Hättest du mal was Anständiges gelernt

07.07.2015
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Der Beruf des Arztes hat viele schöne und spannende Seiten. Jedoch gibt es, wie wahrscheinlich in jedem Beruf, einige Dinge, auf die man als Arzt gerne verzichten könnte. Angefangen bei überflüssigem Bürokratieaufwand bis hin zu bestimmten Untersuchungsmethoden und Krankheiten, die man so gar nicht leiden kann.

Brandenburg im Hochsommer. Die Praxis hat in der Nachmittagssprechstunde kuschelige 28° Innentemperatur erreicht. Was leider eine Nebenwirkung der erhöhten Temperaturen ist: alle Gerüche, vor allem die menschlichen, werden intensiver. Die wetterbedingte erhöhte Ausscheidung von Körperflüssigkeiten, vor allem Schweiß, bringt auch keine Verbesserung der Praxisluft.

In diesem Klima arbeite ich so vor mich hin und hoffe auf den Feierabend. Oder ein kühlendes Sommergewitter. Was auch immer zuerst kommt. Die Tür geht auf und der nächste Patient kommt herein. Er hätte Probleme mit seinen Ohren und würde nur noch so dumpf hören. Ich ahne Schlimmes: Wahrscheinlich ist es ein Ceruminalpfropf, der den Gehörgang verlegt und so das Hören vermindert.

Ein kurzer Blick in das Ohr des Patienten mit meinem Otoskop offenbart mir nicht nur einen großen, sehr großen Stopfen im Ohr, meine Nase nimmt zeitgleich den strengen Geruch das Patienten auf. Offensichtlich hat er es nicht mehr geschafft, heute zu duschen. Oder gestern, wenn man nach dem Ausmaß des Geruches geht.

Normalerweise ist eine der Schwestern so gnädig und übernimmt die Ohrenspülungen. Doch leider hat sie zurzeit Urlaub. Ohrenspülungen mit so einer großen Wasserspritze sind nämlich eins der wenigen Dinge, die ich überhaupt nicht gerne mache. Überhaupt nicht. Und schon gar nicht mache ich sie im Hochsommer.

Aber es nützt nichts, der Patient hat ein Problem und erwartet Hilfe. Mit Unterstützung einer anderen Schwester fange ich an zu spülen. Große braune Brocken lösen sich unter dem Wasserdruck aus dem Ohr, eins fliegt nur knapp an meinem Gesicht vorbei. Meine Gefühlslage kann ich klar in dem Gesicht der Schwester ablesen, die hinter dem Patienten steht. Die Glückliche, außerhalb des Spritzkreises der Ohrfüllung.

Vorsichtig atme ich meine leicht aufkommende Übelkeit weg und kontrolliere das Ohr. Immer noch ist viel Cerumen zu sehen. Also noch einmal spülen. Und noch einmal. Und noch einmal. Immer noch lösen sich Cerumenstücke. Das kleine Labor wird immer heißer, der Eigengeruch des Patienten immer intensiver. Meine Übelkeit erreicht langsam das Würgelevel. Nach langen, langen 20 Minuten sind wir endlich fertig und ich kann dem Raum und dem Patienten entfliehen.

Ich kehre zurück in mein Sprechzimmer und hoffe, dass es die erste und einzige Ohrspülung in dieser Woche war. Eine Stunde später, gegen Sprechstundenende, wird diese Hoffnung jäh zerstört. Die Frau des Patienten, dem ich so gründlich die Ohren gesäubert habe, ist da. Sie habe die selben Probleme. Nicht nur auf einem Ohr, sondern auf beiden.

Ein kurzer Blick bestätigt mir, sie hat leider Recht. Außerdem riecht sie nur unwesentlich besser als ihr Mann. Also wieder ins Labor, selbe Prozedur. Nachdem auch ihre Ohren, endlich, endlich gesäubert sind und meine Übelkeit leicht nachgelassen hat, sagt die Schwester zu mir, siehst du, hättest du mal was anständiges gelernt. Ich kann ihr da nur zustimmen. Hätte ich mal.

Dasselbe denke ich auch jedes Mal, wenn jemand mit sehr, sehr ekligen Fußnägeln kommt. Teilweise halb abgelöst, noch gerade so hängend an einem sehr ungewaschenen, stinkenden Fuß. Auch bei sowas muss ich mich sehr zusammenreissen, um nicht zu würgen oder mir etwas anmerken zu lassen.

Manchmal, wenn es sehr extrem ist, bitte ich die Patienten höflich, bitte doch nächstes Mal mit gewaschenen Füßen zu kommen, aber Ausdrücke des Ekels verkneife ich mir vor dem Patienten. Die meisten Menschen denken eh, nur weil man Arzt ist, ist einem an menschlichen Vorgängen und Krankheiten nichts fremd und nichts eklig.

Das stimmt auch für vieles, aber meine Erfahrung ist, dass jeder Arzt seine persönliche Ekelgrenze hat. Bei dem einen sind es Nägel und Ohrspülungen, wie bei mir, bei einem Kollegen sind es faulige Zähne, bei einem anderen infizierte Wunden. Jeder hat so seine „Schwachstellen“, wir sind halt auch nur Menschen. Und auch wenn die meisten von uns unseren Beruf sehr mögen, gibt es auch immer wieder Situationen, in denen man sich sagt: „Hättest du nur was anständiges gelernt...“

Bildquelle: FaceMePLS, flickr / CC by

Artikel letztmalig aktualisiert am 18.07.2015.

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Gast
was "anständigeres" als Arzt gibt es nicht. Deswegen wird er ja in der heutigen Zeit so bekämpft.
#18 am 18.07.2015 von Gast
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Gast
Ach Gottchen, was soll der Quatsch. Ein bisschen mehr Professionalität ist schon gefragt.
#17 am 16.07.2015 von Gast
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Gast
Martin, was soll der Quatsch hier?
#16 am 12.07.2015 von Gast
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Fortsetzung 2: Regeln zum Zwangsaufkauf von Arztpraxen werden die ländliche Versorgung auch treffen: Man checke Alfeld (Leine] Niedersachsen. Die hausärztlichen Versorger tummeln sich natürlich im Städtchen. 13 Allgemeinmediziner, 8 Internisten und 6 praktische Ärzte versorgen 18.974 Einwohner. Das sind 702 Einwohner pro Arzt. die müssen schon alle krank sein, damit der Hausarzt auf seine durchschnittliche Fallzahl kommt. Die Zukunft der Flächenversorgung kann nur in klinisch gestützten Modellen gefunden werden. Dort wird qualitätskontrolliert das Anliegen der Ratsuchenden wahrgenommen und die zuständigen Ärzte suchen den Kranken mit kurzen Wegen im Aufnahmetrakt auf. Auch die aufsuchende Gesundheitsfürsorge kann integriert werden.
#15 am 12.07.2015 von Dr. med. Martin P. Wedig (Arzt)
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Fortsetzung 1: Studien zur Patientenzufriedenheit und die deutsche Lehrforschung stellen übereinstimmend fest, daß in den Praxen alles in Ordnung ist und hochmotivierte Ärzte für die Allgemeinmedizin ausgebildet werden. Da prüft und bewertet der allgemeinmedizinische Prüfer in der Patientensimulation gar die Herzlichkeit des Händedrucks und gradiert mit 1 oder 2 Punkten.
#14 am 12.07.2015 von Dr. med. Martin P. Wedig (Arzt)
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"Hausarzt, nein danke. Der Nachwuchs spielt nicht mit: Bald könnten Zehntausende Allgemeinmediziner fehlern ... LÄngst verweisen nicht nur Praxen in dünn besiedelten Gegenden Mecklenburgs, sondern auch in westddeutschen Großständten, vor allem in den ärmeren Stadtteilen. Ein anderer Weg ... All das ist vielen jungen Allgemeinmedizinern, von denen drei Viertel Frauen sind, wichtig." [FAZ 12. Juli 2015]
#13 am 12.07.2015 von Dr. med. Martin P. Wedig (Arzt)
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Zahnärztin
Inzwischen bitte ich meine Patienten nicht mehr nur höflich, das nächste Mal mit geputzten Zähnen zu erscheinen, sondern ganz klar und eindeutig. Wir leben in Deutschland und es ist fast jedem Menschen mit fetem Wohnsitz zuzumuten mit einer vertretbaren Körperhygiene zur Untersuchung zu erscheinen. Wer sich selber dies nicht wert ist und sich so etwas als Behandler zumuten lässt, darf sich nicht wundern, wenn andere nicht von alleine auf die Idee kommen.
#12 am 10.07.2015 von Zahnärztin (Gast)
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Gast
Somatische Medizin ist ja ein schmutziger Beruf und unter den akademischen Berufen wohl der schmutzigste. Manchmal hilft es, einen Mundschutz aufzusetzen und durch den Mund zu atmen. ;-)
#11 am 09.07.2015 von Gast
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Ich hatte mir einmal als Student beim Sport den Fuß verknickt, und meine damalige Freundin bestand darauf, daß ich damit zum Unfallchirurgen gehen solle. Ich wiederum bestand darauf, vorher heimzufahren und zu duschen, denn ich wollte es dem Arzt nicht zumuten, meinen (frischen) Schweiß riechen zu müssen. Heutzutage beobachte ich Patienten, die mit braunen (aber ehemals weißen) Socken zur Untersuchung kommen, Pilzen in der Unterbrustfalte, die eine Mammographie bekommen, Patienten die entsetzt sind, wenn beide Füße geröntgt werden sollen, obwohl doch nur der eine Fuß wehtut und nur dieser eine Fuß gewaschen sei. Ich verstehe die "Leiden der Jungen A." komplett. Selbst in der doch recht patientendistanzierten Radiologie könnte man manchmal erbrechen. Hautdesinfektion zum Nadellegen und der Tupfer ist schwarz. Patienten, die tlw. mit schwarzen Finger- und Fußnägeln zur Untersuchung kommen. Und hier reden wir nicht über präkäre hygienische Verhältnisse wie von #9 geschildert.
#10 am 09.07.2015 von Dr. med. Martin Lorenz (Arzt)
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Gast
..und was sagen wir, die wir in Drittländern Menschen helfen? Manchmal muss man erstmal schlucken, alle Kraft zusammen nehmen, und dann geht es doch...manche Menschen leben unter schlechteren Bedingungen als Farmtiere..wir haben immer Handtuch, Seife,Zahnbürsten, Windeln und Utensilien der Frauenhygiene parat und wenn möglich ein paar Kleider, vorallem wenn es um den Weitertransport in ein entfernt liegendes Krankenhaus geht, in das man sogar die Rolle Toilettenpaier mitbringen muss..es ist nicht einfach, aber meistens ist der Patient irgendwie schon froh, wenn sich einer um ihn kümmert..und um seine verkrüppelten Diabetesfüsse mit pilzbefallenen Fussnägeln...die alten Leute sind froh, wenn sie wiederr hören können..und schliesslich gibt es Einmal-Handschuhe, Mundschutz und kann man Fenster öffnen..es ist ein wundervoller Beruf, wenn es Berufung ist..trotz Bürokratie, auch in diesen Ländern..und dank vieler wunderbarer Kleider-Zahnbürsten und anderer Spenden!
#9 am 09.07.2015 von Gast
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...oder Akutentgiftung. Da hatte ich mal einen Patienten mit silbrig glänzender Hose, deren Oberfläche sich bewegte- dachte schon selbst, ich hätte ein Delir, aber das ist ja nicht ansteckend:-)...der arme Kerl sah nach einer Woche ganz manierlich aus, aber dann wollte er zurück auf der Straße, nicht in die Entwöhnung. Schade.
#8 am 09.07.2015 von Sylvia Robinson (Ärztin)
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Gast
...und die Pathologen, auch manche Chemiker und Biologen und dann die Müllwerker und die Einsammler von Tierkadavern auf unseren Strassen, die ja eher weniger gut bezahlt werden für ihren Job. Aber, nichts für Ungut, ich schliesse mich der Meinung von Kommentator #1 vollumfänglich an und wünsche Ihnen auch den einen oder anderen gepflegten Patienten
#7 am 09.07.2015 von Gast
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Gast
was soll der Proktologe denn sagen? ... und der Gynäkologe?
#6 am 08.07.2015 von Gast
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Gast
Na ja,da sind ja nicht nur die Doktoren betroffen:Wenn man als Zahntechniker in einem Praxislabor eine alte oder zumindest alt aussehende Prothese in die Hand gelegt bekommt und bei näherem hinsehen Würmer untendrunter in der schmierigen stinkenden Plaque krabbeln,dann fragt man sich ebenfalls,ob man denn nun den falschen Beruf gelernt hat.Allerdings kann man dann das stinkende Ding erst in ein Desinfektionsbad legen.Es ist trotzdem ekelig.So manch ein Patient bekommt eine Einmalzahnbürste ,eine Zahnpastaprobe und muss sich vor der Behandlung erst einmal die Zähne putzen.Oder der Zahnarzt sagt der Helferin,der Patient leidet an OS uns sie möge dieses doch entfernen.Dann ist die Zahnarzthelferin gefragt.OS bedeutet übrigens ORALSAU.falls man das nicht ohnehin vermutet.Sie sehen,nicht nur die Ärzte haben so ein Problem.........
#5 am 08.07.2015 von Gast
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Gast
Das Erste, was mir in den Sinn kam, waren Analdrüsen- und musste herzlich lachen beim Lesen des Kommentars meines tiermedizinischen Kollegen. Noch lustiger ist das Ablesen von gefühlt 1 Million Fliegenmaden die auf (und teilweise auch in) der hinteren Hälfte eines Kaninchens rumkrabbeln. Bevorzugt zwischen 21:30 und 23:00 Uhr an heiß-schwülen Abenden. Das arme Tier kann ja nichts dafür und die Besitzer haben bislang wohl nicht bemerkt, dass ihr Tier Durchfall hat oder eine Blasenentzündung (oder fanden es nicht wichtig genug...). Also an ekligen Situationen herrscht bei uns kein Mangel, aber das Gefühl des "hättste mal was Gscheites gelernt" kommt eher auf bei Problemen mit Behörden, der teilweise schlechten Zahlungsmoral und beim Umgang mit ignoranten Besitzern.
#4 am 08.07.2015 von Gast
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Als Tierarzt habe ich fast ohne Schadenfreude herzlich mitgelitten! Aber liebe "Zwiebeiner"-Mediziner, auch bei uns gibt's Sachen, die schlagen nicht nur aufs Gemüt:Da sind die verstopften Analdrüsen. Fast jeder hat mal von den Waffen der Stinktiere gehört. Aber auch Hund und Katze, meine Patienten haben diese leckeren Drüsen. Trocknet das Sekret ein, wird es beim Kotabsatz nicht mehr das Würstchen benetzen sondern sitzt - wie ein Cerumenpfropf - im Ausführungsgang. Phase 1 der Behandlung: sanft und doch gezielt das zähe Zeug unter Sichtkontrolle ausmassieren. Na klar: mit Handschuh! Und reichlich Zellstoff! Und dennoch kann schon mal was ins Auge gehen... Phase 2: die Analdrüse ist schon entzündet, gern auch eitrig, dann ist die Breite der olfaktorischen Sensationen einfach größer. Dann kommt die erfahrene Helferin mit der Irrigatorspritze und einem sardonischen Lächeln. Phase 3: Hoffentlich haben wir wenigstens noch einen frischen gebügelten Kittel im Schrank.
#3 am 08.07.2015 von Dr. med.vet. Andreas Ross (Tierarzt)
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Gast
GUT, daß Sie sich diesen Artikel vom Herzen schreiben und vielen Mitmenschen aus der Seele sprechen. Um die Leute jeglichen Alters dahin gehend zu "erziehen", wäre wirklich eine kleine Duschkabine empfehlenswert mit einfacher Seife einem Handtuch und einfacher Unterwäsche, wohin man die Patienten vor der Behandlung schickt, um ein persönliches Exempel zu statuieren. Es ist eine bodenlose Frechheit dieser Menschen, das direkte Umfeld derart zu belästigen und zu beleidigen, wo es heute zum Glück überall billig Wasser und Seife gibt. Ihre Patienten würden Sie groß angucken!!! Oder alternativ sprühen Sie sie von Kopf bis Fuß mit einem Deodorant ein, um die akute Beleidigung der eigenen Sinne zu lindern. Auch das wäre sicher mit einem Lerneffekt verbunden. Herzliche Grüße
#2 am 08.07.2015 von Gast
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Gast
Lieber Doktor, fast würden Sie mir etwas leid tun, aber dann sagt mir mein Verstand, nö, das sind nun mal die "Nebenwirkungen" dieses Berufes. Aber "Ekelgrenze" hin oder "Schwachstellen" her...jeder Beruf hat solche Ekelgrenzen und Schwachstellen, vielleicht in anderer Form,aber es gibt sie.Aber darf ich Sie etwas trösten? Sie haben etwas "anständiges" gelernt und ich möchte hier allen Ärzten danken für Ihre Geduld, Anstrengung und Überwindung Ihrer "Schwachstellen". Ärzte kümmern sich um das Wertvollste am Menschen - um die Gesundheit - dafür allen ein herzliches Dankeschön :-)
#1 am 08.07.2015 von Gast
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