Hubble, Bubble oder UbbLE – der neue Hype?

07.07.2015
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The Lancet: Simple score predicts risk of death for middle-aged adults in the UK - Research News Release: Embargoed until 3-Jun-2015 18:30 ET(3-Jun-2015 22:30 GMT) hieß es, um die Nachricht von einem angeblich revolutionären und zugleich simplen Sterbe-Risiko-Score der wissenschaftlichen Community auf einen Schlag bekannt zu geben. Doch was steckt wirklich dahinter?

Auf dieser Webseite http://www.ubble.co.uk/ können Sie die Ergebnisse  wissenschaftlicher Forschungsarbeit von Andrea Ganna und Erik Ingelsson erkunden. Ihre Studie, im LANCET publiziert, ist die größte ihrer Art und basiert auf einer nationalen Gesundheits-Datengrundlage, „UK Biobank“ genannt [„On this website, you can explore the findings of scientific research carried out by Andrea Ganna and Erik Ingelsson. Their study, which is published in the Lancet, is the largest of its kind and is based on a national health resource called UK Biobank“].

Was ist UbbLE?

UbbLE ist also nicht unbedingt das passende Akronym für UK Longevity Explorer [ULE], sondern müsste eher für UK biobank Longevity Explorer stehen. Die Webseite präsentiert zwei wesentliche Teile von Andrea und Erik’s Arbeit: Den „Assoziations-Explorer“ und den „Risiko-Rechner“. Beide sind eng verbunden – Der Risiko-Kalkulator basiert auf den Erkenntnissen des Assoziations-Explorers [“This website presents the two main parts of Andrea and Erik’s work: the Association Explorer and the Risk Calculator. These are closely connected – the Risk Calculator is based on findings from the Association Explorer”].

Was sind nun die wirklich neuen Erkenntnisse?

Publikationen in THE LANCET haben immer den Anspruch, aktuelle und wichtige Forschungsergebnisse zu präsentieren. Doch hier geht es ganz im Gegensatz zum medizinischen Wissenschaftsbetrieb einmal nicht um Risiko- und Vorhersagefaktoren, Früherkennung und Prävention von Krankheiten (Morbidität) sondern ganz alleine und ausschließlich um die Sterblichkeit (Mortalität). Mortalitätsrisiken und Sterbewahrscheinlichkeiten werden, so die These der Autoren, eher durch einen soziodemografischen Fragebogen, denn durch mühsame Anamnese, Fragen, (Differenzial-)Diagnostik, weiterführende Untersuchungen usw. erfasst.

Machen es sich die Autoren nicht zu einfach?

Die Interpretation der Studienergebnisse ist schlicht gestrickt: Messergebnisse, die einfach durch Fragebögen und ohne körperliche Untersuchung erlangt werden können, sind die stärksten Vorhersageparameter (Prädiktoren) bezogen auf alle Ursachen der Gesamtmortalität innerhalb einer Bio-Datenbank-Population in Großbritannien. Die dabei entwickelten Vorhersage-Scores können akkurat die 5-Jahres-Mortalität vorhersagen. Dies können Individuen zur Verbesserung ihres Gesundheitsbewusstseins und die Professionen im Gesundheitswesen und die Organisationen nutzen, um Einzelpersonen mit hohem Risiko zu identifizieren und die öffentliche Politik zu leiten [„Interpretation - Measures that can simply be obtained by questionnaires and without physical examination were the strongest predictors of all-cause mortality in the UK Biobank population. The prediction score we have developed accurately predicts 5 year all-cause mortality and can be used by individuals to improve health awareness and by health professionals and organisations to identify high-risk individuals and guide public policy”].

Wirklich zu Ende gedacht?

Die Studienergebnisse von etwa 500.000 in der UK-Biobank eingeschlossenen Teilnehmern zeigten, dass bei Männern die selbst berichtete Gesundheit (?) der stärkste Vorhersage-Parameter für die Gesamtmortalität war. Bei Frauen war eine vorausgegangene Krebs-Diagnose der stärkste Vorhersage-Parameter für die Gesamtmortalität [“Findings - About 500 000 participants were included in the UK Biobank….Self-reported health (C-index including age 0·74 [95% CI 0·73–0·75]) was the strongest predictor of all-cause mortality in men and a previous cancer diagnosis (0·73 [0·72–0·74]) was the strongest predictor of all-cause mortality in women”].

Unter Ausschluss von Individuen mit schweren Krankheiten und Störungen waren die Messungen der Raucher-Gewohnheiten der stärkste Vorhersage-Parameter für die Gesamtmortalität [“When excluding individuals with major diseases or disorders (Charlson comorbidity index >0; n=355 043), measures of smoking habits were the strongest predictors of all-cause mortality”].

Pseudowissenschaftliche Überheblichkeit?

Die LANCET-Autoren verlassen scheinbar den Elfenbeinturm der Biowissenschaften, indem sie eine Webseite anpreisen, die eine interaktive Erkundung aller Ergebnisse entlang einer Risiko-Kalkulation durch einen Online-Fragebogen ermöglichen soll [„A dedicated website allows the interactive exploration of all results along with calculation of individual risk through an online questionnaire“].  Dabei schreiben sie von 13 selbst berichteten Risiko-Scores für Männer und 11 für Frauen, die alle angeblich signifikante Unterschiede erreichen würden. Im Original von „Association Explorer“ und  „Risk Calculator“ ist dann plötzlich von 655 Messungen, assoziiert mit verschiedenen Todesursachen, die Rede [„655 measurements from the UK Biobank study are associated with different causes of death“]. In der Zusammenfassung [Summary“] der Originalarbeit werden aber unter Ergebnisse [„Findings“] nur ganze drei äußerst fragwürdige Messungen angesprochen: Männliche Fehleinschätzung des eigenen Gesundheitszustands, vorausgegangene Krebsdiagnose bei Frauen und schädliche Rauch-Gewohnheiten bei beiden Geschlechtern.

Damit platzt wohl eher eine Seifenblase namens „Bubble“, als dass „UbbLE“ wirklich Klinik-, Praxis- oder gar Krankheits-relevantes reproduzieren könnte. Wir Ärztinnen und Ärzte behandeln nicht den Tod oder die Mortalität, sondern vornehmlich Krankheiten und Multimorbidität. Und da helfen Biobank-Fragebögen einfach nicht mehr weiter.

Association Explorer

Click on this interactive graph to explore how closely 655 measurements from the UK Biobank study are associated with different causes of death.

© 2015 Andrea Ganna and Erik Ingelsson

Risk Calculator

The Risk Calculator used your answers to calculate your risk of dying in the next five years. Some answers increased your risk, while others decreased it. To see the associations of specific questions in the Risk Calculator with risk of dying, click here.

© 2015 Andrea Ganna and Erik Ingelsson

 

Die Autoren der LANCET-Publikation

 

Bildquelle (Außenseite): Serge Melki, flickr

Bildquelle: © 2015 Andrea Ganna and Erik Ingelsson/Repro Praxis Dr. Schätzler

Artikel letztmalig aktualisiert am 12.07.2015.

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Gast
"Machen es sich die Autoren nicht zu einfach?" na klar machen sie sich das zu einfach. Medizin kann man nicht in 6 Wochen lernen.
#1 am 10.07.2015 von Gast
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