Götterdämmerung

11.09.2015
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In einem Teil der Welt, in dem jeder Gastarzt mit Kompetenz kostbar ist, kann es zuweilen ziemlich im Getriebe knirschen: Hin und wieder zieht ein Kollege eher sein Programm durch als darauf zu achten, was vor Ort eigentlich gewünscht, gefragt und nötig ist...

Menschen von Bedeutung sind auch in ihrer Abwesenheit auf die eine oder andere Art anwesend. So auch „der Capitaine“, ein älterer chirurgischer Kollege aus Europa, der einmal im Jahr für ein paar Wochen kommt. Immer wieder wird auf ihn hingewiesen, ratlos vor Symptomen oder Verletzungen stehende Kollegen freuen sich, dass der Capitaine das Problem lösen werde, wenn er erst wieder da ist. Patienten werden einbestellt zu Terminen, wo er beraten kann. Bei Streit unter Mitarbeitern wird gehofft, der Capitaine werde alles organisieren. Der Capitaine überweise auch nicht gern, sagt man mir, er mache am liebsten alles selbst. Er sammle die Patienten, sodass die Station mit 130 Patienten aus allen Nähten platze. Andere sagen, er schicke alle fort, die keine Notfälle seien, um Platz für die Bearbeitung seiner „orthopädischen Fälle“ zu haben. Was werde ich dann arbeiten, frage ich mich, aber da ist schon die Antwort: der Capitaine wolle alle um sich herum haben, einer müsse ein Bein halten, ein anderer etwas holen, und der Anästhesiepfleger dürfe auf keinen Fall seinen Tisch verlassen.

Auch manche Arbeitstechniken werden auf den Capitaine zurückgeführt. Erklärte mir doch kürzlich ein Kollege, man müsse den Extensionsdraht im Tibiaplateau von innen nach außen einbohren. Auf den berechtigten Einwand, dass außen die Nerven verlaufen, wurde mir erklärt, ja, der Capitaine klopfe deshalb auch die letzte Strecke mit dem Hammer ein. Mein Vorschlag, mit einem Bohrer von außen die ganze Strecke zurückzulegen und dann auch keinen Hammer zu benutzen, wurde konsterniert zurückgewiesen, der Capitaine mache das immer so. Auch werde der Capitaine mit Neuen (wie ich eine sei) immer erstmal bei Null anfangen. Was das wohl heißt?

Mit zunehmender Informationsfülle wird mir diese allgegenwärtige, wie eine Wolke über uns schwebende patriarchalische Übermacht  immer unheimlicher. Eigentlich mag ich meine Selbständigkeit, die Freiheit, auch mal selbst was zu organisieren, die Möglichkeit, die Arbeit aufzuteilen und das, was ich (noch vor nicht langer Zeit) gelernt habe, anzuwenden.

Dann ist es soweit. Der Capitaine ist da. Er dreht eine Drittelrunde über die Station, bestimmt, was am Montag alles operiert wird und sagt: jetzt wird hier aufgeräumt!  Mit seinem Eintreffen gerät sogleich die Arbeit ins Stocken, erliegt auch hin und wieder völlig. Auf Station wartet man auf den Capitaine. In der Ambulanz bekommt man gesagt, man solle erst anfangen, wenn der Capitaine da sei, auch wenn er an diesem Abend gar nicht mehr auftaucht und es allerhand Patienten gibt, die auch nicht unbedingt eine Expertenmeinung brauchen. Im OP werden 2 oder 3 Operationen durchgeführt, parallel darf nichts laufen, weil er das nicht haben wolle, sagt der Anästhesiepfleger, und es herrschen strenge Regeln: Operateur ist immer der afrikanische Kollege, der froh darüber ist, von einem Lehrer zu profitieren, der sich Zeit für ihn nimmt (obwohl dieser ihn ein bisschen wie einen Schuljungen behandelt). Die restlichen OPs, selbst wenn es nur Hernien oder Wundversorgungen sind, werden geschoben, was dazu führt, dass die Zahl der Patienten beständig wächst, was wiederum die Pflegenden auf Station wenig freut. Am schwersten fällt mir, die Arbeit zu sehen und nichts tun zu sollen als am Rande des Tisches zu stehen und maximal einen Haken zu halten. Diese Autoritätsgläubigkeit auf Kosten aller vernünftigen Planung geht mir gehörig gegen den Strich. Auch die Lautstärke, in der diese Autorität zuweilen vom Capitaine eingefordert wird. Zumal ja genug Arbeit da ist, die aber nicht nebenher getan werden darf.

Und schließlich erwischt er mich: ein Draht für eine Tibiakopfextension muss geschossen werden. Ich hatte gehofft, er wäre beschäftigt, aber sie haben es ihm verraten: die weiße Frau macht das andersherum und behauptet auch noch, so sei es richtig. Ich desinfiziere, da kommt er, hat schon vorher meinen Arbeitstisch umkreist, hebt gebieterisch die Hand: nein! So mache man das nicht. Keine Widerrede, wenn er sagt, so rum, dann geht nur so rum, und Generationen von afrikanischen Ärzten hat er gelehrt, die jetzt den gut ausgebildeten Gastärzten klarmachen, nein, wie ihr das machen wollt, kann es nicht richtig sein, weil ja der Capitaine ... Es tut mir leid, sage ich, in allen Büchern steht es so, auch im Internet in den WHO-Richtlinien, wie ich es gelernt habe, und wenn ich mich je vor Gericht verantworten muss, wird man den zitierten Büchern eher glauben als ... einem alten Mann aus Europa, den ich in Afrika getroffen habe, letzteres sage ich nicht, denke es nur, und sage, dann kann ich es nicht machen. Er scheint darauf gewartet zu haben,  denn nun kann er zeigen, wie es geht. Nicht mal gerade ist der Draht hinterher. Wie peinlich. Und er merkt es auch nicht, vor lauter Glück über so viel Autorität.

Ja, sagt der junge, einheimische Kollege, er weiß auch, dass einige Techniken, die er gelehrt wird, alt sind, deshalb will er gerade diese Dinge nicht allein angehen, der Capitaine solle operieren. Und, was der Capitaine vielleicht nicht bedenkt: der Kollege möchte gar nicht irgendwelche Uralttechniken lernen, weil der Capitaine sagt, diese seien ja gerade für Afrika noch tauglich, da man ja sowieso hier rückständiger sei. Im Gegenteil: der junge einheimische Kollege hat auch ein gewaltiges Interesse daran, Neues, Aktuelles zu lernen.

Ich gebe zu, hier die Negativschlagzeilen aufgezählt zu haben, an denen ich mich ärgere. Viel Gutes ist dabei unter den Tisch gefallen: der seit vielen Jahren regelmäßige Einsatz eines alten Kollegen, der ausbilden will und dies auch tut. Trotzdem bin ich froh, dass die Zeit seines Einsatzes auf ein paar Wochen begrenzt ist. Oder sollten wir einfach nur froh sein, überhaupt einen Fachmann da zu haben?

Bildquelle (Außenseite): vasse nicolas,antoine, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 22.09.2015.

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Gast
Meint irgendjemand, bei uns sei es anders? Da kuscht ein ganzes Krankenhaus im Südwesten vor ein paar Doktores, dh. genau gesagt, vor einem einzelnen Herrn, und dessen Gefolgschaft senkt ehrfürchtig den Blick wenn er aus dem Patientenzimmer nach einer vor Quatsch und seit mehr als 20 Jahren veralteten Leitlinien nur so strotzenden Predigt wieder von hinnen zieht (wenn er einen Patienten dessen überhaupt für würdig befunden hatte). Seitdem ich als Patient den näheren und ferneren Einzugsbereich dieses modernen Asklepiostempels meide, in welchem auch kein Patientenfürsprecher existiert (existiert schon, aber nicht vorhanden), bin ich gesundheitlich wesentlich besser dran gewesen als wenn ich mir weiterhin die dortige "Behandlung" weiter angetan hätte. Dort wäre ich nur, wie viele andere Patienten vor mir, untergegangen.
#8 am 22.09.2015 von Gast
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Guter Text. Bei einigen Chirurgen scheint der Glaube an die eigene Unfehlbarkeit Teil der Facharztausbildung zu sein.
#7 am 17.09.2015 von Dr. Frank Antwerpes (Arzt)
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Honorararzt
Liebe Kollegin, ich bewundere Ihre Gelassenheit, - gar Duldsamkeit. Nicht leitliniengerechtes Festhalten an überholten medizinischen Prozeduren führt bei mir zu deutlichem Widerspruch, und zwar unabhängig von hierarchischen Strukturen! Deshalb fühle ich mich als Freiberufler wesentlich wohler als in einem Krankenhaus.
#6 am 15.09.2015 von Honorararzt (Gast)
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Gast
Narzissten gibt es in vielen Berufen....in unserem sind sie besonders häufig.... man halte sich fern von ihnen, wenn irgend möglich .......... als Patient und als Kollege!
#5 am 14.09.2015 von Gast
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Gast
Lässt sich sehr gut lesen, musste schmunzeln. Denke oft, dass wir Menschen in zu engen Zeitrahmen denken. Eine bestehende Meinung/ hypothese etc. stirbt erst mit dem letzten Sie unterrichtenden... Wenn ich überlege, mit was ich vor 20 Jahren damals konfrontiert wurde und was heute weitergegeben wird- ein grosser Unterschied. Aber sicher sind ein durchaus diskutables thema in der Medizin die hohen Hierarchien... Geränke um Lehrstühle gibt es überall, aber in den Naturwissenschaften werden die Hierarchien flacher gehalten. Danke für den Artikel, stephan klemm, MSc.
#4 am 14.09.2015 von Gast
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Noch einmal ich: Ich weiß nicht, warum mein Beitrag hier ohne Absatzumbrüche erscheint, das war in der Entwurfansicht nicht der Fall und man kann hier wohl nicht editieren. Entschuldigen Sie bitte, das ist sonst nicht meine Art. KR
#3 am 14.09.2015 von Dr. Karin Rüttgers (Heilpraktikerin)
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Hallo Mama Daktaria, ich kann Ihre Zwiegespaltenheit gut verstehen. Warum sind denn Ihrer Meinung nach in der Medizin die "alten Zöpfe" so besonders schwer aufzudröseln? Im Nachbarthread wird gerade (wieder einmal) heftigst über die Gefahr von HPs für die Volksgesundheit diskutiert. Ein Thema, das Ihnen etwas fern scheinen mag. Mir scheint (wenn auch der Autor gar kein Mediziner ist) sich hier immer wieder der Dünkel der Medizin wiederzuspiegeln, der letztlich dazu führt, dass sich so viele Menschen in unserer Wissensgesellschaft von ihr abwenden. Können Sie den Capitaine auf das Thema ansprechen? Beste Grüße Ihre Karin Rüttgers
#2 am 14.09.2015 von Dr. Karin Rüttgers (Heilpraktikerin)
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Gast
Wichtigtuerei - so oder so - ein riesengroßes Problem bei Medizinern und eben das Problem des EQ. Allerdings nicht nur dort und korrelierend mit Schul-/Studienabschlüssen. Leider....
#1 am 14.09.2015 von Gast
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