Keine Diagnose durch die Hose

10.07.2015
Teilen

Nachtdienst. Als ich den Anruf aus der Notaufnahme bekomme ist es Mitternacht. Ein Patient mit Kopfschmerzen seit den Morgenstunden. Hat schon Ibuprofen genommen. Hilft aber bisher nichts. Ich schaue zunächst im PC nach, ob der Patient schonmal stationär oder in der Notaufnahme gewesen ist. Fehlanzeige.

Er kommt also nicht öfter wegen Kopfschmerzen zu uns. Das ist schon einmal hilfreich. In der Notaufnahme treffe ich dann auf einen Patienten in seinen besten Jahren, sozusagen. Er schaut jedoch etwas angeschlagen aus. Ich bitte ihn, zu erzählen, was ihn zu uns führt. Er berichtet mir über seit den Morgenstunden aufgetretene holocephalen Kopfschmerzen, Gliederschmerzen sowie Bauchschmerzen.

Die Kopfschmerzen gehen mit Licht- und Lärmempfindlichkeit einher, sowie einem ausgeprägten Ruhebedürfnis. Einmalig erbrochen habe er auch. Temperatur, die er selbst gemessen hat, ist 39°C. Als ich das höre, mache ich erstmal einen Schritt zurück und sage den Schwestern, dass der Patient vorerst isoliert werden soll. Bei Kopfschmerzen in Verbindung mit Fieber und Erbrechen gehe ich zunächst auf Nummer sicher. Ich nehme dann zunächst ein Labor sowie Blutkulturen ab. In den klinischen Untersuchungen zeigt sich zunächst – außer eines reduzierten Allgemeinzustandes – nichts Auffälliges. Kein Meningismus (was ja nicht zwingend etwas ausschließen muss). Auch sonst fällt mir kein Infektfokus ins Auge.  

Nach einer Zeit trudelt das Labor ein: Leukozytose mit Linksverschiebung und stattlicher CRP-Erhöhung. Sonstige Laborparameter sind unauffällig. Wegen der Bauchschmerzen informiere ich dennoch den Internisten. Dieser untersucht den Patienten nochmal, findet im Ultraschall des Oberbauchs aber auch nichts. 

Auf die Liquorentnahme habe ich den Patienten im Vorfeld schon hingewiesen und aufgeklärt. Aufgrund der ausgeprägten systemischen Entzündungszeichen und des schlechten Allgemeinzustandes bekommt der Patient eine kalkulierte Antibiose und reichlich Flüssigkeit.

Die Punktion ist problemlos, der Liquor ist makroskopisch klar. Bei dieser Infektkonstellation hätte ich mir, wenn der Liquor der Fokus gewesen wäre, einen trüben Liquor gewünscht. So also denke ich mir schon, dass im Liquor auch nichts zu finden sein wird. Kurze Zeit später kommt die Entwarnung, der Patient muss dann nicht mehr isoliert werden. Also schaue ich mir den Patienten nochmal an. Wirbelsäule nicht klopfdolent, der Patient hatte nämlich zu Beginn auch über Rückenschmerzen geklagt. Eine Spondylodiszitis schließe ich für mich somit aus. Hals/Rachen schauen unauffällig aus. 

Schließlich wecke ich den Chirurgen, damit dieser sich der Sache nochmals annimmt. Nach einer Zeit zuckt auch der Chirurg ratlos mit den Schultern. Nein, er habe auch nichts gefunden. Ob es denn Migräne sein könnte, fragt er. Verdutzt schaue ich auf.Das muss wohl die fortgeschrittene Uhrzeit sein. Migräne mit dem Labor und Fieber?!

Es folgen noch ein unaufälliger Urinstatus und Röntgen-Thorax. Langsam bin ich etwas verzweifelt. Leider möchte den Patienten keine der anderen Disziplinen übernehmen. Mein Hinweis, es handele sich offensichtlich um sekundäre Kopfschmerzen bei fieberhaftem Infekt, die nicht auf einer floriden ZNS-Infektion beruhen und dass somit von neurologischer Seite alles getan ist, wird nicht gehört. Zähneknrischend und nicht gewillt, um diese Uhrzeit zu diskutieren, übernehme ich den Patienten auf die neurologische Normalstation. 

Am nächsten Tag habe ich erneut Nachtdienst und bin natürlich gespannt, was der Infektfokus des Patienten ist. Die Kollegin berichtet mir, das Pflegepersonal hätte gegen Mittag des nächsten Tages eine Rötung am Bein entdeckt, diese hätte sich dann rasch ausgebreitet. Verdammt denke ich, ein Erysipel.

Rückblickend bleibt natürlich die Frage, hätten wir das Erysipel schon vorher sehen müssen, immerhin waren drei Ärzte involviert. Oder hatte sich das wirklich erst im Verlauf des nächsten Tages so deutlich gezeigt. Die Anamnese war natürlich in der Hinsicht „irreführend“, weil der Patient über Kopf-, Glieder- sowie Bauchschmerzen geklagt hat. Erbrochen hatte er ja auch. Im Nachhinein ist natürlich klar, dass dies alles dem Fieber und der Infektion zu verdanken war.

