) festgelegt. Dabei spielen vorhandenes oder nicht vorhandenes medizinisches Wissen von Apothekern keine Rolle. 2. Ich gehe davon aus, dass die Mehrzahl der Apotheker sehr wohl weiß wo die Milz liegt. Auf der anderen Seite, wozu eigentlich? Für Apotheker ist es völlig ausreichend zu wissen, welche Aufgaben die einzelnen Organe haben und ob und wie sie in den Stoffwechseln eingreifen. Sie sollten sich mit der Beurteilung von Berufgruppen zurückhalten und sich besser ausreichend informieren. Tip: Unterhalten Sie sich doch einfach mal mit dem Apotheker Ihres Vertrauens oder schauen gleich beim Leiter der örtlichen Krankenhausapotheke vorbei. Der wird Ihnen was erzählen.
#4 am 08.10.2015 von Gast
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@Gast 2: ich behaupte jetzt mal, dass sie weder Ahnung haben was die Apotheker an medizinischem Wissen im Studium und danach gelernt und angeeignet haben - weder in Deutschland, noch in der Schweiz. Das ist vor allem eines in Deutschland: wegen der aktuellen Rechtslage ungenutztes Potential, das viel mehr eingesetzt werden könnte, wenn man die Apotheker denn liesse!
#3 am 03.10.2015 von Apothekerin Pharmama (Apothekerin)
  3
Gast
Ich weiß ja nicht, wie es in der Schweiz ist, aber hierzulande in Deutschland haben die Apotheker meist kein medizinisches Wissen. Die meisten wissen wahrscheinlich nicht mal, wo die Milz ist. Ebenso sind sie hier nur zur AusFÜHRUNG der Heilkunde berechtigt, aber nicht zur AusÜBUNG. Bedingt wahrscheinlich dadurch, dass sie das halbe Studium im Labor verbringen. In Deutschland gibt es nur zwei Personen, die die Heilkunde ausÜBEN dürfen: Der Arzt und der Heilpraktiker. Gott sei Dank.
#2 am 02.10.2015 von Gast
  25
Gast
Ich verstehe das Problem nicht. Bis D12 können Sie auf jeden Fall noch Wirkstoff nachweisen! Schauen Sie sich die Potenz der Hormone im Blut an. Na welche Potenz finden Sie da? Skeptikern sei ans Herz gelegt: Aconitum Urtinktur oder D3: Zwanzig Tropfen. Versuchen Sie es!
#1 am 02.10.2015 von Gast
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