Wer Chili sich nicht leisten kann, den eher holt der ‚Sensemann‘?

06.08.2015
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Im viert-größten Land der Welt, der VR China mit 9.598.060 km² und weit über 1 Milliarde Einwohnern, verschiedenen Volksstämmen, Ethnien, Regionen, Territorien, Landschaften (Europa 550 Mio. Einw.) die gesamte- und spezifische Mortalität auf scharf gewürzte Speisen und auf Chili herunterbrechen zu wollen, ist eine unfassbar einfältige Krankheits-epidemiologische Stümperei ersten Ranges:

Chinesen hätten einer angeblich prospektiven Beobachtungsstudie im British Medical Journal (BMJ 2015; 351: h3942) zu Folge mit scharf gewürzten Speisen (Chili u. ä.) ein niedrigeres Sterberisiko. Sie müssten dann allerdings auch strikt auf Alkohol verzichten. In Chilis ist die Schärfe Capsaicin bedingt. Das Fettsäureamid wirkt auf Schmerzrezeptoren der sensiblen Nervenzellen. Es soll antimikrobielle, antioxydative, entzündungs- und Krebs-hemmende Wirkungen haben. Ein Team von Liming Li et al. (Universität Peking) ist mit Probanden der Kadoorie Biobank dieser Fragestellung auf wissenschaftlich fragwürdige Weise und mit dubiosen Ergebnissen nachgegangen:

1. Weil diese Studie niemals „prospektiv“ war und ist [In the baseline questionnaire we asked the participants „During the past month, about how often did you eat hot spicy foods?“: never or almost never, only occasionally, 1 or 2 days a week, 3 to 5 days a week, or 6 or 7 days a week]. Denn als Ausgangspunkt  diente ein einmaliger Fragebogen, in dem zwischen „2004 and 2008“ gefragt wurde, wie viel die Teilnehmer/-innen im letzten Monat an scharf gewürzten Speisen gegessen hatten.

2. Das „Follow-up“ sich einzig und alleine auf die Gesamt-Mortalität und die krankheitsspezifische Mortalität (Krebs, ischämische Herzkrankheit, cerebrovaskuläre Krankheiten, Diabetes mellitus, Lungenkrankheiten, Infektionen und Sonstiges) bezog. Nach der Würzschärfe der Speisen wurde nie mehr wieder gefragt! [„Main outcome measures - Total and cause specific mortality.“] 

3. Im prospektiven Verlauf von 3.500.004 Personenjahren im „follow-up“ von 2004 bis 2013 [„During 3 500 004 person years of follow-up between 2004 and 2013“] lediglich die gesamte und spezifische Mortalität erfasst wurden. Aber ausschließlich  mit einer einmalig vagen retrospektiven Erinnerung von Ernährungsgewohnheiten über einen einzigen vergangenen Monat zwischen 2004 und 2008 korreliert waren.

4. Niemand prospektiv vorausschauend die Zukunft seiner folgenden Ernährungsgewohnheiten exakt angeben kann. Die meisten Menschen können sich nur vage erinnern, was sie tatsächlich und vor allem wie stark gewürzt sie etwas auch nur vorletzte Woche zu sich genommen haben.

Die chinesische Studie hinterfragt nicht einmal, ob in den Höhenlagen von Tibet, wo selbst die Eisenbahnlinie 4.000 Höhenmeter erreicht, Chili o. ä. überhaupt erworben werden können? Sie fragt nicht, ob am südchinesischen Meer nicht eher mehr Fisch gegessen wird? Ob im kühlen Norden und in den hohen Gebirgsketten im Süden Chinas Chili überhaupt gedeihen und wachsen bzw. geerntet werden kann?

Und, „last but not least“, die chinesische Forschergruppe fragt in ihrer dilettantischen BMJ-Publikation nicht ein einziges Mal, ob weitgehend arme, unterprivilegierte, konsum- und bildungsferne chinesische Bevölkerungsschichten an scharf gewürzte Speisen überhaupt denken, geschweige denn diese kaufen und konsumieren können?

Das ist doch das übereinstimmend konsentierte Ergebnis globaler Krankheits-epidemiologischer Untersuchungen: Gerade diese letztgenannten Bevölkerungsgruppen haben weltweit eine überhöhte gesamte- und spezifische Mortalität - Weil Du arm bist, musst Du früher sterben!

Quellen:

Abstract der Studie im BMJ

Originalfassung: http://www.bmj.com/content/351/bmj.h3942

„Consumption of spicy foods and total and cause specific mortality: population based cohort study“

BMJ 2015; 351 doi: http://dx.doi.org/10.1136/bmj.h3942 (Published 04 August 2015) Cite this as: BMJ 2015;351:h3942

Bildquelle (Außenseite): Gavin Anderson, flickr

Bildquelle: La Danse Macabre/KERMARIA EN ISQUIT Plouha/BRETAGNE F Copyright Praxis Dr. Schätzler

Artikel letztmalig aktualisiert am 23.09.2015.

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Die Kontroverse im BMJ geht weiter: Da die Studien-Autoren Jun Lv und Lu Qi, wie sonst üblich, nicht geantwortet hatten schrieb ich erneut eine pointierte "rapid response" mit dem Titel "No answer from authors": "I am very surprised not to have got an answer from the authors of this publication http://www.bmj.com/content/351/bmj.h3942/ My rapid response underlines the proximity of a scientific misconduct because the nutritional part of the study never ever was a prospective or follow-up-study as the authors say in their abstract ["Design - Population based prospective cohort study"] and in their original article ["During a median follow-up of 7.2 years (interquartile range 1.84 years; total person years 3 500 004)..."].
#8 am 17.08.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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The "baseline questionnaire" only was controlled by "about 5% randomly chosen surviving participants in 10 survey sites [and] were resurveyed during August and October of 2008". The analysis of the total and cause specific mortality was conducted as the authors say by the "Linkage to local health insurance databases has been achieved for about 95% of the participants in 2013". Nutritional habits of the participants of the study were not systematically re-analysed for at least 5 up to 9 years because they "were enrolled between 2004 and 2008". Competing interests: No competing interests Quelle: http://www.bmj.com/content/351/bmj.h3942/rapid-responses
#7 am 17.08.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Mein Kommentar im British Medical Journal (BMJ), publiziert zum Thema "Research - Consumption of spicy foods and total and cause specific mortality: population based cohort study" - Cite this as: BMJ 2015;351:h3942 Get chili or die tryin' - Scientific Chinese Myth or Fairy-tale? The scientific substance of the BMJ-article http://www.bmj.com/content/351/bmj.h3942/ could be summarized as follows: "Get chili resp. other hot spices or die trying" because it is not a prospective trial. It is more a modern fairy-tale combined with naive empiricism and a vague clinical correlation.
#6 am 12.08.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Once upon a time, between 2004 and 2008, a huge number of men and women of the People's Republic of China, participants from the China Kadoorie Biobank, were counted and asked only once whether they had had chili or other hot spices in their nutrition during the last single month. They were never asked about this afterwards. In 2013 a group of Chinese scientists investigated the total and cause specific mortality in this population based cohort without further studying and investigating the nutritional habits of the participants.
#5 am 12.08.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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The same results you would get when you ask from 2004 until 2008 if people have had caviar, oysters, lobsters, or saffron from the middle east in respect of using automobiles or washing machines and looking for their mortality some years later. In the huge continent of China with its different meteorologic zones there are many regions where you cannot grow or afford Red Hot Chili Peppers. Many Chinese ethnic groups either have different nutritional habits or people are too poor to buy spices. And this is the epidemiological truth about increased total and cause specific mortality: The poorer the people, the lower their standard of living and income, the higher is their total and cause specific morbidity and mortality. This BMJ-publication is too spicy and indigestible. Dr. med. Thomas G. Schaetzler (MD) Family Medicine Unit Public GP-medical office/Fachpraxis Allgemeinmedizin Kleppingstr. 24 D 44135 Dortmund Germany th.g.schaetzler@gmx.de Competing interests: No competing interests
#4 am 12.08.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
Ähnlichkeiten mit manchen Arzneimittelstudien sind rein zufällig!
#3 am 11.08.2015 von Gast
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Besser kann man diese " Studien " nicht kommentieren. Herzlichen Dank für diesebakribische Analyse
#2 am 10.08.2015 von MR Dr.med Rolf Förster (Arzt)
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Chili-Freund
Wenn schon der einmalige Konsum (zwischen 2004 und 2008) so kollossale Auswirkungen auf die Mortalität hat, dann muss diese Studie ja den tatsächlichen Effekt maßlos unterschätzen! Umso valider sind daher die Schlussfolgerungen (Obacht, Satire:-)
#1 am 10.08.2015 von Chili-Freund (Gast)
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