Versorgungslücke bei jungen Männern

20.11.2014
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Gynäkologen sind als Frauenärzte in allen Lebenslagen und Altersklassen etabliert, der Urologe als Männerarzt leider nicht. Hier gibt es ein großes Defizit, denn die von den gesetzlichen Krankenkassen gezahlte Vorsorge startet erst ab einem Alter von 45 Jahren, obwohl beispielsweise Hodentumoren ihren Altersgipfel zwischen dem 27. und 37. Lebensjahr haben.


"Was kann ich für Sie tun?" fragte ich freundlich.

Er lächelte schüchtern.

"Also", murmelte er. "Ich hab' da was an meinem linken Ei."

"Was denn?"

"So'n Knubbel. Und es ist größer geworden."

Mir schwante Arges. "Wann ist Ihnen das zum ersten Mal aufgefallen?" horchte ich nach.

"So vor einem Jahr."

Na, Klasse! dachte ich und sagte: "Und warum kommen Sie erst jetzt?"

"Ich hab' gedacht, das geht wieder weg."

Bei der sich anschließende körperliche Untersuchung fand ich einen fast auf doppelte Größe angeschwollenen, insgesamt knotig indurierten Hoden. Sonographisch sah man praktisch kein normales Parenchym mehr, sondern einen inhomogen, echoarmen Tumor. Klinisch handelte es sich eindeutig um Hodenkrebs. Da Herr P. schlank ist, konnte man durch seine Bauchdecke bereits ein großes retroperitoneales Lymphknotenpaket tasten.

Der Patient wurde im weiteren Verlauf semikastriert: Es handelte sich um ein klassisches Seminom im Stadium IIIA, das heißt neben den retroperitonealen waren auch mediastinale Lymphknotenmetastasen vorhanden. Heute, zwölf Monate nach drei Zyklen einer PEB-Chemotherapie ist Kevin P. gesund.


Frauen und Mädchen ist meistens klar, dass sie bei "Unterleibsproblemen" oder Fragen, die sich um Empfängnisverhütung oder ihre Brüste drehen, an den Gynäkologen wenden können, von denen es in der Bundesrepulik etwa 17.000 gibt. Doch an wen kann sich ein junger Mann ab einem Alter von 14 Jahren mit "Männerproblemen" wenden, wenn er sich für den Kinderarzt zu alt fühlt?

Die wengsten Patienten wissen zum Beispiel, dass das Risiko, an Hodenkrebs zu erkranken, zwischen 20 und 40 Jahren am höchsten ist: Die Inzidenz liegt in Deutschland bei etwa 4.000/Jahr, Tendenz steigend. Viele Männer, die als Kind einen Hodenhochstand hatten, sind sich nicht darüber im klaren, dass ihr Erkankungsrisiko deutlich erhöht ist.

Die Prävalenz des Klinefelter-Syndroms wird auf 80.000 in Deutschland geschätzt, aber nur etwa 15% davon werden diagnostiziert und therapiert, obwohl es eine mögliche Ursache für einen Hypogonadismus und eine Zeugungsunfähigkeit sein kann.

Aber die gesetzliche Früherkennungsuntersuchung greift erst ab dem 45. Lebensjahr, und den zweijährigen hausärztlichen Gesundheitscheck gibt es erst ab einem Alter von 35 Jahren, so dass Männer zwischen 14 und 35 in ein Präventivloch fallen. Wer hier den Arzt lediglich zu Vorsorgezwecken aufsucht, muss diese Leistungen aus eigener Tasche zahlen.

Eigentlich wäre der Urologe der ideale Ansprechpartner für Fragen der Männergesundheit. Doch der Gang zum Facharzt ist für Männer längst nicht so selbstverständlich wie für Frauen. Männer sind Vorsorgemuffel, und die Mehrheit assoziiert den Urologen mit Altherrenkrankheiten wie Prostatakarzinom und benigner Prostatahyperplasie und deren Folgen. Dabei haben viele Urologen, von denen es in Deutschkand etwa 5.500 (also etwa ein Drittel so viele wie Gynäkologen!) gibt, auch eine Zusatzausbildung zum Andrologen gemacht und wären daher ideale Ansprechpartner für alle männlichen Sexualstörungen wie Ejaculatio praecox, aber auch sexuell übertragbare Infektionen.

Frauen werden angehalten, ihre Brüste regelmäßig auf verdächtige Knoten abzutasten. Auch bei jungen Männern wäre es sinnvoll, dass sie einmal pro Monat ihre Hoden selbst untersuchen, um einen möglichen Hodenkrebs frühzeitig zu erkennen. Zwar haben maligne Keimzelltumoren selbst in fortgeschrittenen Stadien noch eine exzellente Prognose, doch kann bei frühzeitiger Diagnosestellung eine belastende Chemotherapie gegebenenfalls vermieden werden. Hodentumoren haben im Mittel eine Tumorverdoppelungszeit von sechs Wochen.

Hier gibt es also berufspolitisch einiges zu tun. Die Einrichtung und Propagierung spezieller Jungensprechstunden könnte helfen, Hemmschwellen abzubauen. Denn Gründe, den Urologen aufzusuchen, gibt es genug.

Bildquelle (Außenseite): Thorsten Hartmann, flickr

Bildquelle: Ed Uthman, MD

Artikel letztmalig aktualisiert am 26.08.2015.

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Gast
@ #14: Stimmt, aber in der Altersgruppe der 25- bis 45jährigen Männer ist Hodenkrebs die häufigste Tumorerkrankung.
#15 am 25.08.2015 von Gast
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Gast
#3: Die Hälfte mag Männer sein, es erkranken aber bei weitem nicht so viele Männer an Krebs an den Geschlechtsorganen wie Frauen. Laut den Zahlen bei http://www.krebsdaten.de/ stehen 1.501 Tumore an männlichen Geschlechtsorganen ganzen 6.423 an weiblichen Geschlechtsorganen gegenüber (in der Altergruppe 15-44). Wenn man das Brustgewebe noch dazunimmt, sind das nochmal 11.986 Fälle mehr bei Frauen (vs. 94 bei Männern). Männer in dieser Altergruppe erkranken also einfach seltener an Tumoren an den Geschlechtsorganen und mehr oder weniger Urologenbesuche haben deshalb wenig mit der statistischen Lebenserwartung zu tun. Das war ihnen aber sicher vorher schon klar, aber das wäre halt ein polemischer Kommentar weniger gewesen.
#14 am 28.04.2015 von Gast
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Urodoc
@ Gast # 12: Als Urologe/Androloge ist man immer wieder auch ein Stück weit Sexualtherapeut. Ich weiß nicht, wem sich ein (junger?) Mann eher offenbart, einer Frau oder einem Mit-Mann. Ich glaube letzteres.
#13 am 08.12.2014 von Urodoc (Gast)
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hallo Urodoc, fühlen Sie sich denn als Urologe jedem männlichen "Sexualproblem" gewachsen, oder braucht man dazu vielleicht eine Urologin? Z.B. die verzweifelte Frage, lieber Doc bin ich es schuld, wenn es bei der Frau nicht klappt? Mit Abstand die häufigste Frage.
#12 am 08.12.2014 von Gast (Gast)
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Urodoc
Über psychische/psychosomatische Probleme im Zusammenhang mit männlichen Befindlichkeitsstörungen ist an dieser Stelle schon häufiger die Rede gewesen: z.B. hier (http://news.doccheck.com/de/blog/post/1094-wer-zu-frueh-kommt/), hier (http://news.doccheck.com/de/blog/post/582-wie-lang-ist-lang-genug/) oder auch hier (http://news.doccheck.com/de/blog/post/576-warum-ist-die-banane-krumm/). Aber auch in diesen Fällen kann der Urologe mitunter regulierend eingreifen und aufklären.
#11 am 07.12.2014 von Urodoc (Gast)
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Gast
Mit Verlaub, 6 Monate in der "Männer-Sprechstunde" als Teil der FA-Weiterbildung und man weiß, dass 90 % der Patienten, egal ob jung oder alt, zum Psychologen/ Psychiater gehören. Und junge Männer kommen zu spät zum Urologen bei Seminomen, weil sie viel größere Probleme damit haben, dass in ihrer "Männlichkeit" irgendetwas nicht in Ordnung sein könnte. Man sollte mehr aufklären und das Thema öffentlicher machen, damit die Scheu und falsch verstandenen Männlichkeitsattitüden -und nur das ist das Thema und nicht mehr Sprechstunden- endlich mal verschwinden, vor allem, weil die Heilungschancen so enorm hoch sind - im Gegensatz zu gynäkologischen Tumoren.
#10 am 07.12.2014 von Gast
  0
Vegetarier haben das häufiger als Fleischesser, achten Sie mal drauf.
#9 am 05.12.2014 von Gast (Gast)
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Urodoc
Hodenkrebs ist zwar insgesamt eine seltene Erkrankung, bei jungen Männern jedoch der häufigste Krebs.
#8 am 05.12.2014 von Urodoc (Gast)
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pardon, natürlich 13000 Todesfälle durch Prostata-Ca!
#7 am 05.12.2014 von Gast (Gast)
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nach der Todesursachenstatistik stehen pro Jahr etwa 1300 Prostata-Carcinome 170 Hoden-Malignomen gegenüber. Ein bischen Aufklärung kann nie schaden. Aber ich hoffe, dass die Urologen sich nicht alles von den Gynäkophagen wegnehmen lassen. Der Brustkrebs gehörte früher den Chirurgen.:-)
#6 am 05.12.2014 von Gast (Gast)
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@ #4: Wenn dem so wäre,würden nicht so viele junge Männer mit bereits lokal fortgeschrittenen Hodentumoren den Arzt aufsuchen.
#5 am 05.12.2014 von Gast (Gast)
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nur nicht weinen, junge Männer, den Hoden sieht und fühlt man (meist) TÄGLICH beim Pipi machen, dazu braucht man keinen Doktor. Ein Skandal ist nur die Diskussion, ob man überhaupt den lächerlichen PSA-Wert bei alten Männern wegen Prostata-Ca machen darf. Das IST nackte Diskriminierung, mich wundert, dass die Medien das immer wieder hochkochen. Die Diskriminierung fängt allerdings schon bei der Beschneidung der unmündigen Kleinkinder an, ein menschenunwürdiger Ritus aus dem Mittelalter. Nur bei Mädchen ist das (bei uns) verboten.
#4 am 05.12.2014 von Gast (Gast)
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Schon merkwürdig: Obwohl etwa die Hälfte der Bevölkerung Männer sind, gibt es dreimal soviele Frauenärzte wie Urologen. Kein Wunder, dass die statistische Lebenserwartung von Männern geringer ist.
#3 am 04.12.2014 von Gast (Gast)
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Gast
man hat angst dass man bei der untersuchung einen steifen bekommt und der arzt einen für schwul hält. ich kenn in meinem alter (23) keinen der zum urologen geht.
#2 am 04.12.2014 von Gast
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der Männerarzt kriegt pro GKV-Patient pro Quartal 18,-€ - egal ob Junge , Mädchen ,Mann, Frau , krank , oder nicht krank, die Onkopauschale ist all inclusiv, der Sono sowieso - und für die richtig wichtigen Laboruntersuchungen ziehen die Kassen vereinigungen auch noch Laborstrafpunkte ab. wen wundert , dass es da bald keine Urologen mehr im niedergelassenen Bereich gibt- da hat der Berufsverband der Urologen - im Gegensatz zu den Gynäkologen - bei den Honorarverhandlungen ordentlich was verpennt
#1 am 04.12.2014 von dr med Marina Loebnau (Ärztin)
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