Lehre statt Leere

22.09.2015
Teilen

In der nächsten Woche fliege ich in den Urlaub in die USA. Dort werde ich auch den niedergelassenen Pädiater wieder treffen, bei dem ich vor Jahren eine zweimonatige Famulatur absolviert habe. Wir sind bis heute freundschaftlich miteinander verbunden.

Wenn ich heute auf meine Famulaturen, das PJ, mein Studium und den Start ins Berufsleben zurückblicke, kann ich sagen, dass diese zwei Monate in den USA die lehrreichste Zeit meines gesamten Studiums waren.

Warum? Weil ich dort eine strukturierte, praxisnahe und spannende Lehre erhalten habe. Ich durfte immer erstmal alle Patienten allein untersuchen, bevor ich sie dann noch einmal mit dem Arzt gemeinsam untersuchte. Außerdem haben wir uns anschließend immer hingesetzt und anhand von praktischen Beispielen die Theorie durchgesprochen. Aber nicht nur das: Der Pädiater hat sich auch aufgeschrieben, worüber wir gesprochen haben und mich ein paar Tage später nochmal danach gefragt. Manchmal hat er mich auch gebeten, dieses oder jenes nachzuschauen oder zuhause nachzulesen und es ihm am nächsten Tag zu erklären. Nicht, weil er es selbst nicht wusste, sondern weil ihm bewusst war, dass sich neues Wissen am besten einprägt, wenn man es einem anderem erklären muss.

Dies alles hat er getan, ohne dass er dafür Geld oder eine Aufwandsentschädigung in irgendeiner Form erhalten hätte. Er hat mich sogar zusätzlich noch regelmäßig zum Lunch eingeladen und mir die Gegend gezeigt. Als ich ihm gesagt habe, dass das nun wirklich nicht nötig sei, hat er geantwortet, er habe als Student auch einmal eine gute Ausbildung erhalten und sei gefördert worden. Nun wolle er das zurückgeben.

Zurück in Deutschland habe ich vergleichbare Strukturen gesucht und bis heute leider keine gefunden. Im Gegenteil: Lehre in Deutschland bedeutet, dass man oft Glück haben muss, damit man in der Klinik oder Praxis jemanden findet, der kurz Zeit und Muße findet, den armen Studenten und Assistenten etwas zu erklären und Wissen weiterzugeben. In meiner Studentenzeit an einer sehr großen Uniklinik in Deutschland bedeutete Unterricht am Krankenbett oft, dass wir zu zehnt in ein Vierbettzimmer geschickt wurden. Dort  sollten wir dann mal ein bisschen Anamnese machen. Mit etwas Glück konnten wir auch noch einen Einblick in die Krankenakte werfen, aber nur, wenn sie gerade nicht von den Schwestern oder Stationsärzten gebraucht wurde. In ganz seltenen Fällen nahm sich der Oberarzt – zwischen dem Telefonieren und Fragen beantworten auf seiner Station – kurz Zeit für uns. Oft musste er aber irgendwo hin, wo es Wichtigeres zu tun gab, als Studenten zu unterrichen. Und dann blieb nur der arme Stationsarzt übrig, der uns Studenten manchmal nur das Examen voraus hatte.

Auch in Famulaturen und im PJ war gute Lehre leider Glückssache und stark vom persönlichen Engagement der Studenten abhängig. So mussten sich die Studenten während eines PJ-Tertial in einem kleineren Krankenhaus zusammen tun und massiv Druck ausüben, damit unsere wöchentliche PJler-Ausbildung nicht jedes Mal ausfiel oder aber wieder nur vom Assistenten gehalten wurde. Der hatte schließlich die geringste klinische Erfahrung.

Ich mache den meisten Lehrenden, die ich während meines Studiums kennengelernt habe, gar keinen Vorwurf. Sie konnten es gar nicht besser machen. Das System lässt es nicht zu. Wenn man vor Personalmangel und Einsparungskosten in Arbeit erstickt, versucht man natürlich zuerst den Patienten gerecht zu werden. Das ist auch vollkommen richtig so. Gerade an einer Uniklinik kommt dann oft auch noch die Forschung dazu, sodass die Lehre als drittes Feld zu kurz kommt.

Auch in einer Praxis war die Lehre nicht wirklich besser. Da kam es besonders darauf an, in welcher Praxis man gelandet ist. Aus vielen Gesprächen weiß ich, dass die Lehre in der Praxis sehr unterschiedlich sein kann. Von sehr guter Lehre bis zu gar keiner Lehre bewegt sich hier die Bandbreite. Die Notwendigkeit guter Lehre besteht nicht nur in der Studentenzeit, sondern setzt sich auch in der Zeit als Arzt in der Weiterbildung fort und wird dort eigentlich noch einmal wichtiger.

Bei der Ausbildung der Assistenten steht dann noch nicht einmal mehr die Uni im Hintergrund, die vielleicht durch Evaluationen oder finanzielle Anreize noch gute Lehre fördert. Was die Lehre angeht, trennt sich in der Assistenzarztzeit die Spreu vom Weizen.

Es ist schade, dass es in Deutschland oft immer noch Glückssache ist, ob man als Student oder junger Arzt eine gute praktische Ausbildung und Lehre erhält. Hauptsächlich ist eine schlechte Ausbildung, gerade im Krankenhaus, der großen Arbeitsbelastung geschuldet. Da versucht jeder einfach nur zu überleben. Auch in einer Praxis ist das häufig der Fall.

Wenn ich daran zurückdenke, wie wenig Patienten mein amerikanischer Arzt am Tag behandelt hat und damit den deutschen Kinderarzt, bei dem ich auch eine Weile hospitiert habe, vergleiche, ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht. Außerdem mangelt es hierzulande an der entsprechenden Lehr-Mentalität: Wenn man selbst nur wenig gute Lehre in seiner Ausbildung erfahren hat, dann ist es auch schwer, selbst gute Lehre zu machen.

Da ist noch viel Luft nach oben in Deutschland. Und ich möchte später, wenn ich älter bin, nicht von einem Arzt behandelt werden, der sich das meiste, mangels besserer Alternativen, selbst beigebracht oder ergoogelt hat. Deshalb setze ich mich aktiv für eine bessere Lehre an meiner alten Uni und auch in meiner beruflichen Umgebung ein. Damit jetzige und zukünftige Studenten nicht mehr ins Ausland gehen müssen, um dort die beste Lehre zu erhalten.


Bildquelle: Florian Lehmuth, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 01.10.2015.

