Nicht lieferbar (die zweite)

02.01.2013
Teilen

 Die zweite Geschichte von kelef - wiederum ohne Erwähnung des betroffenen Medikamentes oder der Herstellerfirma - aber ... so war es. 

Es gab ein altes, gut eingeführtes Mittel gegen Zwangsstörungen Dieses Mittel war eines der ersten auf dem Markt, gut erprobt und vielfach verschrieben. Nun muss man dazusagen, dass Zwangsstörungen ja an sich das Leben eines Menschen ganz schön schwer machen können – ob sich das nun in zwanghaftem Händewaschen, Zählen aller vorbeifahrenden Autos, farblichem Sortieren von was auch immer, oder auch „nur“ dem Benützen ausschließlich eines einzigen Weges z.B. zur Bank äußert. Nicht nur der Patient selbst, sondern vielfach auch seine Umgebung werden davon stark beeinflusst. Dabei sind sich diese Patienten aber durchaus sehr oft im Klaren darüber dass ihr Verhalten nicht „serienmäßig“ ist und einer Behandlung bedarf, und sind ansonsten in keiner Weise auffällig. Auch intellektuell stehen viele eher im oberen Bereich, und haben entsprechende Ausbildungen und Berufe.

Ein Mittel, das diese Zwangsstörungen mindert oder überhaupt verschwinden lässt ist also ein durchaus wichtiges und, wie alle Psychopharmaka, sehr regelmäßig einzunehmendes Medikament.

Damit nun alle Tabletten, die ein Patient einnehmen muss, voneinander unterschieden werden können wurden schon immer verschiedene Formen, Überzüge und Farben gewählt. Das erleichtert einerseits dem Patienten den Überblick (früher gab es Tabletten ja in Röhrchen oder Fläschchen, versehentlich ausgeleert war das Auseinandersortieren sehr wichtig), andererseits können anhand von Form und Farbe in Notfällen Ärzte und Apotheker sofort und ohne chemischen Test feststellen um welches Medikament es sich handelt.

bluetablet.jpg?w=300&h=159

Die Verwendung eines anderen Farbstoffes wäre eine Änderung in der Zusammensetzung gewesen, und war auf Grund der internationalen Gesetzeslage ein schwieriges und langdauerndes Verfahren, kostenintensiv und mit einer Unzahl von Auflagen verbunden. Einfacher war es, die Farbe wegzulassen und das Medikament in Hinkunft statt in blau in weiß zu produzieren.

Nun, was vor vielen Jahrzehnten möglich, erhältlich oder sinnvoll war, das war später einfach anders. Unser vielerprobtes und bewährtes Mittelchen gegen Zwangsstörungen war  hellblau. Die Farbe kam von einem natürlichen Farbstoff aus einem fernen Kontinent, ungefährlich, biologisch, toll. Leider war dieser Farbstoff aus verschiedenen Gründen (ich sag‘ nur: „Rettet den Regenwald“ hat viele Gründe) nicht mehr in der erforderlichen Qualität und Menge verfügbar. Das war vorhersehbar, der Hersteller des Farbstoffes schloss sein Werk, und der Hersteller des Medikamentes begann zu überlegen. Es handelte sich um ein sehr altes Präparat, in der Zwischenzeit gab es eine Menge neuerer, selektiverer Präparate, die Ärzte hatten schon lange begonnen diese neuen Präparate vermehrt zu verschreiben und das gute alte Mittel nur mehr den Patienten zu rezeptieren die schon sehr lange damit lebten. Patienten mit Zwangsstörungen und Änderungen – von was auch immer – sind logischerweise keine gute Kombination.

 

Die Herstellfirma also dachte nach was alles zu beachten sei, und schrieb zwei Jahre im Voraus alle Ärzte an. Und alle Apotheker. Und alle Grossisten. Und alle, die noch damit zu tun haben könnten: Kliniken, Gesundheitsministerien, etc. – eine Unmenge von Papier wurde auf den Weg geschickt. Die Ärzte wurden gleichzeitig auch darauf aufmerksam gemacht dass durch die Änderungen in der Gesetzgebung (gleiche Indikationen für Substanzen in allen EU-Ländern) die Indikation Zwangsstörung für dieses Medikament wohl nicht aufrechterhalten werden könne, weil dazu eine Anzahl von neuen Studien durchgeführt werden müsste, und es ja in der Zwischenzeit eine Menge anderer, neuerer und selektiverer Präparate gebe. Falls möglich, sollten also neue Patienten gleich auf ein anderes Präparat eingestellt werden, bei den anderen Patienten solle eine Umstellung in Betracht gezogen werden. Ab einem bestimmten Zeitpunkt werde das betreffende Medikament jedenfalls nicht mehr blau sondern weiß sein. Die Pharmareferenten wurden entsprechend geschult, das Werbematerial entsprechend überarbeitet, eine Menge Leute hatten eine Menge zu tun. Damit ja nichts passiert wurden Erinnerungsschreiben an die o.a. Empfänger in schöner Regelmäßigkeit verschickt, ebenso wie dann das Schreiben das kund und zu wissen tat dass nunmehr der Tag gekommen sei: Tablette weiß statt blau.

Es kam wie es kommen musste: die Patienten beschwerten sich über die „Tabletten ohne Wirkstoff“. Aber auch eine Unzahl von Ärzten, Apothekern, Grossisten beschwerte sich über die „falschen“ Tabletten. Das ging telefonisch, per Fax und per Einschreiben, via Rechtsanwalt und Behörde. Herstellerschlamperei, Gesundheitsgefährdung, Pharmamörder, das Angebot an Beschimpfungen war groß, die Grossisten hielten die Ware bis zur Klärung des Sachverhaltes zurück, das Medikament wurde von Apotheken nicht mehr abgegeben auch wenn es auf Lager war, die Behörden überlegten schon Sonder-Sachbearbeiter einzusetzen. Ein derart wichtiges Medikament – und das war es ja tatsächlich – war vom bösen, bösen Pharmahersteller einfach falsch hergestellt worden, oder es war ein falsches Medikament in der Schachtel, und überhaupt: Angehörige gingen mit den Patienten in die Notaufnahme, Notärzte wurden gerufen, alles was man sich vorstellen kann. Die Meldungen an alle die zuständig waren (oder auch nicht) überschlugen sich.

 

Der Hersteller erhielt seitenlange Briefe von Patienten mit wüsten Beschimpfungen und Drohungen, die Arzneimittelsicherheits-Abteilung machte Überstunden, den Rechtsschutzversicherungen seien die Drohungen wegen Gesundheitsgefährdung, absichtlicher schwerer Körperverletzung etc. gedankt.

 

Das Präparat wurde immer wieder als „nicht lieferbar“ bezeichnet, obwohl der Hersteller eine Menge auf Lager hatte, und obwohl alle Zuständigen immer wieder informiert wurden. Dauerte einige Monate, bis sich die Wellen gelegt hatten.

 Natürlich musste das so kommen, meinte der Medical Director des Herstellers, was bitte erwartet man denn von Patienten mit Zwangsstörungen? Die KÖNNEN ja so eine Farbänderung nicht akzeptieren, nicht weil sie nicht wollen, sondern weil Zwangsstörungen das eben so mit sich bringen, könnten die Patienten mit solchen Änderungen umgehen dann wären sie ja gesund. Deshalb wurden ja alle verständigt …

 

Dass die Ärzte, Apotheker, Grossisten nichts von der Änderung wussten war auch schnell geklärt: alle, die die vielen Schreiben bekommen hatten – lt. Adressliste ist das ja nicht so schwierig nachzuvollziehen – meinten, sie würden die Zuschriften von Pharmafirmen gar nicht lesen. Die würden entweder auf einen Haufen gelegt zur gelegentlichen späteren Lektüre, oder gleich weggeworfen. Wozu die Pharmareferenten den Fachärzten mehrfach die Farbänderung angekündigt hatten erschloss sich nie.

Was blieb von der Geschichte? Der böse Nachgeschmack: ein großer Pharmakonzern, und dann ist so ein wichtiges Präparat nicht lieferbar weil bei der Herstellung geschlampt wurde und kein Wirkstoff in der Tablette war. Oder war nur das Falsche abgepackt worden? Sabotage? Missachtung psychisch kranker Menschen? Hm. Jedenfalls: böse Firma.

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.06.2013.

0 Wertungen (0 ø)
451 Aufrufe
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
  Auf einem aktuelleren Rezept. Ich bin … verwirrt. Wie muss der Patient das Pantoprazol dosieren? Da steht: mehr...
„Sie können mir das schon geben, ich übernehme die Verantwortung!“ … sagt die Frau, die unbedingt ein mehr...
(von der Apothekerin) Es ist anscheinend nie Ihre Verantwortung über ihre Deckung Bescheid zu wissen. Und dann mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: