Umgang mit HIV – (K)ein Problem mehr in Deutschland?

30.05.2015
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Seit Anfang der 1980er Jahre die ersten Menschen mit HIV diagnostiziert werden konnten, starben Millionen Patienten weltweit an der Immunschwächekrankheit. Auch heute noch, mehr als 30 Jahre später, leben geschätzte 78.000 Menschen in Deutschland mit der Infektion durch das HI-Virus. Doch ist das Leben mit HIV dank der neuen Therapien wirklich einfacher geworden?

Die Medikamente haben sich seit den Anfängen sehr stark weiterentwickelt, sodass viele Menschen mit HIV heute ein beinahe normales Leben führen können. So normal, wie es nach Außen den Anschein hat, ist der Umgang mit HIV und AIDS jedoch hierzulande bei Weitem noch nicht. Viele HIV-Patienten leiden unter der Stigmatisierung und der noch immer nicht abgelegten gesellschaftlichen Diskriminierung. Psychische Erkrankungen sind die Folge und diese können die HIV-Therapie ganz erheblich beeinträchtigen.

 

Auf dem Weg zu einer Impfung gegen HIV

Es gibt sehr viele verschiedene Ansätze, eine Impfung gegen HIV zu entwickeln. Auf der HIV Research for Prevention-Konferenz in Kapstadt 2014 ließ die Forschungsarbeit eines Mannes die Fachwelt besonders aufhorchen. Dr. Louis Picker präsentierte Ergebnisse aus Affenstudien zur Entwicklung einer möglichen HIV-Impfung auf Basis eines Cytomegalievirus und schürte damit große Hoffnungen bei Infizierten. „Sofern die noch laufenden Versuche mit den Affen erfolgreich sind, könnten die Studien am Menschen bereits 2016 beginnen“, so Dr. Picker weiter.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass es eine Impfung geben wird“, bewertete Prof. Norbert H. Brockmeyer, Sprecher des Deutschen Kompetenznetzes HIV/AIDS, in einem Tagesschau-Interview diese Entwicklungen. Dennoch gaben sowohl Picker als auch Brockmeyer unabhängig voneinander an, dass bis zu einer funktionierenden Impfung für den Menschen möglicherweise noch viele Jahre vergehen werden. Die Ansteckung ganz zu verhindern oder zumindest die frühzeitige Diagnose und Behandlung von Menschen mit HIV seien deshalb nach wie vor das erklärte oberste Ziel bei der Bekämpfung des HI-Virus.

 

Medikamente allein reichen nicht

Die heute zur Verfügung stehenden Medikamente zur HIV-Behandlung sind sehr wirksam und deutlich nebenwirkungsärmer als in der Vergangenheit. Menschen mit HIV haben deshalb zumindest in den Industrieländern eine in der Regel hohe Lebensqualität und weitestgehend normale Lebenserwartung. Sie sind eigentlich fähig, einer Arbeit nachzugehen und ihren Beruf auszuüben. Doch geht dieses infolge der Therapie gewonnene Arbeitsvermögen auch mit einer erhöhten Akzeptanz am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft einher?

Leider ist dem noch immer vielfach nicht so. Stigmatisierung und versteckte oder gar offene Ausgrenzung von HIV-Positiven sind auch heute noch überall zu finden – allen Aufklärungs­kampagnen in den Medien zum Trotz. Praktiker, wie Prof. Brockmeyer, werden mit diesen Lebenswelten tagtäglich konfrontiert. Er hat sogar den persönlichen Eindruck, dass die Vorbehalte gegen die Patienten eher noch zugenommen haben. So wurden zwei seiner Patienten bereits genötigt, ihren Arbeitsplatz wegen ihrer HIV-Infektion aufzugeben. Prof. Brockmeyer führt solche Entwicklungen darauf zurück, dass HIV in der öffentlichen Wahrnehmung eigentlich keine Rolle mehr spielt. „HIV ist doch vermeidbar – selbst Schuld, wer sich ansteckt“, so eine sehr häufige Aussage. Mangelnde Erfahrung und Wissenslücken bieten den Nährboden für unbegründete Ängste im Umgang mit Infizierten und fördern somit deren Ausgrenzung, selbst durch einige Ärzte und Pflegepersonal, so der Fachmann. Die Betroffenen erleben diese Ausgrenzung und Stigmatisierung fortlaufend in ihrem Alltag. Häufig kommt es zu kumulativer Stigmatisierung, da Menschen mit HIV sich aufgrund der HIV-Infektion oder als Homosexuelle und/oder Drogenabhängige im gesellschaftlichen wie persönlichen Umfeld isoliert fühlen. Direkte Folgen können sehr belastende depressive, ängstliche aber auch psychosomatische Störungen sein. Am Ende drohen noch immer allzuoft Jobverlust, Erwerbsunfähigkeit und letztlich die soziale Isolation.

