PARETO-Prinzip: Das Dach zu 80% decken mit nur 20% Arbeitsaufwand?

06.11.2014
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Das gute alte PARETO-Prinzip nach Vilfredo Pareto (1848–1923) als Pareto-Effekt bekannt, aber n i c h t validiert und in Vergleichsstudien evaluiert, besagt mit der 80-zu-20-Regel, dass 80% der Ergebnisse in 20% der Gesamtzeit eines Projekts erzielt werden können. Verbleibende und meist u n e r l e d i g t e 20% der Ergebnisse benötigen 80% der Gesamtzeit und verursachen damit die meiste Arbeit.

Viele Aufgaben lassen sich zwar mit einem Mitteleinsatz von ca. 20% so erledigen, dass 80% aller Probleme gelöst werden. Oftmals wird das PARETO-Prinzip aber kritiklos für eine Vielzahl von Problemen a u ß e r h a l b von VWL, BWL bzw. kaufmännischen Bereichen eingesetzt, ohne die Anwendbarkeit im Einzelfall belegbar zu machen. Millionen Menschen spüren das täglich an Hotline-, Service-, Dienstleistungs-, Banken-, Handel- und Versicherungs- Fehlleistungen und Falschberatungen bzw. bei gelegentlich nur zu 50 Prozent korrekt erledigten Gewerken im Handwerks-, Bau- und Produktionswesen.

Im Automobilbau, in der EDV-Hochtechnologie, in Kliniken oder Arzt-Praxen, bei der Pharmaindustrie, im medizinisch-industriellen Komplex, in Grundlagenforschung, Flugzeugbau, Raumfahrt und Systemanalytik bedingt PARETO u. U. tödliche Folgen und Kollateralschäden. Selbst in der Rüstungsindustrie lässt sich das Prinzip der "vorsätzlichen Ungenauigkeit" aus verständlichen Gründen nicht vermitteln, denn entweder wird der Feind nicht getroffen, oder die eigenen Leute müssen unter "friendly fire" leiden.

Mit diesem drastischen Beispiel will ich zur Publikation von Ferraris VA et al.: "Identification of Patients With Postoperative Complications Who Are at Risk for Failure to Rescue." in JAMA Surgery 2014 überleiten, die zwar formal und inhaltlich-intellektuell wenig mit dem PARETO-Prinzip zu tun hat: Unschwer daran zu erkennen, dass der Begriff "Pareto" im Titel "Identifikation von Patienten mit postoperativen Komplikationen und Risiko eines Rettungsversagens" ("Rettungsversagen" hier euphemistisch für Todesfälle) gar nicht auftaucht, sondern im Originaltext z. B. unter "Schlussfolgerungen und Relevanz" versteckt wird. ["Conclusions and Relevance - Twenty percent of high-risk patients account for 90% of failure to rescue (Pareto principle). More than two-thirds of patients with failure to rescue have multiple complications. On average, a few days elapse before death following a complication. A risk-scoring system based on preoperative variables predicts patients in the highest-risk category of failure to rescue with good accuracy. In high-risk patients who develop complications, our results suggest that early intervention, preferably in a high-level intensive care facility with a surgical training program, offers the best chance to reduce failure-to-rescue rates."]. "Rettungsversagen" ist der Versuch einer eleganten Umschreibung für die Hoch-Risiko Patienten, die trotz aller Bemühungen peri- und postoperativ verstorben sind.

Selbst bei simpler klinisch-chirurgischer Reflexion offenbart gerade der letzte Satz dieser JAMA-Veröffentlichung: "Bei Hochrisiko-Patienten, die Komplikationen entwickeln, legen unsere Ergebnisse die frühe Intervention, bevorzugt in einer Einrichtung mit hochqualifizierter Intensivstation und chirurgischem Trainingsprogramm nahe, um mit bestmöglichen Chancen die Raten an Rettungsversagen (failure-to-rescue) zu reduzieren", begriffliche und inhaltliche Naivität:

Wie soll das denn, bitteschön, mit müdem 20-Prozent-Einsatz und magerem 80-Prozent-Ergebnis funktionieren?

Zur Beruhigung meiner DocCheckBlog Leserinnen und Leser: Die tüchtigen Dachdecker haben das Nachbarhaus im Dortmunder Klinikviertel zu 100% perfekt gedeckt und 100% Prozent Arbeitseinsatz gezeigt. 

Quelle: JAMA Surg. Published online September 03, 2014. doi:10.1001/jamasurg.2014.1338

Abbildung: Dachdeckerarbeit © Praxis Dr. Schätzler. 

Bildquelle (Außenseite): Volker Kreinacke, thinkstock

Artikel letztmalig aktualisiert am 19.11.2014.

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Vitale Risiken bei peri- und postoperative Komplikationen unterliegen in der Evaluation von Prozess-und Ergebnisqualität oft ebenso dramatischen wie dynamischen Veränderungen. Das PARETO-Prinzip hat nur für weitgehend statische Prozesse Gültigkeit. "Gezielt gebündelte Ressoucen" ... "Patienten mit dem höchsten Risiko für ein Rettungsversagen zukommen zu lassen, anstatt nach dem Gießkannenprinzip zu verfahren" kann doch nicht bedeuten, die Patienten mit geringem Risiko sozusagen links liegen zu lassen. Wir müssen in der Humanmedizin immer 100% Einsatz geben, auch wenn der Aufwand scheinbar zu hoch erscheint.
#3 am 12.11.2014 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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@ Gast: Danke für die Bestätigung, dass weder bei der "Identification of Patients With Postoperative Complications Who Are at Risk for Failure to Rescue" noch bei interventionellen und therapeutischen Konsequenzen nach dem PARETO-Prinzip verfahren werden kann. Ergebnisse der zitierten Arbeit ["Results - Of the 1 956 002 database patients, there were 207 236 patients who developed serious postoperative complications. Deaths occurred in 21 731 patients with serious complications (10.5% failure to rescue)"] belegen, dass bei 1,956 Millionen chirurgischer Patienten als Ausgangsbasis 207.236 ernsthafte postoperative Komplikationen entwickelten. Todesfälle traten bei 21.731 Patienten mit ernsten Komplikationen als 10,5% Rettungsversagen auf. Die Binsenweisheit, perioperative Todesfälle steigen mit der Zahl an Komplikationen pro Patient exponentiell an ["Perioperative deaths increased exponentially as the number of complications per patient increased"], ist ebenso PARETO-fremd.
#2 am 09.11.2014 von Dr. med. Thomas Georg Schätzler (Arzt)
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Textverständnis ungenügend. Die Autoren beziehen sich auf den anderen Teil des Pareto-Prinzips, demnach 80 % des Aufwandes für die etzten 20 % aufgewendet werden müssen - in diesem Fall die Patienten mit dem höchsten Risiko für ein Rettungsversagen. Diese Patienten gilt es zu identifizieren, um Ihnen gezielt gebündelte Ressoucen zukommen zu lassen, anstatt nach dem Gießkannenprinzip zu verfahren.
#1 am 08.11.2014 von Gast (Gast)
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