Montgomerys Wasserschaden

11.05.2015
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Mit seiner Äußerung, Suizidbegleitungen könnten auch von „Klempnern“ durchgeführt werden, hat Frank Ulrich Montgomery offensichtlich in die falsche Werkzeugkiste gegriffen. Aus dem kleinen rhetorischen Leck scheint nun ein ausgewachsener Rohrbruch zu werden - 180 Kollegen üben in einem offenen Brief den Aufstand.

„With great power comes great responsibility“ - diese Empfehlung von Spider-Mans Onkel scheint nicht über Frank Ulrich Montgomerys Schreibtisch zu hängen. Denn anders als sein stets leise und diplomatisch auftretender Vorgänger Jörg-Dietrich Hoppe pflegt Montgomery eher den klassisch-deftigen Führungsstil: Meinung ja - aber bitte nur meine. In der Berliner Zeitung war Ende letzten Jahres zu lesen, dass Montgomery in eben jener Pressekonferenz, in welcher der unseelige Handwerker-Vergleich fiel, die dort versammelten Präsidenten der Landesärztekammern beim Thema Sterbehilfe mehr oder minder zu Nickdackeln degradierte. 

Der Ober-Arzt lehnte es mit strengem Blick auf die Berufsethik vehement ab, Suizidwilligen zu assistieren. Auf die Nachfrage eines Journalisten, wer es denn sonst machen solle, kam die unwirsche Replik: „Lassen Sie es doch den Klempner oder den Apotheker oder den Tierarzt machen, aber nicht eben den Arzt.“ Nicht nur die Klempner, sondern auch die Apotheker dürften diese freundliche Würdigung ihres Berufsstandes mit Erstaunen zur Kenntnis genommen haben. Von den Tierärzten ganz zu schweigen. So geht Standespolitik.

Die Gegenreaktion ließ lange auf sich warten, nun ist sie da. In einem offenen Brief, der in der Ärztezeitung abgedruckt wurde, schreiben 180 empörte Kollegen folgendes:

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Delegierte des 118. Deutschen Ärztetages,

es ist nicht nur ethisch vertretbar, sondern hilfreich und human, einen schwerstleidenden Patienten nicht im Stich zu lassen, der sich wohlinformiert zum Suizid entschlossen hat. Dem stimmen nicht nur 80 Prozent der deutschen Bevölkerung zu, sondern auch viele Mediziner. Der Präsident der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery spricht daher nicht im Namen der gesamten Ärzteschaft, wenn er behauptet, Freitodbegleitungen seien mit dem ärztlichen Berufsethos unvereinbar.

Unvereinbar mit dem ärztlichen Berufsethos sind allerdings zahlreiche Stellungnahmen des amtierenden Ärztekammerpräsidenten: So hat Montgomery mit seiner Äußerung, Suizidbegleitungen könnten gegebenenfalls von „Klempnern“ durchgeführt werden*, das Anliegen der betroffenen Patienten lächerlich gemacht und dem Ansehen des Arztberufes geschadet.

Wir appellieren an den Ärztestand, derartige Äußerungen des Präsidenten nicht mehr hinzunehmen und für die Sache der Patienten einzutreten.

Es ist an der Zeit, dass sich die Bundesärztekammer vom autokratischen Führungsstil der letzten Jahre verabschiedet und Ärzte in ihren ethischen Entscheidungen nicht länger bevormundet. 

Unabhängig davon, wie man persönlich zur Sterbehilfe steht - der Präsident der Bundesärztekammer muss die Meinung der gesamten Ärzteschaft repräsentieren. Und die ist keinesfalls eindeutig. Das lässt sich schon aus der Tatsache ableiten, dass 7 von 17 Landesärztekammern das Sterbehilfeverbot nicht in ihre Berufsordnungen aufgenommen haben. Fast macht es den Eindruck, als ginge es hier eher um eine Machtdemonstration Montgomerys gegenüber den Landesärztekammern - sprich um eine Prestigefrage, nicht um die tatsächlichen Inhalte. Den Brief sollte Montgomery in jedem Fall ernst nehmen. Sonst muss er in seinem Büro am Herbert-Lewin-Platz demnächst eine ganze Menge Eimer aufstellen. 