 

Urologische Begleit- und Folgeerkrankungen der HIV-Infektion

Ebenso erhöhen bestehende Koinfektionen mit Hepatitis C oder Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Tripper & Co. den Leidensdruck von Menschen mit HIV. Die Infektion bzw. die mit ihr einhergehende Immun­schwäche führt zudem nicht selten zu urologischen Krankheitsbildern, wie z.B.:

Stigmatisierung und sichtbare krankhafte Veränderungen des Körpers erhöhen schließlich zusätzlich das Risiko für eine Depression.

 

Antivirale Medikamente und Komplementärverfahren – auf Wechselwirkungen achten!

Patienten mit leichter Depression kann in der Regel bereits mit Psychotherapie geholfen werden. Listen geeigneter Therapeuten bekommen sie unter anderem bei den örtlichen HIV-Beratungsstellen oder beim Arzt. Betroffene mit schweren Depressionen erhalten zusätzlich Antidepressiva. Patienten, die sowohl antiviral als auch antidepressiv behandelt werden, laufen jedoch Gefahr, dass sich die Medikamente gegenseitig beeinflussen. Eine antidepressive Medikation sollte deshalb immer in Absprache mit einem Facharzt erfolgen.

Menschen nach einer schockierenden Diagnose wie einer HIV-Infektion neigen durchaus verstärkt dazu, ihr Leben neu zu überdenken und sind offener gegenüber alternativen Behandlungsstrategien. Selbstmedikationen sind eine direkte Folge dessen. Werden naturheilkundliche Präparate jedoch ohne Absprache mit dem Arzt eingenommen, kann dies im schlimmsten Fall dazu führen, dass die antiviralen Medikamente unwirksam werden. Beispielsweise ist Johanneskraut durchaus zur Behandlung von Depressionen und Unruhezuständen beim Menschen zugelassen. Bei HIV-Infizierten mit antiretroviraler Medikation jedoch senkt das Präparat den Plasmaspiegel einiger antiviraler Medikamente deutlich ab und mindert so deren hemmende Wirkung auf das Virus.

 

Fazit: Auch heute noch, nach mehr als 30 Jahren des medizinischen Fortschritts, ist eines der Hauptprobleme für Menschen mit HIV deren Stigmatisierung und Diskriminierung im Alltag – und das trotz der langjährigen Aufklärungskampagnen in den Medien. Die neue Generation der HIV-Medikamente sorgt dafür, dass die Betroffenen das Virus unter die Nachweisgrenze zurückdrängen und in der Folge fast normale Lebensspannen erreichen können. Die Vorurteile und Ängste im Kopf ihrer Mitmenschen lassen sich trotz dessen leider nicht so leicht abbauen.

 

Quellen:

DER PRIVATARZT Urologie 1/2015

Eckart Aretz. 01.12.2014. Aids in Deutschland „nicht heilbar – nur kontrollierbar“. Interview mit Prof. Norbert H. Brockmeyer auf tagesschau.de.

Grobler L et al. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013;2: Art. CD004536

Hillier SL et al. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010;1: Art. CD007502

Liu C et al. Altern Ther Health Med 2012;18:18-22

Lutge EE et al. Cochrane Database of Systematic Reviews 2013; 4: Art. CD005175

Mertens A. 2014. MMW; 156(Suppl. 1):15

O’Brien K et al. Cochrane Database of Systematic Reviews 2010;8: Art.CD001796

Picker L. 2014. HIV Research for Prevention Conference, Kapstadt, Südafrika

Ronel J. 2014. MMW-Fortschr Med; 156(Suppl. 1):20

Artikel letztmalig aktualisiert am 15.06.2015.

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Gast
Finde ich gut, dass hier wieder mal vor AIDS gewarnt wird, gerät sonst leicht in Vergessenheit.
#3 am 15.06.2015 von Gast
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Gast
das mit der "Stigmatisierung" hab ich jetzt nicht ganz verstanden.
#2 am 14.06.2015 von Gast
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Siegfried Schwarze
Prostata-CA ist eine der wenigen Krebsarten, die bei HIV-Patienten SELTENER auftreten, als in der Allgemeinbevölkerung!
#1 am 04.06.2015 von Siegfried Schwarze (Gast)
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