Wir kennen uns doch schon

21.04.2015
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Mittlerweile arbeite ich bereits seit fast 2 Jahren in einer Praxis und bin auch sonst in verschiedenen Funktionen in die Dorfgemeinschaft „aufgenommen“ worden. Da bleibt es nicht aus, dass man zunächst Menschen privat kennenlernt, die man dann später in der Praxis wieder als Patienten trifft.

Das habe ich in meinen beruflichen Leben so noch nicht kennengelernt. Bis jetzt waren Patienten nur beruflich, und Freunde und Bekannte nur privat. Langsam vermischt sich das immer mehr. Was mich vor ganz neue Herausforderungen stellt.

Da wäre zum Beispiel die Frage der Schweigepflicht. Bis jetzt bereitete mir das überhaupt keine Probleme, da meine Bekannten und Verwandten meine Patienten nicht kannten und umgekehrt. Es bestand nicht die Gefahr, dass sie neugierige Nachfragen stellten, und selbst wenn mir was rausgerutscht war, konnten sie die Info nicht zuordnen.

Jetzt wird die Sache bedeutend schwieriger. Natürlich wissen alle, wer zu mir kommt und bei mir oder uns in Behandlung ist, teilweise durch die Patienten selbst verbreitet und in einem Dorf bleibt das eh nicht aus. Nun kommt es durchaus vor, dass Bekannter X zu mir kommt, und fragt, ob Bekannter und Patient von mir Y, denn wirklich so krank ist, dass er nicht weiter für X arbeiten kann, der zufällig sein Chef ist oder warum er bitte noch eine Woche krankgeschrieben wurde.

Oder warum Z, die eigentlich für das nächste Chorkonzert einen Eintopf kochen sollte, auf einmal abgelehnt hat. Das Z das Norovirus hat, kann ich natürlich nicht sagen. Auch ob Familie XYZ gestern Abend in meiner Praxis war, man hätte ihr Auto gesehen und sie beim Dorffest vermisst, werde ich gerne gefragt. Auch das beantworte ich nicht. Was aber manchmal ganz schön schwierig ist, denn man will automatisch die Frage beantworten, gerade weil es ja auch um gemeinsame Bekannte geht.

Außerdem werden bei den Arztbesuchen oft auch private Dinge angesprochen und auch die muss ich dann genauestens für mich behalten und sehr genau aufpassen, dass ich auch unbewusst nichts verrate.

Schwierig auch die Frage nach Du oder Sie. Auf den Dorffesten und im Verein werden automatisch alle geduzt, egal wie alt und was man ist. Was aber, wenn gerade deutlich ältere Patienten dann in meine Praxis kommen? Meist warte ich ab, wie sie mich ansprechen und passe mich dann an. Gerade im Arzt-Patienten- Verhältnis finde ich es wichtig, eine professionelle Distanz zu wahren. Im Zweifel sieze ich lieber als zu duzen. Aber auch dort kommt man schnell durcheinander.

Das Getratsche funktioniert natürlich auch anders herum. Wenn ich bei Patient X eine bestimmte Therapie verschreibe, und Patient X redet dann mit Patient Y darüber, kann es passieren, dass Patient Y dann pikiert ist, wenn ich ihm nicht genau die gleiche Therapie verschreibe. Deshalb passe ich jetzt immer ganz genau auf, dass ich genau erkläre, warum der Patient diese und keine andere Therapie bekommt, um solchen Missverständnissen vorzubeugen.

Ich muss gestehen, als es diese privaten/beruflichen Verstrickungen noch nicht gab, war mein berufliches Leben irgendwie leichter, aber gerade diese Verstrickungen sind es, die das Leben als Landarzt so spannend machen.

Ach und Männer, die ich länger als Patienten behandelt habe und die mich dann fragen, ob wir mal zusammen ausgehen können: Tut mir leid, das geht gar nicht. Für mich sind und bleiben sie Patienten, und etwas anderes geht dann nicht mehr.

Bildquelle: Bart, flickr / CC by-nc

Artikel letztmalig aktualisiert am 26.06.2015.

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Liebe Dr.A. was Sie in Ihrer täglichen Praxis bedrückt, belastet und Komplikationen hervorruft, kann ich gut nachvollziehen. Ich selbst war viele Jahre in einer Klinik der Grundversorgung (Chirurgie) tätig. Das Haus lag auch in einem ländlichen Bereich, in dem es üblich ist, dass sich die Menschen duzen. Also kenne ich das Problem. Um es kurz zu machen, eine Distanz bei der Behandlung der Pat. ist unumgänglich. Sicher kam es schon vor, dass ich einige Langlieger, die ich auch persönlich kannte, mitunter geduzt habe, jedoch nie bei der Chefvisite. Sie wussten das auch. Machen Sie es doch so, hängen Sie in Ihr Wartezimmer ein großes Plakat mit Verhaltensregeln und erklären damit den Patienten auf eine dörfliche Art, was Sie erwarten und es somit nicht persönlich gemeint ist. Erklären Sie auch, wenn Pat.X eine bestimmte Therapie bekommt, diese Pat.y schaden kann und man nicht über die Notwendigkeiten bestimmter ärztlicher Maßnahmen diskutieren sollte. Ein Versuch ist es wert. Gerd Krauß
#2 am 26.06.2015 von Heike geb. Büchling Krauß (Psychotherapeutin)
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Gast
Bin Frauenärztin. Alle oder fast alle weiblichen Familienmitglieder, Freunde, Verwandte von Freunden und viele Kolleginnen und Frauen von Kollegen kommen als Patienten. Über diese Patienten weiß ich fast alles aber es macht mir absolut kein Problem. Die Schweigepflicht gegenüber Jedermann ist schon lange ein Teil von mir. Das wissen alle. Spreche außerhalb nie etwas an, was mit meinem Beruf zu tun hat, es sei denn, ich werde direkt von der Betroffenen darauf angesprochen. Ich finde es gut so, denn so weiß ich, dass Menschen die mir was bedeuten, die für mich bestmögliche Diagnostik und Therapie bekommen.
#1 am 20.05.2015 von Gast
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Heute kam eine Bekannte von mir in die Sprechstunde. Ich schätze sie sehr – als einen vernünftigen, gebildeten mehr...
Bei den ganz Kleinen im Kindergarten habe ich vor allem darüber gesprochen, was ein Arzt so bei der Untersuchung der mehr...
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