Machtspiele

18.09.2015
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Ein Patient mit durchschossenem Oberarmknochen sollte möglichst an einem Vormittag in der Ambulanz auftauchen. Sonst könnte es geschehen, dass er sich unversehens in Machtspielen des Personals wiederfindet und darin untergeht.

Freitag Nachmittag, 13.30 Uhr: Die Ambulanz meldet einen Patienten, der chirurgisch-ärztlich gesehen werden soll. Der einheimische Kollege ist für das Wochenende nach Hause zu seiner Familie gefahren - ein Weg von 4 Stunden über Buckelpisten, da geht man schon mal ein bisschen früher als üblich. Auch der Capitaine, ein alter Kollege aus Europa, der immer wieder für ein paar Wochen vor Ort mithilft und ausbildet, hat sich für das Wochenende verabschiedet. Er ist nicht rund um die Uhr verfügbar, immer wieder ist er müde, zuweilen legt er ein paar Tage Pause ein. Das gesteht man einem betagten Herrn in seinem Alter auch gerne zu.

Also mache ich mich auf den Weg. Der Patient - ein hagerer, junger Krieger - hat einen Oberarmdurchschuss mit Zertrümmerung des Humerus in Schaftmitte. Zwei Tage alt ist die Wunde, schmutzig, aber noch nicht eitrig. Säubern und ruhigstellen ist also unbedingt zeitnah angesagt. Am Samstag wird es viel schwieriger, den OP in Gang zu bekommen. Noch hat das Wochenende erst inoffiziell begonnen. Keiner der einheimischen Mitarbeiter in der Ambulanz ist da anderer Meinung. Nachdem mit dem Patienten alles soweit geklärt ist, folgt der schwierigste Teil des Ganzen: den Anästhesiepfleger Eddy zu mobilisieren.

Eddy - seit Jahrzehnten vor Ort - zumeist allein mit endlosen Dienstverpflichtungen, sieht sein Wochenende in Gefahr, das für ihn bereits am späten Vormittag begonnen hat. Er windet sich und sagt erstmal nein. Zunächst müsse der Patient dem Capitaine vorgestellt werden. Dieser sei die oberste Autorität. Tja, der Capitaine hat sich bereits abgemeldet und ist nicht mehr verfügbar. Aber der Patient sei nicht nüchtern. Man müsse erst 6 Stunden abwarten.

Doch, der Patient ist nüchtern. Wie viele der Menschen in diesem kargen Landstrich, gibt es bei ihm nur einmal täglich abends etwas zu essen. Sonst nie, aber heute, ist das ein Vorteil. Es seien aber nicht mehr genügend Instrumente da, versucht es Eddy erneut und windet sich unermüdlich, zunächst müsse sterilisiert werden. Das könne einige Stunden dauern. Doch auch diesbezüglich hat er keinen Erfolg. Die Schwestern weisen auf ihre Vorräte hin. Doch, für diesen Eingriff würde es noch reichen.

Er fügt sich. Der Patient kann schmerzfrei versorgt werden und verlässt den OP mit einigermassen sauberer, debridierter Wunde und Ruhigstellung in akzeptabler Position. Aber ich ahne, dass diese Kraftprobe nicht ohne Folgen bleiben wird.

In der nächsten Woche ist es bereits so weit: Ich bekomme einen dicken Rüffel von Seiten der Verwaltung. Ich würde die einheimischen Mitarbeiter nicht respektieren, müsse sensibler vorgehen. Ernste Gesichter. So ginge das nicht. Ich mache mich auf den Weg zu dem europäischen Kollegen in der Verwaltung. Dieser erklärt mir, für solche Auseinandersetzungen sei er nicht zuständig. Das sollten wir in der Chirurgie untereinander klären. Na denn! Das hat bisher noch selten geklappt. Ich mache einen weiteren Versuch und gehe bei der ebenfalls europäischen Oberschwester vorbei.

Ob ich etwa behaupten wolle, wir würden hier nicht korrekt arbeiten, fragt sie mich. Ich gebe zu bedenken, dass auch Unterlassung zuweilen zu Schaden führt, was wir dem Patient doch ersparen wollen. „Machen sie sich damit vertraut, wie es hier läuft“, sagt sie. „Gehen sie in den Schuhen der Einheimischen, respektieren sie." Und schon stehe ich wieder vor ihrer Tür.

„Wir wissen doch, dass die Patienten Eddy egal sind", sagen die einheimischen OP-Schwestern. „Wir sind froh, dass du dich für sie einsetzt.“ Das tröstet ein bisschen.

Wie ist die Lage zu beurteilen? Die Schlingerfahrt zwischen den Fettnäpfchen weiterführen? Beherzt hineintreten und mich nicht irritieren lassen? Die europäischen Landsleute in Verwaltung und Pflege sind ebenfalls seit Jahren hier und einiges gewohnt. Würden meine Massstäbe einknicken, wenn ich genauso lang hier bliebe? Immer war der letztendliche Massstab die angemessene Versorgung der Patienten. Das soll auch so bleiben. Und Eddy? Wird man so nach Jahrzehnten alleiniger Verantwortung, ständig im Dienst, nur selten mit Unterstützung? Auch wenn dem so ist, kann dies nicht als Entschuldigung für eine schlechte Behandlung der Patienten durchgehen. Meine ich. Noch.

 

Artikel letztmalig aktualisiert am 23.09.2015.

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Nein - man wird nicht zwangsläufig so. Aber leider auch nicht selten. Und deshalb muss man sich des eigenen Risikos auch bewusst bleiben und gegensteuern (danke übrigens für die interessanten Blogs - auch eine Art der Burn-Out-Prophylaxe). Und: für uns Westeuropäer irgendwie tröstlich, dass es auch in Afrika nicht anders zugeht als hier ;-)
#5 am 23.09.2015 von Dr. med. dent. Wolfgang Carl (Zahnarzt)
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Wunderbar geschildert! Mit wenigen Änderungen können Sie dies Verhalten in jeder Klinik, in jedem Industrieunternehmen, in jeder Organisaton beobachten. Wer in der Schlüsselposition steckt ( hier ist es Eddy, an anderer Stelle ist es die Sekretärin oder der Hausmeister) nutzt seine Macht zur Besserung seines Status. Andere haben ihn wichtig zu nehmen, lieb zu sein, bittebitte zusagen und die Abhängigkeit einzugestehen. Passen Sie ja auf, dass Sie an der Situation nichts ändern. Ja keine Entlastung für den Anästhesiepfleger oder gar einen zweiten Eddy aufbauen, das würde seine Position schwächen und Ihnen viel Ärger mit Eddy einhandeln, so lange bis Eddy wieder die Nummer 1 ist. Bei Machtspielen hilft allein, etwas anzubieten, das für Eddies sehr, sehr attraktiv ist.... eine Lehrstelle für eins seiner Kinder, eine Reise nach ... doch das will subtil eingefädelt sein. Um die Patienten, die Kunden, die Mandanten geht es selten, sie sind nur Rahmenbedingung für das eigentliche Spiel.
#4 am 23.09.2015 von Dr Lena Numenthal (Chemikerin)
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www.steht für World Wide Web! Nicht für World Wild Web. Im Gegensatz zur literarisch verklärten Mama Daktari, der fliegende Ärztin in Kenia, geht es in diesem Blog tatsächlich etwas "wilder" und authentischer zu. Deswegen hat wohl "Mama Daktaria" dieses assoziative Pseudonym gewählt, um alle Neugier-Nasen fernzuhalten. MfG
#3 am 22.09.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
Traurige Realität - danke, dass sie sich einsetzen. Motivationschwierigkeiten gibt es aber auch bei uns… - mit steigenden Dienstjahren.
#2 am 22.09.2015 von Gast
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Gast
Der geneigte Leser fragt sich wer diesen Blog verfasst. Im World Wild Web findet man nämlich nur eine Mama Daktari: Spoerry, Anne: Man nennt mich Mama Daktari. Als fliegende Ärztin in Kenia.
#1 am 22.09.2015 von Gast
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