Feuer

21.05.2015
Teilen

Ein Kleinkind mit ausgedehnten Verbrennungen. Ein Fall für das Verbrennungszentrum. Sofort. Aber hier?

Morgens im OP sagt der einheimische Kollege wie immer: „Such dir was raus!“ (von der langen, über Nacht gewachsenen Liste). Der Titel „Kind mit Verbrennungen“ war in der Morgenübergabe „unter anderem“ kurz erwähnt worden, die Kinderstation ist mit über hundert Kindern sowieso überbelegt. Da wir – nicht immer, aber erfreulicherweise heute – in zwei Räumen gleichzeitig arbeiten können, muss auch eine potentiell „unsaubere“ OP nicht an hinterer Stelle erfolgen, zumal, wenn es sich um ein kleines Kind handelt. Ich steuere diesen Punkt an.
 
Die Liege mit dem Patienten wird hereingefahren und ich sehe nur ein wimmerndes Bündel. Aus einer Wolldecke schaut ein völlig verbranntes kleines Gesicht hervor, gescheckt, ein Auge zugeschwollen. Erster Gedanke, ganz deutsche chirurgische Erziehung: „Das behandeln wir nicht, es muss in ein Verbrennungszentrum verlegt werden“. Aber das gibt's hier nicht und auch nicht nur eine Tagesreise entfernt und es wäre für die Mutter, vermutlich auch für die ganze Familie nicht bezahlbar. Und deshalb müssen wir jetzt hier doch etwas für das Zweieinhalbjährige tun.
 
Also legen wir es auf den großen OP-Tisch, der Anästhesiepfleger macht eine Kurznarkose. In der genaueren Untersuchung zeigt sich jetzt das ganze Ausmaß der Verletzung. Nicht nur das Gesicht und der Hals, auch beide Hände und Unterarme, beide Füße und Unterschenkel und der halbe Bauch sind verbrannt, die Haut löst sich in Fetzen ab, auch die Fußsohlen und Nägel, und dem Geruch nach ist diese große Wunde bereits infiziert. Tatsächlich hat das Kind Fieberspitzen bis zu 40 Grad, wie aus den Unterlagen zu ersehen ist, aber es ist bereits der 10. Tag, nachdem es in ein Feuer gefallen ist. Wie hat dieses Kind so lange unbehandelt bleiben können? So weit sind die Wege? So verborgen die Winkel in der überfüllten Kinderstation? Ich bitte den einheimischen Kollegen, der gerade von der  Inneren zu uns gestoßen ist, dazu, gemeinsam entfernen wir die Gewebefetzen, reinigen die Wunden und verbinden mit Vaseline und Mull.
 
Wir beraten, wie wir weiter verfahren könnten. Beschließen, die Verbandswechsel so lange im OP mit Kurznarkose zu machen, bis das Kind unter dem Metallbogen im Freien liegen kann, weil dies sonst täglich eine halbe Stunde Geschrei und Stress für das Kind bedeutet. Was die Anästhesiepflege nur unwillig akzeptiert. Wir machen kleine Schienen aus Gips, damit die Hände sich nicht beim Heilen nach innen biegen, sprechen mit der Mutter, hoffen, dass sie versteht, was ihr übersetzt wird, stellen Rückfragen. Es klingt so, als habe sie verstanden. Fragen den gastoperierenden Augenarzt, was wir für die Augen tun können, damit die Narben nicht die Lider auseinander ziehen.
 
Das Kind schlägt sich tapfer. Das Fieber sinkt unter der Antibiose, die Wunden sehen sauber aus.
 
Eine Woche später sind Mutter und Kind eines morgens plötzlich verschwunden. Das Kind sei gestorben, sagen die Schwestern, die Mutter, im sechsten Monat schwanger, habe es erstickt.
 
Die Reaktionen auf diese Mitteilung sind vielfältig. Die einen haben Verständnis für die Mutter und stellen diese Möglichkeit gar nicht erst in Frage. Sie habe sich wohl überfordert gefühlt. Die anderen vermuten, dass die Schwestern nicht oft genug nach dem Kind geschaut haben. Oder die Bitte der Mutter, es müsse etwas getan werden, überhörten. Warum? Wie war es wirklich? Auf manche Fragen gibt es keine Antwort.
 
Bildquelle (Außenseite): Nick Webb, flickr
 

Artikel letztmalig aktualisiert am 01.06.2015.

55 Wertungen (3.69 ø)
5925 Aufrufe
Medizin, Chirurgie, Pädiatrie
Die maximale Zeichenanzahl für einen Kommentar beträgt 1000 Zeichen.
Die maximale Zeichenanzahl für ein Pseudonym beträgt 30 Zeichen.
Bitte füllen Sie das Kommentarfeld aus.
Bitte einen gültigen Kommentar eingeben!
Gast
Für deutschen Perfektionismus und Rechtsverständnis: Unvorstellbar! Für einen viel Afrika gereisten: Normalität. Zwei Welten in der die Eine, die Andere nicht verstehen kann ...
#6 am 01.06.2015 von Gast
  1
Der abschließende Absatz des Artikels, erweckt - ehrlich gesagt - nicht den Eindruck, dass sich irgendjemand der Beteiligten ernsthaft Fragen gestellt hätte, geschweige denn um Antworten gerungen hätte. Man stelle sich einmal vor, so etwas wäre in einer deutschen Klinik passiert, und die diensthabene Ärzte und Pflegedienstleitung hätten sich wie folgt geäußert: "Die Reaktionen auf diese Mitteilung sind vielfältig. Die einen haben Verständnis für die Mutter und stellen diese Möglichkeit gar nicht erst in Frage. Sie habe sich wohl überfordert gefühlt. Die anderen vermuten, dass die Schwestern nicht oft genug nach dem Kind geschaut haben. Oder die Bitte der Mutter, es müsse etwas getan werden, überhörten. Warum? Wie war es wirklich? Auf manche Fragen gibt es keine Antwort."
#5 am 22.05.2015 von Dr. Matthias Günther (Arzt)
  3
Sehr schockierend und traurig!
#4 am 22.05.2015 von Susanne Luber (Pflegepädagogin)
  0
Ich bin immer wieder schockiert unter was für schrecklichen Umständen so viele Kinder auf dieser Erde noch immer leben und sterben müssen! Wie hält man das als Mediziner vor Ort bloß aus???
#3 am 22.05.2015 von Ärztin Gisa Müller (Ärztin)
  3
Oh Gott!
#2 am 21.05.2015 von Angelika Wurster (Heilpraktikerin)
  1
Sehr guter Artikel... sehr glaubhaft und anschaulich beschrieben... sehr traurig...
#1 am 21.05.2015 von Dr. Rainer Hakimi (Arzt)
  1
Hier klicken und Medizin-Blogger werden!
Mama Daktaria macht Pause. Und der Schwerpunkt liegt auf „Pause“, nicht etwa der Flucht aus den Umständen, was mehr...
Dienstag, OP-Tag. Der einheimische chirurgische Kollege ist nicht da. Ich habe mir eine Liste von drei Patienten mit mehr...
Ein neuer, schöner Morgen mit rosenfarbenem Sonnenaufgang begrüßt das karge Land. Die ärztliche Runde in der mehr...

Disclaimer

PR-Blogs innerhalb von DocCheck sind gesponsorte Blogs, die von kommerziellen Anbietern zusätzlich zu den regulären Userblogs bei DocCheck eingestellt werden. Sie können werbliche Aussagen enthalten. DocCheck ist nicht verantwortlich für diese Inhalte.

Copyright © 2017 DocCheck Medical Services GmbH
Sprache:
DocCheck folgen: