Der zervikogene Schwindel : Was steckt dahinter?

27.07.2015
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Gleich vorneweg: Bisher gibt es weder einen Beweis noch einen Test, der einen zervikogenen Schwindel bestätigen kann oder nahelegt. Oft stecken andere Diagnosen dahinter.

Pathophysiologie

Es ist bekannt, dass Propriozeptoren in der Hals- und Nackenmuskulatur vorhanden sind, die an der Haltungsregulation, Raumorientierung sowie Kopf-Rumpf-Koordination beteiligt sind. So führt der zerviko-okuläre Reflex bei Relativbewegungen von Kopf und Rumpf zu kompensatorischen Augenbewegungen. Leider auch bei gesunden Kontrollpersonen. Dies als einen diagnostischen Test abzuleiten, ist somit nicht möglich. Aus Tierexperimenten ist bekannt, dass eine Durchtrennung der Halsafferenzen zu einer Fallneigung führt. Ein Nystagmus konnte jedoch nur bei bestimmten Tieren nachgewiesen werden. Bei dem uns am nahesten stehenden Rhesusaffen z. B. nicht. Man geht außerdem davon aus, dass der Einfluss des vestibulo-okulären Reflex, also des Innenohrs, dem Einfluss der Halsafferenzen überwiegt. Zu Bedenken bleibt auch, dass die Physiologie bei Tier und Mensch unterschiedlich ist.

Echter „zervikogener Schwindel“

Von dem oben erwähnten Schwindel müssen natürlich ernsthafte und echte Ursachen abgegrenzt werden. Eine Dissektion der A. vertebralis oder ein rotational vertebral artery occlusion syndrome mit Schwindel bei Kopfdrehung. Ein seltenes Syndrom, hierbei treten Drehschwindel, Hörstörung und weitere Hirnstammsymptome auf.

Weitere Differentialdiagnosen

An erster Stelle ist natürlich der gutartige Lagerungsschwindel. Dann eine Perilymphfistel und der phobische Schwankschwindel. Ischämische Ursachen sollten natürlich ebenfalls in Erwägung gezogen werden.

Fazit

Bevor man sich also zu der Verlegenheitsdiagnose "zervikogener Schwindel" entschliesst, sollte man vorher gründlich Ausschlussdiagnostik betreiben. Bei jedem Patienten mit Schwindel sollte eine gründliche neurologische Untersuchung mit Lage- und Lagerungsmanöver und Untersuchung der Okulomotorik durchgeführt werden. Anzumerken bleibt noch: Schwindel, Kopf- und Nackenschmerzen sind häufig. Jeder Patient sucht natürlich eine Krankheitstheorie. Was ist dann naheliegender, als seine Nackenschmerzen mit Schwindel in Verbindung zu bringen, auch wenn die Nackenschmerzen sekundär aus einer Schonhaltung aufgrund einer anderen peripher vestibulären Störung entstanden sind?

Bildquelle: Lord Jim, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.08.2015.

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Die subcutane Quaddel mit Lidocain wirkt auch bei Schwindelursachen, wo ich es auch nicht erwartet habe. Angewandt habe ich es bei einzelnen Patienten mit sehr starken Schwanken beim Gehen, wenn eine Verletzung durch Sturz drohte: - Ältere Patientientin mit Mittelohrentzündung bds und bereits Handgelenkfraktur - Schwindel nach HWS Distorsion nach Autounfall (schon vor über 3 Monate) - 38 Grad Fieber - starker Vitamin B12 Mangel Quaddel links und rechts etwas unterhalb des Vertebra Prominens und der Schwindel besserte sich inerhalb der nächsten 30 Minuten. In diesen Bereich gibt es scheinbar Rezeptoren, die den Schwankschwindel auslösen - egal welche Ursache der Schwindel hat. Lidocain macht wahrscheinlich ein "Reset", wenn die Rezeptoren gestört sind. Natürlich wurden die anderen möglichen Ursachen auch behandelt.
#11 am 24.02.2016 von Dr. Helmut Ulrich (Arzt)
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Gast
Der Schwindel verursacht durch die Halswirbelsäule ist sehr selten. Probleme durch Manipulationen an der Halswirbelsäule häufig. Mit sehr häufig findet sich Schwindel verursacht durch den HWS-BWS Übergang. Durch welche anatomische Strukturen auch immer. Durch eine Lidocain-Quaddel großflächig streng subcutan einige Zentimeter links und rechts etwas unterhalb des Vertebra Prominens hilft meist innerhalb von 30 Minuten. Oftmals auch dann, wenn der Schwindel schon länger besteht. Auch bei älteren Patienten. Einfach ausprobieren. Anders als bei Lagerungsübungen (besonders bei Älteren) , Manipulationen an der HWS oder den Kiefergelenken, kann ich mich an wesentliche Nebenwirkungen nicht erinnern.
#10 am 10.02.2016 von Gast
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ich praktiziere nun seit 45 Jahren und ich kann ganz eindeutig sagen, dass der sog. zervikale Schwindel ein äußerst selten vorkommendes Krankheitsbild darstellt. Ca. 80 % der Schwindelpatienten sind gutartige Lagerungsschwindel, die nach korrekten Lagerungsmanövern in 5 Minuten behoben sind. Bei älteren Patienten sind schon mal 3 Behandlungen erforderlich. Bei einem ausgeprägten gutartigen Lagerungsschwindel führt die geringste Bewegung der HWS schon zu enormen Schwindelerscheinungen evtl. sogar mit einhergehendem Erbrechen. Schon durch eine sorgfältige Anamnese lassen sich die meisten Schwindelformen unterscheiden. Übrigens: Man lasse sich nicht von der Dauer des BPLS ins Bockshorn jagen; ich habe schon Patienten behandelt, die über 1 Jahr "schwindelten".
#9 am 20.08.2015 von Hp Manfred Kappler (Heilpraktiker)
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Dieter Schöbel
Bei meinen alten Patienten können weniger als zwanzig % die HWS noch bis 90° drehen. Beim starken reklinieren der HWS gibt es rel.häufig Schwindel. Wenn hier die dominierende Unkovertebralarthrose von einem Orthopäden nur erwähnt wird, wird das ja gelöscht. Das nennt man dann Wissenschaft :-)
#8 am 09.08.2015 von Dieter Schöbel (Gast)
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Neuro?Logisch!
Das Befreiungsmanöver nach Epley können sogar über 80 Jährige durchführen. Es ist gar nicht so wild wie es sich anhört. Man muss die Patienten nur richtig dazu anleiten. Bisher hatten wir bei und nie Probleme damit.
#7 am 09.08.2015 von Neuro?Logisch! (Gast)
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Gast
Hallo Herr @ Schätzler, was meinen Sie wieviele Menschen über 70 "Mehrere nacheinander ausgeführte 90°-Drehungen des Kopfes " durchführen können?
#6 am 09.08.2015 von Gast
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Die meisten selbst ernannten "Schwindel-Experten" für den angeblichen "zervikogenen Schwindel" kennen den so häufigen benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel (BPLS) http://flexikon.doccheck.com/de/Benigner_paroxysmaler_Lagerungsschwindel bzw. die Lagerungsprüfung nach Hallpike http://flexikon.doccheck.com/de/Lagerungspr%C3%BCfung_nach_Hallpike oder auch den weniger häufigen M. Menière gar nicht richtig. Effiziente Therapie beim BPLS ist das Epley-Manöver, von John M. Epley 1992 als Canalith Repositioning Procedure (CRP) beschrieben. Ziel ist, durch eine Abfolge von definierten Bewegungen die Otolithen, die der Erkrankung zugrunde liegen, mit Hilfe der Schwerkraft aus den Bogengängen des Innenohrs zu bewegen. Diese Bewegungsfolge wurde inzwischen von weiteren Autoren modifiziert
#5 am 30.07.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Mehrere nacheinander ausgeführte 90°-Drehungen des Kopfes um die Achsen, der Bogengangebenen: Zunächst sitzt der Patient auf der Untersuchungsliege und dreht den Kopf 45° zur betroffenen Seite. Dann legt er sich rasch um 90° zurück und senkt den Kopf zusätzlich um 30° über die hintere Kante der Liege. Das betroffene Ohr ist unten. Der Untersucher kann nun einen Nystagmus beobachten. Nachdem der Patient etwa eine Minute so positioniert bleibt, dreht er dann den Kopf um 90° zur Gegenseite und bleibt in dieser Lage wieder eine Minute. Dann dreht er Körper und Kopf zusammen noch einmal um 90° auf die Seite des Kopfes. Die letzten beiden Drehungen führen zu einem Nystagmus zum betroffenen, oben liegenden Ohr, falls das Manöver erfolgreich war. Jetzt liegt der Patient auf der nicht betroffenen Seite mit dem gesunden Ohr zum Boden gerichtet. Nach wiederum einer Minute des Wartens richtet sich der Patient komplett auf und sitzt zum Schluss des Manövers an der seitlichen Kante der Liege.
#4 am 30.07.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Gast
@#2: Höchst wissenschaftlich was sie da schreiben. Lesen Sie lieber aktuelle Publikationen als Unsinn zu verbreiten.
#3 am 30.07.2015 von Gast
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Dr. S. Galenus
So ein hochgradiger Unsinn, jeder "Schwindel" der durch Bewegung der HWS ausgelöst wird ist ein Beweis, also die Ursache Nr.1
#2 am 30.07.2015 von Dr. S. Galenus (Gast)
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Prinzipiell wäre auch eine psychosomatische Verknüpfung denkbar: Bei subjektiver pathologischer Belastung (z.B. Mobbing) - "muss man das Genick einziehen" - Schmerzen - "zieht es einem dem Boden unter den Füßen weg" - Schwindel
#1 am 30.07.2015 von Dr. med. Ulrich Mauser (Arzt)
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