Entwicklungsgeschichtliche 'Webfehler' vs. alimentär-supplementative Überflussgesellschaft

27.12.2014
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Unter dem Titel: "Abnehmen – warum fällt es so schwer?" erschien auf springermedizin.de eine Zusammenfassung mit der Schlussfolgerung: "Dem Wunsch abzunehmen steht die Regulation von Appetit und Sättigung im Wege, die das Gewicht in einem gewissen, individuell sehr unterschiedlichen Bereich fixiert. Um diesen zu unterschreiten,

muss dauerhaft eine kalorienreduzierte Ernährung eingehalten werden, unterstützt durch ausreichende körperliche Aktivität zum Erhalt der Muskulatur. Tägliches Wiegen ist das wirksamste Korrektiv." 

Dieses dürftige Ergebnis hat mich zu einer intensiven Recherche angeregt.

Quelle: springermedizin.de, basierend auf Prof. Dr. E. Windler, B.-C. Zyriax, Der Gynäkologe 2014/11 885-892 DOI: 10.1007/s00129-014-3474-1

Die beiden Autoren Prof. E. Windler (Kardiologe und Präventivmediziner UK-Hamburg-Eppendorf) und Dr. B.-C. Zyriax (Oecotrophologin UK-Hamburg-Eppendorf) haben bereits unter dem Titel "Welche Nahrungsergänzungsmittel braucht die Frau nach der Menopause?" den folgenden Abstract publiziert: "Zusammenfassung und klinische Relevanz - Fast jede 2. Frau über 50 Jahre nimmt regelmäßig Supplemente ein. Die Mehrheit der Patientinnen berät sich nicht mit ihrem Arzt, was zu inadäquater Dosierung, potenziellen Nebenwirkungen und Interaktionen mit Medikamenten führen kann. In Hinblick auf die Reduktion des Risikos für Krebs oder Herz-Kreislauferkrankungen ist die Evidenz für die meisten Supplemente bisher unzureichend. Anders als Medikamente dürfen Nahrungsergänzungsmittel ohne Nachweis ihrer Wirksamkeit durch klinische Studien vertrieben werden. Der allgemeine Gebrauch stellt daher eine Gratwanderung zwischen Nutzen und Risiko dar, weshalb gezielt supplementiert werden sollte. Für eine Osteoporoseprophylaxe wird eine ausreichende Versorgung mit Kalzium aus der Nahrung und gegebenenfalls eine Supplementierung von Vitamin D empfohlen. Unter älteren Frauen ist ein Mangel an Vitamin B12 aufgrund ungenügender Versorgung oder atrophischer Gastritis verbreitet. Für eine Reihe weiterer Indikationen - beispielsweise zum Erhalt kognitiver Funktionen - ist die Datenlage für eine allgemeine Empfehlung noch unzureichend." Quelle: J GYNÄKOL ENDOKRINOL 2012; 22 (3) http://www.kup.at/kup/pdf/10895.pdf

In der hier präsentierten, aktuellen Darstellung geht es unter dem Generalthema "Frauengesundheit in der Praxis" um die Frage " Abnehmen – warum fällt es so schwer?" [Der Gynäkologe' 2014/11 885-892] unter http://link.springer.com/article/10.1007/s00129-014-3474-1 

Wer aber erwartet, dass ein entwicklungsgeschichtlicher "Webfehler", sozialpsychologische Ernährungs- und Verhaltensforschung oder sozioökonomische Bedingungen von Nahrungmittelüberfluss bzw. Handel mit Produkten der Ernährungsindustrie untersucht und hinterfragt werden, wird enttäuscht. Das komplexe menschlich-sozial-kommunikative Ernährungs- und Adipositas-Verhalten wird ganz im Gegenteil auf den populistisch griffigen Merksatz verdichtet und infantilisiert: "Unsere Regelung verhält sich aber so, wie wenn bei einem Auto auch ohne Verbrauch regelmäßig der Tankalarm aufleuchtete."

Fragen nach der Chronobiologie, auf Grund derer exakt zwischen 18-19 Uhr in den jeweiligen Zeitzonen nicht nur bei a l l e n Europäern, sondern auch bei Indigenen, Asiaten, Afrikanern, Australiern, Nord- und Süd-Amerikanern etc. ein imperativer Heißhunger auf kohlenhydrat-reiche Nahrung (Brot, Pizza, Pasta, Reis, Soja, Nudeln, Kartoffeln, Knabberzeug, Gebäck) einsetzt, werden gar nicht erst gestellt. Eine Theorie in Anlehnung an das Platon'sche Höhlengleichnis bleibt ungeprüft, ob wir nicht alle, obwohl dem Höhlenaufenthalt historisch schon längst entwachsen, uns im Ernährungs-, Bindungs-, Kommunikations-, Sozial- und Emotional-Verhalten immer noch wie archaische Jäger und Sammler verhalten, die zur Nacht aggressive Bären aus Schutz-bietenden Höhlen vertreiben müssen, um selbst Ruhe, Entspannung und hoffentlich Essbares zu finden.

Das Ernährungs-, Sozial- und Kulturverhalten in (postmodernen) Industriegesellschaften erwirtschaftet Nahrungsmittel nicht mehr selbst. Fischen oder Erlegen, Aufbrechen, Enthäuten, Ausnehmen und Schlachten wird verleugnend ausgeblendet. Im Überangebot von Nahrungsmitteln drohen wir fast zu ersticken, während das häusliche Kochen nur noch als virtuelle TV-Show wahrgenommen wird. Muss das nicht geradezu zwangsläufig zu Surrogat-Ernährung durch künstlich aromatisierte, Fruktose-angereicherte Mischgetränke, Chips, Junk-Food, Convenience-Produkte, Süßigkeiten, Unmengen von Alkoholika, Kohlenhydrat-Mast etc. führen? 

Globalisierte Saatgut-, Dünge- und Nahrungsmittel-, Getränke- und Genussmittel-Industrien verfolgen dabei substanzielle, ökonomisch-imperiale Macht- und Einfluss-Erweiterungen bzw. implementieren ihre Kapitalverwertungsinteressen.  

Dies findet jedoch in der Publikation von E. Windler und B.-C. Zyriax nicht mal ansatzweise Erwähnung. Stattdessen der banal-regressiv-einfältige Ratschlag: "Tägliches Wiegen ist das wirksamste Korrektiv"? 

M. E. ist das "Naiver Empirismus" pur, statt sozialpsychologisch fundierte "Kritische Theorie"- oder "Komplexer Konstruktivismus". 

Bildquelle: Campground Seward/Alaska/USA Copyright Praxis Dr. Schätzler

Artikel letztmalig aktualisiert am 31.12.2014.

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