Wer weiß schon, was morgen ist

17.03.2015
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In den letzten Wochen mit der Grippewelle wurde ich folgende Fragen sehr oft gefragt: Wann bin ich wieder gesund? Wann kann ich wieder arbeiten? Wird dieses Medikament mir helfen? Kann ich morgen/ in zwei Tagen/ in einer Woche in den Urlaub fahren? Darauf kann ich immer nur antworten: Ich weiß es nicht.

Natürlich kenne ich den üblichen Krankheitsverlauf, die durchschnittliche Krankheitsdauer und die üblichen Komplikationen. Und ja, ich kann ungefähr abschätzen, ausgehend von Schwere der Krankheit, allgemeinem Gesundheitszustand und Alter des Patienten, wie lange ungefähr der Infekt andauern wird. Nur ein Hellseher bin ich nicht.

Deswegen werde ich mich nicht zu irgendwelchen Aussagen hinreißen lassen. Es ist im Umkehrschluss auch nicht meine persönliche Schuld, wenn der Infekt beispielsweise länger als die übliche Woche dauert, und vielleicht Komplikationen wie eine Sinusitis hinzugekommen sind. Ich kann auch nicht vorhersehen, bei wem die Hausmittel vielleicht nicht so anschlagen oder wer dieses oder jenes Medikament nicht so verträgt. Was für Erkältungserkrankungen gilt, gilt natürlich auf für alle anderen Krankheiten.

Ich gebe generell nie Prognosen über die restliche Lebensdauer eines Patienten mit einer unheilbaren Krankheit ab, auch wenn es natürlich Erfahrungswerte gibt, aber was nützt der Durchschnitt, wenn es doch auf das Einzelschicksal ankommt? Der Durchschnitt kann mit einer bestimmten Diagnose vielleicht 2 Jahre überleben, für meinen Patienten sind es vielleicht 6 oder nur ein Jahr.

Auch über den Erfolg von bestimmten Therapien oder Medikamenten treffe ich keine Aussage. Natürlich denke ich, dass der Patient von einer bestimmten Therapie profitieren wird, bzw. der Nutzen größer als die Risiken sind, sonst würde ich diese Therapie nicht vorschlagen. Wie sie aber im Einzelfall anschlagen wird, weiß ich nicht, ich kann es nur vermuten.

Neben meinen fehlenden hellseherischen Fähigkeiten weiß ich auch nicht, was für meinen Patienten immer das Beste ist. Sicher, ausgehend von meinem Wissen über den individuellen Patienten, seine Krankheit und die Therapiemöglichkeiten kann ich dem Patienten einen Therapievorschlag machen, den ich für ihn für das Beste halte. Aber am Ende muss der Patient für sich eine Entscheidung treffen, weil er sich, seinen Körper und seine Lebenssituation am besten kennt. Ich kann ihm nur helfen, eine gut informierte Entscheidung zu treffen.

Auch wenn ich nicht die Zukunft vorhersehen kann, einige meiner Patienten können das: Vor ein paar Tagen beim Ausfüllen einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung für einen Patienten mit grippalem Infekt: „Ich schreibe Sie für 1,5 Wochen krank, sollte es bis dahin noch nicht besser sein, kommen Sie bitte am Mittwoch wieder.“ Patient: „Gut, dann sehen wir uns nächsten Mittwoch, bis dann!“ Sprach's und ging. Er konnte offensichtlich in die Zukunft sehen.

Bildquelle: Jo Amelia Finlay Bever, flickr / CC-by

Artikel letztmalig aktualisiert am 29.03.2015.

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PP
1,5Wochen ist bei einem grippalen Infekt angemessen, wenn Mann von einer durchschnittlichen Dauer von 1 Woche und zusätzlich 2-3 Tagen Symptomfreiheit ausgeht. Mann gibt es auch keine Rückfälle und Verschleppungen und weniger Ansteckungen. Das wusste auch schon keine medizinisch ungebildete Großmutter, die uns nach Genesung immer erst 3 Tage später in die Schule schickte. Das hat seinen Sinn und heute gehen viele viel zu früh. Da für freiberuflich tätige ÄrztInnen Ausfall natürlich auch ein Thema sein kann, aber auch dysfunktionalen Einstellungen, ist die Sebstfürsorge so mancher eine schlechte. Wer mit sich hart umgeht, wird es i.d.R. auch mit Anderen tun. Als, Zeit zur Regeneration ist Prophylaxe!
#3 am 29.03.2015 von PP (Gast)
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Gast123
Ich denke schon dass es wichtig ist dem Patienten die durchschnittliche Zeiten und Prognosen zu nennen. Natürlich muss man ihm erklären, dass es im Einzelfall anders sein kann. Vielen hilft diese ungefähre Vorstellung weiter, auf jeden Fall mehr als die totale Ungewissheit. Grade bei schweren Erkrankungen. Die Motivation dem Patienten diese Dinge nicht mitzuteilen stammt hier vermutlich daher, nicht für eine falsche Prognose verantwortlich sein zu wollen, was aber ein persönliches Problem des behandelnden Arztes darstellt, und bei vernünftiger Aufklärung des Patienten über die Aussagekraft der Prognosen auch irrelevant ist.
#2 am 19.03.2015 von Gast123 (Gast)
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Gast
1,5 Woche ist schon zu viel!
#1 am 18.03.2015 von Gast
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