Angst ist ein guter Motivator

03.03.2015
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Seit 2 Wochen sehen wir in der Praxis nicht rot, sondern nur noch gelb. Sonnenblumengelb. Dank des vor allem in Berlin grassierenden Masernausbruches ist das passiert, was die großangelegte Werbekampagne „Deutschland sucht den Impfpass“ nicht geschafft hat.

Alle suchen und finden ihren Impfpass und tragen ihn schnell in unsere Praxis. Durch die große Berichterstattung in den Medien und die angestoßene Debatte über Impfpflicht, Herdenimmunisierung, Impfangst und "Impfsolidarität" haben anscheinend alle unsere Patienten begonnen, ihren Impfpass rauszukramen.

Vordergründig geht es natürlich um eine stattgefundene Masernschutzimpfung, aber wenn sie dann schon den Pass gefunden haben, wollen sie auch gleich wissen, ob nicht noch mehr Impfungen fehlen. Das ist zwar sehr löblich, und wir konnten nun auch schon neben vielen, vielen MMR-Impfungen auch gleich Tetanus-Auffrischimpfungen, fehlende Hepatitis-Impfungen und Grundimmunisierungen bei Kindern vervollständigen. Das ist alles sehr gut, nur kommen wir vor lauter Impfpass durchsehen, Impfberatungen und dem eigentlichen Impfen kaum noch dazu, unsere "normale" Arbeit zu erledigen.

Denn die Patienten kommen nicht nur mit ihrem eigenen Impfpass. Nein, sie kommen mit Stapeln von Impfpässen. Von Mutter, Vater, Partner, Kindern, Tante, Onkel, der Nachbarin... diese werden uns über den Tresen gereicht, mit der Bitte, „sie kurz mal durchzusehen“ und einen Impfplan für die fehlenden Impfungen zu erstellen. Die Sache würde an sich nicht so lange dauern, wenn die Impfpässe gut geführt wären. Meistens gibt es nicht nur einen Impfpass, sondern einen alten, einen neuen, ein paar lose Zettel und und und. Oder alternativ ist gar kein Impfpass mehr vorhanden, und wir versuchen dann mühsam anhand der Erinnerung des Patienten und mithilfe unserer eigenen Unterlagen wenigstens ein paar Impfungen zu rekonstruieren.

Beliebt ist auch das „Ach ich finde meinen Impfpass nicht mehr, keine Ahnung, impfen Sie mich einfach nochmal komplett neu.“ Was wir natürlich nicht machen, denn die wenigsten Menschen haben in ihrem Leben noch gar keine Impfung erhalten, und einfach auf Verdacht alle Impfungen, die gehen, in den Patienten reinzuballern, birgt unnötige Impfrisiken und kostet die Krankenkasse und damit die Versicherten viel Geld. Also versuchen wir in mühsamer Kleinarbeit wenigstens noch ein paar Impfungen zu rekonstruieren und einen neuen Impfpass anzulegen.

Trotz all dieser Mehrarbeit ist in dieser Hinsicht die Masernwelle positiv, da wir schon einige Impflücken schließen konnten, und das nicht nur bei Masern-Mumps-Röteln. Übrigens haben wir bis jetzt kaum Nebenwirkungen bei den überwiegend erwachsenen Geimpften beobachtet, etwas Gliederschmerzen und Unwohlsein war bis jetzt das Schlimmste.

Bildquelle: Jason Brennan, flickr / CC by

Artikel letztmalig aktualisiert am 11.03.2015.

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Gast
Sorry: Ein Mal Chemie soll eigentlich "Technik" heissen! Kleiner Technik"Unfall"! 😉
#7 am 11.03.2015 von Gast
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Gast
Ich bin als MTA f.Lab&Rö und vor allem als Hebamme grundsätzlich sehr wissenschaftlich ausgebildet worden und habe mich dann weitergebildet im Sinne von "ganzheitlicher Medizin" mit Schwerpunkt auf die Natur (Phyto, Homöopathie, Ayurvedic, TCM etc.) So wenig Chemie und Chemie wie möglich, aber so viel wie nötig! Ich war immer der Überzeugung, daß viele Impfungen im sehr frühen Kindesalter (also wie beschrieben vor dem 12. bis 15. Lebensmonat) bei heranreifendem Immunsystem nicht unbedingt günstig und erfolgversprechend sein könnte und habe "meine" Eltern nach bestem Wissen dahingehend beraten! Ich bin froh, dass ich wohl ganz richtig gelegen hab! Ich bin KEIN Impfgegner. Aber ich bin vorsichtig und kritisch!
#6 am 11.03.2015 von Gast
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Gast
Angst ist immer ein schlechter Ratgeber, denn Angst schaltet den Verstand aus und alle machen mit. Wie bei der Angst vor der Impfung. Über das Chaos von Impfpässen zu meckern ist eines Arztes eher unwürdig, schließlich hat er sie ja selbst ausgestellt.
#5 am 06.03.2015 von Gast
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Angst ist (k)ein guter Motivator? Angst schreckt kurzfristig auf und ab, ist aber häufig schnell wieder vergessen. Nachhaltig kann Angst eher abstumpfend, demotivierend oder gar lähmend wirken. Informations-, Überzeugungsarbeit und Authentizität sind gefragt. Uzicanin und L. Zimmerman vom Centers for Disease Control and Prevention, Atlanta, Georgia/USA (CDC) haben unter dem Titel: “Field Effectiveness of Live Attenuated Measles-Containing Vaccines: A Review of Published Literature” die Feld-Effektivität von abgeschwächten Masern-Lebendimpfstoffen als “vaccine effectiveness” (VE) untersucht. Dazu wurden die Ergebnisse von VE-Studien, die von 1960 bis 2010 veröffentlicht wurden, überprüft [“Methods – We reviewed results of VE studies published during 1960–2010″]. Die VE war aber bei Masern-Erstimpfungen zwischen den 9. bis 11. Lebensmonaten weit weniger wirksam (77% vs. 92%), als mit den Erstimpfungen erst ab dem 12. Lebensmonat aufwärts zu beginnen.
#4 am 05.03.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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[“For a single dose of vaccine administered at 9–11 months of age and >/=12 months, the median VE was 77.0% (interquartile range [IQR], 62%–91%) and 92.0% (IQR, 86%–96%), respectively”]. Die z w e i m a l i g e Masernimpfung wies gegenüber Ungeimpften mit einer VE von 94,1% eine hohe Wirksamkeit auf [“For 2 doses of measles-containing vaccine, compared with no vaccination, the median VE was 94.1% (IQR, 88.3%–98.3%)”]. Vgl.: http://jid.oxfordjournals.org/content/204/suppl_1/S133 -. Doch was ist mit den immerhin 5,9 Prozent, die mit der klassischen 2-fach-MMR-Impfung in Deutschland z. B. n i c h t erfolgreich immunisiert werden konnten? Bezogen auf unsere knapp 81 Millionen Menschen in Deutschland, blieben selbst bei 100-prozentiger MMR-2-fach-Durchimpfungsrate noch knapp 4,8 Millionen Einwohner o h n e den erhofften Masern-Impfschutz!
#3 am 05.03.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Doch das Robert-Koch-Institut (RKI) und viele andere Infektionsepidemiologen verschließen davor die Augen, dass eine zuverlässige lebenslange Serumkonversion mit bleibenden protektiven Impf-Antikörpern bisher nicht ausreichend untersucht und belegt wurde. Alle ausländischen Daten sprechen f ü r z. T. erhebliche Lücken, nicht zuletzt durch ein zu früh einsetzendes Impfregime: Defay, F. et al. “Measles in Children Vaccinated With 2 Doses of MMR. Pediatrics 2013; online 21. Oktober 2013; DOI: 10.1542/peds.2012-3975. Die frühe Masernimpfung bei Kindern im Alter von bis zwölf Monaten sei eher ungünstig. Nach den Daten dieser kanadischen Studie wäre die Gefahr, dass der Impfstoff dann versagt, fünfmal höher. Besser sei es, mit einer Erstimpfung erst im 15. Lebensmonat zu beginnen http://pediatrics.aappublications.org/content/early/2013/10/16/peds.2012-3975.abstract. In der Masern-Problematik kann es kein einfaches “weiter so und durchwursteln” mehr geben.
#2 am 05.03.2015 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Ich stehe fest auf dem Boden der Schulmedizin, bin kein Impfgegener und ich bin für die Impfpflicht. Trotzdem ist mir der Artikel zu flapsig und der letzte Satz geht gar nicht. Eine junge Person meiner unmittelbaren Umgebung hatte nach der MMR- Impfung extreme Probleme. Am nächsten Morgen nach wiederholten Stürzen, Benommenheit und Ohnmachten gelang es ihr mit knapper Mühe und Not, den Notarzt anzufordern, der den Transport in eine Klinik veranlaßte. Dort wurde sie einen Tag lang gecheckt und nach einer neuerlichen Ohnmacht vorm Tresen ohne Diagnose aus der Klinik entlassen. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Sie ist alleinstehend. Mit solchen Aktionen einer namhaften Klinik in Deitschland wird den Impfgegnern in die Hände gespielt. Und der letzte Satz hier hat mich dazu gebracht, einen Kommentar zu verfassen. So geht es nicht! Sowas unterstützt nicht gerade die Impfkampagnen und
#1 am 04.03.2015 von Dipl.- Stom. Theres Vette (Zahnärztin)
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