Für mich bleibt aber das Fazit bei scheinbar unklarem Fieber: „Keine (zu vorschnelle) Diagnose durch die Hose.“

Bildquelle: Image Catalog, flick / CC0

Artikel letztmalig aktualisiert am 27.07.2015.

143 Wertungen (4.8 ø)
18075 Aufrufe
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Gast
Wie kann es angehen, kommentieren hier Erwachsene? HP oder Doc. wer ist hier der klügste im ganzen Land? Darum geht es nicht, es geht um Patienten und um Therapeuten nicht um Götter!! Vielen Dank für den tollen Bericht und das wir an dem Diagnoserätsel teilhaben durften!! Respekt!!
#22 am 27.07.2015 von Gast
  1
Gast
sollte man nicht so einen Mann mit Fieber zu einem richtigen Arzt schicken, statt zum Neurologen?
#21 am 20.07.2015 von Gast
  13
Die Ausbildung der HP ist nicht geregelt, nur die popelige Prüfung.
#20 am 16.07.2015 von Annika Diederichs (Tierärztin)
  4
Dieses Verhalten, seine Fehler zu reflektieren und auch zur Erfahrung für andere weiterzugeben ist mutig und leider bei vielen Kollegen nicht gegeben. Meine Achtung! Zur Anamnese gehört auch immer die gründliche augenscheinliche Diagnostik, auch bei knapper Zeit.
#19 am 16.07.2015 von Eberhard Krämer (Sonstige)
  0
@13, leider bestätigen auch Sie, dass Sie keinerlei Ahnung über die Ausbildung der HP haben. Und ja, auch in diesem Falle stimmt- nur mitreden wenn man weiß worüber man spricht.
#18 am 16.07.2015 von Bettina Lemberger-Jakob (Heilpraktikerin)
  7
Mitreden sollte hier nur, wer in den Schuhen des Autors mal gesteckt hat. In den frühen Morgenstunden unterlaufen Fehler, das ist menschlich. Der Kollege hat sich intensiv bemüht, war insgesamt vorsichtig, hat sein Versäumnis erkannt und reflektiert. Wer sich hierüber negativ äußert hat einfach keine Ahnung!
#17 am 16.07.2015 von Dr. med. Andreas Wolff (Arzt)
  0
Neurologisch
Den OA hatte ich nicht gefragt. Man muss auch sagen, dass bei der OA-Visite am nächsten Tag am Morgen noch nicht's aufgefallen war,sondern erst gegen Mittag.
#16 am 16.07.2015 von Neurologisch (Gast)
  0
Verzeihung, wollte sagen: im allgemeinen ist ja die LP ein nebenwirkungsarmes Verfahren. Insofern halb so wild.
#15 am 15.07.2015 von Dr. med. Martin Lorenz (Arzt)
  0
Der Moral von der Geschicht ist auch unter Berücksichtigung von #10 klar. Message verstanden. Auch müde und im Nachtdienst bei unklarer Konstellation ganzen Patienten anschauen. Ich finde den Bericht interessant und lehrreich. Jeder hat was draus gelernt, aber im allgemeinen ist es ja ein nebenwirkungsarmes Verfahren. Ich hätte eine Frage und zwei Anmerkungen. Frage: den zuständigen OA mal gefragt? Anmerkung: den Kommentar von #8 finde ich etwas hochnäsig. Wenns im Notfall richtig brummt muß ich meine Prioritäten anders setzen als wenn ich die Zeit habe, mir für rein elektive Fälle 30 oder mehr Minuten Zeit zu nehmen und mir das auch entsprechend privat bezahlen lasse. Zu #9 allerdings muss ich sagen, daß die Kritik über die Stränge schlägt. Sie sollte die Person oder Berufsgruppe nicht herabwürdigen. Ich habe auch eine klare Einstellung zur Komplementärmedizin, nur sollte man hier niemanden beleidigen.
#14 am 15.07.2015 von Dr. med. Martin Lorenz (Arzt)
  1
Gast
Absolut ehrlich! Hätte jedem passieren können! Der Heilpraktiker weiß wahrscheinlich nicht mal, wie man Erysipel schreibt, geschweige denn, was es ist!
#13 am 15.07.2015 von Gast
  14
@Gast der völlig unqualifiziert die Heilpraktiker und deren Ausbildung denunziert: was haben Sie denn für eine qualifizierte Ausbildung anzubieten? Bevor Sie alte Vorurteile bedienen, sollten Sie wenigstens aus Ihrer Anonymität heraustreten. @den Autor: Danke für den ehrlichen Bericht!
#12 am 15.07.2015 von Bettina Lemberger-Jakob (Heilpraktikerin)
  7
Gast
Danke für den Fallbericht! Man lernt eben nie aus... Wiederholung ist der Schlüssel! Ich kann die Situation gut nachempfinden und werde die nächsten Nachtdienste mit Sicherheit diesen Bericht im Gedächtnis behalten! Danke nochmal!
