Dicke leben länger ...

16.11.2014
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Ein gemischter Salat ist besser als eine Currywurst. Wer zu dick ist, leidet an Kontrollverlust und sollte lernen, sich zu zügeln. Dieses angebliche Allgemeinwissen ist weit verbreitet, nicht nur unter der Bevölkerung sondern auch unter vielen Ärzten. Aber stimmt das wirklich? Eines ist klar: Dünne sterben gesünder.

Bauchfett ist gefährlich, eine schlanke Taille gesund. 

„Ich bin froh, dass ich kein Dicker bin
Denn dick sein ist 'ne Quälerei
Ich bin froh, dass ich so'n dürrer Hering bin
Denn dünn bedeutet frei zu sein“

So sang es Marius Müller-Westernhagen bereits 1978 in einem seiner erfolgreichstens Songs provokant auf seinem Album "Mit Pferminz bin ich dein Prinz" und löste damit einen Skandal aus, da man ihm vorwarf, sich über Übergewichtige lustig zu machen. Dabei spiegelt diese Lied nur den allgemeinen Schlankheitswahn unserer Gesellschaft wider. Heute singt die Amerikanische Künstlerin Meghan Trainor, selbst auch nicht mit einer Supermodelfigur ausgestattet, in ihrem Hit "All About That Bass" trotzig:

You know I won't be no stick figure silicone Barbie doll
So if that's what you're into then go ahead and move along“

(Weißt du, ich will keine klapperdürre Silikon-Barbiepuppe sein
Also, wenn es das ist worauf du stehst, dann verzieh dich doch).

Und die Wissenschaft gibt ihr Recht.

In Deutschland ist mittlerweile jeder Zweite, gemessen am Body Mass Index (BMI) übergewichtig. Das klingt zunächst einmal erschreckend, bedeutet aber nicht zwingend, dass diese Menschen auch krank sind. Ein höheres Gewicht kann sogar der gesundheit nützlich sein. Ärztlich gesehen gilt jeder, der einem BMI über 25 hat als (prä-)adipös. Ab diesem Wert werden Menschen gewissernmaßen zum potentiellen Patienten: Ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes mellitus Typ II und andere Organstörungen korrelieren angeblich mit zunehmendem Übergewicht. Doch es ist auch bekannt, dass Diäten längst nicht jedem helfen. Zu kompex ist die Genese der Adipositas, und nicht zuletzt eine genetische Prädisposition spielt eine – man verzeihe mir das Wortspiel – gewichtige Rolle. Oft ist nur eine operative Magenverkleinerung oder Bypassoperation die einzige Möglichkeit zur effektiven Gewichtsabnahme. Dies sind aber höchst invasive Therapien.

Neuere Studienergebnisse belegen jedoch, dass dick nicht immer gleichzusetzen ist mit krank. So ist das Overall Survival adipöser Karzinom- oder Dialysepatienten oft besser. Selbst eine massive Adipositas bedeutet für sich genommen kein höheres Gesundheitsrisiko als Rauchen mit Normalgewicht. Manche Neurowissenschaftler sehen in einer Adipositas einen Anpassungsmechanismus an belastende Lebensumstände: Dicke schütten in Stresssiuationen weniger Kortisol aus als Dünne, so dass man annehmen kann, dass Fettpolster einen schützenderen Effekt auf die Anforderungen modernes Lebens haben als das das Schönheitsideal Schlanksein. Übergewichtige haben seltener Ostoporose und erleiden weniger Frakturen als Dünne.

Sicherlich sind diese Erkenntnisse keine Aufforderung zur hemmungslosen Völlerei. Wie jede Statistik können die Ergebnisse nicht einfach auf den Einzelnen übertragen werden. Nicht zuletzt spielen die heutzutage effektiven Therapiemöglichkeiten von Diabetes oder Hyperonie hier eine einflussreiche Rolle. Das geringste Sterblichkeitsrisiko besteht – statistisch gesehen – bei einem BMI zwischen 25 und 30. Bei Werten über 30 nimmt die Lebenserwartung wieder ab. Es ist also nur gesund pummelig zu sein. Ferner sagt der BMI nichts über den Körperfettanteil aus. Auch wer sehr muskulös ist, kann ein formal erhöhtes Gewicht haben.

Es gibt sie also die glücklichen Dicken. Nicht jeder Dicke ist träge und unfit. Aber die Diskriminierung adipöser Menschen ist so ziemlich die einzige noch akzeptierte Form der gesellschaftlichen Herabsetzung.

Vom Schlankheitswahn betroffene sollten in Anbetracht dieser Erkenntnisse lieber tolerant bleiben.

Bildnachweis (Außenseite): Rostislav_Sedlacek, thinkstock

Bildquelle: Kuniyoshi Utagawa - The sumo wrestler

Artikel letztmalig aktualisiert am 11.06.2015.

