Rein oder nicht rein, das ist hier die Frage...

17.12.2014
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Im Leben eines jeden ambulant tätigen Arztes kommt es irgendwann zu der Frage, muss der Patient nun rein ins Krankenhaus oder nicht? Da diese Entscheidung doch weiter reichende Folgen für den Patienten hat und ein Nicht-Einweisen ebenfalls ernste Folgen nach sich ziehen kann, glaube ich nicht, dass man sich als Arzt diese Entscheidung leicht macht. Ich mache sie mir nicht leicht, und denke noch zweimal nach, bevor ich dem Patienten rate, sich im Krankenhaus vorzustellen.

Was sich der Arzt so denkt oder nicht, ist aber nur eine Seite der Geschichte. Die andere ist der Patient selbst. Und dort gibt es zwei Arten von Patienten.

Die eine Gruppe, und das sind meiner Erfahrung nach vor allem jüngere Patienten, sind die "Krankenhausliebhaber". Für sie ist das Krankenhaus ein Ort der Zuflucht, der Sicherheit, wo es endlich einmal kompetente Ärzte gibt, Untersuchungen, die ambulant durchaus einige Wartezeit in Anspruch nehmen können, werden stationär viel schneller erledigt, Röntgenbilder gibt es sogar gleich in der Rettungsstelle, zu jeder Tages- und Nachtzeit ist das Krankenhaus geöffnet. Im besten Falle bekommt man neben einer zeitnahen medizinischen Versorgung auch noch ein warmes Bett und drei kostenlose Mahlzeiten und einen eigenen Fernseher.

Bauchschmerzen und Durchfall seit einer Stunde nachts um 3 Uhr bei einem 21jährigen? Ab ins Krankenhaus. Warum zuhause quälen, wenn man doch auch ein paar Stunden in einem gemütlichen Bettchen in der Rettungsstelle zubringen kann? So gerade erst vor 2 Tagen erlebt, Patient mit Magen-Darm-Infekt, jung, sonst gesund und völlig kreislaufstabil ist lieber gleich ins Krankenhaus gefahren, obwohl er wusste, das es nur eine harmlose Infektion ist, "aber im Krankenhaus musste ich nicht lange warten und habe gleich Infusionen bekommen". Dummerweise stellt das Krankenhaus keine Krankschreibungen aus, da musste er am nächsten Morgen leider doch noch einmal zu mir.

Oder anderes Beispiel, auch ein sehr junger Patient von Anfang 20, stellt sich mit einer minimalen Weichteilschwellung des kleinen Fingers nach Trauma vor einer Woche vor. Meine Kollegin schickt ihn zum Ausschluss einer knöchernen Beteiligung zum Röntgen, am darauffolgenden Tag steht er bei mir im Wartezimmer, in der Hand ein Rettungsstellenprotokoll. Auf meine Frage, warum er denn nun deswegen noch am selben Tag in der Rettungsstelle war, antwortet er nur: " Na das Röntgen hatte schon zu, und da dachte ich, dann geht man ins Krankenhaus.." Natürlich. Auf das Wiederöffnen der Röntgenpraxis am nächsten Tag zu warten wäre auch zuviel verlangt, und die Ärzte und Pflegekräfte in der Rettungsstelle sind doch eh da, dann kann man sie doch ruhig beschäftigen, oder?

Was solche unnötigen Patienten in den Rettungsstellen unser Gesundheitssystem jährlich kosten, mag ich mir gar nicht vorstellen. In meinem kassenärztlichen Bereitschaftsdienst rufen ja auch öfters Patienten mit akutem Nichts an, die ich dann direkt am Telefon beruhigen kann. Das kostet mich nur einige Minuten meiner Zeit, aber wenn dieser Typ Patient einmal komplett durch die Rettungsstelle läuft, kostet das schon wesentlich mehr.

Zum Glück gibt es neben der Gruppe der Krankenhausliebhaber noch eine Gegengruppe: Die Krankenhausfeinde. Das sind erfahrungsgemäß oft ältere Patienten, die im besten Falle noch einen Krieg und die Weltwirtschaftskrise miterlebt haben und demzufolge ein anderes Verhältnis zu ihrem Körper und ihren Wehwehchen haben. Getreu dem Motto: Was uns nicht umbringt, macht uns stärker, werden da Krankheiten bis zum äußersten ausgehalten, ehe dort ein Arzt ran darf, oder viel schlimmer, der Patient ins Krankenhaus muss.

Da besteht ein Patient mit einem in unserer Praxis nachgewiesenen positiven Troptest und nachvollziehbarer stattgehabter neu aufgetretener AP-Symptomatik darauf, erst noch seine Frau nach Hause zu bringen und die Einkäufe auszuladen, ehe der Rettungswagen kommen durfte.

Oft passiert es mir auch im Notdienst, das bei einer dekompensierten Herzinsuffizienz, wo den Patienten das Wasser buchstäblich bis zum Hals steht, noch eine 20 Minuten lange Diskussion geführt werden muss, bevor der Patient in eine stationäre Behandlung einwilligt.

Oder eine massivst ausgeprägte Leistenhernie sehr großen Ausmaßes zur elektiven OP einweisen? "Frau Doktor, warum denn, dieses Beulendings stört mich doch gar nicht so sehr..."

Ich muss gestehen, dass auch wenn diese Diskussionen mitunter sehr nervenaufreibend sein können, die zweite Patientengruppe mir wesentlich sympathischer ist, als Menschen, die wegen jeder Kleinigkeit gleich ins Krankenhaus rennen, wo der normale Menschenverstand eigentlich sagt: Lass gut sein, das wird von alleine besser... Aber anscheinend ist dieser "normale Menschenverstand" nicht mehr so weit verbreitet.

Bildquelle: Kai Chan Vong, flickr, CC-by

Artikel letztmalig aktualisiert am 06.02.2015.

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Medizin, Allgemeinmedizin
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Gast
Komisch, ich hätte eher vermutet dass es umgekehrt der Fall ist..
#6 am 06.02.2015 von Gast (Studentin der Pharmazie)
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Gast
Ja, das Ältere erst dann in die Praxis/das Krkhs gehen, wenn sie eigtl. nicht mehr gehen können, das kenne ich auch, und es ist mir sympathisch, jedenfalls sympathischer als "die andere Tour". Im Krkhs sind es diejenigen, die oftmals sie angenehmsten, pflegeleichtesten Zeitgenossen sind.
#5 am 28.12.2014 von Gast
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Ärztin
Schön, liebe "junge A.", dass Sie wieder da sind, hatte Sie schon vermisst!
#4 am 18.12.2014 von Ärztin (Gast)
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Naja Zuzahlung täglich 10 Euro (soviel gebe ich am Tag für Essen nicht aus) und TV kostet extra
#3 am 17.12.2014 von Gerhard Wilhelm (Diätassistent)
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Gast
Und ich kann Ihnen bestätigen - die Kollegen der Notaufnahme sehen es genauso. Es gibt nichts Ärgerliches als Pat mit "Schulterschmerzen seit 3 Monaten" oder "Halsschmerzen seit 1 Stunde", die nachts um 1 Uhr das deutlich reduzierte Bereitschaftspersonal binden und somit die Versorgung wirklicher Notfall-Patienten behindern.
#2 am 17.12.2014 von Gast
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Gast
Aus dem Alltag und der Seele gesprochen...
#1 am 17.12.2014 von Gast
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