Schreckgespenst Facialisparese

19.09.2015
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Da die periphere Facialisparese epidemisch aufzutreten scheint und in meiner Klinik grad wieder die Patienten Schlange stehen, fühle ich mich veranlasst heute über selbige zu schreiben. Die Patienten sind oft verängstigt, wenn sie ihr Spiegelbild früh morgens erblicken. Typischerweise berichten die Patienten wie ihnen der morgendliche Kaffee zu einer Seite herausläuft.

Die meisten Patienten warten nicht lange und stellen sich meist zunächst beim Hausarzt vor. Besteht eine komplette periphere Facialisparese tut sich der Hausarzt mit der Diagnose leicht und überweist mit der richtigen Diagnose auf dem Einweisungsschein weiter in die neurologische Klinik.


Aber nur selten zeigt sich das Vollbild einer peripheren Facialisparese mit aufgehobenem Stirnrunzeln, unvollständigem Lidschluss (mit Bell'schem Phänomen und Wimpernzeichen), hängendem Mundwinkeln sowie erschlafftem Platysma (letzteres habe ich persönlich noch nie gesehen). Im Gegensatz hierzu, so ist in vielen Lehrbüchern und auch auf DocCheck zu lesen, ist bei der zentralen Facialisparese das Stirnrunzeln noch möglich. Verkomplizierend kommt die nukleäre Facialisparese hinzu. Hier sind die Kerne des N. Facialis betroffen. Klinisch zeigt sich diese wie die komplette periphere Faciliasparese. Ich möchte gleich vorweg nehmen, dass die nukleäre Facialisparese höchst selten ist und selten (praktisch nie, auch wenn es in der Medizin „nie“ nicht gibt) ohne weitere neurologische Ausfälle daherkommt. Angrenzend zum Facialiskern liegt nämlich der Kern des N. abducens, hier wird auch das innere Facialisknie gebildet. Somit bleibt festzuhalten, dass bei einer nukleären Facialisparese mit hoher Wahrscheinlichkeit auch andere Hirnnervenkerne betroffen sind. Eine neuroophthalmologische Untersuchung ist somit unerlässlich.

Nun nochmal zur zentralen Facialisparese. Das Stirnrunzeln ist deshalb möglich, weil die Stirn motorisch von beiden Hirnhälften versorgt wird. Leider ist dieses Unterscheidungskriterium für die Katz. Ich persönlich würde sagen, dass man es sogar bei bis zu 70-80 % der Fälle nicht heranziehen kann. Viel besser als Unterscheidungskriterium eignet sich bei der inkompletten peripheren Facialisparese nämlich das Wimpernzeichen (Sign des cils) oder das Bell'sche Phämonen. Bei ersterem sind bei forciertem – also maximalem – Lidschluss die Wimpern noch zu sehen. Bei letzterem kommt es zu einem Aufwärtsrotieren des Augapfels beim Lidschluss.

Erfahrungsgemäß sind die Patienten verunsichert und haben Angst vor einem Schlaganfall. Befeuert wird dies dann auch durch Unkenntnis bzw. mangelnde Kenntnis des Hausarztes oder auch anderem medizinischen Personals. So ist mir neulich durch die Leitstelle eine Patientin mit Schlaganfall angekündigt worden. Vorsorglich habe ich dann ein Bett auf der Stroke Unit reserviert. Als ich die Patientin dann aber vor Ort gesehen habe, war schnell klar, dass es sich um eine inkomplette periphere Facialisparese handelt. Leider wurde die Patientin derart verunsichert und schon durch die Pfleger und Schwestern in die Denkschiene Schlaganfall geführt, dass es einiger Erklärungsarbeit bedurfte, die Patientin von der Harmlosigkeit der Erkrankung zu überzeugen. Interessanterweise verstand auch die Schwester auf der Stroke Unit nicht, was eine periphere Facialisparese ist. Als ich das Bett mit den Worten „es ist eine periphere Faciliasparese“ wieder abbestellen wollte, unterbrach mich die Schwester und sagte: „Also kommt Sie auf die Stroke Unit?!“. Vielleicht hatte ich auch nur undeutlich gesprochen.

Patienten berichten, dass sie im Vorfeld der Lähmung retroauriculäre Schmerzen gehabt haben. Je nach Lokalisation der Schädigung berichten die Patienten dann meist nach gezieltem Nachfragen über Begleitsymptome wie eine Dysgeusie (vordere 2/3 der Zunge), Störung der Tränen- und Speichelsekretion, Hyperacusis (Stapediusreflex!).
Pathophysiologisch kommt es zu einem Ödem des N. facialis im Canalis facialis. Dies kann zum einen entzündlich oder nicht entzündlich (idiopathisch) bedingt sein. Der Großteil ist idiopathisch. Wir wissen also nicht genau, was die Ursache ist. Diskutiert werden dennoch Virusinfekte, die wir aktuell nur einfach nicht nachweisen können. Klingt für mich nachvollziehbar, denn gefühlt tritt die periphere Facialisparese oft epidemisch auf. Mitunter ergeben sich daraus auf Station witzige Szenen,wenn in einem Zimmer zwei Patienten, einmal mit rechts- und linksseitiger Parese liegen. Bei den entzündlichen Ursachen muss man an eine Borreliose denken, die auch mal mit einer bilateralen Facialisparese einhergehen kann. Berichtet der Patient über Ohrsymptome, sollte otoskopiert werden, um einen Zoster oticus auszuschließen. Bei bilateraler Facialisparese sollte auch an ein GBS bzw. Miller-Fisher-Syndrom gedacht werden.

In meiner Klinik werden alle Patienten mit peripherer Facialisparese lumbalpunktiert. Denn immerhin beträgt der Anteil an infektiösen Ursachen 10-20 % d.F. (je nach Literatur). Nichtsdestotrotz hat die periphere Facialisparese eine gute Prognose. Bei 80-90 % der Patienten kommt es zu einer kompletten oder partiellen Restitution (z. T. auch unbehandelt). Wir orientieren uns an den Leitlinien und geben 60 mg Prednisolon für 5 Tage. Danach wird jeden Tag um 10 mg reduziert. Wichtig sind darüberhinaus der nächtliche Uhrglasverband sowie Augentropfen, um Schäden an der Kornea zu vermeiden. Mit Mimikübungen kann die Restitution beschleunigt werden.

Ich hoffe, ich konnte mit meinem Beitrag einige Unklarheiten beseitigen und den Unterschied peripher vs. zentral herausstellen.

Bildquelle: Lisa Spreckelmeyer, Panic! / piqs.de

Artikel letztmalig aktualisiert am 28.09.2015.

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Alle werden lumbalpunktiert?? Auch wenn es gerade eine Erkältung vorher gab? Find ich etwas heftig übertherapiert. Ich hatte im näheren Umfeld über Jahrzehnte drei Fälle im Zusammenhang mit Stress bzw. grippalen Infekten, alle verschwanden ohne Spätschäden. Also merke- nicht unbedingt in die Klinik damit.
#16 am 25.11.2016 von Annette Creson (Bibliothekarin)
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Logopädin
Schön zusammengefasster Artikel. Ein bißchen vermisse ich jedoch den Hinweis auf eine zügig einzuleitende logopädische Therapie, am besten hochfrequent, die die Heilungschancen doch deutlich verbessert. Auch wenn - wie hier - immer wieder zu lesen ist, dass AUCH UNBEHANDELT eine gute Prognose bestünde, so überkompensieren doch viele Patienten ohne logopädische Behandlung und es verbleibt eine oft störende Restsymptomatik.
#15 am 13.04.2016 von Logopädin (Logopäde)
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Gast
Ad Nr. 12: Guter Hinweis, wie ich finde. Als Logopädin begegne ich in unserer Klinik auch immer der "Recurrensparese", genauer ist jedoch "Stimmlippenparese" - da ja das paretische Organ benannt werden sollte.
#14 am 13.04.2016 von Gast (Logopäde)
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Neuro?Logisch!
Über die Terminologie lässt sich streiten. Ich denke, zentrale, periphere bzw. nukleäre Facialisparese ist durchaus logisch. Der Ischiadikus hat ja in dem Sinne keine spezifische Kerne, im Gegensatz zu den Hirnnerven. Ich denke die Hirnnerven nehmen da eine spezielle Stellung ein.
#13 am 28.09.2015 von Neuro?Logisch! (Gast)
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LE
Vielen Dank für Ihre Ausführungen, durchaus gut, sich anatomische Verhältnisse in Erinnerung zu bringen.Aber:Wäre es nicht korrekter,man spräche generell anstelle "peripherer oder zentraler Facialisparese" von "facialer Parese",zentral oder peripher(=N.facialis) bedingt?Denn Sie bezeichnen doch eine zentral bedingte partielle Beinlähmung auch nicht(z.B.) als "zentrale Ischiadicus- oder Femoralisparese".
#12 am 27.09.2015 von LE (Gast)
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Neuro?Logisch!
Für Patienten gilt: Mit einer Lähmung immer zum Arzt. Für Ärzte gilt: Unterscheidung peripher oder zentral nach den Kriterien wie ich es versucht habe zu erklären und dann ggf. Bildgebung. Der Beitrag richtet sich hauptsächlich an Ärzte.
#11 am 24.09.2015 von Neuro?Logisch! (Gast)
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Gast
Falsch,bis ein Neurologe sagt, was der Verdacht ist. Leider wurde mein Artikel nicht verstanden.
#10 am 24.09.2015 von Gast
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Dieser Artikel ist wirklich aufschlussreich und gut formuliert, vielen Dank. Aber ich stimme ebenfalls zu, dass ein stroke die 1. Verdachtsdiagnose sein muss, bis sie durch Bildgebung widerlegt ist!
#9 am 24.09.2015 von Anke Niggenaber (Weitere medizinische Berufe)
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Gast
Sehr guter Artikel - leider auch sehr gefährlich für Laien!! Ein Patient, welcher morgens mit einem hängenden Mundwinkel aufwacht muss zwangsläufig als Wake-Up-Stroke betrachtet werden. Dies muss die 1. Verdachtsdiagnose sein bis sie durch Bildgebung widerlegt ist! Gruss von einem Leiter Stroke Unit
#8 am 24.09.2015 von Gast
  9
Gast
wenn ich meinen Daumen fest in die Mitte der Stirn des Patienten setze und somit verhindere, dass beim Stirnrunzeln die eine Seite von der anderen passiv mitbewegt wird, kann ich quasi immer zwischen einer zentralen und einer periphėeren Facialisparese unterscheiden!
#7 am 24.09.2015 von Gast
  3
Hier zu diesem Thema die Hemi Facialis Parese meiner Tochter Maren. Maren hatte mit 7 Jahren plötzlich eine FP halbseitig ohne zusätzlichen Syptomen. Auch sie wurde unter großen Wiederstand ihrerseits in der Kinderklinik Tübingen Lumbal punktiert. Ohne Befund. Prophylaktisch bekam sie die oben genannt intravenöse Penicillin Therapie von mir Zuhause verabreicht. Die problemfreie Symptomatik ging wie sie kam, bis heute. Maren ist heute 21 Jahre und bis auf kleinere Erkrankungen..( Lactoseunverträglichkeit... ) top gesund. Der Verdacht auf Borreliose bleibt jedoch bestehen.
#6 am 23.09.2015 von Peter Stoppel (Ergotherapeut)
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Neuro?Logisch!
Welche Art Facialisparese hatte die Patientin? Haben Sie sie neuroophthalmologisch untersucht (Glatte Blickfolge (horizontal und vertikal) Nystagmus, Sakkaden, VOR), dass sie so sicher sind, dass es das einzige Symptom war? Ein MRT bei jeder peripheren Facialisparese halte ich für etwas zu viel Diagnostik. Bei fehlender Remission kann man das im Verlauf diskutieren.
#5 am 23.09.2015 von Neuro?Logisch! (Gast)
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Gast
Bei meiner letzten Patientin mit Facialisparese war dies das erste Symptom einer Multiplen Sklerose. Ein MRT erscheint mir deshalb unerlässlich. Der weitere Krankheitsverlauf hat die Diagnose leider bestätigt. Dr. Wolf Brunner, Arzt für Innere und Allgemeinmedizin
#4 am 23.09.2015 von Gast
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Gast
Vielleicht hat sie ja mit Allen ( ! ) Beiträgen recht, sollte es allerdings auch zugeben.
#3 am 23.09.2015 von Gast
  1
Gast
Btw. Assistenzarzt und wo schimpfe ich?
#2 am 23.09.2015 von Gast
  3
Gast
ich hab noch keine Beitrag von dieser Assistenzärztin gelesen, in dem Sie nicht auf andere Ärzte geschimft hat.
#1 am 23.09.2015 von Gast
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