WIdO – Wie man Versorgungsforschung nicht machen sollte

22.07.2015
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Das Wissenschaftliche AOK-Institut der Allgemeinen Ortskrankenkassen (WIdO) hat einen aktuellen „Ärzte-Atlas“ herausgegeben, der die ambulante haus- und fachärztliche Versorgung in Deutschland beschreiben soll - so treffsicher(?), dass man von einem „Gemeinsamen Märchen von der Überversorgung von WIdO und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV)“ sprechen kann...

Denn unsere Ärztefunktionäre konnten und wollten dieser WIdO-Versorgungsforschung auf unterirdischem Niveau gar nichts Inhaltliches entgegensetzen.

Dabei fielen naiver Empirismus, Fehlannahmen, Voreingenommenheit und tendenziöse Auftragsforschung beim WIdO auf: Ein einziger Blick in den eigenen Terminkalender beim WIdO-Personal hätte genügt, um festzustellen, dass es dort Fehlzeiten wegen Krankheit, Fort- und Weiterbildung, Jahres- und Sonderurlaub, „Brückentagen“, Altersteilzeit und eingeschränkter Arbeitsfähigkeit – z. B. bei Wiedereingliederung – gibt.

Nicht nur den AOK-Personalabteilungen, sondern auch professionellen BWL-Personalentwicklern, ist bekannt, dass dies etwa 35 Prozent Mehrbedarf an Personal erfordert, um 100 Prozent Leistung zu erbringen. Beim Verhältnis von betrieblichen Personalkosten von 135 Prozent zu den tatsächlich gezahlten Bruttogehältern von 100 Prozent verhält es sich übrigens ähnlich.

Für die GKV-Vertrags-Fach- und Hausärzte wollten die WIdO-Forscher dies ausdrücklich nicht gelten lassen. „Bei Hausärzten errechnet das Institut einen Versorgungsgrad von 110 Prozent“, heißt im Klartext: eine Unterversorgung im Niveau von 75,4 Prozent!

Schaut man auf weitere „inhaltliche“ Ausführungen beim WIdO-„Ärzte-Atlas“, kann man aus epidemiologischer, medizinsoziologischer, BWL- und VWL-Sicht nur noch die Stirne runzeln. Bei der Darstellung: „Das Kassen-Institut verweist darauf, seit 1990 sei die Zahl der Vertragsärzte von rund 88.000 auf über 143.000 gestiegen“, besteht erkenntnistheoretischer und historischer Nihilismus.

1. Ist das Jahr 1990 exakt 25 Jahre, also ein Vierteljahrhundert her.

2. 1990 war das Jahr der deutschen Einheit („Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990“).

3. „Die Zahl der Vertragsärzte von rund 88.000“, damals für das Jahr 1990 im Ärzte-Atlas angegeben, bezog sich ausschließlich auf die alten Bundesländer der BRD. Deshalb waren die Kassenarzt-Nummern nur 5-stellig! Ohne eine Berücksichtigung der neuen Bundesländer der Ex-DDR. Das WIdO hat demzufolge sich selbst belogen und die 17 Millionen „Neubürger“ der DDR bzw. ihre ärztliche Versorgung schlicht und einfach vergessen!

4. Erst zum 3.10.1990 wurde die Deutsche Einheit nach dem Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 vollzogen. Quelle, auch fürs WIdO zugänglich: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Wiedervereinigung

5. Anfang 1991, nach Abwicklung vieler Ambulatorien in der Ex-DDR, waren etwa 120.000 Vertragsärzte in den alten und neuen Bundesländern registriert.

6. Von daher relativiert sich der Zuwachs auf aktuell 143.000 Vertragsärzte durch den demografischen Faktor (Überalterung), medizinisch-technischen Fortschritt in Diagnose, Untersuchung, Therapie und Palliation bzw. erhöhte Anspruchs- und Versorgungserwartungen („Zweitmeinung“, „AOK - Die Gesundheitskasse“) unserer Patienten. 

Die vordergründig politisch motivierten, völlig unreflektiert erhobenen Daten im neuen Ärzte-Atlas des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) sind erkenntnistheoretisch, wissenschaftlich, sozial- und gesundheitspolitisch völlig wertlos. Sie haben mit seriöser Versorgungsforschung nichts gemein.

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z. Zt. Urlaub in Bergen aan Zee/NL)

Bildquelle (Außenseite): Jason Eppink, flickr / CC by

Bildquelle: Kitesurfer/Bergen aan Zee/NL Copyright Praxis Dr. Schätzler

Artikel letztmalig aktualisiert am 24.07.2015.

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Gast
Lustig, dass man dennoch oft Wochen bis Monate auf einen Termin warten darf.
#5 am 24.07.2015 von Gast
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Gast
Eindeutig gibt es in Kliniken einen deutlichen Ärztezuwachs, im Gegensatz zum Abbau im pflegerischen Bereich. Wenn man nur einmal Zuwanderer befragt, dann sind diese extrem begeistert von der stattlichen Ärztezahl und -versorgung. Es wird auch immer deutlicher, dass eher übertherapiert wird und die Bürger immer weniger Selbstvertrauen haben was ihre Gesundheit betrifft. Gerade , wenn man das noch anders erlebt hat, ist es erschreckend wegen welchen Lappalien zum Arzt gerannt wird. Und hier erfolgt leider meist keine Entwarnung, sondern setzt eine Kaskade von Untersuchungen ein, bei denen am Ende meist nichts herauskommt. Wie lange lässt sich eine solche Versorgung noch finanziell tragen?
#4 am 24.07.2015 von Gast
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Wenn die K(B)V und die Krankenkassen die Köpfe zusammenstecken, kann man sich eigentlich nur entsetzt abwenden. Die KV sollte die Interessensvertretung der Ärzte sein, im Gegenteil allerdings drangsaliert sie ihre Zwangsmitglieder nur und gekommt dafür von ihnen auch noch jede Menge Geld. In ländlicher Umgebung kommt es zu einem Aussterben von Arztsitzen, immer mehr Patienten auf immer weniger Ärzte, gleichzeitig altert die Bevölkerung. Wer solche Märchen in die Welt setzt, sollte genauso verfolgt werden wie ein Meineidiger vor Gericht.
#3 am 23.07.2015 von Dr. med. Martin Lorenz (Arzt)
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http://www.wido.de/wido_monitor_2_2014.html.Die Frage ist, wie steht Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Ländern im Jahr 2015 da. Zu Punkt 6 " (Überalterung), medizinisch-technischen Fortschritt in Diagnose, Untersuchung, Therapie und Palliation bzw. erhöhte Anspruchs- und Versorgungserwartungen. "Frage: Wie ist die medizinische Versorgung der Senioren in den Altersheimen? Sie zahlen genau so ihre Kassenbeiträge ein. Sie sind den Verordnungen und dem Management hilflos ausgesetzt. Der Arzt im Bezirk tut seine Pflicht, opfert seine Zeit. Das Einkommen, die Zeit und Betreuung gehen dem Arzt für seine eigenen Patient/Innen verloren. " Der deutsche Durchschnittswert liegt unter dem Index-Wert von 33,8, der in einem europaweiten Ländervergleich im Rahmen des European Health Literacy Surveys (HLS-EU) berechnet wurde"
#2 am 23.07.2015 von Christa Biswas (Gesundheits- und Krankenpflegerin)
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Gast
Die Ursachen des Zuwachses an Vertragsärzten sind ein eigenes Kapitel. Rechnerisch richtig hat die Anzahl der niedergelassenen Ärzte um 55.000 zugenommen. An dieser Stelle muß die Analyse ansetzen. Welchen Beitrag leisten diese Ärzte zur Versorgung? Sind es alle klassische Ärzte in eigener Praxis? Wieviele sind von Krankenhäusern ausgesourcte Abteilungsärzte? Welche Einzelpraxen wurden durch Gemeinschaftspraxen ersetzt? Philosophen stellen Gegenstände in Frage, Betriebswirte rechnen mit Größen und füge diese in Modelle ein.
#1 am 23.07.2015 von Gast
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