Ist Trauer eine Krankheit? Und: warum französische Kinder kaum ADHS haben

08.06.2013
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Nach einem Blogpost in Pharmagossip.

Trauerst Du weil ein guter Freund gestorben ist? Hast Du Probleme altes loszulassen? Du bist ein Kind und widerspenstig und neigst zu Trotzanfällen? - Dann bist Du vielleicht krank.

Demnächst fällt all das zumindest in Amerika unter „Mental Disorder“ also ... psychische Störung und wird offiziell diagnostizierbar.

Die American Psychiatric Association hat am 17. Mai ihr neues Diagnose- Handbuch herausgegeben: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) .

Das neue DSM hat verschiedenste Ergänzungen: darunter „Oppositional Defiant Disorder“ – (ich traue mich gar nicht das zu übersetzen): wenn ein Kind wiederholt „Nein.“ sagt und sich abwehrend verhält.

„Major Depressive Disorder“ – faktisch nichts anderes als „Trauer“ – und zwar schon pathologisch ab den ersten paar Wochen Dauer.

„Disruptive Mood Dysregulation“ – Tobsuchtanfälle

„Compulsive hoarding“ – da fallen Leute drunter, die wir umgangssprachlich als Messi bezeichnen: Leute, die altes nicht wegwerfen können und ihre Wohnung mit der Zeit zumüllen.

Indem man derartiges in ein Diagnose-Mittel für mentale Krankheiten aufnimmt, „macht“ man es faktisch zu einer Krankheit und damit zu etwas, was mit Medikamenten behandelt werden kann / soll. Und das finde ich teilweise fraglich: Soll man Trauer wirklich pathologisieren und mit Medikamenten behandeln? Ist mein Kind im Trotzalter „krank“?

 

Zusammengestellt wird das DSM von einem Gremium Experten der Psychiatrie. Viele von diesen sind aber bezahlte Sprecher (und Befürworter) für die Pharmaindustrie und/oder involviert in Forschung, die von der Pharmaindustrie bezahlt wird.

Nicht alle sind mit dem neuen DSM einverstanden: Es erhebt sich ein Protest unter den Psychiatern und Psychologen – über 10'000 haben einen Brief gegen das Einsetzen dieses neuen Handbuchs und Standards unterschrieben.

Obwohl das DSM für Amerika entwickelt ist, hat das weltweiten Einfluss: auch Ärzte in der Schweiz benutzen das als Diagnosegrundlage.

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Und in dem Zusammenhang auch ein Artikel aus dem Psychology Today

Warum Französische Kinder kein ADHS haben.

In Amerika ist fast jedes 10. Kind (9%) mit ADHS diagnostiziert, also dem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. In Frankreich weniger als 0.5%. Wieso?

Das hat durchaus mit der Diagnosestellung zu tun. Aber nicht nur.

In Amerika wird ADHS als biologische Krankheit angesehen mit biologischen Ursachen: einer chemischen Ungleichgewicht im Gehirn des Kindes. Behandelt wird diese Krankheit mit Psychostimulazien wie Ritalin oder Adderall.

In Frankreich dagegen sieht man es als medizinisches Problem an mit psychologischen und Umwelt/Situations-Einflüssem- Französische Ärzte neigen deshalb dazu die Probleme des Kindes was Aufmerksamkeit und ihr Verhalten betrifft nicht mit Medikamenten zu behandeln, sondern die zugrundeliegenden Probleme, die das Verhalten des Kindes beeinflussen anzugehen. Also neigen sie dazu sich die soziale Umwelt mehr anzuschauen. Behandelt wird zuerst mit Familienberatung und Psychotherapie.

Französische Kinder-Psychiater benützen nicht das gleiche Klassifikationssystem wie ihre amerikanischen Kollegen. Sie benutzen nicht das DSM (siehe oben). Sie haben alternativ (und aus Widerstand gegen das DSM) ein eigenes System entwickelt: CFTMEA (Classification Francaise des Troubles Menteaux de l’Enfant et de L’Adolescent) – auch 2000 zuletzt überarbeitet.

Ihre Definition von ADHS ist auch nicht so „breit“ wie das der Amerikaner – das auch manches „pathologisiert“ was unter normales Kinder-Verhalten fällt.

In Amerika bekommen also via das DSM viel mehr Kindern die Diagnose ADHD – ohne auf die Ursachen einzugehen. Statt dessen ermutigt man die Psychiater aktiv dazu das mit Medikamenten zu behandeln.

Und das „funktioniert“ - jedenfalls, was die Pharmaindustrie angeht.

 

Disclaimer: Ich schreibe hier nicht, dass ADHD nicht existiert oder dass das nur eine erfundene Krankheit ist. Das ist es nicht. Auch Frankreich mit seinen ganz anderen / engeren / strengeren Leitlinien hat Kinder, die das offensichtlich haben. Allerdings soll der Artikel zeigen, wie stark eine Diagnose (und dann die Behandlung) von den Diagnoseleitlinien anhängig ist. Je breiter man die Leitsymptome anlegt – desto mehr fallen da drunter. Und werden behandelt – mit Medikamenten vorzugsweise (für die Pharmaindustrie).

Und wenn man jetzt dasselbe macht indem man neue Diagnosen ... erfindet aufnimmt ... dann kann man auch mit einem höheren Medikamentenabsatz rechnen.

Die Pharmaindustrie ist nicht durchgehend schlecht : wir haben ihr auch viele wirksame Behandlungen zu verdanken! – aber man sollte wissen, dass die derartige Entwicklungen natürlich pushen. Es ist ja definitiv zu ihrem Vorteil.

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

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