TOP 3 Einweisungsdiagnosen in der Neurologie

01.07.2015
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Heute möchte ich einmal über die TOP 3 Einweisungsdiagnosen schreiben. Meist natürlich von Hausärzten. Gleich vorneweg, ich will hier kein Hausärzte-Bashing betreiben. Nichtsdestotrotz sind manche Einweisungsdiagnosen zum Haareraufen.

Nr 1. V.a. Schlaganfall DD TIA

Wenn der Hausarzt das auf den Einweisungsschein schreibt, löst es meistens das Ticket für eine stationäre Aufnahme, vorzugsweise auf die Stroke-Unit, vorausgesetzt die Symptome sind nicht älter als drei Tage, denn sonst kann man keine Komplexpauschale abrechnen und die Patienten gehen nicht auf die Stroke-Unit, sondern auf die Normalstation.

Einem selbst als Aufnahmearzt bleibt auch oft nicht viel übrig, gerade bei der TIA, als die Patienten neurologisch zu „buchen“. Es sei denn das Labor ist derart derangiert (Hyponatriämie, akut auf chronisches Nierenversagen, Infekt) das man den Verdacht eines Schlaganfall schnell ad acta legen kann und die entsprechende Fachdisziplin bemüht. Den Hausärzten ist eigentlich kein Vorwurf zu machen, denn diese stroke mimics, also Krankheiten, die einem Schlaganfall ähnlich sehen, kann man schwer auf den ersten Blick erkennen. Bei mindestens einem Fall hätte aber schon ein simples Hilfsmittel gereicht um zu erkennen, dass der Patientin etwas anderes fehlt, nämlich das Stethoskop. Einseitige feinblasige Rasselgeräusche hätten die Patientin gleich in die internistische Abteilung gelotst. Aber wir stehen alle unter Zeitdruck und so bleibt manches auf der Strecke, nicht nur in der Klinik, sondern auch im niedergelassenen Bereich. 

Patienten, die mit einer TIA kommen, also irgendeinem gerarteten neurologischen Symptom, welches sich vollständig zurückgebildet hat, nimmt man meistens auf die Stroke auf. Oft sind die Symptome rückblickend unklar und es ist gar nicht gewiss, ob da eine Durchblutungsstörung dahinter steckt. Im Zweifel ist es sicher besser etwas Überdiagnostik zu betreiben. Auch wenn ich mich oft dem Eindruck nicht erwehren kann, dass manche TIA's eher eingebildet sind oder eher auf Blutdruckkrisen zurückzuführen sind.

Nr. 2. Akuter Schwindel

Achja, der akute Schwindel. Meist kommen die Patienten mit einem plötzlich und noch nie so dagewesenen attackenartigen Schwindel, der in den frühen Morgenstunden aufgetreten ist und wenn Übelkeit und Erbrechen dazukommen, ist die Panik groß. „Mein Hausarzt meint es könnte ein Schlaganfall sein, da bin ich gleich hergekommen.“ Noch nie kann ich mich erinnern, dass ein Patient ein sogenanntes Lagerungsmanöver vom Hausarzt „bekommen“ hat. Bei der oben genannten Anamnese denkt jeder direkt an einen gutartigen Lagerungsschwindel (BPPV). Hätte der Hausarzt den Patienten gelagert würde er sofort wissen, was Sache ist. Der horizontal rotatorische Nystagmus und die Reaktion des Patienten hätte es ihm verraten. Und die Therapie mittels Befreiungsmanöver, meist nach Epley, da der posteriore Bogengang am häufigsten betroffen ist, hätte er auch gleich zur Hand. Wesentlich häufiger als ein Schlaganfall sind meiner Erfahrung nach nämlich folgende Diagnosen bei einem akuten Schwindel.

- Gutartiger Lagerungsschwindel

- Neuropathia vestibularis (Gleichgewichtsausfall)

- vestibuläre Migräne

Es mag auch hier der Zeitmangel sein, der uns die Patienten mit Lagerungsschwindel in die Notaufnahme treibt.

Nr. 3 Neurologische Störung

Ja, diese Einweisungsdiagnose gibt es tatsächlich und ist meine heimliche Nr. 1. Dahinter kann sich wirklich alles oder nichts verbergen. Nichtgreifbare Symptome, Symptome die weder Patient noch Hausarzt in Worte fassen können oder Patienten aus Altenheimen, die wahrscheinlich nur zwischen Tür und Angel gesehen wurden und wo der Pflegerin etwas komisch vorkam (gerne am Freitag Nachmittag). Diese Einweisungsdiagnose lässt dem Aufnahmearzt wenigstens den Spielraum den Patienten im besten Fall wieder zurückzuschicken, wenn „wider Erwarten“ keine „neurologische Störung“ entdeckt wird. Eigentlich ein Entgegenkommen des Hausarztes, denn hätte er Nr. 1 gewählt, müsste man so einen Patienten fast aufnehmen. 

Mein Fazit ist also, statt einer Pflichtfamulatur Allgemeinmedizin, wäre eine Pflichtfamulatur Neurologie sinnvoll. Viele Begrifflichkeiten und Untersuchungsmethoden scheinen auf dem Weg im Studium abhanden gekommen. Ein besseres Verständnis grundlegender neurologischer Krankheitsbilder ist außerdem in Zukunft aufgrund des Demografiewandels sicher hilfreich und erleichtert den Klinikalltag.

