FDA: Das neue Sozialamt.

22.06.2015
Teilen

In sozialen Medien begegnet die Pharmaindustrie ihren wichtigsten Kunden, den Patienten, am liebsten im weggeduckten Zustand. Der Grund: Angst vor Nebenwirkungsmeldungen. Dieses Vermeidungsverhalten könnte sich bald rächen - denn plötzlich gibt es einen Überraschungsgast im Social Web: Die FDA.

Hinter den Kulissen muss es bereits lange gegoren haben, denn die US-Arzneimittelaufsicht gehört ja bekanntlich nicht zu den schnellsten Behörden. Vor wenigen Tagen gab die FDA dann überraschend bekannt, dass man mit der Patientencommunity PatientsLikeMe kooperieren werde.

PatientsLikeMe ist eine US-amerikanische Online-Plattform, auf der sich Patienten über ihre Erkrankungen austauschen können. Nach eigenen Angaben besteht die Community aus 350.000 Mitgliedern, die sich über mehr als 2.500 Krankheitsbildern informieren können. Auf PatientsLikeMe wird aber nicht nur diskutiert, sondern es werden auch wichtige Daten erhoben. So gibt es zum Beispiel Symptomfragebögen, mit denen die Teilnehmer ihre Krankheitsverläufe dokumentieren. Rund 30 Millionen Datenpunkte sollen so zusammen gekommen sein - darunter auch zahlreiche Nebenwirkungsmeldungen.

Und da wird es für die FDA interessant. "Die meisten klinischen Studien repräsentieren nur einige hundert oder bestenfalls tausend Patienten, was es unmöglich macht alle Nebenwirkungen im Alltag vorherzusagen", so PLM-Mitgründer Ben Heywood, "Von Patienten erhobene Daten geben ein vollständigeres Bild der Arzneimittelsicherheit. Wir haben die FDA daher ermutigt, unsere Daten zu bewerten, um Nutzen und Risiken einer Therapie früher beurteilen zu können."

Konkret bietet PatientsLikeMe der FDA Zugang zu 110.000 Nebenwirkungsmeldungen, die mehr als 1.000 Arzneimitteln betreffen. Gerald Dal Pan, ein hochrangiger Vertreter der FDA, meint dazu salomonisch: "Wir gehen in die sozialen Medien, um zu sehen, was wir lernen können. Wir wissen noch nicht, was wir dort finden."

Dass man dort etwas finden wird, scheint der FDA aber klar zu sein - sonst würde man nicht den für eine Behörde ungewöhnlichen Schritt unternehmen, mit einem privaten Unternehmen zusammenzuarbeiten. 

Kann es das bald auch in Deutschland geben? Maik Pommer, Presseprecher des BfArM, sagte im Gespräch mit DocCheck, dass die Behörde zur Zeit noch keine konkreten Pläne habe, der FDA nachzueifern. Allerdings sei man stark daran interessiert, die niedrige Quote der Verdachtsmeldungen von Medikamentennebenwirkungen zu erhöhen. Wenn es in Deutschland etwas Vergleichbares wie PatientsLikeMe gäbe, so Pommer, "würde sich das BfArM das dann anschauen".

Fazit: Die Pharmaindustrie in Deutschland sollte ihre Vogel-Strauß-Haltung gegenüber Patientennetzwerken schnell aufgeben und sich überlegen, wie man sich dort engagiert. Sonst könnte es sein, dass man auf einmal ohne Schwanzfedern dasteht. Die hat dann die Arzneimittelaufsicht in der Hand.

Artikel letztmalig aktualisiert am 20.07.2015.

