Eine Donnerstagsbilanz

26.06.2015
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Manchmal fragt man sich, was es für einen Sinn macht, sich gerade hier zu verausgaben. Entspricht der Nutzen dem Aufwand?

Was habe ich heute geschafft? Tagesbilanz.

Wie immer am Morgen zur Arbeit marschiert, vorbei an unzähligen Schulmädels in blauweißen Uniformen, die entweder kichern, scheu gucken oder grüßen, wenn die Weiße vorbeigeht. In der Besprechung meine Ohren extrem gespitzt und trotzdem nicht alles verstanden, weil manche Kollegen so leise sprechen, dass neben dem Geschrei von der Kinderstation nebenan keiner etwas versteht. Aber wir sind in Afrika, da ist man gewohnt, Widrigkeiten gleichmütig hinzunehmen und schweigt dazu.

Dann Maternity aufgesucht, meine Chefin kommt wie immer später, also warten. Ein Kaiserschnitt steht an, die noch vom Nachtdienst übrige einheimische Ärztin sitzt an der rotkarierten Tischdecke und schreibt. Die Patientin ist schon auf dem Weg in den OP. Ob ich den Kaiserschnitt machen darf? Sie bejaht. Auch Mathew, der Student, eilt mit in den OP, vielleicht darf er assistieren? Er ist ein sehr Eifriger.

Dann aber: schnell muss es gehen mit dem Kaiserschnitt, weil die Herztöne des Babies schwächer werden. Ich bin auch gut in der Zeit, aber dann steht doch die Diensthabende rechts und operiert, hinterlässt uns nur die Bauchdeckenschichten zum Schließen und den OP-Bericht. Der Anästhesiepfleger hat äußerst schlechte Laune und will mir keine Nylon-Intrakutannaht zugestehen, ich soll mit der großen Nadel und Vicryl arbeiten, sagt er, außerdem ist er nicht damit einverstanden, dass der Uterus zum Nähen außen liegt und dergleichen mehr. Er macht sich einen Spaß daraus, mir Vorschriften zu machen, ich wahre meine gleichmütige Fassade und koche innerlich, was viel Kraft kostet. Der Schweiß tropft mir von der Stirn auf die Abdecktücher. Mathew stand zu seinem eigenen Leidwesen während der Hauptarbeit tatenlos daneben und sagt hinterher, er sei enttäuscht von der Weise, wie hier kommuniziert werde. Es müsse doch akzeptiert werden, was an Bildung und Wissen vorhanden sei.

Auf Station zurück, da ist inzwischen auch die Gynäkologin eingetroffen. Vorbereitungen für eine Gebärmutterentfernung und Abszess-Spaltung bei einer Frau im 9. Monat ihrer Schwangerschaft. Eine unglaubliche Kombination in einem einzigen OP. Aber so ist es geplant. Im OP dann Schwitzen über der Hysterektomie – die Instrumente sind teilweise zu klein und halten die Nähte nicht, der Student weiß nicht, was er anreichen soll, die europäische Kollegin wird – gestresst – bärbeissig.

Am Nebentisch bereitet die Diensthabende die Abszess-Spaltung vor. Die 37-jährige, sechsfache Mutter hat seit vier Tagen eine starke Schwellung der linken Wange, ich tippe auf Parotisabszess vom Ultraschallbild her, die Diensthabende plädiert für Zahnabszess. Als die Hochschwangere auf dem Tisch liegt, ist die Atmung blockiert, die Intubation funktioniert nicht, schließlich hat sie einen Herzstillstand. Vom Nebentisch her, tief über die Bauchhöhle gebeugt, sehe ich Reanimationsansätze, schließlich versuchen sie, ein Tracheostoma anzulegen, aber es kommt auch mit Beatmung kein Herzschlag zustande, auch das Adrenalin greift nicht; inzwischen mache ich mit bei der Herzmassage, während Student und Kollegin am Nebentisch die Uterusentfernung beenden, und endlich wird auch das Baby per Kaiserschnitt entbunden, aber auch dieses ist schon tot.

Am anderen Tisch wird die Bauchhöhle geschlossen. Ich schicke die malariakranke Diensthabende nach Hause, nähe Bauch und Tracheostoma wieder zu, wasche das tote Baby und wickle es in ein frisches Tuch. Inzwischen ist es zwei Uhr.

Am Nachmittag Ultraschall und Untersuchungen, die eine und andere Verordnung. Um halb sechs sind wir fertig, alle Patienten sind versorgt. Die Kollegin verabschiedet sich zum Fußball-Gucken mit der Familie und ich gehe ein Stück spazieren, um einen Blick auf die Berge in der Ferne zu werfen. Das Feld mit den Süßkartoffeln, das ein fleißiger Mann mit der Hacke bestellt, steht saftig grün. Er kann sich auf eine reiche Ernte freuen. Wieder zuhause bin ich zu müde, um mir etwas zu essen zu kochen. Eine Portion Zitronensaft mit Zucker belebt wieder soweit, dass ich meine gestern gekochte Kassava mit Tomaten und Zwiebeln verlängere.

Habe ich nun was Rechtes geschafft an diesem Tag? Etwas Gutes bewirkt? Meine Arbeit ordentlich gemacht? Meine freundliche Außenwand gewahrt, bin nicht aus der Rolle gefallen? Habe ich versucht, jeden und jede freundlich und angemessen zu behandeln? Vielleicht, vielleicht… und vielleicht braucht es kein strahlendes Ergebnis. Vielleicht reicht auch schon der gute Wille und der ernstgemeinte Versuch?

Bildquelle (Außenseite): Phalinn Ooi, flickr

Artikel letztmalig aktualisiert am 29.06.2015.

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