Mehr Menschlichkeit

01.09.2015
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Die Flüchtlingsdebatte ist in aller Munde, jeder hat dazu eine Meinung. Es gibt viele Probleme und Herausforderungen, aber wenn diese zunächst noch abstrakte, irgendwo stattfindende Debatte plötzlich konkret in Form von Flüchtlingen im eigenen Dorf, vor der eigenen Haustür steht, kann es nur eine Antwort geben: Mehr Menschlichkeit.

Bereits seit Wochen brodelt es in dem kleinen Dorf irgendwo in Brandenburg, in dem ich arbeite. Ein Flüchtlingsheim soll gebaut werden, schnell, für 300+ Flüchtlinge, mitten auf die grüne, landeseigene Wiese. Natürlich gab es nach Bekanntwerden dieser Nachricht Proteste, es gab eine Bürgerbewegung gegen das Heim, die unter anderem mit den dorfbekannten NPD-Mitgliedern bestückt war, und auch eine Bürgerbewegung für das Heim.

Viel wurde diskutiert, die Anwohner befürchteten eine Abwertung ihres schönen Viertels, ein Wertverlust ihrer Immobilie, und und und. Außerdem, was sollen die Flüchtlinge den ganzen Tag lang machen? Keine Einkaufsmöglichkeiten, keine Freizeitmöglichkeiten, nichts in der Nähe, außer eine gut ausgelastete Fernstraße und ein Busverkehr einmal die Stunde.

Der Standpunkt ist nicht ideal, ein Container/Zeltdorf als Unterkunft für mehrere Monate gewiss auch nicht. Zur Diskussion stand auch die ärztliche Versorgung der Flüchtlinge, bei nur insgesamt 3 Ärzten im Gemeindegebiet. Alle Ärzte haben sofort ihre Unterstützung zugesichert, darunter auch ich.

Wir diskutieren, ob wir ehrenamtlich mehrmals in der Woche dort abwechselnd „Sprechstunden“ abhalten wollen und wie wir uns sonst einbringen können. Es ist für die Menschen, die dort leben werden, sonst recht mühsam, ärztliche Betreuung zu bekommen.

Das Heim liegt so abgelegen, außerdem müssen sie zunächst den Behandlungsschein holen, den gibt es aber nur im Nachbarort, um dann in den anderen Ortsteil zu kommen, wo die Praxen sind. Das ist mit der eingeschränkten Busverbindung bzw. mit langen Fahrradwegen, gerade für Kranke, doch sehr schwer zu bewältigen.

Natürlich gibt es viele Dinge, die vor allem von der Politik, vom Bund, von den Ländern, bis hin zum Landkreis verbessert werden müssen. Natürlich muss man sich um die Ursachen der Flüchtlingsströme kümmern. Natürlich muss ein System/Gesetz geschaffen werden, dass möglichst gerecht mit den Menschen umgeht, die hier Asyl suchen und auch mit denen, die hier schon leben.

Wenn aber so eine große Gruppe von Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung Hilfe braucht, und schon so viel durchgemacht hat, dann muss ich helfen. Gerade auch als Ärztin, die wirklich gebraucht wird und eine Hilfe anbieten kann, die nicht viele anbieten können.

Als deutsche Staatsbürger haben wir alle das große Glück gehabt, in einem privilegierten Land geboren zu sein, in dem zwar nicht Milch und Honig fließen, aber es uns doch deutlich besser ergeht als in vielen anderen Ländern. Von diesem Glück können wir ruhig abgeben, es wird uns dadurch nicht wirklich schlechter ergehen. Deswegen helfe ich. Und zum Glück gibt es auch viele, viele Menschen aus der Gemeinde und unter meinen Patienten, die ähnlich wie ich denken und mithelfen.

Gerade nach den vielen „Negativ“- Beispielen aus Ostdeutschland hatte ich Befürchtungen, dass das hier auch so sein würde. Dem ist zum Glück nicht so. All denen, die auch als meine Patienten „Asylkritik“ üben – rationale, vernünftige Argumente wie eine geforderte Dezentralisierung der Flüchtlinge oder Kritik an der momentan vorherrschenden Politik kann ich durchaus nachvollziehen.

Dumpfe, fremdenfeindliche Aussagen à la „Alle Ausländer sind kriminell/Betrüger/ Vergewaltiger/ haben keine Kultur und sollen verschwinden!!!!“ stoßen bei mir immer auf Widerworte. Mittlerweile wissen das meine Patienten und lassen solche Aussagen mir gegenüber bleiben.

Zu guter Letzt zu dem Argument „Wir können doch nicht die ganze Welt retten!“: Stimmt, können wir nicht. Müssen wir auch nicht. Es reicht, wenn wir bei den Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung anfangen. Und dort sind jetzt bald 300 Menschen mehr, die wirklich Hilfe brauchen. Helfen wir doch erstmal denen. Mehr Menschlichkeit. Das täte uns allen gut.

Bildquelle: Clare Bell / flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 03.09.2015.

74 Wertungen (4.28 ø)
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Gast
Ich wollte nicht anonym schreiben - konnte aber nur als Gast kommentieren (Beitrag 15). Birgit Perleth, Psychotherapeutin
#16 am 03.09.2015 von Gast
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Gast
Danke für diesen wohltuend differenzierten und unpolemischen Artikel! So etwas zu lesen tut gut angesichts vieler Beiträge im Netz, in denen Vorurteile, Halbwissen, Klischees, Verurteilungen aufgrund diffuser Ängste zum Ausdruck kommen. Das Internet verführt dazu, schnell mal - oft anonym - seine Sicht der Dinge zu posten, was der Qualität der Diskussion nicht gerade zuträglich ist. Die Frage "Kann ich etwas tun, um zu helfen?" sollte sich jeder stellen und nützt auf jeden Fall mehr bei der Lösung der Probleme.
#15 am 03.09.2015 von Gast
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Gast
Ich fände es schön, wenn in den Kommentaren die Überschrift doch beherzigt werden würde - mehr Menschlichkeit.
#14 am 03.09.2015 von Gast
  2
Gast
Wahrscheinlich wird in DE von der Menschlichkeit am meisten geboten, denn niemand der einem Krieg entflieht und um sein Leben froh ist - will in Ungarn, Tschechien etc. bleiben, oder gibt es noch andere Gründe warum die meisten nach DE wollen ?
#13 am 03.09.2015 von Gast
  4
Gast
@#10,11 Politisch wird sich in DE vermutlich kaum was ändern, da es kaum polit. Alternativen oder fähigen Politiker gibt und so wird man einem auch weiterhin erklären, dass es für viele Bereiche kein Geld da ist, in den Medien wird einem weiterhin meistens eine vorgefasste Meinung gehirnwäscheartig eingetrichtert und man wird vermutlich auch weiterhin lasch und planlos regieren um irgendwie die Zeit bis zur nächsten Legislaturperiode zu überstehen und dabei gerne übersehen wie viel man schon verpasst hat..
#12 am 03.09.2015 von Gast
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DocDriver
Deutschland braucht dringend ein Einwanderungsgesetz ***
#11 am 03.09.2015 von DocDriver (Gast)
  1
Gast
Für mich ist nicht erklärbar, warum ein Zuwanderer, es sind ja nicht alles " Flüchtlinge ", mehr Taschengeld bekommt als ein Bewohner eines Alten- und Pflegeheims. Für mich ist auch nicht erklärbar, dass für unsere Erzieher und Erzieherinnen kein Geld für eine vernünftige Bezahlung übrig war und jetzt plötzlich wir finanziell "nicht überfordert" sein sollen. Für mich ist nicht klar, warum bei der Bankenrettung beinahe täglich eine Sitzung der Politschranzen angesetzt werden konnte und Milliarden bereitgestellt werden konnten und jetzt die Politik tatenlos und ohne Konzept sich darstellt, für mich ist nicht klar....
#10 am 03.09.2015 von Gast
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Gast
Wenn die Kulturen so vermischt werden, geht es uns bald wie den USA, besonders wenn erst die Angehörigen nach kommen und die neuen Generationen auftreten. Ist eine globale graue Masse Mensch erstrebenswert? . Die Herkunftsländer bluten aus, wenn dort alle aktiven Menschen weggehen und die anderen im Stich lassen. Dann wird es dort noch schlimmer. Sie müssen ihre eigenen Länder aufbauen, unsere Vorfahren haben dafür sehr viel aushalten müssen.
#9 am 02.09.2015 von Gast
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Gast
Ich denke, wir sollten das Thema nicht einer Bildzeitung überlassen. Souverän in diesem Land ist das deutsche Volk und es sollte in diesem Fall eine direkte Volksabstimmung geben. Zudem wer kann überhaupt fliehen und seinen Nachbarn zu Hause im Stich lassen. Außerdem ist nach den Ursachen für Flüchtlinge zu fragen. Hier sehe ich die imperialistischen Bestrebungen der Großmächte nach Weltherrschaft. Wer aber verdeckt oder direkt Kriege finanzieren kann, sollte auch für die darausresultierenden Flüchtlinge haften und nicht ein Land, was in Frieden mit seinen Nachbarn leben möchte.Last not least importieren wir mit den Menschen auch gefährliche religiöse Ideologien, die die Stabilität in unserem Land in hohem Maße gefährden. Bei aller Menschlichkeit müssen wir in erster Linie auch das Wohl unserer Kinder sehen und dürfen nicht gedankenlos ihre Zukunft zerstören.
#8 am 02.09.2015 von Gast
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Gast (Ärztin)
Liebe Kollegin - danke für Ihren Blogbeitrag - und ich hoffe, dass die Menschlichkeit in Ihrer Gegend bleibt! Ich kann die ganze Hetze gegenüber den Flüchtlingen, die aus großer Not und unter widrigen Umständen hier her kommen und Zuflucht sehen nicht mehr nachvollziehen. Es freut mich, dass Sie einen Teil dazu beitragen ein Stück Menschlichkeit in der Welt zu erhalten!
#7 am 02.09.2015 von Gast (Ärztin) (Gast)
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Gast
@ Dr. Susanne Maus - es freut mich, dass sie mit der Kollegin und Nachbarn gut auskommen, jedoch genügen diese Erfahrungen nicht für ein Globalexperiment in anderen Dimensionen und welches auch noch unumkehrbar wäre. Ich weiß, dass es leicht ist mit beflügelten Worten herum zu werfen, welche man schon tausendfach in Medien gehört hatte, dennoch müssen Sie Ihre Toleranz auch bei anderen Meinungen zu diesem Thema zeigen, bei Meinungen welche einem weniger oft vorgesetzt werden.
#6 am 02.09.2015 von Gast
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zum Daueraufenthalt nein Beitrag..wieviele " ausländische Inländer kennen sie?? Wo kommen ihre Vorfahren her?? Ich kenne soviele Ausländer mit denen ich gerne zusammen arbeite und die auch gerne als Nachbarn habe..wir leben in Zeiten der Globalisierung..sie schüren nur Ängste. natürlich muß politisch reagiert werden, geregelt werden etc..aber ihre Argumentation schürt Vorurteile und Intoleranz
#5 am 02.09.2015 von Dr. med. Susanne Maus (Ärztin)
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Gast
Außerdem geht mir die dauernde politische Fokussierung nach den "guten" und qualifizierten Zuwanderern, Flüchtlingen etc. , nach dem Motto "die guten ins Kröpfchen und schlechten wahrscheinlich ins Töpfchen" gewaltig auf die Nerven wo schwache und die weniger "Qualifiziert" und dadurch anscheinend irgendwie weniger wert sind - sollen eher sich selbst überlassen werden.. ?? Und diese Art der Aufmerksamkeit vorwiegend für bestimmte Gruppen erinnert mich an ein früheres geschichtliches Ereignis welches mit einem bestimmten Wort beginnt und das ganze darf sich auch nicht noch mit Begriff "menschlich" schmücken..
#4 am 02.09.2015 von Gast (Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent)
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Gast
..Milch und Honig fließen. !!ICH HABE EINE STARKE LAKTOSE- UND FRUKTOSE-ALLERGIE!!!!
#3 am 02.09.2015 von Gast
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Arzt
Mann muss dem Problem auf das Grund gehen. Wir sind vor einer Völkerwanderung. Die meisten Flüchtlinge kommen aus Syrien, Irak und Afghanistan, wo die Amerikaner und die NATO-Staaten operieren. Auch von den afrikanischen Staaten südlich der Sahara, wo Boko Haram, die von der CIA gegründet war am Werk ist. Amerika und die NATO-Staaten haben die Existenz dieser Menschen zerstört und sie zur Auswanderung nach Europa erzwungen. Das Ziel ist die Schaffung einer anderen Rasse in Europa, wie die neue Weltordnung fordert. Die europäische Bevölkerung muss die Tatsachen ins Auge sehen. Nicht die Demonstration gegen mittellosen Asylanten, nicht das Anstecken von ihren schäbigen Heimen, bringt eine Lösung, sondern das effektive Wirken gegen die angriffslustige Politik der eigenen Regierungen. Das Moto muss es heißen: Zieht unsere Streitkräfte aus diesen Ländern zurück! Lasset die Leute selbst mit ihren eigenen Problemen fertig werden.
#2 am 02.09.2015 von Arzt (Gast)
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Gast
Menschlichkeit -ja, Daueraufenthalt - nein. Unsere Kulturen passen nicht zusammen - Spannungen sind vorprogrammiert, man kann nicht ganze Länder hier dauerhaft einquartieren in den Sozialwohnungen die Merkelsche Regierung nicht mal für eigene Bevölkerung baut. Diese Bevölkerungsgruppen sind sehr kinderreich und man muss sich einfach nüchtern vorstellen und ein bisschen mit Zahlen spielen wie es hier nach 15-25 Jahren werden soll, dazu kommt noch, dass Angehörige später nachkommen sollen. Solche Vorstellungen sollen rational betrachtet werden, ich habe große Zweifel, dass diese und spätere Zustände unser Sozialsystem auf Dauer stemmen kann, wo es nicht mal für Kindergärtnerinnen angemessene Löhne gibt. Für ein Appel und ein Ei wird da kein neues Wirtschaftswunder zu erwarten sein (zur Erinnerung: CDU war selbst gegen Mindestlohn und braucht dabei extra viele "Fachkräfte"). Blinde Naivität schadet eben allen und bei aller Liebe man muss ein Realist bleiben - dies gilt auch für Mediziner.
#1 am 02.09.2015 von Gast (Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent)
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