54 Wertungen (4.52 ø)
6565 Aufrufe
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Gast
Top Beitrag! "So läuft der Hase...!"
#6 am 20.07.2015 von Gast (Studentin der Pharmazie)
  0
Lieber Herr Pommer, im 140-Zeichen-Limit schreibt man nun mal keine Dissertation. Und Komplexität lasse ich nicht als Vorwand gelten, Dinge erst mal auf die lange Bank zu schieben. Jedes bessere eCommerce-Website verwendet mittlerweile Deep-learning-Algorithmen, um in Online-Kommentaren die Spreu vom Weizen zu trennen. Und das klappt überraschend gut. Da könnte die BfArM-IT ggf. noch ein paar Tricks dazu lernen...
#5 am 09.07.2015 von Dr. Frank Antwerpes (Arzt)
  0
Maik Pommer
Lieber Herr Antwerpes, wir hatten ja ausführlich darüber gesprochen und es zeigt sich auch gut in den Kommentaren: Das Thema ist komplex, notwendig sind vor allem aussagekräftige und belastbare Hinweise zu Nebenwirkungen. Wie schnell es zu einer verkürzten Darstellung z.B. in Facebook, Foren oder Twitter kommen kann, zeigen Sie mit Ihrem Tweet zu diesem Artikel gut auf. Herzlicher Gruß, Maik Pommer (Pressesprecher BfArM)
#4 am 07.07.2015 von Maik Pommer (Gast)
  0
Gast
Man kann doch jetzt schon Nebenwirkungsverdacht melden. Macht nur kaum einer. Interessant, auch wenn die Kausalität nicht gesichert ist. Die Nutzung einer Community bringt 2 Probleme: 1. die Datenbank ist zu wenig bekannt 2. Eingeschränkte Verwertbarkeit der Daten: In Patientencommunities wird vielen Patienten geholfen, aber oft ist die Gruppendynamik dort bedenklich. Ich habe ein Hashimoto-Forum verlassen, weil ich die Symptomsuggeriererei nicht mehr ertragen konnte. Linker Zeh juckt- Hashimoto! Da werden teils ganz normale Körperreaktionen als pathologisch betrachtet, wilde Schlüsse gezogen. Selbsthilfe kann in beide Richtungen wirken. Wie will man diesen Effekt ausschließen, wenn man Nebenwirkungen bewerten möchte? Wenn über Schweißausbrüche berichtet, haben sicher mind. 3 Leute gestern auch ganz dolle geschwitzt… beim Sport, ja…. aber doch bestimmt mehr als sonst :) Da ist mir eine reine Datenbank, wo die Leute ansonsten nicht miteinander kommunizieren, irgendwie lieber.
#3 am 06.07.2015 von Gast
  1
Das Thema ist aber noch komplexer. In ländlichen Gebieten werden die Hausärzte immer rarer und die verbliebenen immer überlaufener. Es wundert nicht, daß der heutige Hausarzt kaum mehr als drei Minuten pro Patient hat. Jedes 2. hausärztliche Hüftröntgen ist sinnlos, fragt man den Patienten, von wo nach wo die Schmerzen ziehen. Dann kommt er mit dem höflichen Befund "Hüfte opB, evtl. ischialgiforme Beschwerden?" zurück, wird zum Röntgen LWS in die nächste Umlaufbahn geschickt. Schlussendlich sind Wochen vergangen, bis der Rückenschmerzpatient das evtl. eigentlich sinnvolle MRT erhalten hat. Eine grundlegende Reform wäre nötig.
#2 am 06.07.2015 von Dr. med. Martin Lorenz (Arzt)
  0
Man muss nur aufpassen, wie man das werten will. In vielen Laien-Communities ist auch viel Mist zu lesen, wenn ein Laie den anderen diagnostiziert oder "berät". Ein harmloser Durchfall bei Antibiotikagabe wird als "schlimme Nebenwirkung" gesehen, eine niedrigere Herzfrequenz bei ß-Blocker-Gabe ebenso. Viele Patienten machen sich nicht die Mühe, den Beipackzettel zu lesen - lesen sie ihn doch, haben sie gleich alle Nebenwirkungen auf einmal und nehmen das Medikament nicht. Ich habe den Eindruck, Amerikaner sind da tendetiell ein bißchen entspannter. Man kann auch die beiden Gesundheitssysteme nur eingeschränkt vergleichen. Auf der anderen Seite steht natürlich, daß "unsere" Ärzte dazu neigen, statt sich ein paar Minuten mit dem Patienten zu unterhalten, den Rezeptblock, den "gelben Schein" oder die Überweisung zum Facharzt zu zücken, um den Patienten erstmal in eine "Umlaufbahn" zu schicken und trotzdem entschlossenes Handeln zu demonstrieren.
#1 am 06.07.2015 von Dr. med. Martin Lorenz (Arzt)
  7
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
„Patienten sollten sich darauf verlassen können, dass verordnete, dringend benötigte Arzneimittel in allen mehr...
Patente sind eigentlich eine feine Sache: Sie garantieren dem Patenthalter, dass er seine Ideen eine zeitlang mehr...
Das Konstruktionsprinzip von Smart Rope unterscheidet sich zunächst mal nicht wesentlich von seinem klassischen mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: