Milch macht müde Blogger munter!

20.11.2014
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Reichliche Milchprodukte werden zur Prävention von Osteoporose empfohlen. Diese Leitlinienempfehlung wird durch eine epidemiologische Studie aus Schweden (BMJ 2014; 349: g6015) konterkariert. Mit steigendem Milchkonsum hatten Männer nicht weniger Frakturen, Frauen erlitten sogar häufiger Knochenbrüche. Zudem korrelierte bei beiden Geschlechtern auch noch die Mortalität mit der Milchmenge.

Fermentierte Milchprodukte waren jedoch mit niedrigeren Fraktur- und Sterberaten assoziiert. Die Studie beruht auf Daten von 61.433 Frauen im Alter von 39 bis 74 (Swedish Mammography Cohort) und 45.339 Männern von 45 bis 79 Jahren (Cohort of Swedish Men). Sie hatten ihre Ernährungsgewohnheiten in Fragebögen dokumentiert und waren über 22 bzw. 13 Jahre nachverfolgt worden.

Die Publikation BMJ 2014; 349: g6015 ist in ihrem Studiendesign verwirrend, unlogisch und täuschend: Teilnehmer - zwei große schwedische Kohorten, eine mit 61.433 Frauen (zu Beginn 1987-90 im Alter von 39-74 Jahren) und eine mit 45.339 Männern (zu Beginn 1997 im Alter von 45-79 Jahren) erhielten Fragebögen zur Nahrungsmittel-Frequenz. Die Frauen beantworteten 1997 einen zweiten Fragebogen zur Nahrungsmittel-Frequenz ["Participants - Two large Swedish cohorts, one with 61.433 women (39-74 years at baseline 1987-90) and one with 45.339 men (45-79 years at baseline 1997), were administered food frequency questionnaires. The women responded to a second food frequency questionnaire in 1997"].

Im Text erfahren wir jedoch unter Methoden, dass es sich bei den Frauen eigentlich um eine Mammografie-Studiengruppe aus Zentralschweden, und damit um eine selektionierte Gruppe handelte, bei denen es schon damals einen "drop-out" von 26% gab ["Methods - We used two community based cohorts, the Swedish Mammography Cohort...90.303 women aged 39-74 years residing in two Swedish counties (Uppsala and Västmanland, both in central Sweden) received a postal invitation to a routine mammography screening. Enclosed with this invitation was a questionnaire covering both diet (food frequency questionnaire) and lifestyle, which was completed by 74% of the women"].

Dann folgen weitere methodische Schwächen: 1997 wurden nur noch 38.984 der überlebenden Frauen mit dem Update-Fragebogen analysiert ["In 1997, a subsequent, expanded questionnaire was sent to those who were still living in the study area (response rate 70%). In the present study 61.433 women in the Swedish Mammography Cohort with baseline data from 1987-90 and 38.984 with updated information from 1997 were available for analysis"]. Damit blieben für die vorgelegten Schlussfolgerungen von der weiblichen Ausgangspopulation über 90.303 Frauen nur noch 38.984 (43,17%) übrig.

Da die männliche Studienpopulation ein völlig anderes Studiendesign aufwies (45-79 Jahre alt; aus Örebro und Västmanland; einmaliger Fragebogen; erste Ansprechrate nur 49%; ohne spezifischen Anlass zur Vorsorgeuntersuchung) wäre eine von der weiblichen Studienpopulation getrennte Publikation zielführender. Im Folgenden wird auch die Männergruppe hier n i c h t mehr berücksichtigt.

Das inhaltlich r e t r o s p e k t i v e Befragungsinstrumentarium erscheint merkwürdig: "The participants reported their average frequency of consumption of up to 96 foods and beverages during the past year" heißt mit anderen Worten, die Probanden wurden allen Ernstes nach der Häufigkeit und dem Verbrauch von bis zu 96 (sechsundneunzig) Nahrungsmitteln und Getränken im Verlauf des vergangenen Jahres gefragt. Zusätzlich erfassten die Fragebögen angeblich noch weitere Lebensstil- und Gewohnheitsfaktoren?

Verehrte DocCheck-Leserinnen und -Leser, spätestens hier beschleicht mich das Gefühl, in diesem Studienverlauf kann es nur äußerst vage Antworten, An- und Vermutungen, soziale Erwünschtheiten, angepasste, rebellische oder Mammografie-Ergebnis bezogene Verhaltensangaben geben, die überwiegend vom Fühlen, Denken, Wollen und Möchten, aber keineswegs vom Handeln geleitet sind. Oder können Sie noch exakt erinnern, was Sie in den letzten 12 Monaten, an 365 Tagen, in quantitativer und qualitativer Hinsicht so alles gegessen und getrunken haben. Ich jedenfalls definitiv nicht, obwohl ich fast täglich selbst koche.

In der 2. Befragungswelle 1997, wie die Studienautoren betonen, hätten sie die Ernährungskategorien nicht mehr prä-spezifiziert, sondern die Teilnehmer hätten die exakte Anzahl der täglichen oder wöchentlichen Milchprodukte-Portionen (Milch, fermentierte Milch, Joghurt und Käse) ausfüllen können. Sogar der Fettgehalt der Milch wäre analysiert und quantifiziert worden ["In the first questionnaire in the Swedish Mammography Cohort the categories were prespecified, but in the second questionnaire and the one used in the Cohort of Swedish Men, participants could fill in the exact number of servings of the dairy products (milk, fermented milk, yogurt, and cheese) they consumed a day or a week. Milk intake was specified according to fat content, and we summed intake into a single measure representing total milk intake on a continuous scale"].

Keinerlei Daten gibt es zu der nahe liegenden Vermutung, dass exzessive Milch-Trinkerinnen eher zu weiter reichendem Risikoverhalten neigen, als vergleichbare "Milch-Asketen". Gehören vielleicht Milchtrinken und Risikosportarten, Rauchen, Alkohol, Genussmittel, Völlerei eher zusammen, als restriktiv lebenden Forschern lieb sein könnte?. Fahren Milchtrinker vielleicht schnellere Autos und häufiger über rote Ampeln, hören weniger Volksmusik, sondern Rock, Heavy-Metal, Pop oder Rap bzw. machen eher selbstbestimmten Suizid? Oder sind Milchtrinker genau diejenigen, die von ihrem Vitamin-D-Mangel, den Osteoporose-Risiken und erhöhtem kardiovaskulären Risiko bereits wussten, b e v o r sie mit dem Milch trinken angefangen haben? Wir wissen es nicht!

Und diese verquirlte, Männer und Frauen völlig durcheinander bringende, in sich unlogische, aus dem Kaffeesatz empirisch-naiven retrospektiven Ein-Jahres-Ernährungsverhaltens Schlussfolgerungen ziehende pseudowissenschaftliche Studie hebt auch noch in die Elfenbeintürme reiner Laborergebnisse ab: Plötzlich soll die D-Galaktose an allem schuld sein ["D-galactose supplementation in animals has been shown to increase oxidative stress and inflammation"]? Bei Senioren von 70, 71 bzw. 77 Jahren gemessene oxidative Stressfaktoren 8-iso-PGF2a und Interleukin 6 als Entzündungsmarker werden aus dem Hut gezaubert ["Adjusted predictions of urine log(8-iso-PGF2a), a marker of oxidative stress, in 892 women (based on cross sectional data, mean age 70 years) and 700 men, and serum log(interleukin 6), a marker of inflammation, in 633 men after cubic-spline regression with milk consumption. Data for men are based on milk consumption assessed at age 71 years and measurement of inflammatory markers at age 77 years"]? Niemand weiß, warum diese Laborwerte plötzlich auftauchen? Mit der vorgelegten Studie haben sie nichts erkennbares zu tun. Und was das Autoren-Team eigentlich publizieren wollte, kann ich wohl kaum noch erahnen.

 

Bildquelle: Milch und Kakao © Praxis Dr. Schätzler

Artikel letztmalig aktualisiert am 24.11.2014.

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