Bildquelle: Nicolas Vigier, flickr / CC0

Artikel letztmalig aktualisiert am 10.07.2015.

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Gast
Teil 2 Die Entscheidung einen Patienten Freitags einzuweisen fällt keinen Kollegen leicht, aber wie soll ein Patient bei nicht eindeutigen Symptomen übers Wochenende überwacht werden? Anderseits lesen die Patienten immer "Jede Sekunde zählt" bei apoplex als auch bei Herzinfarkt. Für uns niedergelassenen Kollegen ist dieses manchmal sarkastisch, wenn dann in einem Krankenhaus erst nach 2,5 Std, eine ärztliche Untersuchung erfolgt. Eine vorherige telefonische Ankündigung IST aber oft hilfreich, manchmal aus diversen Gründen nicht möglich. Mit freundlichen Grüßen
#8 am 10.07.2015 von Gast
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Gast
Guten Tag, aus hausärztlicher Sicht Sicht sind Ihre Ansichten, insbesondere für die Freitagseinweisungen kritisch zu sehen. Natürlich sollte vor einer Einweisung eine gründliche neurologische Untersuchung und Untersuchung der kardiopulmonalen Parameter erfolgen, insbesondere um die Klinik / Abteilung für eine Einweisung zu filtern. Leider ist dieses nich immer eindeutig. Dieses zeigt auch die nach Aufnahme schemenhaft durchgeführten Untersuchungen und die neurologischen Diagnosen bei Entlassung. Mir scheint, dass sich die entlassenden Ärzte nicht immer im klaren sind, dass z.B. die Diagnose TIA etc. bei jungen Patienten mit kurzfristigen Parästhesien weitreichende Folgen haben ( Förderung einer Somatisierungsstörung, psychische Belastung,...) Eine orthopädische Abklärung und oft genaue Anamnese hätte hier aber auch schon Abhilfe geschaffen. Ende Teil 1 Mit freundlichen Grüßen
#7 am 10.07.2015 von Gast
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Alan Smithee
Sie wollen kein "Hausärzte-Bashing" betreiben? Was wollen Sie? Was machen Sie als Neurologe, wenn Sie einen Menschen mit "retrosternalem Druck" vor sich haben? Den schicken Sie wahrscheinlich in die Klinik oder zum Kardiologen, obwohl meistens keine kardinale Ursache dahintersteckt. So eine Einstellung ist der Grund dafür, dass es keine Lobby bei den Ärzten gibt, jeder seine Suppe kocht und Arbeitsverhältnisse herrschen, die unter aller Sau sind.
#6 am 09.07.2015 von Alan Smithee (Gast)
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Leila
Gast , ich stimme Ihnen zu. Der Verfasser kennt seinen "Stroke Unit"Bereich gut, jedoch nicht allegemeinmedizinischen. Es ist auch nicht unbedingt Zeitmangel, es ist kein sofort Labor, keine bildgebende Diagnostik an der Hand, rechtliche Gründe , die Erfahrung : Man kennt auch eigene Patienten und viele andere Aspekte , die unsere Tätigkeit bestimmen. Die Neurologie ist auch nicht unfehlbar , aber das hier ist einseitige selektive Wahrnemung. Ich hatte einen Patienten mit kard. Stauung und apopl. Insult; eine Patientin ohne neurol. Ausfälle, mit Kopschmerzen ( war in der Uni Neurologie) später Feststellung eines fortgeschritten. Meningeoms, man kann nicht alles hier aufzählen ... Jeder von uns uns hat eine Aufgabe, und man muß dabei nicht nach einen Schuldiger zu suchen-es ist zu einfach
#5 am 08.07.2015 von Leila (Gast)
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Gast
Der Artikel ist geradezu der Beweis dafür, wie wichtig ein Pflichttertial in der Allgemeinmedizin wäre, um frühzeitig auch das Leben außerhalb der Klinik kennenzulernen....... Und um dann auch einschätzen zu können was und unter welchen Bedingungen da zu leisten ist!!
#4 am 08.07.2015 von Gast
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Gast
noch nie was vom HI gehört? Die liegen in jeder internen Intensivstation.
#3 am 08.07.2015 von Gast
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Blogersteller
Ich bin dennoch der Meinung dass Stroke in die Hände eines Neurologen gehört. Wie die Versorgung in den kleinen Häusern war kann ich nicht sagen, da ich keine Zahlen kenne. Ich glaube aber, dass Neurologen eher zur Lyse tendieren, auch bei niedrigem NIHSS, da die Lyse sicher ist und Patienten sich ohne Lyse sekundär verschlechtern können. Internisten haben genug andere Betätigungsfelder.
#2 am 08.07.2015 von Blogersteller (Gast)
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Dan
Ja, denselben Text könnte jedes beliebige Fachgebiet verfassen. Das spezielle an der Neurologie ist dass ein irrsinniger Tanz um den Stroke gemacht wird und die Grundversorgen halt Angst haben, nichts zu verpassen. Zudem spricht man ja den kleineren peripheren (internistischen) Häusern die Kompetenz ab, Stroke zu behandeln (was diese jahrzehntelang bestens konnten), da muss sich der Neurologe nicht wundern, wenn er sich den ganzen Tag mit mimics rumschlagen muss.
#1 am 08.07.2015 von Dan (Gast)
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