#11 am 15.07.2015 von Gast
  0
Gast
Was geht hier ab? Lästern, schlecht machen, besser wissen? Wer mal Nachtdienste gemacht hat weiß, das ist nicht das Tagesgeschäft. Das sind manchmal Herausforderungen, diagnostisch und therapeutisch weiter zu kommen. Danke für den ehrlichen Bericht! Denn ich kann auch noch (als alter ärztlicher Sack) etwas lernen. - und wer sagt denn, dass der Patient nicht gründlich untersucht worden ist, dass das Erysipel so ohne weiteres in der Nacht schon zu erkennen war. Gerade der Anfang einer Erkrankung ist manchmal so vieldeutig, nach ein paar Stunden weiß man oft schon mehr. Dass man aber nichts Isolationspflichtiges übersehen darf in den für die Hygiene ja so gescholtenen Krankenhäusern ist doch auch klar, oder? - Deshalb machen wir ab jetzt alles richtig: wir werden an alles denken und natürlich auch in der richtigen Reihenfolge.
#10 am 15.07.2015 von Gast
  0
Gast
@Heilpraktiker So eine unqualifizierte, besserwisserische und Kontraproduktive Aussage kann nur von einem kommen, der vom "Tagesprogramm" keine Ahnung hat und dieses niemals selbst gemacht hat. Aber deswegen ist er auch Heilpraktiker, weil es fürs Arztwerden einfach nicht gereicht hat.... Zugangsqualifikation für Heilpraktiker: Mindestens ein Hauptschulabschluß. Na dann vielen Dank und Verneigung vor der geballten Kompetenz. Deswegen würde ich vorschlagen: Erst einmal eine äquivalente Ausbildung abschließen, dann Erfahrung sammeln und dann erst kommentieren.
#9 am 15.07.2015 von Gast
  48
Ist es nicht grauslig? Lumbalpunktion, bevor auch nur eine Inspektion des gesamten Patienten stattgefunden hat, von einer korrekten Aufnahmeuntersuchung nach dem Kopf-zu-Fuß-Schema ganz zu schweigen. Was wird da einem Patienten zugemutet, nur weil drei Spezialisten nicht bereit oder in der Lage sind, über die Tellerränder ihrer Fachgebiete hinweg zu schauen? Die paar Minuten Zeitaufwand für einen Ganzkörperstatus sollte man gesetzlich festschreiben, damit es auch der letzte begreift...
#8 am 15.07.2015 von Wolf R. Dammrich (Heilpraktiker)
  47
Blogersteller
@#7: Wie gesagt,habe ich meine Lehren aus dem Fall gezogen .
#7 am 15.07.2015 von Blogersteller (Gast)
  0
Gast
Haben unsere alten LehrerInnen nicht immer gepredigt: schauen, horchen, riechen, tasten ... am entkleideten Patienten? In Wien haben uns das sogar schon die Anatomieprofessoren eingebleut, von den ersten Semestern an. Das war die Lehrergeneration, die noch gesund misstrauisch gegenüber den Mosaikstücken Bildgebung, Labor usw. war. Vielleicht hätte die altmodische physikalische, genaue Untersuchung ein paar Euro und dem Patienten eine Liquorpunktion sowie das wahrscheinlich nicht gut passende Antibiotikum erspart? Zum Glück gibt es Fälle wie diesen, sonst würde wohl die next generation die Diagnosen mittels Befunden am Computer stellen.
#6 am 15.07.2015 von Gast
  6
Gast
Auf diese Auflösung wäre ich beim Lesen nie gekommen :(
#5 am 15.07.2015 von Gast
  0
Gast
Natürlich ist das Fieber unklar, weil keine Diagnose existiert oder wäre "Fieber bei unklarem Infekt#2 besser?
#4 am 15.07.2015 von Gast
  0
Gast
Die Auflösung steht ja im Text,Erysipel. :)
#3 am 15.07.2015 von Gast
  0
Gast
Borreliose!?
#2 am 15.07.2015 von Gast
  1
Gast
ist hier die Definition für unklares Fieber tatsächlich erfüllt?
#1 am 15.07.2015 von Gast
  0
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Zunächst einmal kritisiert Dollase, dass ein Veggie-Burger nach Fleisch schmecken soll, obwohl man ja gar kein mehr...
„Herr Doktor, mein Vater ist seit drei Tagen so unsicher auf den Beinen, er sieht verschwommen, fühlt sich schlapp mehr...
Clemens Sedmak schreibt in seinem Buch „Mensch bleiben im Krankenhaus“, dass der Lackmustest für eine Ethik des mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: