Die Nummer, bitte?

24.02.2015
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Wer in einer Praxis arbeitet, muss eine gewisse Vorliebe für Zahlen und Nummern haben. Man verbringt schon eine geraume Zeit des Tages damit, irgendwelche Nummern in den Computer einzutragen. Ohne eingetragene Nummern gibt es kein Geld, so einfach ist das.

Das heißt leider im Umkehrschluss nicht, dass eingetragene Nummern automatisch Geld bringen. Dem ist nicht so. Die Rede ist vom EBM-System. EBM, das steht für Einheitlicher Bewertungsmaßstab der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Dahinter verbirgt sich ein Punkte- und Nummernsystem, mit dem die ambulant erbrachten Leistungen abgerechnet werden. Vom Prinzip her ganz simpel.

Nur leider steckt der Teufel auch hier im Detail. Abgesehen davon, dass die EBM-Nummern öfters mal wechseln, die eine auf- die andere abgewertet wird, die Vorraussetzungen für die einzelnen Nummern geändert werden oder Nummern gleich ganz gestrichen werden, gibt es für bestimmte Leistungen einfach mal gar keine Nummer, ergo auch kein Geld.

Das EBM-System ist ein sehr komplexes und kontrovers diskutiertes Thema, zu dem man viel sagen könnte. Eine "Neuerung" ist die seit Dezember geltende Neuregelung der Abrechnung von Patienten im kassenärztlichen Bereitschaftsdienst. Da ich seit geraumer Zeit für mehrere in der Region niedergelassene Ärzte die Bereitschaftsdienste übernommen habe und dementsprechend viele Dienste mache, trifft mich dieses Thema doch mehr. Um die nicht EBM-vertrauten Leser nicht über Gebühr zu langweilen, hier die Kurzfassung dieser Änderung:

Bis Dezember hat man bei Patientenkontakt im Dienst im Schnitt zwei Nummern mit einem bestimmten Punktewert eingetragen, plus eine Nummer für einen eventuellen Hausbesuch und Wegegeld, wenn die Patienten nicht in die Praxis kommen konnten. Der Punktewert lässt sich relativ linear in einen monetären Wert umrechnen. Nach Neu-Ordnung gibt es nun nur noch eine Nummer für den Kontakt im Dienst, diese ist aber deutlich weniger Punkte wert als die beiden alten Ziffern. Dafür gibt es auch eine neue Ziffer für den Hausbesuch, die nun mehr wert ist als die vorherige, sodass der "Leistungserbringer" aka der Arzt, auf den ungefähr gleichen Punktewert kommen soll. Aufmerksamen Lesern ist sicher schon der große Haken an dieser Neuerung aufgefallen: Was ist mit Patienten, die man im Dienst in die Praxis bestellt?

Dann kann man nicht die nun höher bewertete Ziffer eingeben, sondern nur die runtergestufte Dienstziffer. Es macht aber durchaus Sinn, sich die Patienten im Dienst in die Praxis zu bestellen, wenn es nur irgend geht. Man hat in der Praxis deutlich mehr diagnostische und therapeutische Möglichkeiten, kann die Patienten gleich im Computer anlegen und die Scheine ausdrucken, als alles mühsam mit der Hand auszufüllen, und vor allem spart man immens Zeit. Im Schnitt brauche ich für denselben Patienten im Hausbesuch 2-3mal solange wie in der Praxis. Man muss hinfahren, dann muss man die Adresse erstmal finden (es ist erstaunlich, wie viele Leute weder eine Hausnummer noch ein Namensschild haben), dann muss man den Patienten finden, einen Ort in der Wohnung finden, wo man die Untersuchung durchführen kann, dann dauert alles länger, weil alles beengt ist und man nicht alles mithat. Oft kommen dann noch Angehörige auf einen zu, die auch mal "nur schnell" eine Frage haben, wenn der Arzt nun mal gerade da ist und und und.

Ganz abgesehen von der doch oft vorkommenden olfaktorischen und akustischen Belästigung, wenn weder eingesehen wird, warum der Fernseher ausgeschaltet werden, noch das Rauchen eingestellt werden sollte. In der Praxis ist das alles viel einfacher. Doch durch die Neuregelung der EBM-Ziffern lohnt es sich praktisch nicht mehr, noch Patienten in die Praxis zu bestellen. Nun kann ich mir die Karten legen: Bestelle ich doch weiter in die Praxis, was finanziell aber zu deutlichen Verlusten im Vergleich zur vorher führen wird, oder fahre ich nur noch Hausbesuche, was das finanzielle gleich halten würde, aber deutlich mehr Arbeitszeit kostet? So oder so, der Verlierer ist der Arzt, wie fast immer bei EBM-Neuregelungen. Im übrigen: die neuen Nummern kennt unsere Praxissoftware noch gar nicht, das wird wohl erst mit dem nächsten Update kommen...

Bildquelle: Franklin Heijnen, flickr, CC by-sa

Artikel letztmalig aktualisiert am 11.03.2015.

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Hebamme
Ach ja, und es gibt reichlich Leistungen, die wir gar nicht abrechnen können! Weil es gar keine Positionen dafür gibt! Manchmal denke ich: wenn ich so wenig Wissen und "Ahnung" von meinem Beruf hätte, wie die Mitarbeiter und Verantwortlichen der Krankenkassen, dann würden reihenweise Tote meine Wege säumen! Es sollte Pflicht sein, dass Menschen praktisches Wissen in die Arbeit bei diesen Institutionen einbringen müssen! Also keine verantwortliche Stelle in einer Krankenkasse ohne medizinische, praktische Ausbildung davor! Daran hakt es! Denn die wissen nicht, was sie tun!
#4 am 11.03.2015 von Hebamme (Gast)
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Hebamme
Aaahh! Wie mir das süß der Seele spricht! Und meine liebe Kollegin macht es noch einmal deutlich! Wir Hebammen werden sowieso auch wie "kostenlose Dienstleister" betrachtet! Wenn uns die Patientinnen bzw. unsere Schwangeren u.Wöchnerinnen nicht "auffressen", weil sie ja die jeweils EINZIGE WICHTIGE PERSON auf der Welt sind, dann dürfen wir mit den Krankenkassen um jeden Cent feilschen und werden noch schief angeguckt, s.u., V.a.Abrechnungsbetrug! Wir werden PRO BESUCH abgerechnet und egal wie lange der Nachsorgebesuch kostet (z.B.)! Dass wir bei Am.Geburten oder Hausgeburten den Krankenkassen mächtig Geld sparen...fällt unter "das vergessen wir doch msl gleich wieder"! Uuuh, da kommt's mir auch hoch!
#3 am 11.03.2015 von Hebamme (Gast)
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Gast
Wie wäre es mit einem Abholservice, der als Hausbesuch abgerechnet wird, dem eine Behandlung in der Praxis folgt?
#2 am 01.03.2015 von Gast
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Hebamme
Das Lied von den nicht abrechenbaren Leistungen können wir Hebammen auch singen ;-) Entweder man gibt mehr, ohne etwas zu erhalten oder man schränkt alles wirtschaftlich nicht tragbare soweit ein, bis die Patienten sich aufraffen und beschweren. Beides ist nicht optimal. Schließlich sind wir dafür ausgebildet, zu entscheiden, was für den Patienten im Moment das Beste ist. Unserem beruflichen Anliegen, anderen optimal zu helfen, stehen die Nummern also im Weg. Das weiss man an den Stellen, wo die Vergütung geregelt wird. Sie gehen davon aus, dass wir Versicherungsbetrug betreiben und alles abrechnen, was nur geht, auch, wenn es dem Patienten nichts nutzt. Besser für sie, wir helfen gratis. Die Anerkennung und der Dank unserer Mitmenschen kommt ja noch oben drauf. Aber wehe es passiert etwas, dann stehen wir wieder allein da. Gesundheit ist ein Geschäft.
#1 am 25.02.2015 von Hebamme (Gast)
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