Deutsche Apotheken verkaufen gefälschte Pillen

11.11.2014
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Deutsche Apotheken verkaufen gefälschte Pillen – so meldet die 20 Minuten (eine der Pendler-Zeitungen hier).

Oh weh. Das ist so ein klassisches Beispiel, wie die Apotheken in der Öffentlichkeit schlecht gemacht werden. Die Tatsachen im Bericht selber stimmen noch einigermassen – werden aber durch den reisserischen Titel übel verzogen.

Wenn man den Titel liest, impliziert das grad diverses:

Apotheker sind Verkäufer von Pillen – wahr, wenn auch eine erniedrigende Vereinfachung, von dem was wir tun (und Pillen gibt es keine mehr – das sind Tabletten). Und das „verkaufen gefälschte Pillen“ hört sich doch wirklich so an, als ob die Apotheker das aus eigenem Antrieb machen aus reiner Geldgier oder Bösartigkeit. Das tun sie sicher nicht!

Aber wirklich interessant: Wie (zum Geier?!?) kommen gefälschte Medikamente in die Apotheken in einem Land wie Deutschland?

Dass in anderen Ländern teils ein gravierendes Problem besteht, was gefälschte Medikamente angeht (man redet von ca. 40% Fälschungen in Asien und noch mehr in Afrika … und von den online erworbenen Produkten will ich hier gar nicht schreiben) weiss man. Aber in Deutschland??

Dass die Medikamente in den Apotheken auf dem Tresen landen ist nicht die Schuld des Apothekers – aber es wird ganz deutlich zu seinem Problem gemacht.

Die Medikamente gelangen in den üblichen Lieferweg und zu den Grossisten der Apotheken durch illegale Machenschaften von Leuten, die sich bereichern wollen (logo). Es sind gefälschte Medikamente aber auch zum Teil in andern Ländern gestohlene Medikamente. Die Grossisten kaufen die Medikamente meist von den Herstellerfirmen … aber eben teilweise auch über andere Lieferanten, vor allem dann, wenn sie aus dem Ausland Medikamente importieren. Und die Apotheker beziehen diese Medikamente dann über die Grossisten.

Die Medikamente aus andern Ländern nennt man Parallel-importe.

Man fragt sich: Wer würde wollen, dass statt eines Medikament, das es in Deutschland gibt, hergestellt von der (streng kontrollierten) Pharmaindustrie stattdessen das selbe Medikament aus einem anderen Land importiert, neu verpackt (die ausländische Packungsbeilage muss zumindest ersetzt werden) und abgegeben wird?

Der Patient will das sicher nicht … für den Apotheker ist das auch eher aufwändig – aber die Krankenkasse, die für den Patienten das Medikament zahlt, die will das. Die schreibt in Deutschland den Apothekern sogar vor, dass ein gewisser Prozentsatz der abgegebenen Medikamente Parallelimporte sein müssen! Und bei nichterfüllen der Quote wird der Apotheker retaxiert – er muss der Kasse Geld zahlen.

Auch für Deutschland gilt, dass Medikamente im Ausland teils günstiger zu erhalten sind – und genau hier ist eine der häufigst verwendeten Schwachstellen, wie gefälschte oder auch gestohlene Medikamente in das Verteilsystem gelangen. In Italien und Griechenland sind aus Spitälern Medikamente verschwunden, die dann nach Deutschland weiterverkauft wurden. Das ist zwar illegal – und schadet Italiens Gesundheitssystem, aber immerhin handelt es sich um richtige Medikamente. In anderen Fällen wurden Medikamente günstig eingekauft und importiert, die zwar so aussahen wie die echten, aber nicht den richtigen Wirkstoff enthielten oder verunreinigt / gestreckt sind. Tragisch kann das enden bei Krebsmedikamenten oder Mitteln gegen Viren und Bakterien.

An den Medikamentenfälschungen wird eine Menge verdient. Dieser Verlust der Pharmafirmen – und zwar nicht nur den materiellen (finanziellen) sondern auch an Ansehen, versuchen die Pharmafirmen zu vermeiden, indem sie die Medikamente fälschungssicherer machen wollen. Dazu werden spezielle Packungen entwickelt und Systeme mit Codes eingeführt. Allerdings gibt es schon jetzt genug Methoden, diese Systeme zu umgehen – wenn man die richtigen Voraussetzungen dazu hat.

Kontrollieren ob es sich bei dem Medikament um eine Fälschung handelt, sollen die Apotheker – die am Schluss der ganzen Lieferkette stehen. Dafür dürfen sie (auch noch auf eigenen Sack) teure Geräte für die entwickelten Systeme anschaffen und natürlich die Verantwortung übernehmen, wenn es wieder einmal ein gefälschtes Medikament es bis zu ihnen geschafft hat. Das kommt jetzt anscheinend häufiger vor. Wen es interessiert, der lese beim Gedankenknick (deutscher Apotheker)über den Omeprazol-Fall letztes Jahr – der war riesig.

Ich finde das reichlich beunruhigend, wenn man sich auf die Qualität der Medikamente, die auf der Theke landen nicht mehr verlassen kann.

Wie froh bin ich da, dass bei uns in der Schweiz Parallelimporte, was Medikamente angeht, strengen Richtlinien und Einschränkungen unterworfen sind. Ich kann einzelne Packungen direkt einführen – und das kann ich das fast nur dann machen, wenn das Medikament in der Schweiz nicht zugelassen ist (aber in einem Land mit ähnlich gutem Gesundheitssystem) oder nicht erhältlich. Der Grosshändler darf das nur mit einer Ausnahmebewilligung der Swissmedic– und die Packung wird gekennzeichnet, braucht neue Packungsbeilagen etc..

Das sieht dann so aus wie im Titelbild.

Mir gibt das aber die Sicherheit, dass die Medikamente, die ich hier verkaufe und auf Rezept abgebe auch wirklich das drin haben was drauf steht … und wirken. Ich weiss, was ich schlucke und habe nicht einen Mix aus unwirksam bis verunreinigt bis weissnichtwas. Dafür bin ich dankbar. Nicht nur als Apotheker, auch als (gelegentlich selber) Patient.

Aber in den Kommentaren des Artikels in der 20 Minuten…. lassen sich die Leute eigentlich nur darüber aus, dass in der Schweiz die Preise der Medikamente zu hoch seien.

Hmpf.

Ich sag immer: man bekommt das, was man bezahlt. Wir bezahlen auch für ein sicheres System. Wollt ihr das wirklich um den Preis anders?

Wollen die Patienten in Deutschland das?

Artikel letztmalig aktualisiert am 25.11.2014.

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Nein, wollen wir (die deutschen Apothekenkunden) nicht! Aber was sollen unsere Apotheker denn machen? Parallelimporte sind Vorschrift. Wer sich das wieder ausgedacht hat ...
#1 am 25.11.2014 von Dr. Susanne Duncker (Biologin)
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