57 Wertungen (4.81 ø)
3406 Aufrufe
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Menolly
Das selbe trifft auch auf die heutige Ausbildung als MFA zu. Auch wenn dies kein Studium. In den Schulen wird nur stur das pflichtprogramm durchgezogen. Keine Praktischen Dinge und mann kann von Glück reden wenn der Lehrer nicht nur zwanzig Fragen an die Tafel schreibt und mann diese dann still bearbeiten soll. Und in den einzelnen Praxis ist man heute nicht viel mehr als eine Günstige arbeitskraft. So kamm es in meinem Umfeld auchs chon vor das auf 4 Auszubildene eine ausgelernte Kraft kommt. Ich musste mir das meiste selbst beibringen weiles den Ärzten schlicht weg egal ist ob ihre Azubis etwas lernen oder nicht.
#7 am 26.02.2016 von Menolly (Gast)
  0
Kleine Anekdote über meine Suche nach einem Platz für die "Hausarztfamulatur": Fest stand für mich, dass ich diese Hausarztfamulatur bei einem niedergelassenen Pädiater und in Stuttgart machen wollte. Stuttgart ist groß, Stuttgart hat viele Kinderärzte. Außerdem soll ja Nachwuchs rekrutiert werden! Voller Eifer habe ich mich bei 15 niedergelassenen Pädiatern beworben - im Kopf bereits 14 Absagen formulierend. Wie gesagt, Deutschland braucht Nachwuchs! Die Bilanz: Vom Großteil erhielt ich nicht mal eine Antwort, vom Rest Absagen. Ich denke nicht einmal, dass die Ärzte aus Unhöflichkeit nicht geantwortet haben, sondern sie werden schlichtweg keine Zeit gehabt haben. Wer 60 und mehr Kinder am Tag untersuchen muss, hat wahrscheinlich keine Zeit sich nebenbei um eine Famulantin zu kümmern, sondern ist froh, wenn er die eigene Arbeit erledigt bekommt. Einen Famulaturplatz habe ich letztlich zum Glück doch noch bekommen - bei einem Kinderarzt, der nur Privatpatienten behandelt...
#6 am 01.10.2015 von Nadja Schnierer (Studentin der Humanmedizin)
  0
Gast
Sehr guter Artikel!
#5 am 01.10.2015 von Gast
  0
Gast
Teil II Auch regelmäßigen Unterricht hatten wir, allerdings kein klassischer PJ Unterricht, sondern Unterricht für Assistentsärzte in Weiterbildung, mindestens 1x Woche. Ich habe in dieser Zeit viel gelernt und bin froh diesen Schritt gegangen zu sein. Heute arbeite ich als Assistent in Weiterbildung an einer Niederländischen Universitätsklinik und genieße die Zeit hier. Wir haben viel Möglichkeiten für Unterricht, Lehre, Vorträge und Kongresse, und dass obwohl auch hier gespart wird! Zum Glück jedoch nicht an einer guten Weiterbildung!
#4 am 30.09.2015 von Gast
  0
Gast
Teil 1: Helemaal mee eens, würden wir in den Niederlanden sagen! Auch ich habe gute Lehre als Glücksache empfunden und das obwohl ich an einer der angesehensten Universitäten in Deutschland studieren durfte. In meinem PJ bin ich dann über diverse Umwege in den Niederlanden gelandet und durfte dort ein Tertial in der Chirurgie verbringen. Dort wurde ich im wahrsten Sinne des Wortes ins kalte Wasser geworfen und doch nicht allein gelassen. Ich lernte im PJ eine Station zu führen, Befunde mit Spezialisten zu analysieren (nachdem ich sie erst selbst studiert hatte) und Therapievorschläge zu präsentieren. Am Anfang war es sehr schwer die Brücke von der Theorie zur Praxis zu schlagen, am Ende des PJ Tertials hat es richtig Spass gemacht, die Fäden zu spannen, so dass ich beschloss spontan noch zu verlängern.
#3 am 30.09.2015 von Gast
  0
Wenn man das Glück hatte, auch entsprechend gute Erfahrungen gemacht zu haben, sollte man sein Möglichstes geben, diese an die jungen Kollegen weiterzugeben. Vielleicht kann man so in der nächsten oder übernächsten Ärztegeneration zu einem umdenken beitragen. Das üblicherweise positive Feedback, welches man von jungen Kollegen zurück bekommt, ist in meinen Augen Lohn genug.
#2 am 30.09.2015 von Dr. med. Andreas Wolff (Arzt)
  0
Gast
Danke. Meine Erfahrungen decken sich damit.
#1 am 30.09.2015 von Gast
  0
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Heute kam eine Bekannte von mir in die Sprechstunde. Ich schätze sie sehr – als einen vernünftigen, gebildeten mehr...
Bei den ganz Kleinen im Kindergarten habe ich vor allem darüber gesprochen, was ein Arzt so bei der Untersuchung der mehr...
Leider nützen alle Zahlen, Statistiken und Wahrscheinlichkeiten dem einzelnen Patienten recht wenig, wenn er oder mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: