Wieder ein wissenschaftlicher Schuss in den Ofen!

27.08.2015
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Aufgrund von bis zu 30 Jahre alten Befragungen zum Alkoholkonsum schlussfolgerten Forscher nun, dass moderater Alkoholkonsum das Risiko für eine Krebserkrankung bei nicht rauchenden Männern nur minimal erhöht. Nichtraucherinnen hätten bereits ab einem Drink pro Tag erhöhte Brustkrebsrisiken. Die Auswertungen zweier prospektiver Studien in den USA sind wissenschaftlich völlig unbrauchbar.

Cao Y et al. wollten mit "Light to moderate intake of alcohol, drinking patterns, and risk of cancer: results from two prospective US cohort studies. BMJ 2015; 351: h4238" beweisen, dass bereits ganz geringe Mengen von Alkohol Risiken und Erkrankungshäufigkeiten an Krebs erhöhen könnten. Dazu benutzten Sie zwei voneinander unabhängige Großstudien, bei denen diese Fragestellung als Ausgangshypothese gar nicht vorkam: Datenmaterial aus der Nurses' Health Study (NHS) und der Health Professionals Follow-up Study (HPFS).

Im chaotischen Strudel ihrer vorgefassten Meinungen, Ergebnisse und abwegigen Schlussfolgerungen bemerkten sie gar nicht, dass etwas nicht stimmen konnte: Wenn bei 88.084 Frauen 19.269 Krebsfälle und bei 47.881 Männern nur 7.571 Krebsfälle aufgetreten waren, beträgt die Krebshäufigkeit (Inzidenz) bei den Frauen im Beobachtungszeitraum 21,88 Prozent und bei den Männern dagegen nur 15,81 Prozent.

Ein Unterschied des relativen Krebserkrankungs-Risikos (relative risk (RR)) von Männern zu Frauen von 38,4 Prozent macht jegliche krankheitsepidemiologische Aussage unmöglich.

Hinzu kommt, dass der erhebliche und über dreifach höhere Alkoholkonsum bei Männern [„Median consumption of alcohol was 1.8 g/day in women and 5.6 g/day in men at baseline“] von 5,6 Gramm/Tag  gegenüber nur 1,8 Gramm/Tag bei Frauen einen massiven protektiven Effekt auf Krebserkrankungen bei Männern gehabt haben müsste. Deren Krebsinzidenz lag um 27,74 Prozent niedriger! An die absurde Schlussfolgerung, dass 3-fach höherer Alkoholkonsum bei Männern hochsignifikant vor Krebserkrankungen s c h ü t z e n könnte, wollten sich die Studienautoren allerdings gar nicht erst heranwagen.

Sie haben angesichts ihres widersprüchlichen Alkohol-Krebs-Männer-Frauen-Zahlensalats einfach ihre Augen geschlossen gehalten und blindlings Unfug publiziert. 

Unter ‚rapid responses‘ habe ich dazu einen Kommentar im British Medical Journal publiziert:

Concerns about Light to moderate intake of alcohol, drinking patterns, and risk of cancer: results from two prospective US cohort studies:

The publication of Cao Y et al. is not at all a prospective study. Even the authors themselves consider their investigations as a follow-up study: „Results - During up to 30 years of follow-up of 88 084 women and 47 881 men, 19 269 and 7 571 incident cancers were diagnosed, respectively“.

Their methodology is weak. They seem not to have noticed that in their female population 21.88 percent incident cancers were diagnosed whereas only 15.81 percent incident cancers occurred in their male population. This is an increasing relative risk (RR) of 38.4 percent between men and women.

On the contrary, more than three times higher alcohol consumption [„Median consumption of alcohol was 1.8 g/day in women and 5.6 g/day in men at baseline“] lead to 27.74 percent lower incident cancer in men.

Participants of the Nurses' Health Study (NHS) and the Health Professionals Follow-up Study (HPFS) had been interrogated about their alcohol consumption up to 30 years ago. Their cancer incidence had been continuously studied but their further habits of drinking alcohol was not accurately controlled. This should not lead to the absurd conclusion that three times higher intake of alcohol is followed by a significantly lower incidence of cancer in men. But it demonstrates quite clearly the gap between fact and fiction in this BMJ-publication.

Competing interests: No competing interests

Bildquelle (Außenseite): Jan, flickr / CC by-sa

Bildquelle: Paris Restaurant \"Racine\": Copyright Praxis Dr. Schätzler

Artikel letztmalig aktualisiert am 04.10.2015.

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Gast
Zwei prospektive Kohortenstudien verglichen und in keiner war es Studienziel! Ich halte mich sonst sehr zurück, wer hier nicht stutzig wird...wirds nimmermehr. Man kann sonstwas über den Kollegen halten. Wo Er recht hat, hat Er recht. Obwohl bei dem nachanalyseStudienmurks muss es jeder und jedem auffallen.
#15 am 04.10.2015 von Gast
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Weiterer Hinweis, dass mit dieser Studie etwas nicht stimmen kann: Die prospektive Interventionsstudie „Prevención con Dieta Mediterránea“ (PREDIMED) berichtet über geringen bis moderaten Alkoholgenuss zusammen mit mediterraner Diät und einem signifikanten S c h u t z vor invasiven Brustkrebserkrankungen. Titel: "Mediterranean Diet and Invasive Breast Cancer Risk Among Women at High Cardiovascular Risk in the PREDIMED Trial - A Randomized Clinical Trial" von Estefanía Toledo et al. http://archinte.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=2434738 Aufgefallen war, dass in Mittelmeer-Regionen mit traditioneller Ernährungsweise die Inzidenz und Prävalenz von Mamma-Karzinomen deutlich geringer ist.
#14 am 15.09.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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#7 und #12 Gast: Danke für Ihre Ergänzung und Bestätigung, dass man Birnen mit Äpfeln nicht vergleichen kann. Schon gar nicht in Studien mit völlig inkonsistentem und inkongruentem Datenmaterial. Wenn die Krebsinzidenz in einer derartigen Studienpopulation zwischen Männern und Frauen massiv differiert, kann es n i c h t ausgerechnet nur am geringen Alkohol Konsum liegen, dass sich die Krebsinzidenz erhöht. "Conclusion - Light to moderate drinking is associated with minimally increased risk of overall cancer" der Autoren ist schlichtweg Unfug, der versucht, die Krebsproblematik monokausal auf den Alkohol herunter zu brechen.
#13 am 02.09.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
Noch einmal für Herrn Dr. Schätzler Wiederholung von#7: die Stoffwechselwirkung von Alkohol ist nur korrellierbar auf die "lean-body-mass". Wenn also 2 Menschen je ein Glas Wein trinken, ist die darin enthaltene Alkohol-Wirkung NICHT identisch, wenn diese Menschen nicht die gleiche lean-body-mass haben. Das ist die stoffwechselaktive Zellmasse, zu der NICHT das Körperfett gehört. Frauen sind nicht nur statistisch kleiner und leichter, sondern haben zusätzlich auch noch eine höheren Fettanteil, den Männer durchaus schätzen, das ist ja nicht negativ gemeint. Nur beim Alkohol bedeutet das einen höheren "Promille-Spiegel" und damit natürlich auch eine höhere Toxizität bei gleicher Trinkmenge. Deshalb ist die Untersuchung NICHT statistisch unbrauchbar, wie Sie meinen. Darüber kann man auch nicht abstimmen, sondern nur fachlich antworten. mfG
#12 am 02.09.2015 von Gast
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Gast
Nun konnte der Hut also auch dem Forum dargeboten werden und hat damit seine Schuldigkeit getan. Er kann nun elegant wieder auf der Hutablage Platz nehmen oder auch zur Entsorgung in die Tonne gleiten
