Naiver Empirismus und unsystematisch-chaotisches Denken...

24.09.2015
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sind nicht nur unter Ärzten verbreitet. Medizinerinnen und Medizinern wird häufig unsystematisch-chaotisches Denken vorgeworfen, weil die Heilkunde keine rein objektive Wissenschaft darstellt, sondern auch angewandte Kommunikation, Interaktion und Reflexion bzw. Variabilität der Empfindungs- und Leidensfähigkeit bzw. Pathophysiologie beinhaltet.

Doch was hier vom Journalisten und Buchautor Frank Wittig betitelt wird mit: "Krank durch Früherkennung - Warum Vorsorgeuntersuchungen unserer Gesundheit oft mehr schaden als nutzen" - ist in sich unlogisch und beinhaltet dilettantische Fehlschlüsse!
 

1. E n t w e d e r möchte man Krankheiten so früh wie möglich detektieren, um sie in einem noch kurativen Stadium heilen zu können. Das bedeutet automatisch, je i n t e n s i v e r Früherkennungs-Untersuchungen durchgeführt werden, desto eher werden neue Diagnosen detektiert und generiert. Denn es sollen ja gerade Frühformen schwerwiegender Erkrankungen diagnostiziert werden, b e v o r es zu invasiven Krankheiten kommt. Beispiele sind die aktinische Keratose als Vorläufer des Basalioms, die sukzessive Augeninnendruckerhöhung beim beginnenden Glaukom, die intestinalen Polypen als Vorstufe invasiver Kolonkarzinome, die Herzkatheter-Untersuchung zur Früherkennung einer Koronarsklerose bzw. Herzinfarkt-Gefährdung, die Arthritis- und Arthrose-Früherkennung bevor eine Endoprothetik eingesetzt werden muss, die Carotis-Arterienuntersuchung bei Schlaganfallrisiko und die Cholesterinbestimmung bevor es zu weiteren Herz-/Kreislaufkrankheiten kommt.

2. V o r s o r g e-Untersuchungen dienen dagegen der Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention von Krankheiten. Die Generalprävention von Krankheiten beinhaltet etwas, was in den modernen postindustriellen, in den früheren Industrieländern, aber auch in Entwicklungs- und Schwellenländern oft gar nicht durchführbar war und ist. Eine gesunde ausgewogene Frischkost mit sauberem Wasser, Obst, Gemüse, Salat, Fisch und Geflügel, Nüssen, pflanzlichen Ölen, Milch und Milchprodukten, Vollkorn und moderatem Weingenuss ist für viele Menschen wegen der groß-industriellen Nahrungsmittelproduktion und einem gesundheitsschädlichen Fertignahrungs-Angebot zu Dumping-Preisen oft weder erreichbar noch bezahlbar.

3. Sekundär- und Tertiärprävention von manifesten Erkrankungen sollen Folgen und Auswirkungen, Teilhabe- und Autonomieverlust von Krankheiten verzögern bzw. aufhalten. Diabetesschulung, aktive Cholesterinsenkung, kardiale und periphere Durchblutungsverbesserung, Gerinnungshemmung, Blutdrucksenkung, Hypertonie- und KHK-Schulung, COPD- und Asthma-Schulung sollen die Folgen zunehmender Adipositas, metabolischer Entgleisung und Insulinresistenz, Schlaganfall, Lungenembolie, p-AVK und KHK, Vorhofflimmern und akutem Koronarsyndrom (ACS) , hypertensiver Herzkrankheit aufhalten. Weitere Organmanifestationen z. B. der Nieren sollen vermieden werden.

4. A l l e n Früherkennungs-, Präventiv- und kurativen Maßnahmen ist gemeinsam, dass sie die a l g e m e i n e Sterblichkeit n i c h t aufheben können. Man würde von behandelnden Ärztinnen und Ärzten geradezu Wunderheilungskräfte erwarten und einem Jungbrunnen entgegensehen. Alle Morbiditäts- und Mortalitätsstatistiken belegen weltweit, dass menschliches Leben durch Krankheit, Alterung, Verfall bzw. das physikalisch-thermodynamische Grundgesetz der Entropie energetisch abgebaut und limitiert wird bzw. zum sicheren Tod führt.

Dass Früherkennungen und Vorsorgeuntersuchungen d i r e k t auf die Mortalitätsstatistik durchschlagen können, ist ein modernes Märchen Medizin-bildungsferner Schichten. Ein Buchautor, der sich auf derartige Publikationen einschwören lässt, schielt eher auf den Verkaufserfolg seines provokativen Buchtitels und praktiziert damit genau das, was er den Ärzten mit "erfundenen" Krankheiten vorwirft.

Wer es dann noch nötig hat, ausgerechnet auf eine Empfehlung der US Preventive Service Task Force aus dem Jahre 1989, also aus der medizin-wissenschaftlichen "Steinzeit", zurückzugreifen, argumentiert vollkommen neben der Spur. Ebenfalls aus der Frühgeschichte der Medizin stammen die Ausgangsdaten der dänischen Arbeitsgruppe Lasse T Krogsbøll, Karsten Juhl Jørgensen, Christian Grønhøj Larsen, Peter C Gøtzsche aus Kopenhagen: Sie hatten für ihre abwegigen Schlussfolgerungen 14 angeblich randomisierte Studien aus den Jahren 1963 bis 1999 ausgewertet, dies aber in ihrem Abstract von 2012 wohlweislich verschwiegen: Vgl. http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD009009.pub2/abstract

Was soll man dazu noch sagen?

Bildquelle: Buchtitel Frank Wittig Repro Praxis Dr. Schätzler

Artikel letztmalig aktualisiert am 03.10.2015.

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