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Gast
Eine gefährliche Metaanalyse von misinterpretierten Laborbefunden und wishful thinking...
#13 am 11.06.2015 von Gast
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Gast
"erleiden weniger Frakturen als Dünne" - logisch, machen ja auch weniger Sport :-)
#12 am 28.11.2014 von Gast
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@Dr. Jacob #8: So verstehe ich den Artikel nicht, dass er Menschen mit ungesunder Ernährung (wobei man darüber diskutieren könnte, was das wirklich ist) in ihrem Verhalten bestärken soll. Der Autor weist ganz klar darauf hin, dass die höhere Lebenserwartung nur für die Gruppe mit einem BMI zwischen 25 und 30 (also eine Präadipositas) gilt und darüber wieder abnimmt.
#11 am 26.11.2014 von Gast (Gast)
  0
Physiologisch gesehen machen Fettpolster als Reserve für schlechte Zeiten ja durchaus Sinn. Dies erklärt IMHO auch das bessere Outcome übergewichtiger Krebspatienten. Zudem sagt der BMI allein eben nichts über die körperliche Fitness oder einen gesunden/ungesunden Lebensstil (Rauchen, Alkohol etc.) aus. Das Rechenmodell BMI wurde 1832 von dem belgischen Mathematiker Adolphe Quetelet entwickelt, und die Bezeichnung Body-Mass-Index stammt aus einem 1972 veröffentlichten Artikel von Ancel Keys. Keys empfahl den BMI lediglich für den statistischen Vergleich von Studienpopulationen, nicht für die Beurteilung der Übergewichtigkeit von Einzelpersonen. Bedeutung gewann der BMI erst durch den Einsatz bei amerikanischen Lebensversicherungen, die diese einfache Einstufung benutzen, um bei den Versicherungsprämien zusätzliche Risiken durch Übergewicht mit einem Zuschlag zu versehen. Er ist also nur unwesentlich besser als der Broca-Index.
#10 am 26.11.2014 von Gast (Gast)
  0
Wie sieht es mit gesunden Schlanken aus? Die findet man ja kaum mehr. Singh et al. untersuchten 6300 Erwachsene zwischen 25 und 85 Jahren. Diese Personengruppe hatte niemals geraucht, litt noch nie an Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder anderen chronischen Krankheiten und hatte ihr Gewicht über Jahre hinweg stabil gehalten. Über einen Zeitraum von insgesamt 29 Jahren wurden die Personen untersucht. Eine Zunahme von Körperfett nach dem 70. Lebensjahr verkürzte die Lebenserwartung: Männer lebten im Alter zwischen 75 und 99 Jahren mit einem stabilen Körpergewicht und einem BMI von mehr als 22,3 durchschnittlich 3,7 Jahre kürzer, gleichaltrige Frauen mit einem BMI von mehr als 27,4 lebten 2,1 Jahre kürzer (Singh et al., 2011). Immer häufiger ist im Alter ein normaler BMI nicht Ausdruck von gesunder Lebensweise, sondern Folge einer Krankheit oder eines gestörten Essverhaltens oder Lebensstils (Rauchen, Alkoholismus).
#9 am 25.11.2014 von Dr. med. Ludwig Manfred Jacob (Arzt)
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Tatsächlich ist die Ernährungsgeweise Übergewichtiger häufig eine Art Selbstmedikation: Fett, tierisches Protein und Zucker sind oft Liebesersatz und Trost. Sie darin mit solch einem ebenso gut geschriebenen wie inhaltlich völlig unsinnigen Artikel zu bestärken, ist sehr fragwürdig. Unter den Adventisten - das sind immerhin erstklassige Studien mit bis zu 96.000 Teilnehmern - werden Männer, die sich vegetarisch ernähren und gesund leben, im Schnitt sogar 87 Jahre und damit 13 Jahre älter als die US-Vergleichsbevölkerung zum Zeitpunkt der Studie, Frauen 88,5 Jahre alt (Fraser und Shavlik, 2001). Gesunde Lebensweise im Rahmen der Studie bedeutete: intensive körperliche Betätigung mindestens dreimal pro Woche, Nüsse öfters als viermal wöchentlich, lebenslang Nichtraucher sowie ein BMI UNTER 25,9 bei Männern und UNTER 25,2 bei Frauen. Gesund schlank zu sein lohnt also!
#8 am 25.11.2014 von Dr. med. Ludwig Manfred Jacob (Arzt)
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Gast
Lieber Verfasser: welchen BMI haben Sie? Das will ich jetzt wissen! Ich schätze mal so um die 30?
#7 am 25.11.2014 von Gast
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Ich kann nur vielen meiner Vorrednern zustimmen. Inhaltlich liefert dieser Artikel gar nichts Neues und geht mit den Begriffen "übergewichtig" und "adipös" (was nach BMI-Philosophie übrigens erst >30 zutrifft) sehr unscharf um. Im Grunde spiegelt der Beitag nur wieder, dass keiner der kursierenden Indizes (BMI, Broca, HWR u. v. a) wirklich geeignet ist, einen generellen Zusammenhang zwischen Körpergewicht und Gesundheit herzustellen, da zu viele Faktoren wie Körperzusammensetzung, Lebensweise (Bewegung), Alter unberücksichtigt bleiben.
#6 am 25.11.2014 von Dr. rer.nat. Stefan Graf (Biologe)
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Für Lieschen Müller geeignet. Unkritisch in höchster Potenz.
#5 am 25.11.2014 von Dr. sc. nat. Jürgen Voigt (Ernährungswissenschaftler / Ökotrophologe)
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Dieser Bericht ist für Doccheck erschreckend undifferenziert. Orthopädische Erkenntnisse kommen überhaupt nicht vor, nachdem z.B. viele Kniee und Hüften vor der OP gerettet werden könnten, würde nicht so hoher Ballast auf sie drücken. Oder die Zusammenhänge zwischen Übergewicht und Diabetes und sämtlichen Folgeerkrankungen UND KOSTEN. Und bei Krebs, sorry, hier ist der Informationsgehalt dieses Artikel schlichtweg an der Erkenntnis mehrerer und großer Studien vorbei (Weltkrebsbericht 2007), siehe auch die Auswertung diesbezüglicher Studien, bestens aufgearbeitet in "Dr Jacobs WEg des genussvollen Verzichts". Bitte Themen, in denen es um den "biologischen Überlebenstrieb Essen" geht, deutlich besser recherchieren, statt nur peinliche Stimmungsmache!
#4 am 24.11.2014 von Dr. med. Susanne Bihlmaier (Ärztin)
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Gast
Vielleicht sollte man die Definition von Adipositas, bzw adipös als dem zugehörigen Adjektiv, lesen bevor man Artikel darüber schreibt. Dass Menschen ab einem gewissen Lebensalter von einem BMI um die 26 sogar profitieren ist Lehrbuchwissen. Diese jedoch als glückliche Dicke zu bezeichnen trifft wieder exakt den Geist des Schlankheitswahns.
#3 am 24.11.2014 von Gast
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Dr. Bayerl
Richtig ist, wenn es um Gesundheitsargumente geht, den BMI erst über 30 ernst zu nehmen. Keinesfalls ist jeder über BMI 25 "adipös", gerade muskulöse Männer sind immer über BMI 25, oft mit einem Fettanteil unter 10%. Und deshalb ist dieses ewige: "jeder 2. ist übergewichtig" schlicht FALSCH. Gerade Ärzte lehnen eine solche dumme BMI Einteilung ab und blicken etwas individueller auf Fitnes und Körperzusammensetzung. Und selbst über BMI 30 unterscheiden wir sehr wohl die "aktiven Dicken" (Minderheit) von den "inaktiven", die durchaus gesundheitlich Sorge bereiten. Der zweite wichtige Punkt ist das Alter, den hier sind die "Lebenserwartungen" sehr unterschiedlich, etwas vereinfacht: "dicke Junge" schlechte Lebenserwartung, "dünne Alte" auch schlechte Lebenserwartung. Nervig ist halt immer wenn alles in einen Topf geworfen wird, die "Presse" kann wohl nicht anders.
#2 am 23.11.2014 von Dr. Bayerl (Gast)
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Mit den Sumo-Ringern ist es so einfach nicht: "Higher body mass index is a predictor of death among professional sumo wrestlers", titeln Hideyuki Kanda et al. vom Department of Hygiene and Preventive Medicine, Fukushima Medical University, Fukushima, Japan. Die Autoren schlussfolgern: Diese Studie legt nahe, dass ein höherer BMI ein prädiktiver Sterbefaktor auch unter Sumo-Ringern sein kann. Dies erfordert angemessene Leitlinien zum Schutz ihrer Gesundheit ["This study suggests that an higher BMI can be a predictive factor of death even amongst Sumo wrestlers, and that proper guidelines for taking care of their health are necessary"]. Quelle: Journal of Sports Science and Medicine (2009) 8, 711-712 http://www.jssm.org... Dies stimmt mit früheren Studienergebnissen von Hoshi, A. and Inaba, Y. ( 1995) Risk factors for mortality and mortality rate of sumo wrestlers. Nippon Eiseigaku Zasshi 50(3), 730-736. (In Japanese: English abstract) überein.
#1 am 21.11.2014 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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