#11 am 31.08.2015 von Gast
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In dieser Studie von Cao Y et al. von der School of Public Health, Boston, MA, USA und der Harvard Medical School mit dem Titel (der ist nun mal Englisch) "Research - Light to moderate intake of alcohol, drinking patterns, and risk of cancer: results from two prospective US cohort studies" ging es ausschließlich um relativ geringen bis moderaten Alkoholkonsum und ein angeblich bereits daraus resultierendes erhöhtes Krebsrisiko. Der von mir hier zweisprachig als Blog formulierte Widerspruch, dass Frauen mit dem geringeren Alkoholkonsum statistisch wesentlich höhere Krebs-Erkrankungsraten aufwiesen, die Männer dagegen mit viel höherem Alkoholkonsum wesentlich seltener krebskrank wurden, sollte falsche Annahmen, Vermutungen und irreführende Schlussfolgerung des US-Autorenteams belegen, damit sich jeder ein eigenes Urteil bilden kann. Mf+kG
#10 am 29.08.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
Ich finde englisch in deutschen Diskussionen ausgesprochen unhöflich. wat schell dat denn for a contradiktschen been, that men can drink more than woman, yes, english falls me heavy on the allarm clock
#9 am 29.08.2015 von Gast
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Gast
# 5 : Vielleicht wäre es besser, wenn Sie mal etwas runter kämen als im Bemühen, sich im Elfenbeinturm zu wähnen und zudem unnötig schützend vor F. S. stellen, Haarspalterei zu betreiben. Das " pardon " haben Sie wohl ganz überlesen und den Humor offenbar ebenso so wenig verstanden. Bei Ihren überheblichen Formulierungen stellt sich denn auch die Frage, was noch alles unter Kulturtechniken - und nicht nur Techniken - fällt.....
#8 am 29.08.2015 von Gast
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Gast
Nun, dass Alkohol von Frauen schlechter vertragen wird als von Männern, weis doch jeder Laie und warum, lernt man doch schon als Student. Das hängt mit der "lean bodymass" also auch mit der Muskelmasse zusammen. Weshalb bitte soll das denn eine statistische Berechnung verhindern?
#7 am 29.08.2015 von Gast
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Statistik ist schon schwer... na denn mal Prost!
#6 am 29.08.2015 von Peter Peschel (Wirtschaftswissenschaftler)
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Lieber Gast #4, es mangelt Ihnen offenbar an elementaren Kulturtechniken! F. S. hat mich völlig korrekt zitiert: Mit Doppelpunkt und "Zitat". Und falls Sie nicht wissen sollten, was elementare Kulturtechniken sind, helfe ich Ihnen gerne weiter: Lesen, Verstehen, Schreiben, Rechnen. Denken geht dann ganz von alleine. MfG
#5 am 29.08.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
Konnte " dazu habe ich... " nicht mißverständlich sein ? Aber im Zweifelsfall pardon. Daß aber nun Sie, liebe Frida Stern, nun auch noch einen Kommentar dort publiziert haben, überrascht :-) :-)
#4 am 28.08.2015 von Gast
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@ Gast Der deutsche Text entspricht doch dem englischen, das geht doch aus dem deutschen Text hervor: "Unter ‚rapid responses‘ habe ich dazu einen Kommentar im British Medical Journal publiziert:" Einfach richtig deutsch lesen :-)
#3 am 28.08.2015 von Frida Stern (Nichtmedizinische Berufe)
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Bei meinen Blogs gibt es keine schichtspezifischen Barrieren. In Deutsch ist sinngemäß alles wieder gegeben, was ich dem British Medical Journal verständlicherweise nur in Englisch mitteilen konnte. Sie sind auch nicht der Erste, der das etwas provozierend fragt. MfG
#2 am 28.08.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
  4
Gast
und jetzt noch in deutsch für die Unterschicht ?
#1 am 28.08.2015 von Gast
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