Artikel letztmalig aktualisiert am 21.05.2015.

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Kleiner Nachschlag: Frank Ulrich Montgomery wurde vor ein paar Tagen mit 161 von 230 gültigen Stimmen als BÄK-Präsidenten wiedergewählt. Das nächste Mal will er ein besseres Wahlergebnis erzielen.
#25 am 21.05.2015 von Dr. Frank Antwerpes (Arzt)
  0
Gast
bitte nicht von "Sterbehilfe" reden! Die gabs schon immer.
#24 am 16.05.2015 von Gast
  0
Gast
@ Elvira S/ Elvira Sommerheim: Was der Krankenpfleger beging, nennt man hier in D Mord. Was in NL geschah, läßt sich sicher durch ein anständig gemachtes Gesetz (falls man in Berlin dazu noch in der Lage ist) verhindern. Nur einen oder mehrere Mord(e) aus irgendwelchen kruden Gedankengängen heraus als Argument gegen die Sterbehilfe zu nutzen, wird der Sache nicht gerecht und vermischt zwei sehr unterschiedliche Dinge. Die Morde durch den Krankenpfleger wurden übrigens begangen, ohne daß hier ein Gesetz zur Sterbehilfe existiert - nur mal so als Denkanstoß
#23 am 16.05.2015 von Gast
  6
Dr.Bayerl
Einweiterer Gegenargument kann auch nicht einfach weggewischt werden: Ich weis aus meiner langjährigen Tätigkeit im Krankenhaus und dem damit verbundenen Kontakt mit Geriatrie und Altersheim, dass hier auch auf ärztlicher Seite oft der Daumen nach unten geht, ohne jemand auch nur zu fragen, oft auch auf Druck der Angehörigen. Das ist nicht nur in Deutschland so. Wo kein Kläger, da kein Richter. Eine Legalisierung würde den Trend natürlich verstärken. Jedenfalls hat mich noch kein einziger totkranker Krebspatient gebeten, seinem Leben ein Ende zu bereiten, eher im Gegenteil.
#22 am 15.05.2015 von Dr.Bayerl (Gast)
  0
Dr.Bayerl
@Dr. med. Martin Lorenz, Ihre vernüftigen Argumente werden stark entwertet durch Ihre ad hominem Attacken und das Ignorieren von Gegenargumenten ist auch bei Ihnen Wegwisch-Mentalität. Das wichtigste Gegenargument ist eine selbstgesetzte Grenze als Achtung vor dem Leben, auch strafrechtlich, nur deshalb wurde die Todesstrafe abgeschafft, leider nicht bei den Amerikanern und durch den Einfluss der Amerikaner auch bei uns wieder erheblich aufgeweicht. Wenn es um ärztliche Hilfe beim Kinderkriegen geht, wird uns Ärzten ja auch vorgeworfen, wir sollten nicht Gott spielen, groteskerweise "Embryonenschutz" genannt. Hier gibt es in Deutschland noch viele Verbote ohne auf Einzelheiten einzugehen.
#21 am 15.05.2015 von Dr.Bayerl (Gast)
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nicht aber einer Wegwisch-Mentalität wie im obigen Sachverhalt geschehen. Hippokrates sehen wir zwar als unser "aller Vater der Medizin" an, aber einen "Papst" hatten wir Ärzte nie und werden auch weiterhin keinen haben - heiße er Montgomery oder wie auch immer. Es verwundert auch, daß ein Radiologe (denen schreibt man im allgemeinen zu, ein fröhliches, angenehmes und nicht herrschsüchtiges Völkchen zu sein), sich so geriert. Ich hoffe für unseren Ärztekammerpräsidenten, daß er in Zukunft noch einen Klempner, einen Apotheker und einen Tierarzt findet, wenn er einen braucht.
#20 am 14.05.2015 von Dr. med. Martin Lorenz (Arzt)
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Einem Menschen, der eine unheilbare und nur schwer zu lindernde Erkrankung hat, soll also das Recht dazu verweigert werden, was einem vitaleren Menschen gestattet ist? Das Ganze soll ja nicht ausufern und nur auf schwerste Fälle beschränkt bleiben, das kann definiert werden. Ich kenne auch keinen Kollegen, der leichtfertig "diese Spritze" geben würde - für alle, das sollte Herrn Montgomery eigentlich klar sein, wäre das die ultima ratio, die nicht mit einem Wimpernschlag abgesegnet werden würde. Vorher stünden eine interdisziplinäre (auch psychiatrische) Erörterung bzw. Exploration. Es muss aber ein für alle Male klar sein, daß ein Jeder, auch der körperlich daran gehinderte, aber bei klarem Verstand, seinen Willen zum oder gegen das Leben erfüllen kann. In sehr engen Grenzen (und freiwillig von Ärzten durchgeführt) kann dies eine Erweiterung darstellen, in jeder Lebensphase für den Patienten da zu sein. Wie das im Einzelnen gestaltet werden könnte, bedarf intensiver Diskussionen,
#19 am 14.05.2015 von Dr. med. Martin Lorenz (Arzt)
  7
Die Diskussion über assistierte Selbsttötung schwelt schon lange, lodert mal wieder für mehr oder weniger lange Zeit auf, um dann wieder ohne Lösung in der Versenkung zu verschwinden. Ja, es gibt Länder, in denen eine solche Lösung existiert und erlaubt ist. Ob sie im Einzelfall zu weit geht und über das Ziel hinausschießt, ist sicher Ermessenssache. Aus möglichen Webfehlern der Regelungen anderer Länder kann man aber lernen und das deutsche Gesetz bzw. Regelwerk ggf. verbessern. Ein jeder Mensch darf in diesem Lande (ohne Strafe zu befürchten, so er es denn überlebt) mit dem Auto gegen den Baum fahren, sich von einem Abhang stürzen oder sich mit Medikamenten suizidieren - so er denn noch dazu im Stande ist. Schwerst kranken Menschen, die sich also nicht mehr in dieser Weise entscheiden können, weil es die körperliche Kraft nicht zulässt, denen verweigern wir dieses Recht auf Selbsttötung.
#18 am 14.05.2015 von Dr. med. Martin Lorenz (Arzt)
  8
Elvira S.
@Sarah Beyer völlig richtig, würde kein Arzt machen, der gibt vielleicht Sauerstoff, oder Salbutamol, je nachdem, das weiß er am besten; wäre Ihnen Mund zuhalten oder eine "Todesspritze" lieber? Da gabs doch diesen Krankenpfleger, wo die Staatsanwaltschaft jahrelang weggesehen hat, scheint modern zu sein, die Todesspritze.
#17 am 14.05.2015 von Elvira S. (Gast)
  3
Neben einem Patienten stehen und zuschauen wie selbiger grausam erstickt?
#16 am 14.05.2015 von Sarah Beyer
  9
Elvira Sommerheim, Sozialpäd.
Wer hier negativ Daumen verteilt, wenn sich ein(e) Patient(in) sicherer fühlt, bei einem Arzt, der keine "aktive Lebensverkürzung" in seinem Behandlungsprogramm hat, was er ohne weiteres auch ohne Wissen des Patienten KÖNNTE, ist entweder ein Psychopath, oder er möchte gerne Montgomery als Person anschwärzen! Es geht aber um klare Positionierung in einer wichtigen Frage für den Patient. Vielleicht erinnert sich einer der Todesexperten an die Diskussion in Holland, als ein Psychiater bei einer eindeutig depressiven Patientin einfach eine Todesspritze gegeben hat, statt die Depression zu behandeln. Er wurde dann nach Anklage frei gesprochen und heute wird in Holland auch gegen den Willen des Patient getötet. Und es gibt auch bei uns eine Dunkelziffer! Das weis jeder Geriatriefachmann. Da finde ich auch eine drastische Formulierung akzeptabel.
#15 am 14.05.2015 von Elvira Sommerheim, Sozialpäd. (Gast)
  1
K. Kohn
@Gast: Machen Sie hier die Krisen-PR für die BÄK? :-D
#14 am 13.05.2015 von K. Kohn (Gast)
  15
Gast
Wegen einer solchen Aussage von Montgomery ist nun die ganze Ärzteschaft in Aufruhr! Beruhigt euch! Es gibt Schlimmeres! Unglaublich über was man sich aufregen kann!
#13 am 13.05.2015 von Gast
  6
Gast
In dieser Situation :lieber den klempner als diesen pseudoaerztlichen rat
#12 am 13.05.2015 von Gast
  12
Elvira Sommerheim, Sozialpäd.
Ich hätte als Patientin volles Vertrauen zu ihm, wenn man ihn so reden hört.
#11 am 12.05.2015 von Elvira Sommerheim, Sozialpäd. (Gast)
  12
Gast
@Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast (Biologe) hat er doch, Minderheiten können in einer ja/nein - Frage nicht berücksichtigt werden, wie bei den Impfgegnern. Sie können ja einen Heilpraktiker konsultieren
#10 am 12.05.2015 von Gast
  7
@#3 Nein, hat er nicht. Weder Inhalt noch Tonfall sind in irgendeiner Weise akzeptabel. Obendrein dokumentiert er damit sein Anhängen an einem Modell des Arzt-Patienten-Verhältnisses, das schon seit langem überholt sein sollte. Ich jedenfalls würde mich mit Händen und Füßen gegen die Behandlung durch einen solchen Arzt wehren.
#9 am 12.05.2015 von Dr. rer. nat. Karl-Albert Rinast (Biologe)
  11
Gast
"die gesamte Ärzteschaft" ist (leider) auch nicht gleicher Meinung bei sinnvollen Impfungen
#8 am 12.05.2015 von Gast
  4
Gast
Ich sehe das ganze eher an als eine persönlichen Angriff (immer schlecht) gegen jemand, der auch als Arzt sein Herz am rechten Fleck hat, das ist sicher. Hier muss man nicht immer jedes Wort auf die Goldwaage legen.
#7 am 12.05.2015 von Gast
  7
Ohne ein neues Faß aufmachen zu wollen - Wenn Sterbehilfe für leidende Menschen, die den Tod schon vor Augen haben, nicht mit der ärztlichen Ethik zu vereinbaren ist, dann frage ich mich, wie Abtreibungen damit vereinbar sind. Diese Menschen haben oder besser hätten ihr Leben noch vor sich. Ärzte beteiligen sich an ca. 100.000 Abtreibungen pro Jahr von denen ca 3.000 - 5.000 eine "Notwendigkeit" hätten. Dringende Gesellschaftliche Probleme werden auf eine für mich nicht mehr nachvollziehbare Art und Weise diskutiert - oder besser "bestimmt"?
#6 am 12.05.2015 von Karl Heinz STEIN (Medizinisch-Technischer Assistent)
  8
auch ich würde einen klempner meines vertrauens so manchem mir persönlich bekannten arzt vorziehen !
#5 am 12.05.2015 von Horst Rieth (Biologe)
  12
Gast
Montgomery hat sich da mal ein mächtiges Eigentor geschossen.
#4 am 12.05.2015 von Gast
  11
Gast
Montgomery hat recht
#3 am 12.05.2015 von Gast
  31
Gast
180 Gutmenschen unterwegs !
#2 am 12.05.2015 von Gast
  18
Gast
Wer sonst keine Probleme und zu viel Zeit hat... Über was man sich alles aufregen kann... Unglaublich!
#1 am 12.05.2015 von Gast
  21
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